Buchankündigung: Bildung und Religion. Die geistigen Grundlagen des Kulturstaates

Axel Bernd Kunze:

Bildung und Religion. Die geistigen Grundlagen des Kulturstaates.

Mit einem Geleitwort von Bernd Ahrbeck.

LIT-Verlag, ISBN: 978-3-643-15081-3 Reihe: Zeitdiagnosen , Bd. 60

Weitere Informationen: https://www.lit-verlag.de/detail/index/sArticle/87573/sCategory/6624

Neuerscheinung: Erziehen als Beruf

Abstract: Traditionell erfolgt die Ausbildung pädagogischer Berufe im Bereich Erziehung, Bildung und Betreuung an Berufsfachschulen (Sozialassistenten- oder Kinderpflegeausbildung) sowie Fachschulen oder Fachakademien für Sozialpädagogik (Erzieherausbildung). Seit 2004 haben sich im Zuge der PISA-Debatte und der Hochschulreformen im Gefolge des sogenannten Bolognaprozesses – aus der Sozialpädagogik und der Sozialen Arbeit heraus – eigene spezialisierte Fachhochschulstudiengänge zur Pädagogik der frühen Kindheit und das akademisierte Berufsbild des Kindheitspädagogen herausgebildet.

Der Beitrag findet sich im neuen Themenheft „Kindheitspädagogik“ der Zeitschrift „engagement“:

Axel Bernd Kunze: Erziehen als Beruf. Überblick über eine sich dynamisch entwickelnde Ausbildungslandschaft, in: Engagement 39 (2021), H. 1, S. 30 – 37.

Rezension: Unter neuen Vorzeichen

Magdalene Simpfendörfer-Autenrieth, Antje Helmond (Hgg.) (2020): Unter neuen Vorzeichen (Gruß aus der Stiftung Großheppacher Schwesternschaft; 2020/2021), o. O. (Weinstadt/Rems): Stiftung Großheppacher Schwesternschaft, 92 Seiten.

Pädagogik muss immer wieder neu ihr Verhältnis zu den sich verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen reflektieren. Wie der Bildungs- und Erziehungsauftrag verwirklicht werden kann, muss daher immer wieder „unter neuen Vorzeichen“ geprüft werden. „Unter neuen Vorzeichen“ heißt dann auch der neue Gruß aus der Stiftung Großheppacher Schwesternschaft, der alle zwei Jahre erscheint (die aktuelle Ausgabe ist auch online verfügbar unter: https://www.grossheppacher-schwesternschaft.de/assets/files/publikationen/Gruss/ghs_gruss_2020_2021_web.pdf).

Gegründet wurde die Stiftung (www.grossheppacher-schwesternschaft.de), die in den Bereichen Bildung, Erziehung, Pflege und gemeinschaftliche Wohnformen aktiv ist, vor mehr als hundertsechzig Jahren durch Wilhelmine Canz im Remstal vor den Toren Stuttgarts. Die Stiftung betreibt heute zwei Schulen: eine evangelische Fachschule für Sozialpädagogik sowie eine evangelische Pflegeschule. Im Hintergrund der Veröffentlichung steht das sogenannte „Zukunftsprojekt“, das sich die Stiftung vorgenommen hat: Es „bildet mit einer naturpädagogischen Werkstatt, einer naturnahen Kita und einer ambulanten Tagespflege die Erweiterung der Bereiche Bildung, Erziehung und Pflege ab und schreibt mit einem Wohnungsbau-Projekt im Mutterhausgarten die Transformation der Mutterhausidee in eine kommunitär-gemeinschaftliche Wohnform fort“ (S. 5).

Der Band beleuchtet aktuelle Entwicklungen in den einzelnen Arbeitsfeldern der Stiftung. Die Beiträge stammen aus der Mitarbeiterschaft, ergänzt um Beiträge externer Fachleute. Die Artikel aus dem Bereich der Erzieherausbildung thematisieren, wie sich die Ausbildungseinrichtung durch ein neues naturpädagogisches Profil und eine Digitalisierungsstrategie neuen Herausforderungen stellt. Beides hängt pädagogisch durchaus zusammen: „Aufgabe der Schule ist es, die Heranwachsenden dabei zu unterstützen, sich einen differenzierten Selbst-, Fremd- und Weltentwurf zu erarbeiten. Für eine Fachschule für Sozialpädagogik gilt dies in doppelter Hinsicht: Denn was die Auszubildendem in ihrem eigenen Bildungsprozess erfahren, sollen sie im praktischen Teil der Ausbildung und später im Beruf an Kinder und Jugendliche weitergeben. […] Dieser Anspruch bleibt. Aber er muss immer wieder unter neuen Vorzeichen eingelöst werden – weil sich unsere Umwelt immer wieder verändert und damit auch die Bedingungen der pädagogischen Arbeit. Dies gilt für die technischen Möglichkeiten genauso wie für unser Verständnis der natürlichen Umwelt“ (Seiten 12 f.). Eine Absolventin der Fachschule, die im vergangenen Jahr mit einem Abschlusspreis geehrt wurde, zeigt auf, wie sich Bildung für nachhaltige Entwicklung methodisch im Elementarbereich umsetzen lässt; das Kapitel ist ein Auszug aus ihrer Facharbeit. Albrecht Fischer-Braun, neuer Geschäftsführer des Evangelischen Landesverbandes Tageseinrichtungen für Kinder in Württemberg e. V., reflektiert den Zusammenhang von Ökologie, Schöpfung und Nachhaltigkeit in der frühkindlichen Erziehung.

[…]

Die gesamte Rezension findet sich in: engagement 39 (2021), Heft 1, S. 58 f.

Neuerscheinung: Kindheitspädagogik

Mit deutlicher Verspätung ist Heft 1/2021 von „engagement“ erschienen. Das Themenheft der Zeitschrift für Erziehung und Schule ist dieses Mal der Kindheitspädagogik gewidmet. Die Elementarbildung zählt international aus katholischer Sicht zum Bildungswesen, weshalb sich die Zeitschrift katholischer Schulen dieses Mal der frühen Bildung und Erziehung annimmt. Verantwortlicher Herausgeber des Thementeils ist Rafael Frick (Pädagogische Hochschule Ludwigsburg).

Im Rezensionsteil werden besprochen:

  • Sabine Seichter: Das „normale“ Kind. Einblicke in die Geschichte der schwarzen Pädagogik,Weinheim/Basel 2020 (Rez.: Johannes Gutbrod).
  • Heike Helmchen-Menke: Ins Leben begleiten. Religionssensibel durch den Familienalltag, Ostfildern 2020 (Rez.: Ruth Herb).
  • Magdalene Simpfendörfer-Autenrieth, Antje Helmond (Hgg.): Unter neuen Vorzeichen, o. O. (Weinstasdt/Rems) 2020 (Rez.: Axel Bernd Kunze).
  • Friedemann Kreuder, Stefanie Husel (Hgg.): Spiele spielen. Praktiken, Metaphern, Modelle, Paderborn 2018 (Rez.: Katharina Dübgen).
  • Doreen Blumhagen: Unterrichtseinstiege Religion, 2. Aufl., Berlin 2017 (Rez.: Björn Igelbrink).
  • Julian Nida-Rümelin: Unaufgeregter Realismus. Eine philosophische Streitschrift, Leiden 2018 (Rez.: Jan Dochhorn).
  • Mathias Brodkorb, Katja Koch: Der Abiturbetrug. Vom Scheitern des deutschen Bildungsföderalismus. Eine Streitschrift, Springe/Deister 2020 (Rez.: Axel Bernd Kunze).
  • Sarah Knausenberger: Die blaue Ritterin, Stuttgart 2021 (Rez.: Angela Hagen).
  • Sarah Michaela Orlovsky: Eine halbe Banane und die Ordnung der Welt, Innsbruck 2021 (Rez.: Manuela Hantschel).
  • Susanne Orosz: Wasser. Geschichten zum Plauschen, Staunen und Forschen, Hamburg 2021 (Rez.: Christinae Raeder).
  • Kathleen Verecken: Alles wird gut, immer, Hildesheim 2021 (Rez.: Barbara Dorn).

Redakteur der Rezensionsabteilung ist Axel Bernd Kunze

Naturwissenschaftlich-technische Frühbildung: Zwölf Jahre „Forschen und Experimentieren“ in der baden-württembergischen Erzieherausbildung – Kooperation ist verlängert worden

Stärkung der Kompetenzen im MINT-Bereich für angehende Erzieherinnen und Erzieher

Vereinbarung zur weiteren Kooperation in der Technik-ErzieherInnen-Akademie (TEA) zwischen Südwestmetall, dem Ministerium für Kultus, Jugend und Sport sowie der Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ unterzeichnet.

Stuttgart, den 14.10.2021. Bereits seit 2009 besteht zwischen dem Arbeitgeberverband Südwestmetall, dem Ministerium für Kultus, Jugend und Sport sowie der bundesweiten Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ die Vereinbarung, sich in der Ausbildung angehender pädagogischer Fachkräfte gemeinsam zu engagieren und die Vermittlung von MINT-Inhalten zu fördern. Seit 2012 haben alle Fachschulen für Sozialpädagogik landesweit die Möglichkeit, ihren Schülerinnen und Schülern durch das Angebot des Wahlpflichtfachs „Forschen und Experimentieren“ eine weitergehende Auseinandersetzung mit MINT-Inhalten zu ermöglichen. Diese Vereinbarung wurde heute zum vierten Mal verlängert.

Die im Rahmen der Unterzeichnung präsentierten MINT-Projekte aus dem Unterricht der Ev. Fachschule in Weinstadt-Beutelsbach sowie der Mettnau-Schule Radolfzell unterstrichen eindrucksvoll das Engagement der Schulen in diesem Kontext und gewährten einen Einblick in die Praxis.

Staatssekretär Volker Schebesta MdL lobt die TEA: „Wir freuen uns, dass TEA weitergeführt wird und damit die Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher gestärkt wird. Die naturwissenschaftlich-technische Bildung ist auch im frühkindlichen Bereich wichtig. Sie stellt das Verstehen von Phänomenen in das Zentrum – so können die Erzieherinnen und Erzieher die Kinder schon früh für Naturwissenschaft und Technik begeistern.“

„Die TEA ist seit einem Jahrzehnt eine absolute Erfolgsgeschichte“, so der für Bildungspolitik verantwortliche Geschäftsführer von Südwestmetall, Stefan Küpper. „Sie hat mit den Grundstein für eine nachhaltige Verankerung von MINT in der frühkindlichen Bildung in Baden-Württemberg gelegt. Das macht uns durchaus stolz, ist uns aber vor allem Ansporn hier nicht nachzulassen“, so Küpper. 2

Mit der auf Initiative von Südwestmetall geschaffenen TEA werden Lehrkräfte in der Umsetzung dieser Inhalte qualifiziert und unterstützt. Die Bedeutung von MINT-Themen schon in der Ausbildung pädagogischer Fachkräfte wird durch die erneute Unterzeichnung der weiteren Kooperation deutlich. Aufgrund sehr positiv gemachter Erfahrungen der letzten Jahre bringen sich die Partner auch weiterhin durch geeignete Bildungsangebote in das Projekt ein und gewähren so eine nachhaltige Unterstützung in der MINT-Bildung angehender Erzieherinnen und Erzieher.

Information zur Initiative „Südwestmetall macht Bildung“

Die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen hängt entscheidend von der Qualifikation der Menschen ab. Deshalb engagiert sich der Arbeitgeberverband Südwestmetall mit der Initiative „Südwestmetall macht Bildung“ in allen Bereichen der Aus- und Weiterbildung. „Südwestmetall macht Bildung“ entwickelt Konzepte entlang der gesamten Bildungsbiografie – angefangen in Kindergärten und Schulen über Hochschulen bis hin zu Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen. Durchgeführt wird „Südwestmetall macht Bildung“ vom Bildungswerk der Baden- Württembergischen Wirtschaft e. V.

„Südwestmetall macht Bildung“ steht für ein konsequentes Engagement in allen Phasen der Bildungsbiographie.

Dabei setzen wir Impulse in sieben Themenclustern:

• Förderung von MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik)

• Qualität in der Schule

• Ökonomische Bildung und Berufsorientierung

• Übergang in die Ausbildung

• Kooperationen von Hochschulen und Wirtschaft

• Aus- und Fortbildung von Pädagogen

• Familie und Frühförderung

(Maria Leinweber; Quelle: gemeinsame Pressemitteilung der Initiative Südwestmetall macht Bildung, des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg und der Stiftung Haus der kleinen Forscher)

Gerechtigkeitsfragen in der Elementarbildung

Der folgende Beitrag wurde am 23. Juli 2021 als Schulleitungsrede im Rahmen einer feierlichen Zeugnisübergabe am Ende des schulischen Teils der Erzieherausbildung gehalten.

Ein in vielerlei Hinsicht denkwürdiges und besonderes Schuljahr liegt hinter uns. Gleiches gilt für Ihre Arbeit in der Praxis. Aus der schulischen Ausbildung, die Sie heute abschließen, wissen Sie, wie wichtig die Frage nach Nähe und Distanz, nach dem ausgewogenen Verhältnis von Nähe und Distanz für den pädagogischen Beruf ist. Die pandemiebedingten Einschränkungen haben vielfach Distanz erzwungen. Und auf diese Weise konnte der besondere Wert von Nähe, Beziehung und Präsenz, die für pädagogische Arbeit unverzichtbar sind, wenn auch schmerzlich, aufs Neue bewusst werden.

Dennoch gingen Schule und Ausbildung weiter, wenn auch mit deutlichen Einschränkungen. Sie konnten Ihre schulische Ausbildung erfolgreich abschließen. Und das wollen wir heute im feierlichen.

Freispielzeit am Morgen – plötzlich gibt es Streit zwischen zwei Jungen, die sich um ein Spielzeugauto balgen. Die Erzieherin muss schlichten: „Ich will auch mal. Der hat schon die ganze Zeit das Auto“, mault einer der beiden Kontrahenten. Oder gemeinsames Essen am Nachmittag: Ein Kind in der Gruppe feiert Geburtstag, der Kuchen ist aufzuteilen. Soll jedes Kind ein gleich großes Stück vom Kuchen erhalten? Oder sollen die kleineren Kinder weniger große Stücke als die älteren in der Gruppe erhalten? – Die Beispiele zeigen: Immer wieder stellen sich im Kindergartenalltag Gerechtigkeitsfragen. Die Kindergartengruppe ist ein wichtiger Ort, an dem Kinder schon sehr früh Gerechtigkeitsprobleme erleben. Und die Erzieherin spielt dabei eine wichtige Rolle: An ihrem Vorbild können die Kinder konkret erleben, wie im sozialen Miteinander mit Gerechtigkeitsproblemen umgegangen werden kann.

Im Kindergartenalltag stellen sich immer wieder Gerechtigkeitsprobleme, die von den Kindern und pädagogischen Fachkräften gelöst werden müssen. Die Kinder erleben in der Gruppe, wie reale Verteilungsfragen gelöst werden und nach welchen Kriterien dabei vorgegangen wird.

Zum pädagogischen Auftrag von Kindertageseinrichtungen gehört es, dass die Kinder mit diesen Erfahrungen nicht allein gelassen werden. Im Rahmen ihres Bildungs- und Erziehungsauftrags sollen die Erzieherinnen und Erzieher den Kindern helfen, diese Erfahrungen zu ordnen, zu verarbeiten und zu reflektieren. So sollen die Kinder schrittweise auf das Leben in der Gesellschaft vorbereitet werden. Sie sollen in ihrer Moralentwicklung gefördert werden und immer stärker jene Fähigkeiten erwerben, die notwendig sind, um Gerechtigkeitsprobleme zu erkennen, sich damit auseinanderzusetzen und moralische Konflikte konstruktiv zu lösen.

Kurz gesagt: Es geht um die Befähigung zu Mündigkeit und Selbständigkeit. Sie als angehende Erzieherinnen und Erzieher haben die wichtige Aufgabe, Kinder in den entscheidenden frühen Jahren ihrer Entwicklung dabei zu begleiten, ihre Fähigkeit zum Freiheitsgebrauch und zur Verantwortungsübernahme zunehmend auszubauen und weiterzuentwickeln.

Wird unser Bildungs- und Erziehungssystem, werden unsere Kindertageseinrichtungen diesen Ansprüchen gerecht? Die Frage kann nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantwortet werden, und schon gar nicht abschließend, ein für alle Mal. Gerechtigkeit ist dynamisch zu denken. Das heißt: Es bleibt eine fortdauernde Aufgabe, die bestehenden Institutionen immer wieder einer beständigen, nicht abschließbaren Selbstüberprüfung zu unterziehen. Ein vollständig „gerechtes“ Bildungs- und Erziehungssystem – wie immer man sich dieses auch vorzustellen hätte – wäre notgedrungen statisch und nicht mehr verbesserungsfähig.

Die entscheidende Frage lautet nicht: Wann ist ein Kindergarten gerecht, wann ist eine Pädagogische Fachkraft gerecht? Vielmehr sollte gefragt werden: Wie kann ein Kindergarten, wie können die Pädagogischen Fachkräfte, die dort arbeiten, den einzelnen Kindern gerecht werden?

Ich hoffe, Sie haben an der Fachschule und am Lernort Praxis das nötige Rüstzeug erhalten, diesen und anderen Fragen eigenständig nachzugehen und eigene Antworten zu finden. Ihr Abschlusszeugnis dokumentiert dies. Wir sind sicher, dass sie den Ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen gerecht werden können. Unsere herzlichen Glück- und Segenswünsche begleiten Sie in Ihre neuen Aufgaben, die jetzt kommen werden.

Den Kindern gerecht werden

Der folgende Beitrag wurde am 22. Juli 2021 als Schulleitungsrede zur feierlichen Zeugnisübergabe mit Verleihung der staatlichen Anerkennung als Erzieher oder Erzieherin gehalten.

Freispielzeit am Morgen – plötzlich gibt es Streit zwischen zwei Jungen, die sich um ein Spielzeugauto balgen. Die Erzieherin muss schlichten: „Ich will auch mal. Der hat schon die ganze Zeit das Auto“, mault einer der beiden Kontrahenten. Oder gemeinsames Essen am Nachmittag: Ein Kind in der Gruppe feiert Geburtstag, der Kuchen ist aufzuteilen. Soll jedes Kind ein gleich großes Stück vom Kuchen erhalten? Oder sollen die kleineren Kinder weniger große Stücke als die älteren in der Gruppe erhalten? – Die Beispiele zeigen: Immer wieder stellen sich im Kindergartenalltag Gerechtigkeitsfragen. Die Kindergartengruppe ist ein wichtiger Ort, an dem Kinder schon sehr früh Gerechtigkeitsprobleme erleben. Und die Erzieherin spielt dabei eine wichtige Rolle: An ihrem Vorbild können die Kinder konkret erleben, wie im sozialen Miteinander mit Gerechtigkeitsproblemen umgegangen werden kann.

Im Kindergartenalltag stellen sich immer wieder Gerechtigkeitsprobleme, die von den Kindern und pädagogischen Fachkräften gelöst werden müssen. Die Kinder erleben in der Gruppe, wie reale Verteilungsfragen gelöst werden und nach welchen Kriterien dabei vorgegangen wird.

Zum pädagogischen Auftrag von Kindertageseinrichtungen gehört es, dass die Kinder mit diesen Erfahrungen nicht allein gelassen werden. Im Rahmen ihres Bildungs- und Erziehungsauftrags sollen die Erzieherinnen und Erzieher den Kindern helfen, diese Erfahrungen zu ordnen, zu verarbeiten und zu reflektieren. So sollen die Kinder schrittweise auf das Leben in der Gesellschaft vorbereitet werden. Sie sollen in ihrer Moralentwicklung gefördert werden und immer stärker jene Fähigkeiten erwerben, die notwendig sind, um Gerechtigkeitsprobleme zu erkennen, sich damit auseinanderzusetzen und moralische Konflikte konstruktiv zu lösen.

Zum Beispiel sollen Kinder lernen, sich in den anderen hineinzuversetzen sowie prosoziales Verhalten und Empathie zu entwickeln. Dies geschieht etwa, wenn die Erzieherin ein Kind, das ein anderes Mitglied der Gruppe geschlagen hat, auffordert, darüber nachzudenken, wie der andere sich jetzt wohl fühlen mag. Erzieherinnen sollten die Konflikte von Kindern behutsam begleiten, aber nicht einfach über deren Kopf hinweg beenden – so nehmen sie den Kindern wichtige Lernchancen. Oder: Die Kinder sollen lernen, begehrtes Spielzeug mit anderen in der Gruppe zu teilen und gemeinsam damit zu spielen. Auf diese Weise bekommen sie ein Gespür dafür, dass vieles nur begrenzt verfügbar ist und eigene Bedürfnisse mitunter zugunsten anderer zurückgestellt werden müssen.

Die Kindertageseinrichtung ist ein entscheidender Ort frühkindlicher Werterziehung und sozialen Lernens. Die Pädagogischen Fachkräfte sind dabei für die Kinder ein wichtiges Vorbild, schon allein aufgrund der moralpsychologischen Entwicklungsvoraussetzungen in der frühen Kindheit. Denn in diesem Alter sind Kinder noch nicht in der Lage, in moralischen Kategorien zu denken; diese sind viel zu abstrakt für den Stand ihrer kognitiven oder emotionalen Entwicklung. Sie orientieren sich sehr stark an den Regeln und Maßstäben, die von wichtigen Bezugspersonen, den Eltern oder Erziehern, vorgegeben werden. Mit zunehmendem Alter lernen die Kinder aber, die Gegenseitigkeit menschlichen Verhaltens wahrzunehmen.

Wo Kinder gefragt und in Entscheidungen einbezogen werden, lernen sie, ihre eigenen Bedürfnisse und das, was ihnen wichtig und „wert-voll“ ist, mitzuteilen. Im gemeinsamen Austausch, z. B. im Morgenkreis oder in der Kinderkonferenz, können sie lernen, auch die Anliegen und Ansprüche der anderen wahrzunehmen. Sie werden merken: Was mir wertvoll ist, kann der andere vielleicht ganz anders beurteilen. Und schon gibt es Wertkonflikte. Diese sollten nicht unterdrückt werden. Sie sollten gemeinsam geklärt werden. Dann können die Erfahrungen, welche die Kinder dabei sammeln, zu wertvollen Lernerfahrungen werden. Die eigenen Werte müssen begründet werden. Ansprüche von anderen müssen geprüft werden. Die Kinder müssen ihre unterschiedlichen Vorstellungen abwägen, Kompromisse schließen oder lernen, andere Ansprüche auch einmal abzuweisen.

Wirksame Möglichkeiten zur Mitwirkung und Mitbestimmung werden sich vor allem aus den alltäglichen Situationen in der Gruppe oder Einrichtung ergeben, weniger aus arrangierten Angeboten. Und gerade solche realen Erfahrungen können für die Werterziehung äußerst fruchtbar sein. Denn Vorsicht! Nicht überall und in jeder Situation sollte vorschnell von Beteiligung gesprochen werden. Wo alles und jedes immer schon Beteiligung sein soll, und das auch noch möglichst vollwirksam, verkommt der ethisch wie pädagogisch höchst anspruchsvolle Beteiligungsgedanke zur billigen Floskel oder ist nur noch bloßes Mittel zum Zweck – mit vielleicht ungewollten Folgen.

Schon Kinder merken, wenn sie sich zwar beteiligen sollen, aber die Erzieherin oder der Erzieher im Grunde schon alles selbst entschieden hat. Wo wirksame Beteiligung zwar behauptet, aber letztlich doch nur arrangiert ist, wird Beteiligung praktisch wertlos. Ambivalenz war noch nie ein guter Ratgeber für Erziehung. Und wer den Eindruck gewinnt, immer schon alles zu bekommen, braucht sich gar nicht mehr anzustrengen. Kinder müssen auch einmal die Erfahrung machen, sich an einer widerständigen, nicht immer optimal an sie angepassten Umwelt abarbeiten zu müssen.

Mit ethischen Konflikten umgehen zu können, müssen Kinder schrittweise lernen. Hierfür braucht es einen geschützten Raum, die gestaltete Umgebung in der Kindertageseinrichtung. In der Werterziehung kommt es darauf an, Konflikte nicht zu unterbinden, sondern die Kinder dabei zu begleiten, mit Konfliktsituationen umzugehen – und zwar so, dass die Kinder dabei immer schon als eigenständige Persönlichkeiten ernstgenommen werden. Zugleich gilt es aber das rechte Maß zu wahren: Die Erzieher und Erzieherinnen sollten die Kinder genauso wenig mit den Herausforderungen und Entscheidungen, die im sozialen Zusammenleben zwangsläufig auf sie zukommen, allein lassen. Dies wäre eine Überforderung.

Wirksame Beteiligung setzt das Vermögen voraus, im Ernstfall auch die notwendigen, vielleicht schmerzhaften Konsequenzen der eigenen Entscheidung tragen zu können. Wir sollten in der Elementarbildung daher den Mut haben, nicht überall von Beteiligung zu reden. Vielfach wäre es angemessener, von Mündigkeit und Selbständigkeit zu sprechen, zu der die Kinder erzogen werden sollen. Denn Erzieherinnen und Erzieher haben die wichtige Aufgabe, Kinder in den entscheidenden frühen Jahren ihrer Entwicklung dabei zu begleiten, ihre Fähigkeit zum Freiheitsgebrauch und zur Verantwortungsübernahme zunehmend auszubauen und weiterzuentwickeln.

Wird unser Bildungs- und Erziehungssystem, werden unsere Kindertageseinrichtungen diesen Ansprüchen gerecht? Die Frage kann nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantwortet werden, und schon gar nicht abschließend, ein für alle Mal. Gerechtigkeit ist dynamisch zu denken. Das heißt: Es bleibt eine fortdauernde Aufgabe, die bestehenden Institutionen immer wieder einer beständigen, nicht abschließbaren Selbstüberprüfung zu unterziehen. Ein vollständig „gerechtes“ Bildungs- und Erziehungssystem – wie immer man sich dieses auch vorzustellen hätte – wäre notgedrungen statisch und nicht mehr verbesserungsfähig.

Die entscheidende Frage lautet nicht: Wann ist ein Kindergarten gerecht, wann ist eine Erzieherin oder ein Erzieher gerecht? Vielmehr sollte gefragt werden: Wie kann ein Kindergarten, wie können die Pädagogischen Fachkräfte, die dort arbeiten, den einzelnen Kindern gerecht werden?

Liebe Absolventinnen und Absolventen, ich hoffe, Sie haben an der Fachschule und am Lernort Praxis das nötige Rüstzeug erhalten, diesen und anderen Fragen eigenständig nachzugehen und eigene Antworten zu finden. Die staatliche Anerkennung dokumentiert dies. Wir sind sicher, dass sie den Ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen gerecht werden können. Unsere herzlichen Glück- und Segenswünsche begleiten Sie in Ihren neuen Beruf und in Ihre neuen Aufgaben, die jetzt kommen werden.

Schlaglicht: Impfen – keine Privatsache?

Die aufkommende Debatte um eine Impfpflicht war heute sowohl Hauptaufmacher als auch Kommentarthema in der F.A.Z. vom 14. Juni 2021 – hierzu ein paar Gedanken: Beteuerungen der Politik, es werde keine Impfpflicht geben, stehen auf schwankendem Grund. Ein Mitglied des Ethikrates fordert offen eine Impfpflicht für Erzieher und Lehrer. Und wieder ist es der bayerische Ministerpräsident, der in erster Reihe Front macht: Impfen sei „keine Privatsache“.

Eine Impfpflicht widerspricht einem christlichen Menschenbild, das auf Mündigkeit und Eigenverantwortung setzt. Sie widerspricht dem Wesenskern des freiheitlichen Rechts- und Verfassungsstaates. Und sie wäre angesichts der noch ungenau erforschten neuen genbasierten Impfstoffe ein gewaltiger Tabubruch. Ein Staat, der den Körper seiner Untertanen – Verzeihung: Staatsbürger – kollektiviert, verhält sich totalitär. Nicht nur die öffentliche Polarisierung würde zunehmen, auch Loyalität gegenüber dem Staat, Vertrauen in Recht und Gesetz sowie grundlegende Prinzipien unseres Zusammenlebens würden irreparabel beschädigt.

Gewiss, es gibt Gemeinwohlbelange. Auch diese müssen sorgfältig abgewogen werden. Doch vor körperlichen Zwangseingriffen müssen alle anderen, milderen Mittel ausgeschöpft sein.  Hierzu zählt auch, auf Impfstoffe auf konventioneller Basis zu warten. Immerhin sind diese von Minister Spahn schon eingekauft. Ihre Zulassung steht hoffentlich bald bevor. Will der Staat freie, selbstbewusste, eigenverantwortliche Staatsbürger und keine gefügigen Untertanen, muss bei Buchung eines Impftermins auch der Impfstoff bekannt sein. Dies baut Vorbehalte ab und schafft Vertrauen in eine Impfung.

Zwei Neuerscheinungen zur Erzieherausbildung und zur Elementarbildung

Im Onlinehandbuch www.kindergartenpaedagogik.de ist in der Rubrik „Erzieher/in: Ausbildung an Fachschulen“ ein Beitrag zur Rolle von Internaten an Fachschulen für Sozialpädagogik erschienen:

Axel Bernd Kunze: Art. Welche Rolle spielen Internate an Fachschulen für Sozialpädagogik? Überlegungen aus bildungsethischer Sicht, in: Martin R. Textor/Antje Bostelmann (Hgg.): Das Kita-Handbuch (Klax Kreativ UG, Berlin, 2021).

https://www.kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/ausbildung-studium-beruf/erzieher-in-ausbildung-an-fachschulen/welche-rolle-spielen-internate-an-fachschulen-fuer-sozialpaedagogik

Das neue Themenheft TPS spezial 4/2021 der Zeitschrift TPS – Theorie und Praxis der Sozialpädagogik widmet sich Gerechtigkeitsfragen in der Elementarpädagogik. Weitere Informationen zum Heft finden sich unter:

https://www.klett-kita.de/shop/zeitschriften/tps-theorie-und-praxis-der-sozialpaedagogik/tps-heft-4-21

Als Autor habe ich folgenden Beitrag zum Themenheft beigesteuert:

Axel Bernd Kunze: Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Gerechtigkeit kommt nicht von allein. Unser Autor beschreibt, wie Fachkräfte Kinder dabei unterstützen können, moralische Konflikte zu lösen, Empathie zu trainieren – und warum er Mündigkeit besser als Beteiligung findet, in: TPS spezial – Theorie und Praxis der Sozialpädagogik [Das Prinzip Gerechtigkeit] (2021), H. 4/Sonderheft Frühling, 2021, S. 32 – 35.

Schriftenverzeichnis aktualisiert

Über das Wissenschaftsportal Academie erhalten Sie Zugriff auf ein aktualisiertes, vollständiges Schriftenverzeichnis (Stand: 8. Mai 2021):

Axel Bernd Kunze: Thematisch geordnetes Schriftenverzeichnis, Waiblingen (Rems) 2021.