Initiative „Für Freiheit im Bildungssystem“: Gedanken zum Ende von Gaucks Amtszeit

Vor fünf Jahren wurde der ehemalige DDR-Bürgerrechtler und Beauftragte für die Unterlagen der ehemaligen DDR-Staatssicherheit, Joachim Gauck, zum Bundespräsidenten gewählt. Vertreter aus Bildung und Wissenschaft nahmen seine Wahl damals zum Anlass für einen Offenen Brief, der auf problematische Entwicklungen im Bildungs- und Wissenschaftssystem hinweisen wollte: Für Freiheit im Bildungssystem. Initiator des Briefes war der Neutestamentler und Judaist, Dr. Jan Dochhorn. Immer wieder hatte Gauck in Reden und Vorträgen vor seiner Wahl das Thema Freiheit in den Mittelpunkt gestellt. Die Unterzeichner wollten darauf aufmerksam machen, dass die Freiheit mittlerweile auch in unserem Bildungs- und Wissenschaftssystem zu einem bedrohten Gut geworden ist.

Die Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Als Bundespräsident blieb Gauck weiterhin in der Konfliktkonstellation des Systemgegensatzes zwischen West und Ost gefangen. Gauck hatte die verändernde Kraft der Freiheit als Bürgerrechtler selbst erfahren, dies wird man ihm zugestehen müssen. Nun aber war sie für ihn, der die Unfreiheit am eigenen Leib erfahren hatte, zum festen Besitz geworden. Neuerliche Bedrohungen der Freiheit wollte oder konnte Gauck nicht sehen – für den Antikommunisten hatte sich die verändernde Kraft der Freiheit, an die er einmal geglaubt hatte, mit dem Ende des Ost-West-Gegensatzes aufgebraucht. In der Folge erwies sich Gauck als äußerst biegsam und anpassungsbereit. Die politische Klasse musste von ihm keine kritischen Einwände befürchten. Ja, er stärkte schließlich der Bundeskanzlerin und ihrer gesinnungsethisch ausgerichteten Politik in der Migrationskrise demonstrativ den Rücken: eine Einmischung in die Partei- und Tagespolitik, die unter anderen Vorzeichen zu einer erregten Debatte über die verfassungsgemäße Rolle des Bundespräsidenten geführt hätte.

„Unser Land“, von dem Gauck in seiner Antrittsrede sprach, ist nicht zu einem Land gestärkter Freiheit geworden. Je länger Gaucks Amtszeit währte, desto anachronistischer wirkte sein Freiheitspathos. Was hätte sich aus Perspektive der Freiheit alles sagen lassen – zu einer Demokratie, die von Krise zu Krise hetzt; zu einer Politik, die der Krisen Herr werden will, indem sie sich über bestehendes Recht und bestehende Verträge hinwegsetzt; zu Debatten über eine Postdemokratie, in der politische Entscheidungen immer mehr auswandern in intransparente, transnationale Institutionen; zu einer moralisierenden Flüchtlingspolitik, über die bis heute nicht parlamentarisch entschieden wurde; über eine Selbstermächtigung der Exekutive, die in der Migrationskrise sogar soweit ging, die staatsrechtlichen Grundlagen des eigenen Gemeinwesens in Frage zu stellen; zur schleichenden Aushöhlung der Freiheit in einer Gesellschaft, die das Verhalten ihrer Mitglieder immer stärker durch unausgesprochene Verhaltenserwartungen und soziale Normvorstellungen zu steuern versucht … Gauck erkannte die neuen Gefährdungen der Freiheit nicht.

Sein Biograph Mario Frank (Suhrkamp, 2014) kritisierte, dass die Freiheit für Gauck nur „Vehikel“ und „Mittel zum Zweck“ gewesen sei, um „öffentliche Anerkennung und Bewunderung“ zu ernten: „Er wollte die Früchte seiner Lebensarbeit genießen.“ Er stolperte über seine eigene Eitelkeit und verstieg sich am 19. Juni 2016 vor laufenden Kameras sogar zu der Behauptung: „Die Eliten sind gar nicht das Problem, die Bevölkerungen sind im Moment das Problem, dass wir stärker wieder mit denen das Gespräch suchen.“ Der ehemalige Bürgerrechtler merkte noch nicht einmal, in welche Nähe er damit zum Diktum Bertolt Brechts kam, der nach dem 17. Juni 1953 der SED-Führung empfahl, sich ein neues Volk zu wählen.

Gauck verzichtete auf eine zweite Amtszeit. Am 12. Februar 2017 wurde Frank-Walter Steinmeier zu seinem Nachfolger gewählt. In seiner Antrittsrede ruft er dazu auf, „mutig“ für Freiheit und Demokratie einzutreten. Wie wahr – nur müsste dieser Einsatz für die Freiheit mehr sein als die übliche politische Konvention. Auch die Anliegen des Offenen Briefes „für ein freiheitliches Bildungssystem und für die Freiheit von Forschung und Lehre“ haben sich nicht erledigt.

Vortrag: Gedanken zur Jahreslosung 2017 – aus theologischer und pädagogischer Sicht

Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.

Die evangelische Jahreslosung für 2017 steht beim Propheten Hesekiel, Kapitel 36, Vers 26. Nehmen wir die Worte im Zusammenhang wahr – mit den Worten der neu revidierten Lutherbibel:

Denn ich will euch aus den Völkern herausholen und euch aus allen Ländern sammeln und wieder in euer Land bringen, und ich will reines Wasser über euch sprengen, dass ihr rein werdet; von all eurer Unreinheit und von allen euren Götzen will ich euch reinigen. Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun. Und ihr sollt wohnen im Lande, das ich euren Vätern gegeben habe, und sollt mein Volk sein, und ich will euer Gott sein.

Ich will euch von all eurer Unreinheit erlösen und will das Korn rufen und will es mehren und will keine Hungersnot über euch kommen lassen. Ich will die Früchte der Bäume und den Ertrag des Feldes mehren, dass euch die Völker nicht mehr verspotten, weil ihr hungern müsst. Dann werdet ihr an euren bösen Wandel denken und an euer Tun, das nicht gut war, und werdet euch selbst zuwider sein um eurer Sünde und eurer Gräuel willen. [Hesekiel 36, 24 – 31]

Soweit die Worte aus dem Alten Testament. Drei Gedanken möchte ich anschließen – als Theologe und Pädagoge.

1. Wer kann einen neuen Anfang schaffen?

Die Worte des Propheten Hesekiel sind schwer einzuordnen: Die Worte bergen einerseits eine Verheißung. Andererseits kleidet der Prophet diese in eine unmissverständlich scharfe Form. Gott fällt ein hartes Urteil über das Treiben der Menschen und die Regungen ihres Herzens. Auch die Zeitgenossen Hesekiels mögen irritiert gewesen sein von dem, was der Prophet ihnen zuruft: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.

Diese Zusage mag wie blanker Hohn geklungen haben: Im Jahre 587 vor Christus wurden die Stadt Jerusalem und der religiöse Mittelpunkt des Volkes, der Jerusalemer Tempel, zerstört. Die Oberschicht wurde deportiert. Hesekiel selbst war einer der ersten, die als Vasallen in die Verbannung nach Babylon verschleppt wurden. Die verhärteten Herzen der Israeliten mögen noch am steinernen Heiligtum in Jerusalem gehangen haben. Doch wozu? Das Heiligtum lag in Trümmern. Gott schien sich abgewandt zu haben. Er schien das Volk im Stich gelassen zu haben.

In einer solchen Situation fällt es schwer, den Worten zu glauben, die der Prophet spricht. Und tatsächlich wollten längst nicht alle seine Worte hören. Viele hatten dann doch die Hoffnung aufgegeben, sich vom alten Glauben der Väter abgewandt oder sich zumindest mit den Verhältnissen im Exil arrangiert.

Doch der Prophet hält an den alten Verheißungen fest. Wer, wenn nicht Gott allein kann einen neuen Anfang schaffen!? Wer, wenn nicht Gott allein kann neue Hoffnung geben und die Herzen der Menschen erneuern!? Wer, wenn nicht Gott allein kann den sündigen Menschen in seinem Innersten erreichen!? Der Mensch allein kann das nicht schaffen – gleich, woran er sein Herz hängt.

2. Wie schafft Gott einen neuen Anfang?

Und hier wird aus der schonungslosen Diagnose des Propheten eine Verheißung: Gott weiß, dass Israel es nicht allein schaffen wird. Das Herz ist verhärtet, der Wille gebrochen. Doch Gott macht den ersten Schritt; er ermöglicht Umkehr und Erneuerung. Gott schafft einen radikalen Neuanfang und bricht die versteinerten Herzen der Menschen auf. Er geht auf sein Volk zu und bietet eine lebendige Beziehung an, die tiefer geht und weiterreicht, als wir Menschen uns dies jemals versprechen könnten. Sein Zuspruch gilt. Und Gott schenkt uns das, was es dazu braucht: ein neues Herz und einen neuen Geist.

Dieser Zuspruch, diese Verheißung galt zuerst dem geschundenen Volk Israel. Und wie ist es mit uns heute? Noch ist das Jahr jung. Wir wissen nicht, was es bringen wird – für die Welt und für jeden Einzelnen persönlich? privat oder beruflich? politisch, gesellschaftlich oder kirchlich? Wenn wir in unsere Welt schauen, dann wissen wir, dass die Worte des Propheten Hesekiel nichts an Aktualität verloren haben. Die Verunsicherung ist groß. Ich will das jetzt gar nicht näher ausbuchstabieren. Der Mensch ist zu großen Leistungen fähig, zugleich kann sein Herz aber auch ein Abgrund sein. Immer wieder bedürfen wir der Umkehr und Neuausrichtung.

Und doch dürfen wir in dieses Jahr hineingehen mit der Verheißung, dass Gott diese Welt nicht im Stich lässt – damals wie heute. Für uns Christen gründet diese Zusicherung in der Menschwerdung Gottes in seinem Sohn Jesus Christus. Gott ist in diese Welt gekommen, um dem Menschen die Möglichkeit zu einer neuen Existenz zu schaffen. In Jesus Christus erkennen wir, welche Möglichkeiten der Mensch hat, wenn er Gottes Verheißungen wählt. Wer sich Jesus Christus anvertraut und sich taufen lässt, dem wird ein neues Herz geschenkt – oder wie es der Apostel Paulus an die Korinther geschrieben hat – eine Gemeinde, die es ihm wahrlich nicht immer leicht gemacht hat: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden.“

3. Welcher Verheißung wollen wir folgen?

Für jeden stellt sich die Frage, welcher Verheißung er folgen will. Der Mensch kann dieser Frage ausweichen, aber die Frage bleibt. Der Verheißungen, die nach unserer Aufmerksamkeit rufen, sind viele. Mitunter kann man den Eindruck gewinnen, dass hierzu auch die „Bildung“ gehört – als eine Art „Heilsversprechen“ der säkularisierten Wissensgesellschaft, das zum vermeintlichen Allheilmittel für alle sozialen Probleme geworden ist, auf die wir sonst keine Antwort wissen. Was soll die Schule nicht alles leisten? Fast kein Fach, das nicht schon von irgendeiner Lobbygruppe gefordert worden wäre: Klimakunde und Konsumerziehung, Datenschutzunterricht oder – wie der Bundeslandwirtschaftsminister vor kurzem gefordert hat – Ernährung. Selbst das Unterrichtsfach Glück gibt es bereits. Über eine Frage aber wird erstaunlich wenig diskutiert: Warum ist es überhaupt sinnvoll, sich zu bilden?

Wenn wir auf diese Frage keine Antwort mehr wissen, werden Motivation zur Bildung und Freude am Lernen nur schwer zu wecken sein. Bildung würde dann auch kaum als Genuss und Bereicherung des eigenen Lebens erfahren werden können. Bildung, die mehr sein will als Anpassung an äußere Erwartungen, braucht ein Fundament an Sinn, das innerpädagogisch allein nicht gelegt werden kann. Um einen solchen Lebenssinn muss sich jeder selbständig mühen. Aber wir können den Einzelnen, das Kind, den Schüler, den Heranwachsenden, dabei pädagogisch begleiten.

Wer sich bildet, soll sein Leben aktiv gestalten, sich nicht einfach nur treiben lassen oder äußeren Erwartungen oder Zwängen entsprechen. Dies gelingt nur, wenn Bildung mehr sein will als Wissensvermittlung, wenn sie den Einzelnen als sittliches und religiöses Subjekt ernst nimmt. Die Diagnose „bildungsarm“ wird schnell ausgesprochen. Heranwachsende können aber auch in anderer Hinsicht „arm“ sein: Gerade Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu nehmen, an sittlichen Beanspruchungen lernen und reifen zu können, kann nicht minder Ausdruck einer mangelnden Verantwortung gegenüber der jüngeren Generation sein. Bildung wird nicht über Konvention, Routine oder bloße Wissensaneigung hinausgehen, wenn nicht gleichzeitig die Frage nach dem tieferen Sinn menschlichen Daseins gestellt wird: Was trägt unser Leben? Auf welche Verheißungen können wir unser Leben gründen? Was dürfen wir für uns und unsere Welt erhoffen?

Ob eine Antwort auf diese Fragen gelingt, kann niemand garantieren – hier zeigt sich die Dramatik, mitunter auch tiefe Tragik menschlicher Existenz. Doch können wir pädagogisch dazu beitragen, dass der Einzelne Orte vorfindet, wo die Suche nach Sinn möglich ist, wo Sinn- und Wertfragen gestellt werden dürfen. Kinderhäuser und Schulen können und wollen hoffentlich solche Orte sein. Der Bundesverband evangelischer Ausbildungsstätten für Sozialpädagogik hat das evangelische Profil von Schule im vergangenen Jahr auf folgende Formel gebracht: Evangelische Bildung hat „nicht Funktion, sondern Bedeutung“, „nicht Zweck, sondern Wert“.

Dies können Kinder und Heranwachsende dort erfahren, wo religiöse und Sinnfragen pädagogisch nicht ausgeklammert werden. Es ist aus der Mode gekommen: Aber man kann auch von Charakter- und Herzensbildung sprechen. Bildung kann das Leben bereichern und beziehungsreicher machen, auch in religiöser Hinsicht. Wer aus christlicher Verantwortung pädagogisch tätig wird, ist herausgefordert, immer wieder neu über sein eigenes Sinnfundament und auch über den eigenen Glauben nachzudenken. Warum ist es sinnvoll, sich zu bilden? Bei der Suche nach Antworten auf diese Frage, dürfen wir uns der alten Verheißungen erinnern: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. – Das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden.

Erziehung aus gläubiger Verantwortung ist, nichts Geringeres als ein zentraler christlicher Liebesdienst, ein anderes Wort für Diakonie – ein wichtiger Dienst, von dem unser aller Zusammenleben profitiert, damit es ein gutes und gerechtes Zusammenleben wird. In diesem Jubiläumsjahr soll das letzte Wort dem gehören, der 1524 „An die Ratsherrn aller Städte deutschen Landes [geschrieben hat], daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“. Wovon Martin Luther schreibt, das haben Wilhelmine Canz, Johannes Bosco und andere christliche Erzieher in ihrer Zeit umgesetzt, mit den Mitteln und unter den Herausforderungen der damaligen Zeit. Das wollen wir auch heute noch umsetzen, wiederum mit den Mitteln und unter den Herausforderungen unserer Zeit: „Nun besteht das Gedeihen einer Stadt nicht allein darin, daß man große Schätze sammelt, feste Mauern, schöne Häuser, viele Kanonen und Harnische herstellt. Vielmehr, wo es viel davon gibt und es kommt in die Hände wahnsinniger Narren, so ist das ein um so schlimmerer und um so größerer Schaden für diese Stadt. Vielmehr das ist einer Stadt Bestes und ihr allerprächtigstes Gedeihen, ihr Wohl und ihre Kraft, daß sie viele gute, gebildete, vernünftige, ehrbare, wohlerzogene Bürger hat, die dann sehr wohl Schätze und alle Güter sammeln können, sie erhalten und recht gebrauchen. […] Nun, solche Männer müssen aus Knaben werden, und solche Frauen müssen aus Mädchen werden. Es ist also darum zu tun, daß man kleine Knaben und Mädchen dazu recht unterrichte und aufziehe.“

Gott segne unser pädagogisches und diakonisches Tun – in diesem noch jungen Jahr: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. – Das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden.

Weinstadt, 30. Januar 2017 – PD Dr. Axel Bernd Kunze

Rezension: G8 und die Kollateralschäden

Das „Fromm Forum“ 21/2017 (S. 103 f.) der Internationalen Erich Fromm Gesellschaft e. V. würdigt den Sammelband „weniger ist weniger – G8 und die Kollateralschäden“ (hg. v. Volker Ladenthin, Anja Nostadt und Jochen Krautz; Bonn 2016):

„Der Erziehungswissenschaftler Axel Bernd Kunze vertritt ein differenziertes Schulsystem, das das Menschenrecht auf Bildung umsetzt. Die Vermittlung der Fähigkeiten, aktiv etwas zur Gesellschaft beizutragen und sich selbst zu entfalten, setzte eine stützendes Ethos voraus. Für Kunze kommt es auf faire Chancengleichheit an, die die bestmöglichen Bedingungen für alle schafft. Die ungleiche Verteilung der Ergebnisse sei nicht ungerecht, solange Diskriminierungsfreiheit herrsche. Er greift die aktuelle Diskussion um die Realisierung der Inklusion auf, eine institutionelle Inklusion bringe neue Selektionsmechanismen, die noch unabsehbare, auch negative Konsequenzen hätten. Eine institutionelle Trennung sei nicht automatisch mit mangelnder Wertschätzung oder Ausschluss verbunden, sondern könne auch Ausdruck bestmöglicher Gerechtigkeit sein.“

„Fazit: ein sehr lesenswertes multiperspektivisches Buch. Der Optismismus über das Ende von G8 scheint gerechtfertigt, wenn in der aktuellen Diskussion in NRW keine Partei das G8 in dieser Form beibehalten will. Da die Lösungsvorschläge sehr disparat sind und die Rückkehr zum G9 Geld kosten wird, bleibt der Rezensent skeptisch. Er ist aber optimistisch, dass ‚trotz alledem und alledem‘ viele Schüler und Studenten nicht nur ein gelungenes Studium, sondern auch ein gelungenes Leben führen werden.“

Textauszüge: Georg Osterfeld (Rez.)

Nicht mehr der Freiheit und Wahrheitssuche verpflichtet? Eine Erinnerung an Ernst Moritz Arndt aus aktuellem Anlass

„Überhaupt bin ich nach meiner Ansicht der Dinge und nach der Erfahrung, die ich im Leben gemacht habe, der Meinung, dass für die Freiheit, welche akademische Freiheit heißt, fast gar keine Gesetze gegeben werden müssen, sondern dass die Jugend, welche bestimmt ist, einmal die Geister zu führen, durch das freieste Gesetz der Meinung und dadurch der freiesten Meister, durch den Geist beherrscht werden muss. […] Ja, wir müssen es aller Welt sagen, dass unsere Universitäten, dass die akademische Freiheit und der akademische Geist, der wie ein frischer Samen der Tugend und Ehre über das ganze Vaterland ausgesät wurde, unser Vaterland von Sklaverei errettet habe.“ (E. M. Arndt: Über den deutschen Studentenstaat, Köln 1921, S. 41. 47)

Der dieses Hohelied akademischer Freiheit gesungen hat, zählte zu den ersten Professoren der Bonner Universität. Sein Denkmal, 1865 eingeweiht, steht unweit der Universität auf dem Alten Zoll: Ernst Moritz Arndt, 1818 in Bonn zum Professor für Geschichte berufen, 1821 mit Lehrverbot belegt, 1826 im Zuge der Demagogenverfolgung vom Professorenamt suspendiert und 1840 durch Friedrich Wilhelm IV. rehabilitiert.

Arndt, dessen Bildungslehre wenig rezipiert worden ist, kennt noch nicht die systematische Unterscheidung zwischen Allgemein- und Fachbildung. Doch gibt es für ihn eine klare Reihenfolge:

„Nur im Amtskleide, nur im Amts- und Berufsgeschäfte müßte man den Bürger sehen, weil er da gilt, bei allen anderen Dingen sollte der Mensch immer vorscheinen, das Große vor dem Kleinen.“ (E. M. Arndt: Fragmente über Menschenbildung, Langensalza 1904, S. 176).

Arndt fragt nicht danach, was der Einzelne im Detail an Kenntnissen und Fertigkeiten für seinen Beruf braucht. Der gebildete Mensch – so seine Überzeugung – werde sich leicht, mit geschärftem Sinn und mit eigenem Urteil in die Bürgerpflichten einfinden. Die Studentenzeit ist für ihn jene Zeit, in der „eine neue akademische Ritterlichkeit in Tat und Gesinnung“ (Über den deutschen Studentenstaat, S. 45) geschaffen wird.

Ernst Moritz Arndt geizte keinesfalls mit wenig schmeichelhaften Ausdrücken über Pädagogen: „Kauzen- und Dohlengeschlecht“, „krächzende Geier“, „Flagellantenschar der faulen Rückenbläuer“ (vgl. R. Preul: Die Bildungslehre Ernst Moritz Arndts, in: D. Alvermann, I. Garbe [Hgg.]: Ernst Moritz Arndt. Anstöße und Wirkungen, Köln u. a. 2011, S. 15 – 30, hier: 23 f.). Hoffen wir, dass er diese Vorwürfe heute nicht mehr unbedingt wiederholen würde. In einem möge Arndt aber auch heute noch Recht haben, wenn er – wer weiß, wie lange noch!? – von seinem Sockel auf die Bonner Studenten herabblickt:

„Wer diese höchste Zeit des Daseins, diese deutsche Studentenzeit durchlebt und durchgespielt und durchgefühlt hat, wer in ihr gleichsam alle Schatten eines dämmernden Vorlebens und alle Masken einer beschränkteren und mühevolleren Zukunft in verkleideten Scherzen und mutwilligen Parodien durchgemacht hat, der nimmt in das ärmere Bürgerleben, dem er nachher heimfällt, und dem er seinen gebührlichen Zins abtragen muss, einen solchen Reichtum von Anschauungen und Phantasien hinüber, der ihn nie ganz zu einer chinesischen Puppe und zu einem hohlen und zierlichen Lückenbüßer und Rückenbücker der Vorzimmer werden lässt.“ (Über den deutschen Studentenstaat, S. 15)

 

An der Universität Greifswald soll nach einem Beschluss des Akademischen Senats vom 18. Januar 2017 Ernst Moritz Arndt aus dem Universitätsnamen getilgt werden. Dieser wurde seit 1954 wieder verwendet, nachdem das Staatssekretariat für Hochschulwesen in der DDR den früheren Namen amtlich bestätigt hatte. Jetzt will der Senat zum Namen Universität Greifswald zurückkehren, den die Einrichtung schon einmal zwischen 1945 und 1954 trug. Begründet wird die Namensänderung mit der internationalen Ausrichtung der Universität als einem „Ort fortschrittlicher Wissenschaft“.  Vom Ideal der Freiheit und der Verpflichtung der Wissenschaft zur „vor-urteilsfreien“ Wahrheitssuche ist keine Rede mehr. Ähnlichkeiten zum Sprachgebrauch nichtdemokratischer Zeiten an der Universität Greifswald sind selbstverständlich rein zufällig.

Informationen zur geplanten Namensänderung finden sich auf den Seiten der Universität Greifswald:

https://www.uni-greifswald.de/universitaet/information/aktuelles/detail/n/universitaet-greifswald-legt-namen-ernst-moritz-arndt-ab/

Neuerscheinung: Aus dem Gleichgewicht geraten?

Bildung und Sprache

… lautet der Themenschwerpunkt der Pädagogoischen Rundschau im November/Dezember 2016 (70. Jahrgang/2016, S. 619 ff.,).  Der von Professor Dr. Volker Ladenthin, Universität Bonn, konzipierte Thementeil umfasst folgende Beiträge:

Volker Ladenthin: Bildung und Sprache

Anke Redecker: Fachsprache im Unterricht. Von Geltungsansprüchen und Machtambitionen

Thomas Mikhail: Erziehungswissenschaft zwischen Syntaktik, Semantik und Pragmatik

Klaus Prange: Das Handwerk und das Mundwerk der Erziehung. Über das Verhältnis von Zeigen und Sagen

Harald Schwaetzer: Denken im Gespräch. Pädagogische Wege zu einer gemeinsamen Einsicht bei Nikolaus von Kues

Peter Lutzker: Rudolf Steiners Hypothese eines Sprachsinns und ihre Bedeutung für den Fremdsprachenunterricht und die Fremdsprachenlehrerausbildung der Waldorfschulen

Marion Pollmanns: „Was wirklich passiert“. Zur Rekonstruktioni der pädagogischen Logik, der Vermittlung anhand von Transskripten des Unterrichts sowie von Interviews mit Schülern

Jochen Krautz: Bild, Bildung und Sprache im Kunstunterricht. Theorie und Didaktik des kunstpädagogischen Bildgesprächs

Axel Bernd Kunze: Aus dem Gleichgewicht geraten? Die Debatte um Bildungsgerechtigkeit als Seismograph für Verschiebungen innerhalb des sozial- und menschenrechtsethischen Diskurses

Ines M. Breinbauer: Die unendliche Suche nach „Bildung“ in der „Sprache“

Werner Zillig: Das Wortfeld „Bildung“

Die „Pädagogische Rundschau“ ist eine der führenden pädagogischen Fachzeitschriften in deutscher Sprache. Sie fördert die Diskussion über die Grundlagen der Erziehungswissenschaft und stellt aktuelle Probleme des Fachgebietes dar. Die „Pädagogische Rundschau“ informiert über pädagogische Publizistik und wissenschaftliche Neuerscheinungen und bietet Erziehungswissenschaftlern und dem Nachwuchs ein Forum für den wissenschaftlichen Meinungsaustausch. (www.fachzeitungen.de)

Neuerscheinung: Nobelpreis und Leistung – Beitrag jetzt online zugänglich

Mit dem morgigen Luziafest, das in Schweden eine besondere Rolle spielt, geht traditionell die Nobelpreiswoche zu Ende. Vor 115 Jahren wurde der Nobelpreis erstmals verliehen. Der nach seinem Stifter, Alfred Nobel, benannte Preis würdigt hervorragende Leistungen auf den Gebieten der Naturwissenschaften, der Medizin, der Literatur und der Förderung des Friedens. Die Zeitschrift „Katholische Bildung“ nahm dieses Jubiläum zum Anlass,  der pädagogischen Bedeutung des Leistungsbegriffs nachzuspüren. Der Beitrag ist mittlerweile auch in der Onlineausgabe leicht zugänglich:

http://www.vkdl.de/pdf/katholische-bildung/2016-12-10+Katholische-Bildung_12-2016.pdf

Axel Bernd Kunze: Vor 115 Jahren wurde der Nobelpreis erstmals verliehen: Ein Anlass, nach der Rolle von Leistung in Schule und Pädagogik zu fragen, in: Katholische Bildung 117 (2016), H. 12, S. 485 – 495.

Neuerscheinung: Pädagogische Gedanken zum Leistungsbegriff – aus Anlass des Nobelpreisjubiläums

Seit 1901 wird am 10. Dezember, dem Todestag seines Stifters, alljährlich der Nobelpreis verliehen, der mithin in diesem Monat 115 Jahre alt wird. Die Zeitschrift „Katholische Bildung“ hat dies zum Anlass genommen, nach der Bedeutung des Leistungsgedankens für Schule und Pädagogik zu fragen:

Axel Bernd Kunze: Vor 115 Jahren wurde der Nobelpreis erstmals verliehen: Ein Anlass, nach der Rolle von Leistung in Schule und Pädagogik zu fragen, in: Katholische Bildung 117 (2016), Heft 12, S. 485 – 495.

Tagungsbericht: Bildung hat Wert, nicht Zweck

Was macht das besondere Profil evangelischer Bildung und evangelischer Schulen aus? Engagiert diskutierten die Vertreter evangelischer Fachschulen Mitte November in Berlin auf der diesjährigen Mitgliederversammlung des Bundesverbands evangelischer Ausbildungsstätten (BeA) über diese Frage. „Frühkindliche Bildung ist nicht zukunftsfixiert, sondern sie ist zukunftsoffen. Frühkindliche Bildung aus evangelischer Perspektive hat nicht Funktion, sondern sie hat Bedeutung. Frühkindliche Bildung aus evangelischer Perspektive hat nicht Zweck, sondern sie hat Wert“, fasste der Vorsitzende, Norbert Göttker, am Ende der beiden Sitzungstage das Selbstverständnis des Verbandes zusammen. Der BeA, ein Fachverband innerhalb der Diakonie Deutschland, ist die Interessenvertretung der evangelischen Fachschulen für Sozialpädagogik auf Bundesebene. Weitere Informationen finden sich unter: www.beaonline.de.

Neuerscheinung: Kritik am Kompetenztaumel

Ende Oktober 2016 erscheint ein neuer Band, der im Umkreis der Gesellschaft für Bildung und Wissen entstanden ist:
Hans Peter Klein: Vom Streifenhörnchen zum Nadelstreifen. Das deutsche Bildungswesen im Kompetenztaumel, Springe a. D.: zu Klampen 2016.

Deutschlands Schüler werden immer schlauer. Jahr für Jahr steigt die Abiturientenquote und die Anzahl der Absolventen mit Bestnoten. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht absehbar. Wirscheinen uns in einer Phase der beschleunigten Evolution von Intelligenz zu befinden. Wie konnte es dazu kommen? Der Bildungsforscher Hans Peter Klein hat über Jahre die Anforderungen für das Abitur in verschiedenen Bundesländern unter die Lupe genommen. Ein Versuch, den er in diesem Rahmen durchführte, sorgte landesweit für Schlagzeilen: Den Schülern einer neunten Klasse legte er die Abituraufgaben im Fach Biologie vor, und die scheiterten nicht, sondern konnten sie erfolgreich lösen. Sie mussten lediglich die in einem Text enthaltenen Informationen richtig wiedergeben. Wenn nur noch »Kompetenzen«, keine auf selbständigem Denken basierenden Erkenntnisse eingefordert werden, können schulische Leistungen zwar scheinbar exponentiell steigen, aber um den Preis, dass die Schüler nur noch für ihr späteres Berufsleben zugerichtet werden. Hans Peter Klein stellt die Absurditäten der Bildungsreformen seit PISA und Bologna bloß und beschreibt Szenarien, die sich zuweilen wie Satire lesen, jedoch bittere Realität sind – mit einschneidenden Konsequenzen für den Bildungs-, Wissenschafts- und Wirtschaftstandort Deutschland.

Hans Peter Klein unterrichtete viele Jahre als Gymnasiallehrer und wurde 2001 auf den Lehrstuhl für Didaktik der Biowissenschaften an der Goethe Universität Frankfurt am Main berufen. Er ist Präsident der Gesellschaft für Didaktik der Biowissenschaften, Mitbegründer der Gesellschaft für Bildung und Wissen und Mitglied der Bildungskommission der Gesellschaft deutscher Naturforscher und Ärzte. 2011/2012 war er als Gastprofessor am College of New Jersey in den USA tätig.
(aus der Verlagsinformation)

Rezension: Religion bildet

Das Göttinger Courant-Forschungszentrum „Bildung und Religion von der frühen römischen Kaiserzeit bis zur klassischen Epoche des Islam: Religiöse Traditionen, Intellektuelle Diskurse und Praktisches Wissen“ hat seine Forschungsergebnisse in vierundzwanzig Miniaturen nun einer breiteren Öffentlichkeit vorgelegt. Eine Rezension des Abschlussbandes findet sich in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“:

Axel Bernd Kunze (Rez.): Religion bildet [Rezension zu: Reinhard Feldmeier, Monika Winet (Hgg.): Gottesgedanken. Erkenntnis, Eschatologie und Ethik in Religion der Spätantike und des frühen Mittelalters, Tübingen: Mohr Siebeck 2016, 221 Seiten], in: Christ in der Gegenwart 68 (2016), H. 44, S. 488.