Weihnachtsgrüße

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht,

und denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“

(Jesaja 9, 1)

Giotto di Bondone: Anbetung der Könige, 1302

Liebe Leserinnen und Leser,

Christen erkennen dieses Licht im Stern von Bethlehem, der die Weisen zur Krippe führt. Jesus Christus ist der von Jesaja verheißene Friedensfürst. Bei seiner Geburt singen die Engel: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

Frieden – das ist auch die große Bitte an diesem Weihnachtsfest. Die ökumenische Jahreslosung für das neue Jahr 2024 lädt uns ein, selber zu Friedensbringern zu werden: Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe (1 Kor 16,14). Ein großes Wort. Und doch: Wir dürfen es wagen, die Aufgaben, die im neuen Jahr auf uns warten, in Liebe anzugehen und so diese Welt ein wenig friedvoller zu gestalten, weil Gott uns zuerst geliebt hat – im kleinen Kind von Bethlehem, dessen Geburt wir jetzt feiern.

Herzlichen Dank für die gemeinsame bildungsethische Debatte in diesem Jahr und Ihre Verbundenheit mit „Bildungsethik“. Von Herzen wünsche ich Ihnen und Ihren Angehörigen ein lichtvolles Weihnachtsfest sowie ein friedvolles, gesegnetes neues Jahr 2024.

Ihr Axel Bernd Kunze

Allerheiligen

Die Anfänge eines gemeinsamen Gedächtnistages für alle Märtyrer liegen im vierten Jahrhundert, als die Zahl der Gedenktage stark gewachsen war. Ephräm der Syrer bezeugt ein solches Fest in Ostsyrien für den 13. Mai, Johannes Chrysostomus für Antiochien und das byzantinische Reich am Sonntag nach Pfingsten. Der Ostersieg Christi spiegelt sich in der österlichen Vollendung der Heiligen. Rom übernimmt zunächst den Termin am 13. Mai, der an die Kirchweihe des Pantheons, zuvor ein Tempel zu Ehren aller Götter, erinnert. Ausgehend von Irland und England, verlagert sich das Allerheiligengedächtnis zunehmend vom Osterfestkreis auf den 1. November, den einstigen Winteranfang im keltischen Kalender. An diesem Tag gedenkt die Kirche aller in Christus Vollendeten, nicht allein der kanonisierten Heiligen. Im angelsächsischen Bereich wird der Vorabend des Festes Halloween genannt; sein Brauchtum verbindet heidnische und christliche Elemente der Ahnen- und Heiligenverehrung miteinander.

Fra Angelico (Die Vorläufer Christi mit Märtyrern und Heiligen, 1423/24)

Heilige sind keine Superhelden. Heilige sind Menschen wie du und ich, mit Zweifeln und Fragen, mit Alltagssorgen und beruflichen Problemen, mit Krankheiten und Ängsten. Und sie leben oft unerkannt, mitten unter uns. Paulus nennt in seinen Briefen alle, die auf den Namen Christi getauft wurden, Heilige. Heute feiern wir die vielen namenlosen Heiligen, die in ihrem Leben an Christus geglaubt und auf ihn vertraut haben und die ihre Vollendung schon erreicht haben. Sie dürfen Christus bereits schauen von Angesicht zu Angesicht. Wir sind noch auf dem Weg zu ihm.

Allen Lesern von „Bildungsethik“ einen gesegneten Allerheiligenfeiertag,

Ihr Axel Bernd Kunze

Appell: Neustart Bildung Jetzt

Zahlreiche Bildungsverbände und weitere Akteure aus dem Bildungsbereich fordern angesichts der deutlichen Probleme im Bildungssystem einen Nationalen Bildungsgipfel:

„Die massiven Probleme im deutschen Bildungssystem verletzen die Rechte jedes einzelnen Kindes und Jugendlichen auf bestmögliche Bildung und haben Folgeschäden für die gesamte Gesellschaft. Deshalb erfordern sie politisches Handeln in gesamtstaatlicher Verantwortung. Ein breiter Kreis aus Stiftungen, Verbänden und Gewerkschaften appelliert an den Bundeskanzler und die Regierungschefinnen und -chefs der Länder, mit einem Nationalen Bildungsgipfel einen grundlegenden Reformprozess im Bildungswesen einzuleiten.“

Den Appell finden Sie hier.

Zwischenruf: Warum ist es bildungsethisch so still geworden?

Um das Bildungssystem in Deutschland steht es nicht gut. Immer wieder haben es Hiobsbotschaften in den vergangenen Wochen und Monaten auf die Titelseite der Zeitung geschafft: Ein größer werdender Teil der Kinder beherrsche am Ende der Grundschule nicht mehr die elementaren Kulturtechniken. Im deutschen Bildungssystem fehle die Mitte, immer mehr akademischen Bildungsbiographien stehe eine wachsende Zahl von Schülern ohne Schulabschluss gegenüber, die Zahl ausbildungsfähiger Schüler in der Mitte hingegen schwinde – wobei die akademischen Abschüsse sich gerade nicht auf anspruchsvolle MINT-Fächer, sondern vornehmlich Sozial- und Kulturwissenschaften mit geringerem Anforderungsniveau verteilten. Der Lehrkräftemangel steige, obwohl die größere Pensionswelle noch bevorstehe. Die Liste ließe sich fortsetzen. Von der einst politwirksam verkündeten „Bildungsrepublik“ ist nicht mehr viel übriggeblieben.

Beste Zeiten für die Bildungsethik, sollte man meinen. Doch: Fehlanzeige. Die Disziplin ist merklich stumm geworden, obwohl die Schwierigkeiten im deutschen Bildungssystem mit Händen zu greifen sind. Wir sollten uns schon heute auf deutliche Folgewirkungen für den Wirtschaftsstandort Deutschland, die Leistungsfähigkeit unseres Sozialstaates und die Produktivität des Kulturstaates einstellen. Doch für das Schweigen gibt es Gründe, die schon in der Hochphase der bildungsethischen Debatte, die vor zwanzig Jahren begann, hätten gesehen werden können – für den zumindest, der sehen wollte.

Zunächst: Die Karawane ist weitergezogen. Wissenschaft lebt – heute sicher noch stärker als früher – von Moden, Trends und Aufmerksamkeit. Vor zwanzig Jahren war eine Sozialethik der Bildung neu und fand Aufmerksamkeit. Heute lassen sich anderswo mehr Meriten und Drittmittelgelder gewinnen, etwa in der Pflegeethik. Und dann: Der Bildungsethik ging es um Bildung allein im Kompositum, eben um Bildungsgerechtigkeit, Bildungsfinanzierung, Bildungssteuerung, Bildungssozialpolitik und so fort. Auch Fragen hiernach sind zu stellen. Aber im Letzten sind es nachgeordnete Bildungszwecke. Der sozialethische Bildungsdiskurs krankte in vielen – nicht in allen – Entwürfen daran, dass Bildung vielfach auf ihre äußere soziale Seite und damit auf eine soziologisch zu beschreibende Anpassung zwischen Individuum und Sozialstruktur reduziert wurde.

Bildung meint die Befähigung zur Selbstbestimmung. Doch gerade an diesem pädagogisch-humanistischen Kern war das sozialethische Interesse von Anfang an recht gering, als sich ein eigenständiger Bildungsdiskurs innerhalb der Sozialethik nach den ersten PISA-Studien zu etablieren begann. Und damit sind wir bei einem weiteren Grund, warum es bildungsethisch so still geworden ist. Für die gegenwärtigen Probleme im Bildungssystem gibt es keine einfachen Rezepte. Mehr Geld, mehr Lehrer, mehr staatliche Steuerung, mehr Bildungszentralismus statt Bildungsföderalismus … Diese Antworten greifen zu kurz. Vielmehr müsste über zwei Dinge gesprochen werden.

Erstens: die erzieherische Kehrseite des Bildungsauftrags. Denn der Doppelauftrag zu Bildung und Erziehung ist letztlich nicht zu trennen. Und damit sind wir zugleich beim Zusammenspiel von Schule und Familie. Am 21. September zählte die WELT auf, was Lehrer bei Schülern zunehmend auffällt und den Beruf erschwert: schwache Konzentration, Unruhe, Angst. Dem ist nicht durch Bildungsplanung und Strukturen beizukommen, hierauf braucht es nicht zuletzt erzieherische Antworten. Doch über Erziehung wird in der zeitgenössischen „Erziehungs“-Wissenschaft überhaupt so gut wie gar nicht mehr geredet. Die Erziehung ist mit der geisteswissenschaftlichen Pädagogik, die eine „Pädagogik für die Pädagogik“ sein wollte, aus dem pädagogischen Diskurs verschwunden. Auch dies hat Gründe: Über Erziehung zu sprechen, kann unangenehm sein. Hier geht es nicht in erster Linie darum, Erwartungen an den administrativen Sozialstaat zu stellen. Hier geht es um Fragen an das eigene wie an das gesellschaftlich vorherrschende Ethos, um Sinnfragen und Orientierungswerte.

Es bestehen eine große Unsicherheit und ein großer Unwille, genau hierüber zu sprechen. Denn dann müssten wir uns eingestehen, dass es mit dem Erziehungsverständnis gegenwärtig nicht weit her ist, dass wir unsere Prioritäten überdenken sollten. Etwa in der Digitalisierung, die mit dem Geldsegen des Digitalpaktes noch einmal deutlich forciert wurde. Digitale Produkte verführen, geben aber nicht vor, wie sie verantwortlich genutzt werden sollten. Genau das sollte Schule leisten. Genau das geschieht aber äußerst selten, weil die ältere Generation sich scheut, Orientierung zu geben und Grenzen zu setzen. W-LAN in allen Schulen ist mittlerweile Standard, das Smartphone auch hier allgegenwärtig, auch wenn wir wissen könnten, dass Konzentration, Muße, differenziertes Lesen und Textverstehen so gerade nicht gefördert werden. Und ja: Sollte hier etwas geändert werden, müssten sich auch viele Pädagogen selbst eingestehen, mehr oder weniger schon längst digital abhängig zu sein.

Beteiligungsrechte von Heranwachsenden werden überbetont, Erziehungsfragen deutlich unterschätzt. Wo eine Gleichrangigkeit an Verantwortung, Selbständigkeit und Erfahrung, die pädagogisch, entwicklungspsychologisch und emotional nicht gegeben ist, proklamiert und die Differenz zwischen den Generationen verleugnet wird, wird der Erziehungsaufgabe der Boden entzogen. Wo aber der Erziehungsgedanke sich verflüchtigt und das Bewusstsein für die besondere erzieherische Verantwortung der Elterngeneration schwindet, besteht die Gefahr, dass die Heranwachsenden notwendige pädagogische Förderung und Unterstützung verlieren und am Ende mit den zu bewältigenden Entwicklungsaufgaben alleingelassen werden. Denn wo die besondere Verwiesenheit der Heranwachsenden auf Eltern sowie Pädagogen und umgekehrt deren pädagogische Verantwortung verkannt werden, wird es auch kommunikativ schwerfallen, das besondere pädagogische Angewiesensein der Kinder und Jugendlichen und deren Recht auf Erziehung zu thematisieren und zu sichern.

Zweitens: Eine ernsthafte bildungsethische Auseinandersetzung müsste in der gegenwärtigen Situation damit beginnen, über die zahlreichen Elefanten zu sprechen, die im Raum stehen: die hohen Zuwanderungszahlen und die damit verbunden kulturellen Verteilungskämpfe, das Verdrängen von Fragen nach kultureller Bindung und nationaler Identität, der wachsende Sprachförderbedarf durch eine rasch wachsende Zahl von Kindern ohne deutsche Muttersprache, die wachsenden finanziellen Belastungen durch Inflation und Preissteigerung, die psychologischen Folgen der Coronapolitik, die fehlenden Lehrkräfte und das schlechte Image des Berufes angesichts der gestiegenen Anforderungen, die administrativen Belastungen der Lehrkräfte … Nein, über diese Themen zu sprechen, passt nicht zu einer Sozialethik, die sich in weiten Teilen zunehmend als Agenda- und Haltungswissenschaft zeigt. Mit der Frage nach den Chancen und Grenzen dessen, was Schule gesellschaftlich zu leisten vermag, steht unweigerlich auch das eigene Staats- und Gesellschaftsverständnis der Disziplin auf dem Prüfstand. Und davor drückt man sich.

Was es bräuchte, wäre eine Bildungsethik, die ihr Pendant nicht allein in der empirischen Bildungsforschung sieht. Notwendig wäre eine Bildungsethik, die ebenso das Gespräch mit der Bildungs- und Erziehungsphilosophie sucht und genauso mit der pädagogischen Praxis. Denn wie schon gesagt: Die Themen liegen für eine Bildungsethik gegenwärtig geradezu auf der Straße.

Alles Gute für das neue Schuljahr!

Sie beginnen heute Ihre Ausbildung hier bei uns an der Fachschule. Sie machen sich auf den Weg, sozialpädagogische Assistentin oder sozialpädagogischer Assistent, Erzieherin oder Erzieher zu werden. Sie möchten die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu Ihrem Beruf machen.

Der geniale Dichter und Satiriker aus meiner norddeutschen Heimat, Wilhelm Busch, sagte einmal:

„Ausdauer wird früher oder später belohnt – meistens später.“

Der heutige Tag ist ein Startpunkt. Eine Reihe an Unterrichtstagen, Praxistagen, Leistungsnachweisen und Prüfungen liegt vor Ihnen. Aber am Ende werden Sie hoffentlich Ihre staatliche Anerkennung erhalten. Und wir als Kollegium und Schulleitung werden Sie auf diesem Weg bestmöglich begleiten. Und auch schwierige Wegstrecken werden wir hoffentlich gemeinsam bewältigen. Scheuen Sie sich nicht, wenn es Probleme geben sollten, diese auch frühzeitig anzusprechen. Verbindungslehrkräfte, Schulseelsorge, Klassenleitungen und Schulleitungen haben ein offenes Ohr dafür.

Im Namen der Schulleitung und des gesamten Kollegiums heiße ich Sie heute bei uns in der Fachschule willkommen. Und ich wünsche Ihnen alles Gute, viel Erfolg und nicht zuletzt Gottes Segen für Ihren Ausbildungsweg. Sie wissen: Pädagogische Fachkräfte sind gegenwärtig sehr gefragt.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie frohen Mutes und zuversichtlich Ihren Ausbildungsweg hier bei uns beginnen können. Einiges wird anders sein, als Sie das aus Ihren Vorgängerschulen kennen. Dazu werden Sie heute und morgen und auch noch in den kommenden Tagen einiges von Ihren Klassenleitungen hören. Ein Wort des Naturforschers und Gelehrten Alexander von Humboldt möchte ich Ihnen heute mit auf den Weg geben:

„Man kann viel, wenn man sich nur recht viel zutraut.“                                 

Aber nicht alles haben wir selbst in der Hand. Darum ist es gut, wenn wir das neue Schuljahr und den neuen Lebensunterschnitt mit einem Gottesdienst beginnen und uns unter den Segen Gottes stellen. Das gibt unserem pädagogischen Tun Richtung und Ziel. Und das ist uns als Fachschule wichtig.

(aus einem Grußwort der Schulleitung im Schuljahresanfangsgottesdienst)

Ich wünsche allen einen guten Start in das neue Schuljahr, viel Erfolg und Gottes Segen!

Abschied: Cheflektor des LIT-Verlags geht in den Ruhestand

Nach zweiunddreißig Jahren geht der langjährige Cheflektor des Münsteraner LIT-Verlags, Michael J. Rainer, in den Ruhestand. Seine Kerngebiete waren die Fächer Theologie, Religionswissenschaft und Philosophie. Und so ergaben sich zahlreiche Schnittstellen: Herr Rainer betreute unter anderem meine Dissertation „Parteien zwischen Affären und Verantwortung“ (2005), meine Bände „Bildung als Freiheitsrecht“ (2012) sowie „Bildung und Religion“ (2022) oder den Tagungsband des Forums Sozialethik „Wissensgesellschaft. Herausforderungen für die christliche Sozialethik“ (2003). Wir sagen für die Zusammenarbeit herzlichen Dank und wünschen für den neuen Lebensabschnitt alles Gute sowie Gottes Segen.

Mariä Himmelfahrt: Im Blick auf Maria

War es Zufall, dass nach den Wirren des Dreißigjährigen Krieges, der ganze Landstriche entvölkert hatte, ein Motiv bei den Altarbildern besonders populär wurde? Zahlreiche Barockkirchen zeigen bis heute ein Bild der Aufnahme Mariens über dem Altar. Es scheint, als sollte nach den Schreckensjahren, die viele Menschenleben gekostet hatten, ein Gegenbild aufgerichtet werden: Maria geht als ganzer Mensch, mit Leib und Seele, ein in die Herrlichkeit des Himmels. Der Mensch darf nicht zugrundegehen. Er ist für ein ewiges Ziel berufen – gleich, wie schlimm und grausam die Zeitumstände auch wüten mögen.

Ähnliches geschah nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Welt stand noch ganz unter dem Eindruck des verheerenden Krieges sowie der Verbrechen des Nationalsozialismus und Stalinismus, als Papst Pius XII. am 1. November 1950 die Lehre der Kirche bekräftigte, dass „Maria nach Ablauf ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde.“ Die Antwort auf die menschenverachtenden Totalitarismen des zwanzigsten Jahrhunderts war eindeutig – und wurde unter den Bischöfen und Gläubigen damals auch so verstanden: Der einzelne Mensch hat einen unermessbaren Wert und eine unschätzbare Würde, die ihm vor Gott niemand rauben kann.

Wenn wir auf Maria blicken, erkennen wir, wozu der Mensch berufen ist: Er soll Gottes Verheißungen wählen. Er darf auf Gott vertrauen und kann dabei Großes erwarten. Er muss sich seine Hoffnung nicht kleinreden lassen. Denn Gott wirkt Großes an seinem Volk – auch durch Menschen, von denen wir es nach irdischen Maßstäben nicht erwarten.

Maria hat dies selbst an sich erfahren. Wir haben es im Evangelium gehört: Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig. – Gott richtet sein Volk wieder auf, wenn auch vielleicht anders, als sich viele in Israel das damals vorgestellt haben.

Maria hat auf Gottes Verheißungen vertraut. Sie hat an der Seite ihres Sohnes gestanden, bis zuletzt. Nach seiner Auferstehung wurde sie zu einer wichtigen Stütze der Jerusalemer Gemeinde. Ihr Glaubensvorbild gab den frühen Christen Halt und Kraft. Und so ist es geblieben – bis heute. An vielen Orten werden sich heute Gläubige zu Umgängen oder Lichterprozessionen versammeln, um Maria zu ehren und der Gottesmutter ihre Sorgen und Nöte anzuvertrauen.

Zu allen Zeiten hat sich die Kirche an Maria orientiert und aufgerichtet. Was Maria uns vorgelebt hat, besitzt Gültigkeit für immer – das gilt auch für das Ende ihres irdischen Lebens. So wie Maria vom Beginn ihres Daseins an von Gott auserwählt und gesegnet worden war, rein vom Makel der Sünde und voll der Gnade, musste sie auch am Ende ihres Lebens gleich zur Fülle des ewigen Lebens gelangen.

Doch was Maria im Tod zu teil geworden ist, ist kein Vorrecht, das allein ihr vorbehalten wäre: Was an Maria geschehen ist, ist durch die Auferstehung Jesu allen Christen verheißen – so schreibt es der Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth: In Christus sollen alle lebendig gemacht werden. Christus ist der Erste der Auferstandenen, nicht der Einzige. Schließlich folgen alle, die zu ihm gehören. In besonderer Weise wird uns dies heute von Maria gesagt. Dann – am Ende der Zeiten – wird schließlich der Tod für immer vernichtet.

Das ist das Größte, das Gott schaffen kann: In dieser Welt mag der Mensch der Vernichtung ausgesetzt sein. Wir haben im zwanzigsten Jahrhundert erlebt und erleben es bis heute, zu welchen Untaten Menschen gegenüber anderen Menschen fähig sein können. Vor Gott hingegen ist das Leben jedes Einzelnen wertvoll: so wertvoll, dass er seinen eigenen Sohn eingesetzt hat, um uns aus dem Tod zu retten.

Weil jeder Einzelne einen unendlichen Wert vor Gott hat, darf der Mensch niemals verzweckt werden: weder für politische noch für wirtschaftliche Zwecke, und auch nicht für kirchliche. Jeder Einzelne hat einen Wert an sich – einen unendlichen Wert, der ihm vor Gott und durch Gott zukommt. Dies erkennen wir, wenn wir auf das Bild der mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommenen Gottesmutter blicken.

(aus: WortGottesFeiern an allen Sonn- und Feiertagen 4/2017)

(Mariä Himmelfahrt, Tizian, um 1518)

Ich wünsche allen Lesern meines Weblogs einen gesegneten Feiertag Mariä Himmelfahrt.