Diskussion über Selbstbestimmungsgesetz: Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Die bisherige Transsexuellengesetzgebung soll durch ein Selbstbestimmungsgesetz ersetzt werden, die Altersgrenze für Geschlechtsumwandlungen ohne Zustimmung der Eltern deutlich abgesenkt werden. Das Thema wird kontrovers diskutiert. Mehr als 120 Wissenschaftler haben in einem Offenen Brief Kritik daran geübt, wie einseitig und voreingenommen über diese Fragen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk berichtet werde. Die deutsche Kontroverse war jetzt auch Thema im österreichischen Sender Servus-TV. Einer der Gesprächspartner innerhalb der Sendung „Talk im Hangar-7“ war der Psychotherapeut und Erziehungswissenschaftler Bernd Ahrbeck, Herausgeber des Bandes „Geboren im falschen Körper. Geschlechtsdysphorie bei Kindern und Jugendlichen“. Die Sendung ist über die Mediathek des Senders abrufbar:

https://www.servustv.com/aktuelles/a/talk-kritik-am-deutschen-oeffentlich-rechtlichen-rundfunk-fuer-seinen-umgang-mit-transsexualitaet/236683/

Gesegnete Pfingsten

Liebe Leser und Leserinnen von „Bildungsethik“,

ich danke Ihnen für Ihre treue Verbundenheit. Es zeigt sich an vielen Stellen sehr deutlich, wie wichtig ein substantielles Bildungsverständnis ist und was für ein humanes Zusammenleben auf dem Spiel steht, wenn dieses verloren geht. Daher bleibt auch die streitbare bildungsethische Debatte und der pädagogische Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge wichtig. All das wird „Bildungsethik“ auch künftig pflegen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen gesegnete, geisterfüllte Pfingsttage sowie gute, erholsame Feiertage.

Ihr Axel Bernd Kunze

Zwischenruf: (Un)verhüllt rot

Es ist mal wieder Katholikentag. Direkt vor der Haustür. Neben der Eingangstür meiner Pfarrkirche stand heute morgen beim Himmelfahrtsgottesdienst: nach Stuttgart 15 km. Aber ich werde dieses Ereignis meiden. Ja, der Katholikentag läuft und läuft und läuft, gut geölt, am Laufen gehalten vom kirchlichen Apparat und seinen Referenten. Doch die Aufmerksamkeit sinkt, wenn man Umfragen im Vorfeld Glauben schenken will. Und auch heute morgen im Gottesdienst: keinerlei Hinweis auf dieses Ereignis.

Also: Stell Dir vor, es ist Katholikentag – und keiner geht hin. Der Gründe hierfür mag es viele geben. Neben einer fortbestehenden Unsicherheit gegenüber Großveranstaltungen möglicherweise auch eine Übersättigung. Denn ein Blick in das Programm zeigt die üblichen Mainstreamthemen: Klima, Klima und noch mal Klima – um nur eines zu nennen. Die Kirche fragt sich, wer sie noch braucht. Doch der Katholikentag wird darauf keine Antwort geben. Er ist kein geistliches Ereignis mehr, kein Motivationsort mehr, bei dem sich Christen gegenseitig stärken können. Eher verdoppelt er die üblichen Zeitgeistdebatten allabendlicher Talkshows. Nein, dafür braucht man nicht nach Stuttgart zu kommen.

Wollte die Kirche geistlich anregende, theologisch weiterführende Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit und auch auf ihre eigene Zukunft in einem immer stärker entchristlichten, säkularisierten Land geben, müsste das gastgebende ZdK seine politische Zeitgeistigkeit und ideologische Einseitigkeit aufgeben, müsste es dazu anregen, die politisch bewusst geförderte Polarisierung des Landes zu überwinden und die Sprachlosigkeit der Debattenlager zu beenden. Doch davon ist das ZdK, das längst nur noch einen kleinen Ausschnitt des Laienkatholizismus zu vertreten vermag, weit entfernt, wie eine jüngste Meldung zeigt:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/stuttgarter-kaiser-denkmal-wird-auf-katholikentag-verhuellt-102.html

Mag sein, dass der deutsche Katholizismus zu Kaisers Zeiten ultramontan war. Wenn er dies noch wäre. Doch diese Verhüllungsaktion steht für die neue Ideologie einer kulturell und historisch entkernten Nation, für die auch der Staatsgründer weichen muss. Mit der roten Verhüllung verschleiert man noch nicht einmal mehr die sozialistischen Wurzeln dieses Denkens. Eine solche Aktion desavouiert den Katholikentag.

Antworten auf die land auf, land ab gestellte Frage, wozu es die Kirche in unserem Land noch braucht und wie sie wieder attraktiv werden kann, wird es durch unverhüllten Politaktionen nicht geben. Dem Land wird es nicht gut tun. Die polarisierte Coronadebatte hat gezeigt, wohin ein säkularisierter Gesundheitsglaube führt. Und auch die Debatte um das Werbeverbot für Abtreibungen ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf jene Kulturkämpfe, die noch kommen werden. Unsere Wert- und Verfassungsordnung wird sich auf Dauer verändern, wenn das christlche Fundament schwindet. Ob unser Zusammenleben dadurch humaner wird, glaube ich nicht.

Zwischenruf: Bekenntnis zur Freiheit

Am Montag war wieder einmal schwarz-rot-gold beflaggt im Land. Passend zum Anlass des Tages veröffentlichte ein politisches Magazin den folgenden kritischen Kommentar zum jüngsten Impfpflichturteil, bei dem es immerhin um nicht weniger als das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit ging:

https://www.tichyseinblick.de/podcast/wir-koennen-den-grundrechtsschutz-in-deutschland-vergessen/

Öffentliche Staatsbeflaggung ist das eine, der Umgang mit unserer Verfassung im politischen Alltag das andere. Das Verfassungsgericht wird von einem parteipolitischen Liebediener der alten Kanzlerin geführt. Die wissenschaftliche Qualität der Rechtsprechung sinkt  – aber warum  sollte es in der Juristerei auf Dauer anders sein als in anderen Disziplinen? Die Rechtstatsachenforschung des höchsten deutschen Gerichts ist auf den Hund gekommen. Der Grundrechtsschutz ist dem neuen biopolitischen Kollektivismus zum Opfer gefallen. Es ist eine Tragödie, die hier passiert und aufhorchen lassen müsste, die aber von den willfährigen Geistern in den öffentlich-rechtlichen Medien und mainstreamhörigen Vertretern der Wissenschaft eifrigst sekundiert wird.

Es wird Zeit, sich wieder an das widerständige Potential von Schwarz-Rot-Gold zu erinnern, wie es sich in Hambach und Leipzig, in Eisenach und Frankfurt einmal gezeigt hat. Für den kommenden Herbst und Winter lassen solche Urteile aus Karlsruhe nichts Gutes ahnen. Die Polarisierung des Landes und ein autoritärer Ton im politischen Zusammenleben werden sich fortsetzen. Allemal Grund genug, am Ende des 23. Mai an die eigentliche Bedeutung der Freiheit zu erinnern, und an den freiheitlichen Charakter unserer Verfassungsordnung, so wie er ursprünglich gemeint war.

Zwischenruf: „Diversity to go“ oder Resilienz durch ein substantielles Bildungsverständnis?

Die Vizepräsidentin der Universität Bamberg für Diversität und Internationales hat aktuell verschiedene Aktionen ihrer Hochschule zum bundesweiten Diversity-Tag angekündigt, selbstverständlich mit Genderstern. Ich kann mir nicht helfen: Wenn ich von einer Vizepräsidentin für „Diversität und Internationales“ höre, denke ich an ein DDR-Milieu. Der öffentliche Raum wird mit ideologischen Phrasen besetzt. Selbstverständlich sollte eine Universität internationale Beziehungen pflegen. Und selbstverständlich sollten Universitäten auch plural ausgerichtet sein. Aber hier geht es um etwas anderes: Der öffentliche Raum wird durch eine internationalistische, antitraditionalistische, dekonstruktivistische, weltanschaulich einseitige Ideologie besetzt. Und die Universitäten sind eine der Speerspitzen dieser ideologischen Vereinnahmung.

Nun legen Krisen Fehlentwicklungen schonungslos offen. Das gilt auch für die Coronakrise, die ein verfasungsrechtlicher Sündenfall sondergleichen war. Eine Universität, die ohne jeden Widerstandsgeist bereitwillig eine grundrechtswidrige 2G-Regel exekutiert, hat sich selbst ins Unrecht gesetzt und akademische Glaubwürdigkeit verwirkt, noch von Diversität zu sprechen. Professorenschaft, Hochschulleitungen, Hochschulverbände haben in ihrer Mehrheit bereitwilligst mitgemacht und sich am Geist unserer Wert- und Verfassungsordnung vergangen. Und damit dem Ansehen des akademischen Deutschlands schweren Schaden zugefügt.

Aber es geht noch um mehr: Mit der Bolognauniversität und der Umsteuerung auf eine plumpe, bildungstheoretisch unterkomplexe Kompetenzorientierung ist nicht alles beim Alten geblieben. Der Universität ist ein substantielles Verständnis von akademischer Bildung verloren gegangen – bei gleichzeitiger Massenakademisierung, die, bei Lichte besehen, keine ist. Früher studierte man Rechtswissenschaft, Theologie, Medizin, Philosophie – heute „Social Media“, „Demokratie und Regieren in Europa“, „Erneuerbare Energien“. Es geht nicht mehr um ein Gesamtverständis einer menschlichen Teilpraxis, es geht um die ideologische Zurichtung auf ein eng umgrenztes, politisch gewolltes Handlungsfeld. Es geht nicht mehr um die Befähigung, eine noch unbekannte Zukunft zu gestalten, sondern um Anpassung an aktuell für wichtig gehaltene politische Erfordernisse. Es geht nicht mehr um akademische Befähigung, Probleme selber zu erkennen, sondern um die Zurichtung auf politisch vorab bestimmte Fragen.

Ein bekannter Bildungsforscher sagte vor Jahren auf einem Bildungskongress, es sei egal, ob Schüler Goethes Erlkönig oder eine Taschenrechneranleitung lesen würden. Es gehe am Ende nur um inhaltsunabhängige „Textkompetenz“. Das ist antitraditionalistisch, offenbart ein funktionales Menschenbild und nimmt den Einzelnen als Person nicht wahr. Die Konfliktlinien von damals zeigen sich heute in zunehmender Schärfe: Es geht um die Grenzziehung zwischen einem substantiellen, humanistisch orientierten, personalen Bildungsverständnis und einem sozialtechnokratischen Bildungsverständis, etwa im Dienste der Diverstitätsorientierung oder des Internationalismus. Und all das hat Folgen.

Die Coronakrise hat es an den Tag gebracht. Eine Gesellschaft im Allgemeinen, der ein substantielles Bildungsverständnis verloren geht, und eine Universität im Besonderen, der ein substantielles Verständnis akademischer Bildung verloren geht, wird gegenüber Krisen nicht resilienter. Im Gegenteil: Es regieren Emotionalisierung, Moralisierung, autoritäre Diskurssteuerung, Panikmache, Ausgrenzung, Polarisierung, Diffamierung, Hetze, Dehumanisierung, Entpersonalisierung und ein Verlust an Grundfreiheiten. Studenten, die sich zum Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit bekennen, werden von der Universität aus der akademischen Gemeinschaft ausgeschlossen und ihrer Teilhaberechte beraubt. Wissenschaftler, die abweichende Positionen vertreten, werden diffamiert und mundtot gemacht, wer dem Mainstream folgt und widerständige Positionen aus dem akademischen Diskurs auszugrenzen versucht, wird als „Hochschullehrer des Jahres“  geadelt. Die Menschenwürde wird mit Füßen getreten. Und das unter der mehr oder weniger bewussten Billigung durch die breite Masse.

Wir brauchen kein lächerliches „Diversity to go“, wie die Universität Bamberg jetzt ankündigt, und keine „Expertise in geschlechtersensibler Forschung“. Wir brauchen überhaupt eine Universität, die ein Verständnis akademischer Bildung vertritt, die diesen Namen verdient, verstanden als Befähigung zur Selbstbestimmung auf Grundlage des ernsthaften, unvoreingenommenen wissenschaftlichen Ringens um das bessere Argument. Wir brauchen keine politischen Phrasen und das eifrige Geschwätz universitärer Presse- und Stabsstellen, sondern die ernsthafte geistige Auseinandersetzung um die Fragen der Zeit. Und diese sind nicht gering.

Ja, wir haben diverse radikale Politikwechsel erlebt – wobei immer noch offen bleibt, welche „gut“ und welche „böse“ sind . Der Atomausstieg oder die rechtswidrige Grenzöffnung Merkels wurden bejubelt, auch an den Universitäten, der Brexit verdammt. Einen solchen Politikwechsel können wir auch in der Hochschulpolitik erwarten – ob er kommen wird, weiß ich nicht. Aber die Massenakademisierung lebt davon, dass der Arbeitsmarkt sich noch als aufnahmefähig erweist. Dies könnte sich im Zuge fortschreitender Krisenentwicklung (Inflation, Verschuldungspolitik, demographischer Wandel, geopolitische Instabilität usw.) ändern – wenn sich zeigt, dass sich ein stabiles, öknomisches Gemeinwesen eben nicht auf akademische Pseudokompetenz, sondern nur auf Leistungsfähigkeit gründen lässt. Wir haben es in der Hand. Noch garantiert Wohlstand eine solche Politik, aber wir fahren schon länger auf Reserve. Auch der zunehmede Traditionsverlust und die fortschreitende Säkularisierung, die als Fortschritt verkauft wird, können radikale Politikwechsel befördern.

Staatslexikon: 8. Auflage abgeschlossen und bald online

Das traditionsreiche, von der Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft verantwortete Staatslexikon liegt Ende Mai in achter Auflage vollständig vor und kann dann auch online eingesehen werden:

www.staatslexikon-online.de

Die Beiträge in der Onlineversion werden bei Bedarf aktualisiert und fortgeschrieben.

Erstmals findet sich in der achten Auflage auch ein Beitrag zum Stichwort „Christliche Bildungs- und Erziehungsverbände“:

https://www.staatslexikon-online.de/Lexikon/Christliche_Bildungs-_und_Erziehungsverb%C3%A4nde

Neuerscheinung: „Geboren im falschen Körper“

Das „Christliche Forum“ weist auf den neuen Sammelband „Geboren im falschen Körper“ hin, der sich mit Geschlechtsdysphorie bei Kinden und Jugendlichen beschäftigt: ein Thema, das durch angekündigte Gesetzesvorhaben der Ampelkoalition sehr aktuell ist.

Neuerscheinung: Kinderrecht auf sexuelle Selbstbestimmung?

Axel Bernd Kunze, Sozial- und Bildungsethiker an der Universität Bonn, fragt in einem aktuellen Beitrag:

Kinderrecht auf sexuelle Selbstbestimmung? Kinderrechts- und bildungsethische Überlegungen zur rechtlichen Neuregelung von Fragen geschlechtlicher Selbstbestimmung, in: Bernd Ahrbeck, Marion Felder (Hgg.): Geboren im falschen Körper. Genderdysphorie bei Kindern und Jugendlichen, Stuttgart: Kohlhammer 2022, S. 197 – 231.

Der Band ist durch aktuelle Gesetzesvorhaben, die bisherige Transsexuellengesetzgebung durch ein Selbstbestimmungsgesetz zu ersetzen, von besonderer Brisanz und politischer Bedeutung:

Bernd Ahrbeck und Marion Felder (Hrsg.): Geboren im falschen Körper. Genderdysphorie bei Kindern und Jugendlichen, Stuttgart: Kohlhammer 2022, 233 Seiten, kartoniert, 34 Euro.

Kaum ein Thema wird gegenwärtig so intensiv diskutiert wie die Transsexualität. Immer mehr Kinder äußern das Gefühl, im falschen Körper zu stecken, immer häufiger wird der Wunsch geäußert, das Geschlecht zu wechseln. Bei den allermeisten Kindern und Jugendlichen erweist sich die Genderdysphorie aber als ein Übergangsphänomen. Das verweist darauf, wie vorsichtig vorgegangen werden muss, wie wichtig Beratung, Unterstützung, Therapie sind. Die Genderdysphorie wird in diesem Buch von führenden Fachleuten aus medizinischer, psychologischer und pädagogischer, philosophischer und sozial-ethischer Perspektive betrachtet. Fallberichte und Erfahrungen von Betroffenen ergänzen diese Ausführungen.

Herausgeber:

Bernd Ahrbeck, Prof. Dr., International Psychoanalytic University Berlin.

Marion Felder, Prof. Dr., Hochschule Koblenz, Fachbereich Sozialwissenschaften.

Pfr. Hans-Gerd Krabbe schreibt zu dem Band:

Die insgesamt zehn Autoren verdienen hohe Anerkennung, schon deshalb, weil und wie sie sich dem hochsensiblen und zugleich umstrittenen Themen-, Problem-, Konfliktkreis stellen. In sachlich-seriöser, in sorgsam abwägender, in profunder und differenzierender, in wachsam-kritischer Auseinandersetzung, unter Bezugnahme auf den derzeitigen Forschungsstand, in medizin-ethischen und juristischen Überlegungen werden Gefahren benannt und Risiko-Beurteilungen vorgenommen — alarmierende, erschütternde Erfahrungsberichte (…) und statistische Angaben (…) eingeflochten — zudem jeweils ausführliche Literaturverzeichnisse angefügt.