Zwischenruf: Grundrechte und Gewissen

Chrupalla: Ich habe die große Befürchtung, dass die Bundesregierung das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung aussetzen könnte. Während der Corona-Krise haben wir alle erlebt, wie die Politik mit Grundrechten umgegangen ist.“ – so äußerte sich der Parteivorsitzende der AfD am 18. Dezember 2024 in einem Interview mit der WELT.

https://www.welt.de/politik/deutschland/plus254748196/AfD-Chef-Chrupalla-im-Interview-Russland-hat-diesen-Krieg-gewonnen.html

Wir haben Wahlkampf – und nicht jede Befürchtung im Wahlkampf muss zutreffen. Andererseits war es Merz, Kanzlerkandidat der CDU/CSU und möglicherweise im kommenden Jahr Bundeskanzler, der in der Coronadebatte im Bundestag seinerzeit bei der Frage nach einer allgemeinen Impfpflicht – im Einklang mit der Mehrheit seiner Fraktion, wie er ausdrücklich sagte – erst gar keine Gewissensfrage erkennen wollte. So lassen sich auch weitere Grundrechte schnell abräumen, nicht allein das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit. Jedenfalls gilt es, auch im komemnden Jahr sehr wachsam zu bleiben, wie die Fraktionen mit Gewissensfragen und Grundrechten umgehen.

Neuerscheinung: Einheitsweiß

Auch das Katholische Sonntagsblatt für die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat einen kritischen Leserbrief zum Umbau der St.-Hedwigs-Kathedrale in Berlin veröffentlicht – unter der Überschrift: Einheitsweiß.

Berlins frisch renovierte Hedwigskathedrale wird keine „Einladung“, sondern ein Mahnmal sein: für das gestörte Verhältnis der Kirche im Umgang mit ihrem kulturell-künstlerischen Erbe und für den lieblosen Umgang mit ihren eigenen Traditionen. Nichts gegen eine behutsame Renovierung, die sich der Besonderheit der überkommenen Form und der tiefen Architektursprache des bisherigen Kirchenraums bewusst bleibt. Was als „schlichte Eleganz“ gepriesen wird, ist das traditionsblinde Einheitsweiß neuerer Domrenovierungen, das in bischöflichen Liturgie- und Bauabeilungen gegenwärtig dominiert – bis die nächste Mode kommt. St. Hedwig ist zur 08/15-Kathedrale gemacht worden. Ich werde mir bei meinen Besuchen in Berlin künftig andere Gottesdienstorte suchen.

Axel Bernd Kunze: Einheitsweiß, in: Katholisches Sonntagsblatt (2024/2025), H. 51, 52 + 1 v. 22., 29. Dezember 2024 und 5. Januar 2025, S. 37.

Elementarbildung: BeA-Positionspapier jetzt auch online

Das neue Positionspapier „Betreuung statt Bildung? Ohne uns!“ des Bundesverbands evangelischer Ausbildungsstätten für Sozialpädagogik (BeA) ist jetzt auch online verfügbar:

Leserbrief: Keine neue Attraktion

Die Debatte um den Umbau der mittlerweile wiedereröffneten Hedwigskathedrale in Berlin geht weiter. Axel Bernd Kunze äußert sich in einem Leserbrief für die Verlagsgruppe Bistumspresse zu den Berichten über die Wiedereröffnung:

Berlins frisch renovierte Hedwigskathedrale wird keine neue Attraktion, sondern ein Mahnmal sein: für das gestörte Verhältnis der Kirche im Umgang mit ihrem kulturell-künstlerischen Erbe und für den lieblosen Umgang mit ihren eigenen Traditionen. Nichts gegen eine behutsame Renovierung, die sich der Besonderheit der überkommenen Form und der tiefen Architektursprache des bisherigen Kirchenraums bewusst bleibt. Was als „schlichte Eleganz“ gepriesen wird, ist das traditionsblinde Einheitsweiß neuerer Domrenovierungen, das in bischöflichen Liturgie- und Bauabeilungen gegenwärtig dominiert – bis die nächste Mode kommt. St. Hedwig ist zur 08/15-Kathedrale gemacht worden. Ich werde mir bei meinen Besuchen in Berlin künftig andere Gottesdienstorte suchen.

(Ausgaben Nr. 30 vom 24. November 2024, S. 9)

Leserbrief: Hoch-, nicht in den Wind hängen

… sollten Verbindungen ihre Prunkfahnen – nicht anders herum, wie es auch Kirchenvertreter heute gern tun. So Axel Bernd Kunze in einem Leserbrief für die aktuelle Ausgabe von ACADEMIA (Jg. 117, H. 6, S. 61):

Zu: Thomas Gutmann: Arbeitswelt und Bürgergeist, in: ACADEMIA, Nr. 5/2024, S. 12 – 15.

Thomas Gutmann erwähnt in seinem Beitrag „Arbeitswelt und Bürgergeist“ (ACADEMIA 5/2024, S. 12 ff.) die Bad Harzburger Canossasäule. Deren Inschrift reagiert auf eine Rede Bismarcks im Reichstag am 14. Mai 1872. Fbr Winfried Henze (K.St.V. Winfridia zu Göttingen im KV), der im Sommer sein 70-jähriges Priesterjubiläum – noch immer im aktiven Dienst – sowie seinen 95. Geburtstag feiern konnte und früher Redakteur der Hildesheimer Kirchenzeitung war, erwähnt die Säule in seinem neuesten Band „Lob der Kalkleiste“ (Hildesheim 2024) in einem Kapitel über „antirömische Wallfahrtsorte in Deutschlands Norden“. Die Säule hat ein katholisches Gegenstück gefunden: 1880 erhielt die Kirche in Bündheim, heute ein Stadtteil von Bad Harzburg, das seltene Patronat des hl. Gregor VII. Es war der erste katholische Kirchenneubau der Region nach der Reformation. Henze schreibt in seinem Band: „Ach Freunde, was sinkt doch alles dahin im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte! Wieviel Zorn verraucht, wieviel Erinnerung wird schal! Gregor und Heinrich, Bismarck und Leo …“ Wir können heute mit Gelassenheit über das reden, was einst – so noch einmal Henze – „bitterernste Emotionen weckte“. Und doch gehören auch diese Erinnerungsorte zu unserer Geschichte. Denn etwas mehr Stolz auf die eigene Tradition und die eigene Identität täten unserem Land und seiner Kirche nicht schlecht. Gerade unsere Verbindungen sollten daher ihre Prunkfahnen hochhängen – und nicht in den Wind, wie es leider auch Kirchenvertreter heute tun. In diesem Sinne: Vielen Dank an Thomas Gutmann für seinen inspirierenden Beitrag.

Zwischenruf: Mehr Aufmerksamkeit für bedrohte Wissenschaftsfreiheit – diese Chance wurde vertan

Nach der missglückten Verleihung eines Positivpreises für Wissenschaftsfreiheit an den Juristen Reinhard Kempen, langjährig Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, der am Ende vor allem durch seine gezielte wissenschaftspolitische Unterstützung einer freiheitsfeindlichen Coronapolitik auffiel, setzt das gleichnamige Netzwerk Wissenschaftsfreiheit seine Preispolitik fort. Zog man im Februar deutliche Kritik auf sich, weil die Preisentscheidung für Kempen die Unteilbarkeit der Menschenrechte infrage stellte, lief es jetzt im Herbst auch nicht besser.

Der Negativpreis für Wissenschaftsfreiheit wurde dreigeteilt – in einer Pressemitteilung des Netzwerkes heißt es zur Begründung: „Der erste Preisträger ist Prof. Dr. Seesemann von der Universität Bayreuth. Grund für die Preisverleihung ist seine Aufforderung an das Rektorat der Universität Frankfurt, gegen Susanne Schröter und die von ihr veranstalteten Tagungen einzuschreiten, obgleich dort weder Strafnormen verletzt wurden (insbesondere das Aussprechen bestimmter abwertender Termini ist für sich genommen nicht strafbar) noch rechtswidrige Diskriminierungen proklamiert wurden (was im übrigen keine ausreichende Grundlage für ein Einschreiten wäre). Die zweite Preisträgerin ist Prof. Dr. Geraldine Rauch, Präsidentin der TU Berlin. Grund für die Preisverleihung ist ihr Vorwurf an das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit, sich auch für rechtskonservative Kollegen einzusetzen – sie ist als Präsidentin einer Universität rechtlich verpflichtet, auch deren Rechte zu achten und zu schützen. Die dritte Preisträgerin ist Dr. Carolin Wagner, SPD-Bundestagsabgeordnete. Sie hat in einer Rede im Bundestag gleichsam beiläufig die Aktionen des Netzwerks – die in Stellungnahmen, Briefen an die Rektorate zugunsten der Wissenschaftsfreiheit bedrängter Kollegen gleich welcher politischen Ausrichtung und Pressemitteilungen bestehen – als Schüren von Vorurteilen und Verunsicherung von Lehrenden und Studierenden bezeichnet, obgleich sie als Abgeordnete des Bundestags zu besonderem Respekt vor den Grundrechten auch von Andersdenkenden verpflichtet ist.“

Man sollte meinen, dass ein Preisgeber Interesse hat, mit seinem Preis auch eine breite Öffentlichkeitswirkung zu erzielen und so auf seine Anliegen aufmerksam zu machen. Doch die Preisverleihung ist auf den Internetseiten des Netzwerkes nur versteckt unter den Pressemitteilungen zu finden. Eine Presseresonanz blieb bisher auch weitgehend aus. Auszunehmen hiervon ist das Magazin „Cicero„, das fragt: „Vor Kurzem wurde der Negativpreis Wissenschaftsfreiheit 2024 verliehen – und nahezu zeitgleich eine wissenschaftliche Studie veröffentlicht. Deren Ergebnis: Es gibt kaum Probleme mit der Cancel Culture an Deutschlands Universitäten. Was stimmt denn nun?“

Die Antwort formuliert Matthias Brodkorb, früher einmal Kultusminister in Mecklenburg-Vorpommern – und stellt der Preispolitik des Netzwerkes Wissenschaftsfreiheit kein gutes Zeugnis aus: „Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit hat sich keinen Gefallen getan. Es verteilte seinen Negativpreis Wissenschaftsfreiheit gleich auf drei Personen auf einmal und raubte sich dadurch selbst die kommunikative Schlagkraft: auf Rüdiger Seesemann (Universität Bayreuth), Geraldine Rauch (Präsidentin der TU Berlin) und Carolin Wagner (SPD-Bundestagsabgeordnete). Allen Prämierten wurde der Preis außerdem dafür verliehen, dass sie entweder Mitglieder des Netzwerks angegriffen haben oder dieses selbst. Das riecht nach beleidigter Leberwurst.“ Da wurde eine große Chance vertan, ein bedrohtes Grundrecht ins Licht der Öffentlichkeit zu heben.

Und das wäre dringend notwendig. Um das Freiheitsbewusstsein im Allgemeinen und das Recht auf Wissenschaftsfreiheit steht es nicht gut in unserem Land, auch nach Ende der coronabedingten Freiheits- und Grundrechtseinschränkungen. Daher hätten beide Preisverleihungen in diesem Jahr die große Chance geboten, die Bedrohungen der Wissenschaftsfreiheit durch einen übergriffigen Staat und vielfältige Formen gesellschaftlicher „Cancel Culture“ öffentlichkeitswirksam zu thematisieren. Doch leider wurde diese Chance zweimal nicht genutzt. Der Preisgeber sollte dringend darüber nachdenken, was er mit seinem Preis überhaupt erreichen will, welches Freiheitsverständnis er stark machen will und wie er sein Anliegen in die gesellschaftlich-politische Breite tragen will.

Zwischenruf: Keine neue Attraktion

„Berlins neue Attraktion“ – so das Titelthema der aktuellen Ausgaben des Verbunds Bistumspresse (Nr. 27/2024, 13.10.2024). Berlins frisch renovierte Hedwigskathedrale wird keine neue Attraktion, sondern ein Mahnmal sein: für das gestörte Verhältnis der Kirche im Umgang mit ihrem kulturell-künstlerischen Erbe und für den lieblosen Umgang mit ihren eigenen Traditionen. Nichts gegen eine behutsame Renovierung, die sich der Besonderheit der überkommenen Form und der tiefen Architektursprache des bisherigen Kirchenraums bewusst bleibt. Was als „schlichte Eleganz“ gepriesen wird, ist das traditionsblinde Einheitsweiß neuerer Domrenovierungen, das in bischöflichen Liturgie- und Bauabeilungen gegenwärtig dominiert – bis die nächste Mode kommt. St. Hedwig ist zur 08/15-Kathedrale gemacht worden. Ich werde mir bei meinen Besuchen in Berlin künftig andere Gottesdienstorte suchen.

Zwischenruf: Grundfreiheiten, nicht soziale Verfügungsmasse

Georg Lurje und Stefan Schwartze rühren in der WELT (16. Oktober 2024, Nr. 201, S. 7) die Werbetrommel für eine Widerspruchslösung bei Organspenden: zwei Stimmen aus einem Chor, der zunehmend lauter wird. Zum Schaden unserer Verfassungsordnung, die coronapolitisch schon stark gelitten hat. Die bisher nicht aufgearbeitete Coronapolitik war eine Blaupause dafür, welche Freiheitseinschränkungen Bürger mitzumachen bereit sind. Der Ausverkauf des Grundrechts auf körperliche Unversehrtheit soll weitergehen. Dieses Mal geht es um die Widerspruchslösung bei Organspenden. Nicht mehr der Einzelne soll über seinen Körper verfügen dürfen. Dieser wird zur Verfügungsmasse eines Sozialstaates, der indiviudelle Grundfreiheiten umkehrt in Ansprüche der Gemeinschaft an den Einzelnen. So war unser Grundgesetz, das in diesem Jahr 75 geworden ist, nicht gemeint gewesen.