Nach der missglückten Verleihung eines Positivpreises für Wissenschaftsfreiheit an den Juristen Reinhard Kempen, langjährig Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, der am Ende vor allem durch seine gezielte wissenschaftspolitische Unterstützung einer freiheitsfeindlichen Coronapolitik auffiel, setzt das gleichnamige Netzwerk Wissenschaftsfreiheit seine Preispolitik fort. Zog man im Februar deutliche Kritik auf sich, weil die Preisentscheidung für Kempen die Unteilbarkeit der Menschenrechte infrage stellte, lief es jetzt im Herbst auch nicht besser.
Der Negativpreis für Wissenschaftsfreiheit wurde dreigeteilt – in einer Pressemitteilung des Netzwerkes heißt es zur Begründung: „Der erste Preisträger ist Prof. Dr. Seesemann von der Universität Bayreuth. Grund für die Preisverleihung ist seine Aufforderung an das Rektorat der Universität Frankfurt, gegen Susanne Schröter und die von ihr veranstalteten Tagungen einzuschreiten, obgleich dort weder Strafnormen verletzt wurden (insbesondere das Aussprechen bestimmter abwertender Termini ist für sich genommen nicht strafbar) noch rechtswidrige Diskriminierungen proklamiert wurden (was im übrigen keine ausreichende Grundlage für ein Einschreiten wäre). Die zweite Preisträgerin ist Prof. Dr. Geraldine Rauch, Präsidentin der TU Berlin. Grund für die Preisverleihung ist ihr Vorwurf an das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit, sich auch für rechtskonservative Kollegen einzusetzen – sie ist als Präsidentin einer Universität rechtlich verpflichtet, auch deren Rechte zu achten und zu schützen. Die dritte Preisträgerin ist Dr. Carolin Wagner, SPD-Bundestagsabgeordnete. Sie hat in einer Rede im Bundestag gleichsam beiläufig die Aktionen des Netzwerks – die in Stellungnahmen, Briefen an die Rektorate zugunsten der Wissenschaftsfreiheit bedrängter Kollegen gleich welcher politischen Ausrichtung und Pressemitteilungen bestehen – als Schüren von Vorurteilen und Verunsicherung von Lehrenden und Studierenden bezeichnet, obgleich sie als Abgeordnete des Bundestags zu besonderem Respekt vor den Grundrechten auch von Andersdenkenden verpflichtet ist.“
Man sollte meinen, dass ein Preisgeber Interesse hat, mit seinem Preis auch eine breite Öffentlichkeitswirkung zu erzielen und so auf seine Anliegen aufmerksam zu machen. Doch die Preisverleihung ist auf den Internetseiten des Netzwerkes nur versteckt unter den Pressemitteilungen zu finden. Eine Presseresonanz blieb bisher auch weitgehend aus. Auszunehmen hiervon ist das Magazin „Cicero„, das fragt: „Vor Kurzem wurde der Negativpreis Wissenschaftsfreiheit 2024 verliehen – und nahezu zeitgleich eine wissenschaftliche Studie veröffentlicht. Deren Ergebnis: Es gibt kaum Probleme mit der Cancel Culture an Deutschlands Universitäten. Was stimmt denn nun?“
Die Antwort formuliert Matthias Brodkorb, früher einmal Kultusminister in Mecklenburg-Vorpommern – und stellt der Preispolitik des Netzwerkes Wissenschaftsfreiheit kein gutes Zeugnis aus: „Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit hat sich keinen Gefallen getan. Es verteilte seinen Negativpreis Wissenschaftsfreiheit gleich auf drei Personen auf einmal und raubte sich dadurch selbst die kommunikative Schlagkraft: auf Rüdiger Seesemann (Universität Bayreuth), Geraldine Rauch (Präsidentin der TU Berlin) und Carolin Wagner (SPD-Bundestagsabgeordnete). Allen Prämierten wurde der Preis außerdem dafür verliehen, dass sie entweder Mitglieder des Netzwerks angegriffen haben oder dieses selbst. Das riecht nach beleidigter Leberwurst.“ Da wurde eine große Chance vertan, ein bedrohtes Grundrecht ins Licht der Öffentlichkeit zu heben.
Und das wäre dringend notwendig. Um das Freiheitsbewusstsein im Allgemeinen und das Recht auf Wissenschaftsfreiheit steht es nicht gut in unserem Land, auch nach Ende der coronabedingten Freiheits- und Grundrechtseinschränkungen. Daher hätten beide Preisverleihungen in diesem Jahr die große Chance geboten, die Bedrohungen der Wissenschaftsfreiheit durch einen übergriffigen Staat und vielfältige Formen gesellschaftlicher „Cancel Culture“ öffentlichkeitswirksam zu thematisieren. Doch leider wurde diese Chance zweimal nicht genutzt. Der Preisgeber sollte dringend darüber nachdenken, was er mit seinem Preis überhaupt erreichen will, welches Freiheitsverständnis er stark machen will und wie er sein Anliegen in die gesellschaftlich-politische Breite tragen will.