Jan Dochhorn, Neutestamentler und Judaist, erklärt heute in einem Gastbeitrag für die „Berliner Zeitung“:
„Die Gewissensfreiheit des Individuums muss als rote Linie respektiert werden.“
https://www.berliner-zeitung.de/news/die-impfpflicht-beruehrt-die-frage-der-menschenwuerde-li.220929
Der Beitrag macht vor der entscheidenden Abstimmung im Bundestag aus ethischer Sicht deutlich, warum eine Impfentscheidung immer eine freie Gewissensentscheidung der einzelnen Person bleiben muss. Abgeordnete, die für eine Impfpflicht stimmen, verletzen die Menschenwürde und das zentrale Grundrecht auf Gewissensfreiheit. Als Autor für den Gastbeitrag firmiert Prof. Dr. Jan Dochhorn (Durham) als Sprecher der AG 1 Theologie/Ethik/Philosophie in der Autorengruppe der „7 Argumente“. Verfasst wurde der Beitrag allerdings gemeinsam von allen Mitgliedern der Arbeitsgruppe.
Weitere Informationen zur Autorengruppe der „7 Argumente“ und deren Einsatz für eine freie Impfentscheidung findet sich unter: https://7argumente.de/
Jahr: 2022
Zwischenruf: Droht der Regierung eine Niederlage bei der Impfpflicht?
Es bleibt zu hoffen, dass eine Impfpflicht ab 18 oder ab 50 keine Mehrheit findet – wenn man jüngsten Zeitungsmeldungen glauben darf. Aber auch eine Impfpflicht ab 60 bleibt ein Menschenrechtsverbrechen. Davon bin ich als Sozialethiker zutiefst überzeugt. Schon jetzt ist das Vertrauen in die Wert- und Verfassungsordnung unseres Landes schwer beschädigt worden – zum Schaden des gesellschaftlichen Klimas und der Rechtstradition unseres Landes. Eine Bevölkerung, der unsere rechtsstaatliche Tradition am Herzen liegen würde, müsste stärker protestieren. Die Entwicklung der Coronapolitik und der Impfdebatte bleibt ein Trauerspiel und ein Armutszeugnis für unser Land.
Und was würde eine Abstimmungsniederlage für Kanzler Scholz bedeuten? Eine Regierung, die ein menschenrechtswidriges und verfassungsrechtlich fragwürdiges Vorhaben nicht durchbekommt, hat keine Niederlage erlitten. Oder vielmehr: Sie hat schon von vornherein verloren, indem sie sich überhaupt auf einen solchen Weg begeben hat.
Zwischenruf: Neue Normalität?
Erleben wir angesichts der Aufhebungen zahlreicher Coronabeschränkungen eine neue „Normalität“? Mir will dieses Wort nicht so ohne Weiteres über die Lippen kommen. Und dies nicht allein, weil weiterhin über eine menschenrechtswidrige Impfpflicht debattiert wird, bei der empirische Argumente in der politischen Debatte nur eine geringe Rolle. Viele tragen auch weiterhin Maske. Der Glaube an die neuartigen Impfstoffe, die als Heilsbringer vermarktet wurden, ist dahin. Dennoch gibt es immer noch führende Kreise und vielleicht sogar eine gesellschaftliche Mehrheit, die keine Probleme damit hat, einen medizinischen Zwangseingriff mit eben diesen Impfstoffen zu fordern. Kein Gedanke an den Nürnberger Kodex. An dieser Stelle spielt dann die gern gepriesene historische Verantwortung keine Rolle
An Universitäten wird versucht, die Maskenpflicht per Hausrecht durchzusetzen, in NRW ist dies sogar durch ein Schlupfloch in den landesrechtlichen Regelungen legitimiert. Grundrechtseingriffe via Hausrecht? Der rechtsstaatliche Widerspruch sollte auffallen. Da kommt noch einiges auf uns zu. Es mögen jetzt viele von „Normalität“ sprechen, doch ein autoritärer oder neokollektivistischer Geist wird bleiben. Vielleicht wäre er auch ohne Corona gekommen, aber der biopolitische Anlass hat diesen kräftig verstärkt. Der öffentliche Moraldiskurs wird weiterhin gestört bleiben, das Freiheitsbewusstsein weiter am Boden bleiben. Und in einem solchen Klima fragt man nicht lange, ob Hausrecht überhaupt für Grundrechtseingriffe taugt. Hauptsache ist, man steht auf Seiten der „Guten“. Bekenntnis schwiegt in Zeiten wie den unsrigen schwer.
Es wird noch viel Idealismus und Widerstandsgeist brauchen, gegen dieses Klima der Unfreiheit anzugehen, nicht nur infektionsschutzpolitisch, sondern eben auch geistig-kulturell. Idealismus und Widerstandsgeist, gegen Duckmäuserei und Anpassung.
Impfdebatte: Wissenschaftler kritisieren in einem Offenen Brief die „Unstatistik des Monats“ vom Januar 2022 als unseriös
Der Offene Brief wurde im Onlinemagazin „multipolar“ veröffentlicht:
https://multipolar-magazin.de/artikel/unserioese-veroeffentlichung
Drohende Impfpflicht: Weitere Medien weisen auf die „7 Argumente“ einer mehr als 80 Köpfe zählenden Wissenschaftlergruppe hin
In wenigen wird es sich entscheiden, ob die Abgeordneten des Deutschen Bundestages für freiheitlichen Verfassungsstaat oder einen autoritären, biopolitischen Neokollektivismus votieren. Im Vorfeld der Debatte weisen weitere Medien auf die „7 Argumente“ einer Wissenschaftlergruppe gegen die Impfpflicht hin:
- Ulrike Guéort im Interview mit dem Philosophie-Magazin: https://www.philomag.de/artikel/ulrike-guerot-demokratie-kann-man-nicht-pausieren
- Cornelia Pfaff: https://kaisertv.de/2022/04/02/impfung-und-impfpflicht-nicht-zu-verantworten-wissenschaftlergruppe-fasst-nochmals-argumente-zusammen-2/
Zwischenruf: Kampf um die Sprache
Der Kampf gegen die Moralisierung, Ideologisierung und Zerstörung unserer Sprache durch gendersprachliche Vorgaben ist ein Kulturkampf, der nur mit Mitteln des bürgerlichen Widerstands gewonnen werden kann – aber hierzu müsste sich das freiheitlich gesinnte Bürgertum erst noch ermannen. Kennzeichen solcher Kulturkämpfe ist, dass diese sich nicht in erster Linie an rechtlichen Grenzen orientieren, sondern diese bewusst und gewaltsam verschieben. Auch gegen die Regeln der amtlichen Rechtschreibung arbeiten Universitäten, Kultuspolitiker, Verwaltungen, Bildungseinrichtungen, öffentlich-rechtliche Medien daran, Gendersprache durchzudrücken und vollendete Tatsachen zu schaffen. Bleibt zu hoffen, dass am Ende doch eine kritische Masse erkennt, was auf dem Spiel steht, und die Opportunitätskosten für die Sprachzerstörer zu groß werden. Das freiheitlich gesinnte Bürgertum muss sich den öffentlichen Raum zurückholen – und hierzu zählt auch unsere nationale Sprache. An den Hochschulen, so fürchte ich, ist dieser Kampf schon längst verloren. Und es ist klar, dass die ideologische Sprachzerstörung, die von den Hochschulen ausgeht, über kurz oder lang auch die Schulen ergreifen wird, denn diese sollen ja „wissenschaftsorientiert“ arbeiten. Nur müsste man dann auch klar zwischen Ideologie und Wissenschaft unterscheiden können …
Coronapolitik: Hat die Freiheit noch Zukunft?
Die Diskussion um die Coronapolitik und die damit verbundenen Grundrechtseinschränkungen ist nicht nur auf nationaler, sondern auch auf europäischer Ebene zu führen, auf der gegenwärtig Vorbereitungen für ein digitales COVID-19-Zertifikat laufen. Hierzu ein …
Gastkommentar von Jan Dochhorn
Kennzeichnend für die europäische Staatenwelt – und im engeren Sinne: für die Staatenwelt der EU – sollten zwischenstaatlicher Frieden und Reisefreiheit sein. An diesen beiden Größen entscheidet sich für die Bürger europäischer Staaten die Zuverlässigkeit von Europa-Politik und entscheidet sich für Bürger von EU-Staaten der Gebrauchswert der EU. Näherhin gilt für die EU: Wird diese weniger als Garant für Frieden und Reisefreiheit wahrgenommen denn als Instanz zentraler Kontrolle und Überwachung, dann wird eine ihr zugrundeliegende europäische Idee verblassen und erheblich beschädigt werden. Die EU wäre gut beraten, wenn sie Ihren Mitgliedstaaten den Verzicht auf jegliche COVID-bezogene Einschränkung und Kontrolle von Reisefreiheit nahelegen würde. Reisebeschränkungen, Quarantäneregelungen, Überwachung speziell bei zwischenstaatlicher Mobilität haben bisher kaum erkennbar das Infektionsgeschehen eingegrenzt. Es handelt sich um Maßnahmen, die ebenso kostenintensiv wie kontraproduktiv für ein europäisches Zusammenleben sind; die dafür aufgewendeten Mittel wären in der Forschungsförderung, in der Intensivmedizin und in Maßnahmen zum Schutz vulnerabler Personen sinnvoller eingesetzt. Die EU sollte auf einen COVID-Paß verzichten und die bestehenden Beschränkungen und Kontrollen aufheben. Erweist sie sich dazu unfähig, sollte sie die Einrichtung von Zonen der Reisefreiheit zulassen, die europäische Staaten untereinander vereinbaren können.
Der Kommentar wird unterstützt von Prof. Dr. Ulrike Guérot (Politikwissenschaft) und PD Dr. Axel Bernd Kunze (Erziehungswissenschaft).
Widerstand gegen Impfpflicht: Es ist nur …
Unser Land hat in dieser Krise seine Würde verloren. In Zeiten wie diesen muss daher immer wieder daran erinnert werden: Nicht das Einfordern von Freiheitsrechten ist begründungspflichtig, sondern deren Beschränkung. Unsere Parteien – Ausnahmen bestätigen die Regel – haben dies offenbar vergessen. Das freiheitlich gesinnte Bürgertum muss sich den öffentlichen Raum zurückholen. Ohne bürgerliche Freiheit erstirbt die gesellschaftliche Produktivität, und auf Dauer auch die wirtschaftliche. Mit unserem National- und Freiheitsdichter Schiller gesprochen: Freiheit können wir einander nicht geben, sondern nur lassen. Fangen wir endlich wieder damit an.
Zum weiteren Nachdenken: https://www.youtube.com/watch?v=m7PrTsJdy0w
Neuerscheinung: Vom Kinde aus – Themen und Impulse für den Pädagogikunterricht
… so lautet das neue Themenheft der Zeitschrift PÄDAGOGIKUNTERRICHT (42. Jg., Heft 1 v. April 2022). Die Fachzeitschrift wird vom Verband der Pädagogiklehrer und Pädagogiklehrerinnen herausgegeben. Es handelt sich um die größte deutschsprachige Zeitschrift für pädagogische Fachdidaktik. Dem Wissenschaftlichen Beirat gehören an: Prof. Dr. Bauer (Univ. Bielefeld), Prof. Dr. Bernhard (Univ. Duisburg-Essen), Prof. Dr. Beyer (Univ. Köln), Jun.-Prof. Dr. Gather (Univ. Paderborn) und PD Dr. Kunze (Univ. Bonn).
Neuerscheinung: Auch die Kirche steht vor der Machtfrage
Aus einem Gottesdienstmodell zum Dritten Sonntag der Osterzeit:
Wo Menschen zusammenarbeiten und zusammenleben, muss geklärt werden, wer welche Aufgaben übernimmt, wer was entscheiden darf und wer im Namen der Gemeinschaft sprechen darf. Es geht um Verantwortung, aber auch um Macht.
Auch in der Kirche stellt sich die Machtfrage. Wir erleben das an vielen Stellen, etwa beim Synodalen Weg oder in den Debatten über das Verhältnis von Klerikern und Laien. Und auch in unserer Gemeinde gibt es immer mal wieder Auseinandersetzungen darüber, wie Konflikte zu regeln sind und wer am Ende das Sagen haben soll.
Das alles ist nicht verwunderlich. Denn die Kirche ist zwar nicht einfach eine politische Organisation, sondern eine geistliche Gemeinschaft. Aber zugleich bleibt die Kirche gebunden an menschliche Strukturen. Daher kommen auch wir Christen um die Machtfrage nicht herum.
Wir müssen uns Gedanken machen, wie das Zusammenleben in der Kirche gestaltet werden soll. Neu ist diese Frage nicht. Sie hat die Kirche seit ihren Anfängen bewegt – das zeigt das heutige Evangelium.
Axel Bernd Kunze: Stark nicht aus eigener Kraft [Lesejahr C. Dritter Sonntag der Osterzeit], in: WortGottesFeiern an allen Sonn- und Feiertagen 19 (2022), H. 3, S. 243 – 257.