Replik: Die Zukunft des Buches zwischen Algorithmen und sozialer Realität

Ein Gastbeitrag von Dr. Hans-Michael Tappen

Kommentar zu: Volker Ladenthin, Werner Zillig: Die Zukunft des Buches. Ein Dialog. Würzburg: Königshausen & Neumann 2025.

Die von Volker Ladenthin und Werner Zillig geführte Debatte über das Schicksal der Gutenberg-Galaxis im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz berührt den Kern unseres bildungsethischen Selbstverständnisses. Den klugen und tiefgründigen Gedanken beider Autoren lässt sich in weiten Teilen sehr gerne folgen, da sie die existenzielle Bedeutung des Buches für unsere Kultur präzise herausarbeiten. Dennoch drängt sich eine wesentliche Erweiterung dieser Diskussion auf, die wir im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung der Gegenwart in Deutschland führen müssen.

Wenn Ladenthin warnt, dass der Verzicht auf das Buch ein Verzicht auf komplexes Denken sei, und Zillig die Entstehung elitärer Lesezirkel voraussieht, dann müssen wir diese Thesen konsequent mit der demografischen, sozialen und bildungspolitischen Realität in Deutschland verknüpfen. Der eigentliche Angriff auf Wort und Schrift erfolgt nämlich nicht nur technologisch durch Algorithmen, sondern längst auch strukturell und institutionell.

Als selbst noch aktiv tätiger Lehrer meine ich in der täglichen Praxis feststellen zu können, dass sich die Bildungswelt in Deutschland – spätestens seit und mit den ernüchternden PISA-Ergebnissen – grundlegend verrückt hat. Die heutige Schulbildung scheint immer weniger Wert auf das tiefe, konzentrierte Lesen zu legen. Verstärkt wird dieses Defizit durch den Wandel hin zu einer psychosozialen Kick- und Klick-Gesellschaft, die auf schnelle Reize und sofortige Gratifikation konditioniert ist. Damit verändert sich die Weitergabe des Bildungsstabes an die nächste Generation erheblich, übrigens ein Bruch, der sich in naher Zukunft nochmals dramatisch und hart ausdrücken wird. Schon heute stehen wir in den Klassenzimmern vor der enormen Schwierigkeit, jungen Menschen die Relevanz der Literaturgeschichte überhaupt noch plausibel zu machen.

Diese Entwicklung trifft auf eine veränderte demografische Realität. Durch die zunehmend multiethnische Zusammensetzung der Bevölkerung in Deutschland wandeln sich die sprachlichen Voraussetzungen im Alltag und an den Schulen fundamental. Wenn die Beherrschung der deutschen Sprache in Wort und vor allem in der Schrift schwindet, erodiert das Fundament, auf dem das Medium Buch als Leitmedium existieren kann. Es droht ein sprachphilosophisches Wirrwarr, bei dem eine breite Bevölkerungsschicht den Anschluss an die differenzierte deutsche Schriftsprache verliert.

Hinzu kommt die ökonomische Barriere. Bücher kosten Geld, und dieses Geld muss in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheiten erst einmal verdient sein. Wenn der Zugang zu komplexer Literatur an finanzielle Ressourcen gekoppelt ist, wird die Teilhabe an Kultur und Bildung vollends zum Privileg.

Die Konsequenz all dieser Faktoren ist eine bildungsethisch höchst bedenkliche Entwicklung: Es entsteht eine neue Elitenbildung, die gleichzeitig eine besorgniserregende Verstärkung des Solipsismus nach sich zieht. Wenn das Lesen und Verfassen anspruchsvoller gedruckter Bücher auf Deutsch zu einem exklusiven Kreis wird, der sich durch diesen Rückzug selbst positiv stigmatisiert und als letzte Bastion des menschlichen Denkens inszeniert, isolieren sich die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zunehmend in ihren eigenen, unzugänglichen Erfahrungswelten. Eine solche intellektuelle und soziale Fragmentierung gefährdet die demokratische Basis in Deutschland, die auf einem gemeinsamen, barrierefreien und tiefgründigen Diskurs beruht.

Dabei steht außer Frage, dass Ladenthin und Zillig um diese gesellschaftlichen Realitäten und harten Umbrüche wissen; sie fließen spürbar in ihre Argumentation ein. Dennoch bleibt es für uns alle eine der spannendsten und drängendsten Fragen unserer Zeit, wohin sich das Ganze am Ende entwickeln wird. Es geht um nicht weniger als die Zukunft des humanistischen Bildungsbegriffs selbst – jenes Ideals, das bei beiden Autoren so klar durchscheint und das wir gerade in einer digitalen und fragmentierten Welt entschlossen verteidigen müssen. Die Zukunft des deutschen Buches ist somit keine reine Frage der Technik, sondern eine brennende Frage der sozialen, integrativen und bildungspolitischen Gerechtigkeit.

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