Segenswünsche zum neuen Jahr

Beschneidung Jesu (gefeiert am 1. Januar), Brabanter Flügelretabel, um 1480.

Liebe Leser und Leserinnen,

Freiheit im Denken, Reden und Handeln bildet das entscheidende Zentrum eines intellektuell vitalen, geistig lebendigen, lei­stungsfähigen Kulturstaates.

Zur Freiheit zu befähigen, bleibt die vornehmste Aufgabe aller Bildungsprozesse. Dabei sollte das pädagogische Tun Anwalt einer Humanität sein, die sich im Prozess notwendiger Differenzierung und entlastender Arbeitsteilung gegen mögliche funktionale Einseitigkeiten und Reduktionen zur Wehr setzt. Dies kann beispielsweise dort notwendig sein, wo Sinn- und Wertfragen einseitig gemeinschaftsbezogen diskutiert werden, sodass dem Einzelnen die Freiheit zur subjektiven Selbstbeschreibung genommen wird. Oder dort, wo Prozesse der Kontrolle, Regulierung oder Angleichung es dem Einzelnen unmöglich machen, die ihm offenstehenden Bildungschancen in Freiheit zu nutzen.

Ohne Bildung kann es auch keine ethische Urteilsfähigkeit geben. Und diese zu erhalten, bleibt eine beständige Aufgabe. Allzu leicht kann sich erweisen, dass die moralische Schicht unseres Zusammenlebens nicht mehr als ein dünner Firnis ist. Gesellschaften können moralisch in die Tiefe fallen.

Kann es sein, dass wir solches mit der Coronapolitik des zu Ende gehenden Jahres erlebt haben? Es wurden Grundrechtseingriffe und soziale Ausgrenzunsstrategien praktiziert, die viele vor Corona für unvorstellbar gehalten hätten. Mit der aggressiven Impfnötigungspolitik standen nicht partikulare Alternativen des Guten zur Diskussion, die im Rahmen des Richtigen hätten nebeneinander stehen können. Es ging um mehr. Zur Bilanz dieses Jahres gehört: Der Weg nationaler Aussöhnung, der notwendig sein wird, die politisch verursachte Spaltung und Polarisierung des Landes aufzuarbeiten, wird lange dauern.

Hier ist nicht der Ort, über die impf- und infektionsschutzpolitischen Weichenstellungen in Deutschland oder eine angemessene Krisenvorsorge- und Katastrophenpolitik, nicht zuletzt angesichts biopolitischer Gefährdungslagen, zu diskutieren. Kulturstaatlich und gesellschaftlich fällt allerdings auf, wie wenig die gravierenden Wertkonflikte, die mit diesen Fragen verbunden sind, überhaupt noch als solche erkannt wurden.

Vor Jahren haben alle gerufen, Bildung sei das Wichtigste – und alles musste sich dem Thema Bildungsgerechtigkeit unterordnen. Und jetzt ist auf einmal Gesundheit das Allerwichtigste – und alles muss dem Gesundheitsschutz untergeordnet werden. Und morgen …!? In einer politischen Debatte, die für einzelne Themen immer gleich einen absoluten Vorrang postuliert, bleibt kein Spielraum für differenzierte Abwägungsprozesse. Wo zunehmend moralisierend diskutiert wird (Haltungswissenschaft, Haltungsjournalismus, Haltung zeigen gegen …), da muss man keine ethischen Vorzugsregeln anwenden: Da gibt es nur noch Schwarz und Weiß, absolut Gut und absolut Böse. Die Folgen sind deutlich spürbar: Die Fähigkeit zur differenzierten ethischen Güter- und Übelabwägung kommt abhanden.

Dies hat auch pädagogisch Folgen. Die vielbeschworene Erziehung zu Menschenrechten, Demokratie und Zivilgesellschaft erweist sich in der Krise vielfach als aufgesetzt. Man diskutiert über die Themen, stellt aber in Lehr- oder Bildungsveranstaltungen keinen Zusammenhang zu den aktuellen Fragen und Konflikten her. Es wird pflichtschuldigst nachgebetet, was Dozent und Disziplin vermeintlich hören wollen, aber es berührt nicht. Es bleibt äußerlich.

Wo liegen die Ursachen der gegenwärtigen Krise und des zu beobachtenden politischen Vertrauensverlustes? Der Gründe sind sicherlich viele. Doch wenn wir später einmal die Frage stellen sollten, wie es so weit kommen konnte, werden wir tiefergehender fragen müssen. Eine Ursache könnte darin liegen, dass das Lei­stungsprinzip in unserer Gesellschaft schon lange einen schweren Stand hat. Mittlerweile kann man mit einem aberkannten Doktortitel selbst ohne Schamfrist gleich wieder eine Landesregierung führen.

Wo das Leistungsprinzip verkommt und Bildung nur noch auf ihre äußere soziale Seite und damit auf eine soziologisch beschreibbare Anpassungsleistung reduziert wird, regieren am Ende Dummheit und Rohheit.

Und noch etwas kommt hinzu: Wo in postmodernen Zeiten Geltungsansprüche nicht mehr zugelassen werden, ersetzt Aktion die Reflexion. Die rationale Abwägung wird durch Aktivismus ersetzt. Ein solcher schlägt schnell in Gewalt um, da gehandelt, aber das Handeln nicht mehr als begründet ausgewiesen wird. Und am Ende geht die Achtung vor dem freien Subjekt verloren. Dies zeigt, was mit einem stabilen, leistungsfähigen Kulturstaat auf dem Spiel steht.

Die streitbare bildungsethische Debatte muss weitergehen, eingebettet in einen weiten politischen und gesellschaftlichen Kontext. Ich hoffe auch im neuen Jahr hierfür auf Ihr Interesse.

Herzlichen Dank für alle Verbundenheit und allen Austausch in diesem Jahr. Ich wünsche Ihnen einen guten Beschluss dieses Jahres sowie alles Gute, Zuversicht und Gottes Segen für 2023.

In pädagogischer Verbundenheit, Ihr Axel Bernd Kunze

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