Leserbrief: „Die Freiheit als ein hohes Gut“

Axel Bernd Kunze reagiert mit einem Leserbrief unter dem Titel „Die Freiheit als ein hohes Gut“ auf ein Interview der Freiburger Sozialethikerin Ursula Nothelle-Wildfeuer im Mantelteil der nord-, ost- und mitteldeutschen Kirchenzeitungen, veröffentlicht in der Weihnachtsdoppelausgabe 51-52/2022 vom 25. Dezember 2022. In diesem heißt es u. a.:

„Gerade die Sozialethik hätte auf die Verantwortung hinweisen sollen, dass Grundrechtseingriffe immer wieder sorgfältig auf ihre Verhältnismäßigkeit hin geprüft werden müssen. Dies war bei der Coronapolitik häufig nicht der Fall; vielmehr wurden Andersdenkende auf üble Weise diffamiert oder ausgegrenzt. Leider setzt Nothelle-Wildfeuer diese Linie fort. So entsteht kein Mehr an gesellschaftlicher Verantwortung – im Gegenteil.“

Tagungsbericht: Zur Aktualität des Gewissens

Friedrich Merz vermochte im April 2022 in der Frage einer Impfpflicht keine Gewissensfrage zu erkennen. Seine Position zeigt exemplarisch, wie wichtig (nicht nur, aber auch) nach einer Coronapolitik, die weiter das Land spaltet, eine Debatte über das Gewissen und seine Bedeutung im politischen und rechtlichen Diskurs ist. Dieser Frage stellte sich eine Tagung, die kurz vor Weihnachten 2022 an der Universität Trier stattfand: „Die Aktualität des Gewissens: Perspektiven der Rechts- und Geisteswissenschaften“. Ein Tagungsbericht findet sich auf den Seiten der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt:

https://www.ku.de/thf/theologie-in-transformationsprozessen-der-gegenwart/aktuelles/detailansicht-theoltrans/teilnehmerbericht-zum-workshop-die-aktualitaet-des-gewissens-in-trier

Veröffentlichung: Vom Sinn der Bildung

Beitrag im CHRISTLICHEN FORUM fragt nach der Bedeutung von Bildung:

Bildung erscheint im öffentlichen Diskurs mitunter als eines jener „Containerworte“, in das jeder hineinpacken kann, was er später gern darin finden möchte. Nicht selten wird zwar von Bildung gesprochen, die dann aber auf nachgelagerte Bildungszwecke verkürzt wird.

Zum Weiterlesen:

Pressereaktion: „Theologen gegen Gender“

Die F.A.Z. vom 5. Jan. 2023 weist in ihrem Feuilleton auf den „Einspruch“ von dreizehn Theologen wider eine Nötigung zur Gendersprache an theologischen Ausbildungsstätten hin. Der Aufruf wurde allen Ausbildungsstätten im deutschsprachigen Raum zugeleitet; die Initiative ist aus der Fachgruppe Theologie des Netzwerkes Wissenschaftsfreiheit heraus erwachsen. Veröffentlicht wurde der Einspruch in der Fachzeitschrift „Auftrag und Wahrheit“.

Spürbarer Druck. Theologen gegen Gender, in: F.A.Z., Nr. 4/2023 v. 5. Januar, S. 9.

Interview: Begräbnisfeierlichkeiten für den verstorbenen Papst em. Benedikt XVI.

Heute, am 5. Januar 2023, ist der am Silvestertag verstorbenen Papst emeritus Benedikt XVI. im Petersdom beigesetzt worden. Zuvor war der Leichnam im Petersdom aufgebahrt worden. Die Aufbewahrung ist keinesfalls bedeutenden Persönlichkeiten vorbehalten, doch hat sie in diesem Fall noch einmal eine besondere Bedeutung.

Die Aufbahrung legitimiert den Amtswechsel. Diese Funktion spielt im gegenwärtigen Fall eine geringe Rolle, da Benedikt XVI. wider Erwarten schon vor Jahren als Papst zurückgetreten war. Eine feierliche und öffentliche Aufbahrung stellt Kontinuität und Autorität der Institution dar. Der Papst ist zudem sichtbarer Ausdruck der Einheit der Kirche, die er geleitet hat. Im Falle eines verstorbenen Papstes, der für viele Gläubige eine geistliche Vater- und Führungsfigur war, besteht allerdings auch ein großes geistliches Bedürfnis, auf diese Weise Abschied nehmen zu können. Wir wissen überhaupt, wie wichtig es für einen Trauerprozess ist, den Verstorbenen noch einmal sehen zu können.

Für die Aufbahrung wird der Leichnam vorbereitet. Wir dürfen hier durchaus an die Salbung Jesu in Betanien kurz vor seinem Tod denken oder an die Frauen, die am Ostermorgen zum Grab gehen, um den Leichnam zu salben. Im Christentum wird der Leib besonders geehrt: Christen glauben an die Auferstehung des Fleisches. Der Leib wird als Tempel des Heiligen Geistes geehrt, der in Taufe und Firmung gegeben wird. Ein Leichnam, der einbalsamiert wird, stellt überdies die Schönheit der Heiligen dar, die in Gott vollendet sind.

Es ist erst das zweite Mal in der Kirchengeschichte, dass ein Papst zurückgetreten ist, also nicht im Amt verstorben ist. Dass am Silvestertag ein emeritierter, nicht mehr regierender Papst gestorben ist, wurde bei den Trauerzeremonien durchaus deutlich gemacht. An Silvester fehlte das große Sterbegeläut von St. Peter, die Überführung vom Vatikankloster in den Petersdom erfolgte ohne Weihrauch oder Leuchter. Benedikt XVI. trug bei der Aufbahrung kein Pallium, das aktiven Amtsträgern vorbehalten ist, auch nicht den päpstlichen Kreuzstab. Aber auch Papst Benedikt wurde im roten Messgewand, also in der päpstlichen Trauerfarbe, aufgebahrt und dann auch bestattet. Das Begräbnis erfolgte durch den amtierenden Papst selbst.

Das Christentum ist weltweit die größte Weltreligion. Die weltweite Anteilnahme an päpstlichen Großereignissen zeigt, dass unsere Welt doch weniger säkular ist, als viele gern behaupten. Es besteht auch weiterhin ein großes Bedürfnis nach geistlicher Führung und Orientierung in einer unübersichtlichen Welt, angesichts der Kontingenz menschlichen Lebens.

Bewahren wir dem verstorbenen Papst Benedikt XVI. ein ehrendes Gedenken, das nicht zuletzt in Auseinandersetzung mit seinem bleibenden theologischen Werk lebendigen Ausdruck finden wird.

Zum Nachhören ein Rundfunkinterview zu den Begräbnisfeierlichkeiten in Rom:

https://kontrafunk.radio/de/sendung-nachhoeren/kontrafunk-aktuell/kontrafunk-aktuell-vom-5-januar-2023

Im heutigen Kontrafunk aktuell spricht Benjamin Gollme mit dem christlichen Sozialethiker Axel Bernd Kunze über die Bedeutung und die Beisetzung von Benedikt XVI. Die Autorin Sabine Beppler-Spahl erklärt die Mechanismen der Cancel Culture und weist auf die Gefahren für Freiheit und Gesellschaft hin. Der Philosoph Prof. Christoph Lütge gibt einen Einblick in die Welt der Ethikräte, und die Medienschau dreht sich um Twitter und den neuen Inhaber Elon Musk.

Zwischenruf: Freiheit – nur eine Floskel?

„Floskelwolke“ (https://floskelwolke.de/) nennt sich ein Blog, der mit Methoden der „Digital Humanities“. Riesige Datenmengen werden mit Algorithmen digital ausgewertet. Das ist in den Geisteswissenschaften gegenwärtig sehr en vogue, dafür gibt es viele Drittmittel. Man verspricht sich durch die technische Auswertung großer Datenmenge, was jetzt digital möglich ist, neue Erkenntnis. Ich bleibe skeptisch, da Digital Humanities vielfach hermeneutisch naiv bleiben. Eine Gewichtung der Daten wird so von vornherein gar nicht wahrgenommen.
Pünktlich zum Jahresbeginn kürte das Blog nun „Freiheit“ zur Floskel des Jahres 2022. Doch auch damit ist Floskelwolke alles andere als innovativ: Gegenwärtig wird im politischen, medialen und wissenschaftlichen Diskurs versucht, einen individuellen Freiheitsbegriff zu denunzieren (als unverantwortlich, egoistisch, unsozial …) und durch ein soziales Freiheitsverständnis zu ersetzen. Wir erleben das Heraufsteigen eines neuen autoritären Kollektivismus in Politik und Gesellschaft. Nicht mehr der starke, leistungsbereite, originäre Einzelne zählt, sondern die Anpassung an das Kollektiv. Nicht mehr der kreative Gedanke, sondern das kollektive Bedürfnis. Der Einzelne wird zur politisch beliebigen Verfügungsmasse politischer Funktionäre. Erwünscht ist, was sich dem vermeintlich demokratischen Mainstream anbiedert. Von Stauffenberg und andere wären nach einem solchen Freiheitsverständnis ausgesprochene dumme Leute gewesen.

Die aggressive Impfnötigungspolitik hat im vergangenen Jahr gezeigt, dass selbst die körperliche Unversehrtheit nicht mehr tabu ist. Doch der Beispiele sind viele. Die Grünen beginnen das neue Jahr mit neuen Verbots- und Verteuerungsvorschlägen für Alkohol. Die C-Parteien haben ihren christlichen Personalismus längst aufgegeben, weshalb Merz in einer staatlich verordneten Zwangsimpfung im April v. J. auch keine Gewissensfrage mehr zu erkennen vermochte. Verfechter der Gendersprache wollen sogar den Gebrauch der Sprache dem Einzelnen wegnehmen und kollektivieren. Die Kirchen machen sich zu Fürsprechern eines radikalen Klimaaktivismus. Politisch und medial werden immer mehr Haltungen gesteuert und damit kollektiviert, egalisiert, nivelliert. Selbst dem Selbstverständnis nach „klassische Liberale“ sprechen davon, dass Freiheit in Deutschland nur noch als Egoismus auf Kosten der Allgemeinheit verstanden werde. Und,  und, und. Ich denke, dass wir in Kürze in Davos noch weitere Angriffe auf die Freiheit des Einzelnen hören werden.

Ich hatte die Grundrechte unserer Verfassungsordnung bisher immer anders verstanden. Selbstverständlich endet die eigene Freiheit dort, wo die Freiheit des anderen beginnt – aber eben auch nicht früher. Ein sozialer Freiheitsbegriff läuft darauf hinaus, dass der Gebrauch der Freiheit von sozialer Erlaubnis abhängig gemacht werden soll. Das ist das Ende des Individuums. Und deshalb sage ich: Nicht diejenigen, die an einem starken, widerständigen, individuellen Freiheitsbegriff festhalten, sondern die Vertreter einer sozial umdefinierten Freiheit machen diese zur Floskel.

Denn mit einem sozialen Freiheitsbegriff, der jetzt öffentlichkeitswirksam propagiert wird, bleibt von der Freiheit nichts mehr übrig. Daher sollte auch zwischen „liberal“ und „freiheitlich“ unterschieden werden. Die Polarisierung durch die Coronapolitik, die politisches und soziales Vertrauen unwiderbringlich zerstört hat, war nur ein Anfang, wir werden noch heftigere Kulturkämpfe erleben, wenn wir die affektgeleitete Politik der letzten Jahre weiterfahren und auch künftig so fahrlässig mit den geistig-moralischen Grundlagen unseres Zusammenelebens umgehen.

Erst im Dezember wurde von der Sprecherin der AG Christliche Sozialethik, der Würzburger Sozialethikerin Michelle Becka, in der Grünen Reihe der Katholisch-sozialwissenschaftlichen Zentralstelle ein sozialer Freiheitsbegriff an prominenter Stelle propagiert (https://www.gruene-reihe.eu/artikel/herausgeforderte-freiheit/). Verräterisch ist etwa folgender Satz aus dem Text: „Die Freiheit der Einzelnen ist immer soziale Freiheit und als solche institutionell verfasst. Axel Honneth spricht von sozialer Freiheit, um deutlich zu machen, dass Freiheit auf die Beziehungen mit anderen Menschen und auf Institutionen nicht nur angewiesen ist, sondern erst durch sie ermöglicht und konstituiert werden kann.“ Wenn wir Freiheit so konstruieren, entscheiden am Ende Kollektive, seien es Parteien, Gremien, Impfkommissionen …, darüber, welchen Gebrauch wir überhaupt noch von unserer Freiheit machen dürfen. Nicht die Inanspruchnahme von Freiheit ist rechtfertigungsbedürftig, sondern deren Einschränkung um des Gesamtsysstems der Freiheit willen.

Wenn wir uns von der Freiheit des Individuums verabschieden, wie wir es gegenwärtig tun, werden über kurz oder lang politische, soziale und kulturelle Verteilungskämpfe beginnen. Wir werden uns auf einen Verfall unserer Kultur, einen Verlust an Lebensqualität und Wohlstand einstellen müssen, die schon längst begonnen haben. Ein sozialer Freiheitsbegriff versteht unter Freiheit am Ende nur noch sozialstaatliches Anspruchsdenken (der Begriff „Bürgergeld“ ist im Grunde pervers, weil dieses Bürgergeld mit produktiver Bürgerlichkeit nichts zu tun hat), jene bürgerliche Produktivität, die unsere Gesellschaften einmal groß gemacht hat, wird hingegegen erstickt. Die Aussichten zu Beginn des neuen Jahres stimmen leider alles andere als zuversichtlich.

Daher sei es gesagt: Nein, Freiheit ist keine Floskel. Freiheit bleibt die wichtigste Grundlage eines humanen Zusammenlebens. Und diese Grundlage verspielen wir gegenwärtig.

Auf anderen Seiten: „Deutschland ist bunt. Langsam aber wird es zu bunt“

Kollege Peter J. Brenner hat für seinen Bildungsblog so etwas wie eine pädagogische „Neujahrsansprache“ verfasst.

https://imsw.de/2022/12/farblose-menschen-oder-der-fluch-des-normalseins/?utm_source=mailpoet&utm_medium=email&utm_campaign=der-bildungsblog-or-date-mtext_1

Hoffen wir, dass am Ende noch genügend bürgerliche Tugend vorhanden sein wird, die Gesellschaft wieder ans Laufen zu bringen, wenn es zu bunt geworden und die „schöne neue Welt“ trotz großzügiger politischer Aliementierung zusammengefallen sein wird. Wem Bildung am Herzen liegt, sollte seinen Teil dazu beitragen.