Zwischenruf: Haltung zeigen – mit vorgestanzten Phrasen

Wie ernst ist die Situation?, fragt die Onlineausgabe der Münsteraner Bistumszeitung „Kirche und Leben“ angesichts der aktuellen Umfragewerte der AfD. Und nimmt diese zum Anlass, „kluge Köpfe“, wie man redaktionell vorausschickt, zu befragen: aus Episkopat, Ordensleben und Laienkatholizismus, aus Sozialethik, Geschichtswissenschaft und Philosophie. Eines vorweg: Es herrscht Alarmstimmung. Eine Regierungsbeteiligung der AfD müsse auf jeden Fall verhindert werden. Die Partei sei rechtsradikal, rassistisch und antidemokratisch, gibt die Redaktion den Duktus bereits vor. Und keiner der Funktionäre und Wissenschaftler, die hier zu Wort kommen, macht sich die Mühe, genauer nachzufragen. Das Urteil steht fest, eine unvoreingenommene Prüfung des Selbstverständnisses der Gegenseite ist dann auch überflüssig.

Entsprechend vorgestanzt lesen sich die Antworten, die direkt aus der kirchlich-theologischen Phrasendreschmaschine kommen. Wer die vermeintlich richtige Haltung hat, ist offenbar von der Pflicht zur intellektuell-argumentativen Auseinandersetzung entbunden. Es reicht, mit den „richtigen“ Phrasen um sich zu werfen, und schon ist alles gesagt, was es nach Ansicht der veröffentlichten Meinung zu sagen gibt. Pflichtbekenntnis abgelassen, Haltung gezeigt, diese bekräftigt, Diskussion erledigt. Mehr braucht es nicht, denn kritische Nachfragen sind von Journalisten, die sich demselben Leitbild des Haltung-Zeigens, verpflichtet sehen, nicht zu erwarten. Nein, solche Bistumszeitungen, deren Auflagen kontinuierlich sinken, braucht kein Leser. Was bleibt, ist eine geistige (und in diesem Fall auch geistliche) Wüste.

Wer soll auf diese Weise überzeugt werden? Aber darum geht es auch gar nicht. Wer die Interviewserie liest, gewinnt den Eindruck, dass Demokratie vor allem bedeutet, andere auszugrenzen. AfD-Mitglieder können aus kirchlichen Verbänden ausgeschlossen werden, gibt sich ein Kirchenrechtler überzeugt (dem mittlerweile allerdings schon kollegial widerspochen wurde). Die ZdK-Präsidentin fordert an der Kirchentür (oder sollte man besser sagen: vor dem kirchlichen Sitzungssaal) eine Gesinnungsprüfung: Wer christliche und demokratische Werte nicht teilt, soll gleich wieder gehen. Diskursverweigerung als Ausweis der richtigen Gesinnung. Ein angstfreier, streitbarer, fairer, offener und pluraler Diskurs in der Kirche, den die Interviewten ansonsten so gern einfordern, wenn es um ihre eigenen Anliegen geht, sieht anders aus.

Stattdessen beherrschen nun Unterstellungen, Diffamierungen, Pauschalurteile und Vereinfachungen das Wort. Ach, nein, das machen ja nur die anderen, denen man aus sozialethischer Perspektive eine „pauschal ablehnende Haltung gegenüber Menschen, die als anders oder fremd wahrgenommen werden“, unterstellt – ohne zu sehen, dass man selber die ganze Zeit so argumentiert. Oder ist die Aussage, eine Partei richte sich „gegen alles, was für eine sozial gerechte und ökologisch tragfähige Zukunftsentwicklung notwendig ist“, kein Pauschalurteil? „Die anderen“ wollten nur Ängste schüren, seien an Lösungen gar nicht interessiert, heißt es aus Bischofsmund. Doch keines der Interviews macht sich die Mühe, sich mit den Argumenten der Gegenseite auseinander zu setzen. Offenbar steht schon vor jeder politischen Debatte für die Berufenen aus Kirche und Theologie fest, was tragfähig und notwendig ist. Kirche sollte sich vor Heilsgewissheit in vorletzten Fragen hüten, sie hat sich historisch schon häufiger daran die Finger verbrannt.

Unterschiede gibt es allein in der Problemwahrnehmung: Während die ZdK-Präsidentin weiterhin zufrieden ist, wie Deutschland die Herausforderungen von Corona bis Klimaschutz anpackt (kein Wort an dieser Stelle zu den verursachten Polarisierungen oder wirtschaftlichen Verwerfungen), werden von anderen zumindest Zweifel geäußert. Die Regierung nehme die Probleme nicht hinreichend wahr, verrenne sich in Hahnenkämpfen, sei nicht hinreichend handlungsfähig. Es geht allein um strategische und organisatorische Fragen, um die berühmten Vermittlungsprobleme, von denen Politiker auch so gern sprechen. Eine Sozialethik, die mehr als Haltungsfragen einstudiert hat, sollte aber fragen, ob es nicht möglicherweise auch an inhaltlich falschen Weichenstellungen liegt, dass das Vertrauen in die Kräfte der sogenannten Mitte immer mehr schwindet. Möglicherweise gibt es außerhalb der Blase des eingespielten Funktionärsbetriebs eine sehr viel realistischere Einschätzung der drängenden Probleme im Land. Aber um diese Fragen stellen zu können, müsste man zunächst einmal vom hohen Ross herabsteigen – oder besser noch: hinauf in den Hohen Olymp ernsthafter theologischer Forschung jenseits vorgestanzter Phrasen.

Rezension: Vorsehung neu denken

„Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret, / der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet, / der dich erhält, / wie es dir selber gefällt. / Hast du nicht dieses verspüret?“ Bis heute werden diese vom reformierten Joachim Neander im siebzehnten Jahrhundert gedichteten Zeilen gern gesungen, nicht zuletzt in feierlichen Dankgottesdiensten. Hier drückt sich ein Glaube aus, der darauf vertraut, dass Gott am Ende alles zum Guten führen wird. Der Vorsehungsglaube ist christliches Allgemeingut, wurde aber von Johannes Calvin besonders stark betont: Die Schöpfung werde permanent durch Gott gelenkt, in allem könne der Christ Gottes verborgenen Ratschluss erkennen.

Die Zeitenwende 1989/90 war noch einmal eine Hochzeit des Vorsehungsglaubens sowie der theologischen Geschichtsinterpretation. Der Zusammenbruch des sozialistischen Weltsystems schien vielen zu bestätigen, dass Gott die Bäume des Bösen in der Geschichte nicht in den Himmel wachsen lässt – so war es in Predigten seinerzeit zu hören. Das Lied „Vertraut den neuen Wegen“, ursprünglich als Hochzeitslied entstanden, brachte die damalige Stimmung für viele treffend zum Ausdruck und wurde schnell populär. Wir dürfen der neuen Zeit vertrauen, weil Gott schon alles ordnet und lenkt: „Der uns in frühen Zeiten / das Leben eingehaucht, / der wird uns dahin leiten, / wo er uns will und braucht.“ Mittlerweile ist Ernüchterung eingekehrt, nicht allein im politischen Alltag der Gemeinden oder im Erleben der Einzelnen. Auch in der Theologie ist es mitlerweile wieder still geworden um das Konzept göttlicher Vorsehung. Vielerlei Gründe spielen hierfür eine Rolle, wie Christoph J. Amor im Einleitungsbeitrag zu „Vorsehung und Handeln Gottes“ ausführt.

Wie sehr die Fragen zum Verhältnis von göttlichem Willen und menschlicher Autonomie gegenwärtig wieder nach oben dringen, zeigt sich darin, dass zwei unmittelbar aufeinanderfolgende Bände der Reihe „Quaestio disputata“ sich diesem theologischen Problemfeld widmen. Beide Bände werden im aktuellen Heft der Zeitschrift CONCILIUM besprochen:

Axel Bernd Kunze: Vorsehung neu denken: Klugheit – Freiheit – Intention, in: Concilium 59 (2023), H. 3, S. 342 – 347.

Besprochen werden:

Christoph Böttigheimer, Alexis Fritz (Hgg.): Ein sinnvoller Plan Gottes? Von der Teleologie des göttlichen Willens (Quaestiones disputatae; 330), Freiburg i. Brsg.: Herder 2023, 352 Seiten.

Simon Maria Kopf, Georg Essen (Hgg.): Vorsehung und Handeln Gottes. Analytische und kontinentale Perspektiven im Dialog (Quaestiones disputatae; 331), Freiburg i. Brsg.: Herder 2023, 343 Seiten.

Neu: Leitlinie zur Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend

Die „Leitlinie zur Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend“ wurde im Juli 2023 veröffentlicht, als gemeinsame Empfehlung von elf deutschen Fachverbänden aus Medizin und Psychologie. Federführend zeichnet die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V. (DGKJ). Die Leitlinie analysiert  die Folgen dysregulierter Nutzung von Bildschirmmedien und wertet die Begleitforschung aus.

Weitere Informationen finden Sie auf den Seiten der Initiative „Die pädagogische Wende“:

https://die-pädagogische-wende.de/leitlinie-zur-praevention-dysregulierten-bildschirmmediengebrauchs-in-kindheit-und-jugend/

Tagungsbericht: Treffen der Glatzer Priester und Diakone

Pater Georg Galke SM berichtet im neuen Rundbrief des Großdechanten und des Heimatwerkes Grafschaft Glatz e. V. (Heft 2/2023, S. 10 – 12) ausführlich über das diesjährige Treffen der Grafschafter Priester und Diakone in der Osterwoche in Paderborn. Die Osterwoche war vorbereitet worden vom Großdechanten für die Priester und Gläubigen aus der Grafschaft Glatz, Franz Jung, und dem Präses des Heimatwerkes Grafschaft Glatz, Marius Linnenborn. „Bildungsethik“ und die Internetseiten des Bonifatiuswerkes, das im Rahmen des Treffens besichtigt wurde, hatten im April berichtet:

https://www.bonifatiuswerk.de/de/news/2023/priester-und-diakone-aus-der-grafschaft-glatz-zu-besuch-im-bonifatiuswerk/

Abschied: Cheflektor des LIT-Verlags geht in den Ruhestand

Nach zweiunddreißig Jahren geht der langjährige Cheflektor des Münsteraner LIT-Verlags, Michael J. Rainer, in den Ruhestand. Seine Kerngebiete waren die Fächer Theologie, Religionswissenschaft und Philosophie. Und so ergaben sich zahlreiche Schnittstellen: Herr Rainer betreute unter anderem meine Dissertation „Parteien zwischen Affären und Verantwortung“ (2005), meine Bände „Bildung als Freiheitsrecht“ (2012) sowie „Bildung und Religion“ (2022) oder den Tagungsband des Forums Sozialethik „Wissensgesellschaft. Herausforderungen für die christliche Sozialethik“ (2003). Wir sagen für die Zusammenarbeit herzlichen Dank und wünschen für den neuen Lebensabschnitt alles Gute sowie Gottes Segen.

Leserbrief: Die Freiheit schrumpft

Der nachfolgende Leserbrief wurde unter der Überschrift „Die Freiheit schrumpft“ am 25. August 2023 von der WELT abgedruckt; er bezieht sich auf die Meldung „Union fordert Helmpflicht für Fahrradfahrer“ in der WELT vom 18. August 2023.
——————————————————————————————————————–

Die Unfälle mit Fahrrädern steigen – kein Wunder: Werden diese durch Elektroantrieb schneller, schwerer und weniger beherrschbar. Und schon öffnet sich für die Unionsparteien ein neues Feld staatlicher Regulierung: Eine Helmpflicht für Radfahrer werde über kurz oder lang kommen, heißt es aus den Reihen der Unionsfraktion. Gleich so, als seien Wahlen und politische Entscheidungen gar nicht mehr notwendig. Denn merke: Immer weniger wird den Bürgern zugetraut, Gefahren individuell und selbst einzuschätzen. Nein, der Staat muss ran. Bis von der Freiheit immer weniger übrig ist.

Dr. Axel Bernd Kunze, Waiblingen

Christliches Forum: Kirchliches Amtsblatt im Bistum Münster macht sich der Verleumdung schuldig

Ein neues Beispiel für die Polarisierung des öffentlichen Diskurses liefert das Amtsblatt im Bistum Münster – das „Christliche Forum“ kommentiert den Vorgang ausführlich. Noch nicht einmal in der juristischen Sprache eines Amtsblattes wird mehr zumindest die formale Form gewahrt. Wer mit Etiketten wie „rechtsextremistisch“ um sich wirft, wähnt sich auf hohem Ross fest im Sattel, zerstört aber auf Dauer seine eigene Autorität. Mündige Bürger wie Kirchenmitglieder werden sich ihre eigene Meinung bilden und selbst entscheiden, was sie von Zeitungen zu halten haben. Und das ist auch gut so. Zum Glück gibt es in der pluralen Presselandschaft eine größere Bandbreite von freiheitlichen und konservativen Titeln jenseits der Extremismusgrenze, als man sich das in kirchlichen Verwaltungen vorstellen mag. Und auch das ist gut so.

Zwischenruf: Weniger Leistung, mehr politischer Einfluss

A13 für Grundschullehrer. Es gibt verschiedene Bundesländer, die diesen Weg gehen. Darunter jetzt auch Hamburg – beschlossen war die Gehaltsangleichung der Primar- und Sekundarstufen I-Lehrer schon länger, in diesem Monat wird sie vollständig verwirklicht. Der Stadtstaat geht aber noch einen Schritt weiter: Neben der Höhergruppierung gibt es künftig auch noch den Studienrat an Grundschulen.

Die GEW schreibt sich dies als Erfolg auf ihre Fahne. Wer könnte auch etwas dagegen haben!? Schließlich geht es doch um „unsere Kinder“, um Bildung, um die Bildungsrepublik. Kurz: Es geht um etwas unhinterfragt Gutes, bei dem sich alle einig sein sollten. Doch sollten Lehrer- und Beamtenverbände durchaus kritische Fragen stellen. Wieder einmal werden bewährte Traditionen des Staates abgebaut, ohne dass gefragt wird, ob das Neue tatsächlich besser ist und halten kann, was die Politik verspricht.

Es gibt traditionell zahlreiche Kriterien, die eine Höhergruppierung rechtfertigen können, etwa Ausbildung, Weiterqualifizierung, Leistung, Dienstalter, Erfahrung und Führungsverantwortung – oder, so ist das in einer Marktwirtschaft: eine höhere Nachfrage nach bestimmten Qualifikationen. In Zeiten des Fachkräftemangels sind höhere Gehälter kein Allheilmittel, aber sie können sich als Folge ergeben. Niemand hätte etwas dagegen, wenn Grundschullehrer, die sich weiterqualifizieren oder besondere Aufgaben übernehmen, auch höher eingruppiert würden. Und besonderen Förder-, Unterstützungs-, Erziehungs- oder Unterrichtsbedarf gibt es an Grundschulen allemal. Denn um die grundlegenden Kulturtechniken im Lesen, Schreiben und Rechnen am Ende der vierten Klasse steht es nicht unbedingt zum Besten, wie jüngste Bildungsstudien zeigen.

Doch um all das geht es der Hamburger Schulverwaltung nicht. Beförderungen werden nach politischem Gutdünken vergeben. Nicht mehr sachliche Erfordernissse, transparente Kriterien oder fachliche Leistungen entscheiden, sondern kontingente politische Prioritäten, wechselnde parteipolitische Vorlieben oder Lobbyisteneinfluss. Wo Leistung immer weniger zählt, die politische Tagesordnung aber umso mehr, wird der Öffentliche Dienst am Ende zur parteipolitischen Verfügungsmasse, damit aber unattraktiver. Wo es nicht mehr um nachvollziehbare Leistung geht, sondern egalitaristisches Denken zum bildungspolitischen Selbstzweck wird, werden nicht mehr zwingend die besseren Absolventen für einen Bildungsberuf begeistert. Und es sollte nicht vergessen werden: Wo tagespolitische Aspekte eine immer größere Rolle spielen, können Besitzstände auch schneller wieder einkassiert werden.

Für leistungsfähige Grundschulen und eine angemessene Anerkennung der dort geleisteten Arbeit ist mit alldem noch keineswegs gesorgt.

Was hier in Hamburg passiert, könnte Schule machen – auch in anderen Berufsgruppen des Öffentlichen Dienstes. Damit steht auch gesellschaftlich einiges auf dem Spiel: Denn für einen leistungsfähigen Öffentlichen Dienst bleibt es wichtig, dass sich dieser eine bestimmte Distanz gegenüber politischen Moden und Stimmungsschwankungen der Tagespolitik bewahrt.