Zwischenruf: Gefangen in der eigenen Blase

Abweichende Positionen werden im wissenschaftlichen oder öffentlichen Diskurs gegenwärtig schnell moralisch stigmatisiert, Differenzen nicht mehr im argumentativen Ringen und im diskursiven Streit ausgetragen, sondern von vornherein durch Boykott, Bashing oder Mobbing aus der Diskursarena ausgeschlossen. Wie auf diese Weise Gesprächsblasen entstehen und wie sich Vertreter einer Disziplin gegen andersdenkende Positionen abschotten, demonstriert in diesen Tagen die Christliche Sozialethik – jene Disziplin also, deren Fachgesellschaft im deutschsprachigen Raum, die Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik, 2019 einen Boykottaufruf gegen „Die Neue Ordnung“ verhängte und der traditionsreichen Fachzeitschrift die Wissenschaftlichkeit absprach.

Obgleich Kollegen außerhalb der Fachgesellschaft in einem Offenen Brief dieser Einschätzung widersprachen, wurde die Zeitschrift vom Fachinformationsdienst Index theologicus der Universitätsbibliothek Tübingen ausgelistet, dort publizierte Positionen sollen fortan unsichtbar bleiben. Der Vorgang beschäftigte auch den Petitionsausschuss des baden-württembergischen Landtags. Erst im Früjahr dieses Jahres verteidigte die Münsteraner Sozialetikerin Marianne Heimbach-Steins, unter deren Vorsitz der Boykottaufruf verfasst wurde, die damalige Entscheidung der Fachgesellschaft in einer Festrede zum fünfzigjährigen Jubiläum des Index theologische als Maßnahme der wissenschaftlichen Qualitätssicherung und zum Schutz von Wissenschaftsfreiheit. Dazu gehört schon einiges an Chuzpe. Eine Zensurmaßnahme will die Sozialethikerin nicht erkennen, obgleich das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit den Vorgang als Form von „Cancel Culture“ einstuft und in seine Onlinedokumentation aufgenommen hat.

Sprachrohr der Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik ist vorrangig die im Herder-Verlag erscheinende Fachzeitschrift „AMOSinternational“. Das aktuelle Themenheft 2/2026 beschäftigt sich mit Postwachstumstheorien (degrowth) – unter dem sprechenden Hefttitel: Wider das Wachstum! Irmi Seidl und Angelika Zahrnt schreiben in dem Heft: „Die Frage, ob eine ausreichende absolute Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch bzw. Umweltschädigung in der nötigen kurzen Frist stattfinden kann, ist zentral. Wachstumskritiker:innen [sic!] sehen keine Hinweise dafür. Ihr Ziel ist, das vorherrschende Wachstumsparadigma mit seinen Dynamiken und Wachstumsabhängigkeiten abzulösen, sodass die ökologischen Grenzen eingehalten, soziale Errungenschaften gesichert und global ausgedehnt werden können, um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen.“

Kritische Stimmen, etwa ob ein solches Programm volkswirtschaftlich nicht eher Armut befördere, kommen im Themenheft nicht zur Sprache. Postwachstum erscheint als Überlebensfrage der Menschheit.

Anders hingegen ein Beitrag, der zeitgleich in Heft 3/2026 der „Neuen Ordnung“ erschienen ist: Postwachstum – ein sozialethischer Nachruf. Der Kölner Sozialethiker Elmar Nass erklärt die Debatte um Postwachstum für beendet. Postwachstum sei keine Alternative zur vorherrschenden Wirtschaftsordnung gewesen, vielmehr eine gefährliche Utopie.

Vieles ließe sich aus volkswirtschaftlicher Perspektive zu beiden Positionen sagen, doch darum soll es an dieser Stelle nicht gehen. Pikanterweise zeigt „Die Neue Ordnung“, wie sich in der Debatte um Postwachstum Wissenschaft und Aktivismus untrennbar verbinden. Moment! War nicht gerade dies ein Vorwurf der sozialethischen Fachgesellschaft an die „Neue Ordnung“, weshalb sie diese als unwissenschaftlich verwarfen und dort publizierte Stimmen „cancelten“, also aus dem sozialethischen Fachdiskus löschten!? Vielleich könnte man an dieser Stelle von einer wissenschaftlichen Brandmauer sprechen. Im Ergebnis findet jedenfalls kein gemeinsamer Fachdiskurs mehr statt. Es wird nicht mehr um das bessere Argument fair, unvoreingenommen und streitbar gerungen.

Und dies ist kein Zufall, wenn man sich den neuen Newsletter 1/2026 aus dem Institut für Christliche Sozialwissenschaften der, nachdem sie sich ihres Gründers im Namen entledigt hat, nunmehr gesichts- und traditionslosen Universität Münster ansieht. Die neue Institutsdirektorin, Michelle Becka, nutzt diesen als Bühne für eine programmatische Selbstvorstellung. Die Christliche Sozialethik, so lesen wir aus ihrer Feder, solle „zur Unterbrechung und zum immer wieder neuen Anfang“ fähig sein, sich nicht von „einer erstarrten (Diskurs-)Praxis einengen lassen“. Doch wie vorstehend gezeigt, treibt die Disziplin durch ihre „Cancel Culture“ eine solche Praxis gerade selbst voran.

Und wenn die neue Direktorin  davon spricht, der nächstjährige Band des Jahrbuches für Christiche Sozialwissenschaften zum Thema „Demokratie und Rechtsautoritarismus“ wolle zur Diskussion einladen, dann wird man wohl auch bei diesem Thema rwarten dürfen, dass die Debatte im engen Rahmen des selbstgesteckten Diskurskorridors verbleibt. Ein Grund, weshalb die eigene Blase kaum verlassen werden dürfte, scheint im Newsletter selbst durch. Denn zwei Aufgaben schreibt Becka der Disziplin und auch sich selbst zu: kritische Analyse und Anklage von Ungerechtigkeit. Auch hier klingt sie an: die problematische Verquickung von Wissenschaft und Aktivismus. Wer den verengten Diskursraum aufbrechen will, sollte zunächst einmal bereit sein, die Position Andersdenkender unvoreingenommen und vor dem Selbstverständis des anderen zur Kenntnis zu nehmen und zu prüfen, und zwar vor jedem Aufruf zum Aktivismus. Denn wer Geltungsansprüche gar nicht erst prüft, sondern Wissenschaft mit Aktivismus verwechselt, wird zwangsläufig zum Getriebenen einer sich immer mehr beschleunigenden Praxis – und zum Liebediener des vorherrschenden Zeitgeistes.

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