Onlinepetition: Gegen eine Umbenennung der WWU Münster

Erst Ernst Moritz Arndt in Greifswald, jetzt Wilhelm II. in Münster … Die Universität Münster diskutiert über ihren Namen: Kaiser Wilhelm II. hatte die Lehranstalt 1902 in den Rang einer Universität erhoben. Nach einer früheren Debatte 1997 wird nun erneut die Umbenennung der Westfälischen Wilhelms-Universität gefordert. Hiergegen wendet sich eine Onlinepetition, die an den Senat der Universität gerichtet ist:

Am 27.05. hat der Senat der Westfälischen Wilhelms-Universität ein grobes Maßnahmenpaket beschlossen, welches eine kritische Auseinandersetzung mit dem Namensgeber unserer Universität, Kaiser Wilhelm II., im universitären Alltag befördern soll. Eine Auseinandersetzung mit Geschichte und der Person Wilhelms II. stellt sicherlich einen angemessenen Umgang dar und sollte auch ausdrücklich so gehandhabt werden.

Am Ende eines solchen Prozesses steht aber nicht zuletzt erneut eine vom AStA der WWU vorangetriebene Forderung im Mittelpunkt des Geschehens: Unsere Universität soll umbenannt werden.

Wir finden, dass gerade dies der falsche Weg ist und haben uns dazu entschlossen, diese Petition unmittelbar an den Senat der WWU zu richten und zu verdeutlichen, dass viele eine Umbenennung nicht befürworten.

[…]

Die Onlinepetition kann hier gezeichnet werden:

https://www.openpetition.de/petition/online/gegen-eine-umbenennung-der-wwu-fuer-einen-kritischen-umgang-mit-geschichte

Offener Brief: Zur Verteidigung der Präsenzlehre

In den letzten Jahren haben sich an den Hochschulen Elemente einer digitalen Lehre immer mehr durchgesetzt: zunächst als Unterstützung der Präsenzlehre, dann als deren Ergänzung oder gar als eine mögliche Alternative, und nun, mit Corona, als glückliche Rettung. Und in der Tat: Ohne digitale und virtuelle Formate hätte sich das Sommersemester 2020 nicht durchführen lassen. Und auch grundsätzlich leisten digitale Elemente mittlerweile einen wertvollen Beitrag zur Hochschullehre. Im Gefühl des plötzlich möglichen digitalen Sprungs nach vorn drohen indes drei Aspekte verloren zu gehen, die unserer Überzeugung nach von grundlegender Bedeutung für das Prinzip und die Praxis der Universität sind:

1. Die Universität ist ein Ort der Begegnung. Wissen, Erkenntnis, Kritik, Innovation: All dies entsteht nur dank eines gemeinsam belebten sozialen Raumes. Für diesen gesellschaftlichen Raum können virtuelle Formate keinen vollgültigen Ersatz bieten. Sie können womöglich bestimmte Inhalte vermitteln, aber gerade nicht den Prozess ihrer diskursiven, kritischen und selbständigen Aneignung in der Kommunikation der Studierenden.

2. Studieren ist eine Lebensphase des Kollektiven. Während des Studiums erarbeiten sich die Studierenden Netzwerke, Freundschaften, Kollegialitäten, die für ihre spätere Kreativität, ihre gesellschaftliche Produktivität und Innovationskraft, für ihren beruflichen Erfolg und ihre individuelle Zufriedenheit von substantieller Bedeutung sind. Dieses Leben in einer universitären Gemeinschaft kann in virtuellen Formaten nicht nachgestellt werden.

3. Die universitäre Lehre beruht auf einem kritischen, kooperativen und vertrauensvollen Austausch zwischen mündigen Menschen. Dafür, so sind sich Soziologie, Erziehungs-, Kognitions- und Geisteswissenschaften völlig einig, ist das Gespräch zwischen Anwesenden noch immer die beste Grundlage. Auch dies lässt sich nicht verlustfrei in virtuelle Formate übertragen.

Mit Blick auf diese drei Aspekte wollen wir den Wert der Präsenzlehre wieder in Erinnerung rufen. Wir fordern eine – vorsichtige, schrittweise und selbstverantwortliche – Rückkehr zu Präsenzformaten. Was die Schulen zu leisten in der Lage sind, sollte auch Universitäten möglich sein: die Integration von Elementen der Präsenzlehre, etwa in kleineren Gruppen in größeren zeitlichen Abständen, je nach Bedarf, je nach lokalen Gegebenheiten. Einzelne Universitäten, einzelne Fakultäten könnten hier individuelle, verantwortliche Modelle entwickeln.

Wir weisen auf die Gefahr hin, dass durch die aktuelle Situation die herkömmlichen Präsenzformate an Wertschätzung und Unterstützung durch die Hochschulleitungen, die Bildungsministerien und die Politik verlieren könnten, eine Unterstützung, die sie in der Zeit nach Corona dringend brauchen werden. So sinnvoll und wichtig Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus sind: Corona sollte nicht zu einer nachgereichten Begründung für Entwicklungen in der Lehre werden, die vor Corona offen und kritisch diskutiert wurden. Diese kritischen Debatten dürfen nicht durch scheinbare Evidenzeffekte, wie sie die Pandemie bisweilen produziert, abgekürzt werden.

Die Präsenzlehre als Grundlage eines universitären Lebens in all seinen Aspekten gilt es zu verteidigen.

(aus: https://www.praesenzlehre.com/)

Sie können den Offenen Brief heute noch bis 18 Uhr unter https://www.praesenzlehre.com/ als Erstunterzeichner mittragen.

Neuerscheinung: Sozialethische Gedanken zur Coronakrise – oder: Ist der Beutelsbacher Konsens noch aktuell?

Kontroversen müssen auf dem Boden der Verfassung ausgetragen werden. In politischen Bildungsprozessen wird es darauf ankommen, diese ohne parteipolitische Wertung darzustellen und einsichtig zu machen, und zwar vor dem Hintergrund des Selbstverständnisses der jeweiligen Debattenlager. Dabei geht es nicht um Beliebigkeit oder Wertneutralität, sondern um Unvoreingenommenheit – als Grundlage jeder fairen demokratischen Streitkultur. Gleiches sollte für die sozialethische Debatte gelten. Wo hingegen suggeriert wird, das politische Werturteil stehe bereits fest und müsste sozialethisch nur noch exekutiert werden, bleibt für eine Prüfung unterschiedlicher Positionen kein Raum.

Allerdings geschieht Überwältigung durch eine explizit parteipolitische Vereinnahmung heute vielleicht seltener, als dies möglicherweise zur Entstehungszeit des Beutelsbacher Konsenses der Fall gewesen sein mag. Sehr viel schwerer zu dechiffrieren sind Überwältigungen, die aus einer fast flächendeckenden Milieugebundenheit einer Berufsgruppe oder einer bestimmten Disziplin erwachsen. Man mag auch die Staatsvergessenheit heutiger Theologie durchaus dazu rechnen. Sehr häufig wird unter dem Anschein der Neutralität für ein vermeintlich alternativlos „Gutes“ geworben, das in der Debatte nicht mehr befragt werden darf.

Wo aber Gegenpositionen gar nicht mehr zur Sprache kommen, weil sie von vornherein als diskussionsunwürdig etikettiert und aus dem gemeinsamen Gespräch ausgeschlossen werden, verkehren sich die gern beschworenen Gebote der Toleranz, Vielfalt oder Neutralität in Machtinstrumente – mit der Folge, dass die öffentliche, kirchliche oder sozialethische Debatte auf Dauer veröden. Denn am Ende erstirbt das notwendige, mitunter harte Ringen um das bessere Argument.

LESEPROBE AUS:

Axel Bernd Kunze: Sozialethische Umkehr. Zur politisch-gesellschaftlichen Diakonie in Krisenzeiten, in: Die Neue Ordnung 74 (2020), H. 3 v. Juni 2020, S. 164 – 173, online unter: http://web.tuomi-media.de/dno2/Dateien/NO320-2.pdf

Schlaglicht: Wort zum Pfingstmontag

Christiane Thiele, evangelische Theologin sowieso Studentenpfarrerin in Halle an der Saale, hat im „Deutschlandfunk“ vorgeschlagen, den Pfingstmontag zu streichen – zugunsten des Versöhnungstages Jom Kippur. Neu ist der Vorschlag nicht: Er wurde zuvor schon durch den Münchner Theologieprofessor Friedrich Wilhelm Graf, Vertreter der liberalen Theologie, ins Spiel gebracht. Wenn man die aktuelle Stimmungslage im Land bedenkt, steht zu befürchten: Steter Tropfen höhlt auch hier den Stein.

Was auffällt, ist zunächst einmal die Begründung. Bei Lichte besehen, geht es der umtriebigen Theologin gar nicht um das Judentum. Ein allgemeines Versöhnungsfest soll es werden. Denn Versöhnung sei für alle Menschen wichtig. Religiöse Inhalte werden aufgelöst in einen schwammigen Humanismus, der irgendwie für alle zustimmungsfähig sein soll, außer natürlich für AfD-Wähler, konservative Traditionalisten und solche unverbesserlichen Stammtischbrüder, die das christliche Abendland noch nicht wie Kardinal Marx verabschiedet haben.

Im Kern geht es wieder einmal um ein Projekt, Identität auszulöschen, die eigene kulturelle Prägung unseres Gemeinwesens zu verneinen und irgendwie progressiv zu wirken. Der sattsam bekannte Kirchensound in Dauerschleife: Vielfalt ist gut. Die christliche Feiertagskultur oder was von ihr überhaupt noch übrig ist, taugt nur noch als Verschiebemasse. Auf einen Feiertag mehr oder weniger kommt es nicht an, Hauptsache, die liberale Seele hat ein gutes Gewissen. Orientierungswerte sind sowieso austauschbar, die Kirchen haben nichts mehr zu sagen, ein allgemeiner Humanismus wird es schon richten.

Die Coronakrise hat die Sprachlosigkeit der Kirchen mehr als deutlich werden lassen. Dass die Kirchen ihren Teil zum Infektionsschutz beitragen, ist richtig und lässt sich theologisch begründen. Dass sie theologisch sprachlos werden und ihren liturgischen Heilsdienst selber für entbehrlich erklären, hat der Staat nicht gefordert. Dafür sind die Kirchen selbst verantwortlich. Dass die Bundeskanzlerin am Ende des Stillstands von Geschäften und Friseurläden sprach, nicht aber von Gottesdiensten, haben die Kirchenverantwortlichen sich selbst zuzuschreiben – oder wie es Peter Hahne auf wunderbare Weise ausgedrückt hat: „EDEKA statt EKD“.

Am Ende könnte selbst den gutmütigsten Gläubigen auffallen, dass sie Gottesdienst und Predigt gar nicht brauchen – jedenfalls dann nicht, wenn die Kirchen nur das erklären, was der politische Mainstream immer schon sagt, von Mülltrennung über Klimarettung bis Gendergerechtigkeit.

Nur ein aktuelles Beispiel sei genannt: Nach langen Wochen des Schweigens gibt es eine erste sozialethische Auseinandersetzung mit der „Coronakrise“ – endlich, möchte man ausrufen. „Solidarität in der Corona-Gesellschaft“ heißt das Heft, das innerhalb der sogenannten Grünen Reihe der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle erschienen ist, verfasst von der Freiburger Sozialethikerin Ursula Nothelle-Wildfeuer und ihrem Mitarbeiter, Lukas Schmitt. Zunächst wird seitenlang referiert, was jeder Zeitungsleser nach drei Monaten Coronakrise mehr als zur Genüge weiß. Dann eine Seite Schlussfolgerungen – mit folgendem Dreiklang: 1. Christliche Sozialethik könne angesichts der aufgezeigten Ambivalenzen keine fertigen Lösungen anbieten. 2. Sie müsse dabei auch erkennen, dass die Strategie der tastenden Schritte und des Fahrens auf Sicht die neue Normalität sei. 3. Im Hintergrund der vielfältigen gesellschaftlichen Diskurse stünden die beiden existentiellen Fragen: „Was ist der Mensch?“ und „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“ – Ja, ist das alles!? Kein Wort zu Vorrangregeln, zur Frage der Verhältnismäßigkeit der Mittel, zu den grundrechtlichen Konflikten im Rahmen der Pandemievorsorge, zur Rolle des Staates, zu einer sozialethisch gebotenen Krisenvorsorge, zur strittigen Frage der Lastenverteilung nach Ende des Stillstands, zu den damit verbundenen wirtschaftsethischen Implikationen, zu angemessenen Reaktionen auf die zu erwartenden Steuerausfälle und Staatsschulden …

Kommen wir auf die Feiertagsfrage zurück. Wenn es schon darum geht, einen allgemein konsensfähigen Feiertag zu schaffen … – warum nehmen wir nicht den 5. Oktober? Welttag des Lehrers! Der ist religiös neutral, und Bildung ist mindestens so gut wie Vielfalt – wer wollte etwas dagegen haben!? Immerhin hat das erzwungene „Homelearning“ doch vor Augen geführt, wie systemrelevant Lehrer sind. Und wer immer noch nicht überzeugt ist, sollte bedenken: Der 5. Oktober lässt sich in Deutschland wunderbar durch einen Brückentag mit dem Tag der Deutschen Einheit verbinden. Einem Herbsturlaub steht damit nichts mehr im Wege, ganz ohne störende religiöse, identitätsstiftende Bezüge. Was will man mehr.

Allen einen gesegneten Pfingstmontag, solange wir ihn noch haben!

Literaturhinweis:

Axel Bernd Kunze: Woraus lebt ein Gemeinwesen? Sozial- und bildungsethische Überlegungen zu den kulturellen Grundlagen des Staates, in: Alexander Dietz, Jan Dochhorn, Axel Bernd Kunze, Ludger Schwienhorst-Schönberger: Wiederentdeckung des Staates in der Theologie, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2020 [erscheint voraussichtlich im Herbst 2020].

Gesegnete Pfingsten

Wüstenerfahrungen können existentiell sehr wichtige Erfahrungen sein. Wir müssen auf vermeintliche Sicherheiten und Annehmlichkeiten verzichten. Aber gerade dann kann die Sehnsucht nach dem Mehr in unserem Leben wieder neu entfacht werden. Hieran erinnert Mose das Volk mit eindringlichen Worten: Nimm dich in Acht, werde nicht hochmütig, vergiss Gott nicht in den Zeiten, in denen es dir gut geht.

Die Mahnung bleibt auch für die Kirche aktuell. Diese lebt nicht aus eigener Kraft, sie lebt aus dem, was sie von Gott empfängt. Wo die Kirche zum Selbstzweck wird, wird ihre Botschaft hohl und leer. Die Kirche bleibt vielmehr angewiesen auf die dauernde Verbundenheit mit Jesus Christus. Nur in ihm und durch ihn wird sie lebendig bleiben. Jesus Christus selbst ist das lebendige Brot, von dem die Kirche lebt, die Kraft, aus der sie Nahrung und Leben erhält. Als pilgerndes Gottesvolk ist die Kirche mit leichtem Gepäck, aber einer klaren Sendung unterwegs. Was in der Eucharistie geschieht, soll sich im Leben der Gemeinde widerspiegeln. So wie wir in Christus verbunden sind, sollen wir auch untereinander verbunden sein. So wie es Jesu Sendung war, den Willen des Vaters zu tun, soll die Kirche seine Sendung fortsetzen.

(Predigtanregung zu Fronleichnam, Auszug aus: WortGottesFeiern an allen Sonn- und Feiertagen 17 (2020), H. 3, S. 559 – 577)

Liebe Leserinnen und Leser!

Als die vorstehenden Zeilen entstanden sind, wussten wir nicht, dass dieses Jahr eine besondere Wüstenerfahrung für uns bereithalten wird: Aus Infektionsschutzgründen waren öffentliche Gottesdienste mehrere Wochen untersagt. Nun – an Pfingsten – lockert sich das öffentliche Leben wieder. Die Gedanken bleiben aber weiterhin aktuell, nicht nur an diesem Pfingstfest: einem Fest, das häufig auch als „Geburtsfest“ der christlichen Kirche bezeichnet wird.

Ich wünsche Ihnen gute, geisterfüllte, gesegnete Pfingsttage und freue mich weiterhin auf einen anregenden bildungsethischen Austausch.

Mit herzlichen Grüßen, Ihr Axel Bernd Kunze

Sozialethische Kolumne

Die sozialethische Kolumne „Pflegeprämie: Griff in die Beitragskasse“ ist jetzt auch über die Seiten der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach abrufbar:

Wöchentlich auf der Wirtschaftsseite beleuchtet „Die Tagespost“ aktuelle soziale oder wirtschaftliche Fragen aus Perspektive der Katholischen Soziallehre.

Neue Kolumne: Pflegeprämie auf dem Prüfstand

Die Wochenzeitung „Die Tagespost“ hat das Konzept ihrer sozialethischen Kolumne umgestellt. Seit dem Frühjahr gibt es verstärkt Kolumnen, welche aktuelle Kontroversen aus Perspektive einer Katholischen Soziallehre aufgreifen. Die Themen werden von der Redaktion ausgeschrieben. Für diese Woche hatte die Redaktion das Vorhaben des Gesundheitsministers, eine Pflegeprämie auszuzahlen, zur Diskussion gestellt. 

Ich habe mich gefragt, was aus Perspektive Katholischer Soziallehre hierzu gesagt werden könnte – und habe mich an meinen viel zu früh verstorbenen akademischen Lehrer in der Sozialethik erinnert: Die Finanzierung gesamtgesellschaftlicher Folgelasten der deutschen Einheit über die Sozialversicherungen bezeichnete er damals in der Vorlesung als „Enteignung“ der Beitragszahler. Geschichte wiederholt sich, nicht eins zu eins, aber es gibt zumindest historische Parallelen. Sozialistische Ideen bleiben immer wieder eine „süße“ Versuchung. Nun drohen „Enteignungen“ zugunsten der pandemiebedingten Folgelasten … Die Wortwahl damals verriet sicherlich das Freiheitsstreben des Schweizers, der sich ungern das Recht auf Privateigentum nehmen lässt (das Thema kam in den Lehrveranstaltungen seinerzeit mehrfach zum Tragen). In der jetzigen Krise ist die Sozialethik, im Verhältnis zur Moraltheologie und im Vergleich zur Migrationskrise, merklich verstummt, wie mir vor zwei Tagen erst eine Kollegin von der Universität Eichstätt am Telefon sagte.

Die Kolumne in der „Tagespost“ vom 7. Mai 2020 ist online zu lesen (die Autorennotiz wurde von der Redaktion „verschlimmbessert“):

https://www.die-tagespost.de/politik/wirtschaft/kolumne-pflegepraemie-griff-in-die-beitragskasse;art314,208077

Die sozialethische Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach.

engagement 1/2020: Pädagogische Theorien der Schule – warum und wozu?

Die aktuelle Ausgabe 1/2020 (38. Jg.) der Zeitschrift „engagement“ beschäftigt sich mit der Frage: Pädagogische Theorien der Schule – warum und wozu? Die Beiträge machen deutlich, dass Schule nicht allein in der Kompetenzvermittlung aufgeht. Wenn Schule den Heranwachsenden zugleich Handlungsorientierung ermöglichen will, muss sie ihren Bildungsauftrag ernstnehmen. Erst dann kann aus Kompetenzerwerb auch moralisches Handeln entstehen. Die „ganze Bildungsaufgabe“ der Schule geht nicht in testbaren Kompetenzen auf, sondern verhilft den Educandi, moralische Urteilsfähigkeit – die Fähigkeit zum Werten – zu erwerben.

Im Rezensionsteil werden folgende Titel besprochen:

  • Daniel Burghardt, Jörg Zirfas: Der pädagogische Takt. Eine erziehungswissenschaftliche Problemformel, Weinheim/Basel 2019 (Rez.: Johannes Gutbrod).
  • Aaron Löwenbein, Frank Sauerland, Siegfried Uhl (Hgg.): Berufsorientierung in der Krise? Der Übergang von der Schule in den Beruf, Münster (Westf.) 2017 (Rez.: Katharina Dübgen).
  • Hans-Rudolf Schärer, Michael Zutavern (Hgg.): Das Ethos von Lehrerinnen und Lehrern. Perspektiven und Anwendungen, Münster (Westf.) 2018 (Rez.: Thomas Kesselring).
  • Eva Steinherr: Werte im Unterricht. Empathie, Gerechtigkeit und Toleranz leben, Stuttgart 2017 (Rez.: Thomas Kesselring).
  • Marcus Damm: „Gar nichts muss ich!“ Mit narzisstischen Schülern kompetent umgehen, München 2019 (Rez.: Katharina Dübgen).
  • Volker Ladenthin: Didaktik und Methodik des Pädagogikunterrichts. Eine Grundlegung, Münster (Westf.) 2018; Ders.: Pädagogik unterrichten, Baltmannsweiler 2019 (Rez.: Axel Bernd Kunze).

Zur Erinnerung: Im April 1950 lässt Konrad Adenauer das „Lied der Deutschen“ singen

Clemens Escher: „Deutschland, Deutschland, Du mein alles!“ Die Deutschen auf der Suche nach einer neuen Hymne 1949 – 1952, Leiden/Boston: Ferdinand Schöningh 2017, 364 Seiten.

Am 18. April 1950 ließ der Bundeskanzler in Berlin bei einer Rede im Titania-Palast die dritte Strophe des Liedes der Deutschen singen – und löste damit einen Eklat gegenüber den alliierten Stadtkommandanten und der SPD aus. Das Grundgesetz hatte zwar die Bundesfarben bestimmt, nicht aber die künftige Nationalhymne. Sehr zum Missfallen Konrad Adenauers war bei bestimmten Veranstaltungen schon einmal „Wir sind die Einwohner von Trizonesien“ oder „Heidewitzka, Herr Kapitän“ gespielt worden. Eine Lösung in der Hymnenfrage musste also her.

Eine Dissertation, die an der Technischen Universität Berlin entstanden ist, zeichnet nach, wie kompliziert sich in der jungen Bundesrepublik die Suche nach einer Nationalhymne gestaltete. Der Parlamentarische Rat hatte diese Frage offengelassen und selbst auf das Studentenlied „Ich hab mich ergeben“ aus der Einigungsbewegung des anfänglichen neunzehnten Jahrhunderts zurückgegriffen. Bekanntlich wollte der erste Bundespräsident, Theodor Heuss, eine gänzlich neue Hymne schaffen. Die  von Rudolf Alexander Schröder gestaltete, auch im Kommersbuch zu findende Neuschöpfung „Land des Glaubens, deutsches Land“ fiel bei der Bevölkerung allerdings durch. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass sich die Gruppe der Lehrer noch verhältnismäßig viel mit diesem neuen Hymnenvorschlag beschäftigte und Heuss einiges dafür tat, die Schulen in der Hymnenfrage pädagogisch in die Pflicht zu nehmen. Weniger bekannt ist, dass die Bundesbürger in der Folge selber dichteten. Mehr als sechshundert Hymnenvorschläge gingen im Bundespräsidialamt ein.

Der Umgang mit nationalen Symbolen ist ein wichtiger Indikator für die Identitätskultur eines Landes und den Zustand seines staatsbürgerlichen Denkens. Insofern ist es lohnend, die damalige Hymnendebatte aus kulturgeschichtlicher Sicht nachzuzeichnen. Clemens Escher, als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag tätig, hat die Eingaben an den Bundespräsidenten oder andere staatliche Stellen ausgewertet und in kategorisierbare Topoi zusammengefasst. Auf diese Weise wird sichtbar, welche Themen die Staatsbürger in den Anfangsjahren der Nachkriegsdemokratie bewegten. Es geht um Nähe oder Distanz zu den Erfahrungen von Weimar, um Schuld und Verdrängung nach Ende des Nationalsozialismus, um den Verlust der ostdeutschen Gebiete und Vertreibung, um Antikommunismus und Föderalismus, um Friedenssehnsucht und Wiederbewaffnung, um das Verhältnis der Generationen und Geschlechter oder um das Verhältnis von Nation und Religion.

Manches kommt nicht überraschend. Doch zeigt die detaillierte Auswertung der Briefe, wie sich bereits in den Anfangsjahren der Nachkriegsdemokratie Themen und Entwicklungen ankündigen, die erst später in der öffentlichen Debatte an Fahrt gewinnen sollten. Hier nur zwei Beispiele, etwa Deutschland als neues Missionsland: Religion spielte eine wichtige Rolle, mit den erlittenen Verlusten umzugehen und den Wiederaufbau zu bewältigen: „Neues Deutschland nun erwache, / schauet hoch zum Himmel empor, / Glaubet alle Gott den Gerechten, / Er ist unsre Rechte Hand: / ‚Gott beschütze, Gott behüte, unser Volk und Vaterland‘!“ Doch zeigen sich auch bereits Abbrüche einer gefestigten konfessionellen Tradition. Ruth Digmas aus Freiburg verglich die Herausforderungen im neuen Staat mit der Missionsarbeit des Paulus in Athen.

Oder man versuchte, die Gefahr eines neuerlichen Nationalismus durch föderale und europäische Töne einzuhegen – so etwa Hans Heiland aus Bergisch Gladbach, wenn er dichtete: „Brüderlich loyal vereinigt sind mit ihrer Eigenart, / Uns’re schönen deutschen Länder rechtmäßig zum Bundesstaat. / Gib O Herr uns Allerwege: Mut und Kraft zu edler Tat, / Daß die Herzen höher schlagen, blühe deutscher Bundesstaat.“ Der Heidelberger Karl Heinz schlug vor: „Deutschland als ein Teil Europas / Steht für die Gesamtheit ein / Deutschland will die Volksversöhnung / Aber gleichberechtigt sein.“

Am Ende siegte dann doch das Lied der Deutschen von Hoffmann von Fallersleben, das der erste Bundespräsident angesichts der Gebietsverluste als „Irredenta-Hymne“ verworfen hatte. 1952 einigten sich Bundespräsident und Bundeskanzler auf diese Lösung im Hymnenstreit. Nur am Rande: Es gab auch Vorschläge, die geographischen Grenzen, die Hoffmann von Fallersleben gezogen hatte, anzupassen – Karl Müller aus Baden-Baden wollte hinfort singen „Von der Ems bis an die Memel, von dem Bodensee zum Belt“, ein Bürger aus Esslingen von der „Saar bis an die Memel“ oder Georg Mißbach aus Sinsheim: „Von dem Rhein bis an die Memel / Von der Zugspitz bis zum Belt“. Die Memel blieb in der Regel bestehen, Maas, Belt oder Etsch wurden ausgetauscht – nach einer Allensbachumfrage von 1954 waren die geographischen Kenntnisse der Bundesbürger beim Fluss im Osten im Gegensatz zu den drei anderen Gewässern am besten; fünfundvierzig Prozent konnten ihn richtig einordnen.

Franz Hagemeier aus Hamburg-Altona war nur eine Stimme, die sich für das Lied der Deutschen stark machte; er schrieb an den Deutschen Bundestag: „Hoffmanns Ruf und Geisteshaltung ward durch jene kriegslüsternen und überheblichen Bürgerlichen geschändet. Zur Ehrenrettung des großen Revolutionärs und Republikaners müssen wir immer wieder darauf hinweisen, daß er ein furchtloser, unbeugsamer und leidenschaftlicher Kämpfer für die Rechte des Volkes gegen Fürsten und Adlige war.“

Escher bietet einen gut lesbaren, sprachlich ansprechenden Einblick in die kollektive Gemütslage der Deutschen in den Aufbaujahren, auch wenn sich der Autor nicht ganz von bundesrepublikanischem Schulwissen freimachen kann. So schimmert zwischen den Zeilen immer mal wieder eine allzu vorschnelle Gleichsetzung von Nationalismus und Nationalstaat oder ein unkritisches Verständnis von Säkularisierung und Modernisierung durch. Auch ist fraglich, ob Eingaben, die dem Parlamentarischen Rat Zurückhaltung in der Hymnenfrage auferlegen wollten, wirklich zuvorderst „postnational“ motiviert waren; möglicherweise stand im Gegenteil eher die Sorge hinter derartigen Äußerungen, die Teilung der Nation könnte vorschnell zementiert werden.

Am Ende diagnostiziert der Historiker eine „Epochenverschleppung“, die sich bis heute bemerkbar mache: „Während Restauration ein statischer Terminus ist, handelt es sich bei der Epochenverschleppung um eine anthropologische Grundkonstante von großer Kraft. So ist es heutzutage beliebt, die Bundesrepublik bis zum Annus mirabilis 1989 als ein gelobtes Land zu sehen – was sie vollgestopft von atomaren Sprengköpfen und einer innerdeutschen Grenze niemals sein konnte“ (S. 275).  Der Band ordnet sich damit in den Forschungstrend ein, in der Ideengeschichte der Bundesrepublik stärker Kontinuitäten als eine „Stunde Null“ auszumachen. Es sei um „Wiederaufbau“ nicht „Neuaufbau“ gegangen. Der Alleinvertretungsanspruch, so Escher, des westdeutschen Teilstaates „bestand auch gegenüber der Geschichte“ (S. 273). Zwar konnte man nicht bruchlos an das Frühere anknüpfen, doch warf man auch nicht alle Mythen von vornherein über Bord – das zeigt der Hymnenstreit sehr deutlich. Für Escher ging die Epochenverschleppung, die sich in starken Bezügen auf eine imaginierte Welt äußerte (beispielhaft erwähnt er die Heimatfilme der Fünfzigerjahre) mit einem Hang zur Entschleunigung einher Man sehnte sich nach Beruhigung und Komplexitätsvermeidung. Der Aufbau eines immer engmaschiger gewordenen Sozialstaates findet hier seine Wurzeln. All dies änderte sich dann mit den Debatten der Sechzigerjahre … – aber das ist ein anderes Kapitel.

Einen kurzen Ausblick wagt Escher am Ende doch noch: Auch aus den Jahren von 1972 bis 1990 gibt es zahlreiche Bürgerbriefe zur Hymnenfrage. Vielleicht werden auch diese einmal wissenschaftlich sorgfältig ausgewertet. Ein Brief an die frei gewählte Volkskammer der DDR dient Escher als Beleg, dass der Versuch, „Geschichte von unten“ zu schreiben, auch seine deutlichen Grenzen hat – vorgeschlagen wurde folgende Mischfassung einer Hymne des wiedervereinigten Deutschlands: „Einigkeit und Recht und Freiheit / Und der Zukunft zugewandt / Danach lasst uns alle streben / Dienend unser’m Vaterland.“ Am Ende entschieden sich Bundespräsident und Bundeskanzler dann doch wieder für das „Lied der Deutschen“ als Nationalhymne, allerdings verkürzt allein auf die dritte Strophe.

Schlaglicht: Sommerferien oder Lehrerarbeitszeit – Schäubles Kategorienfehler

https://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/Sommerferien-verkuerzen-Soeder-widerspricht-Schaeuble-id57241811.html

Die Äußerungen des Bundestagspräsidenten in der „Augsburger Allgemeinen“ reizen zu einer Stellungnahme und dürfen so nicht stehenbleiben: Sollen die Sommerferien verkürzt werden? Ein Kollege hat das Interview Wolfgang Schäubles gestern schlicht und einfach als „Frechheit“ bezeichnet. Zu Recht. In anderen Fällen würde man die Äußerungen des Bundestagspräsidenten als „populistischen“ Unfug bezeichnen. Ach nein, Populismus – im Sinne grober, mutwilliger Vereinfachungen der politischen Debatte – gibt es ja in den Volksparteien per definitionem gar nicht.

Die Schulen sind geschlossen. Damit ist aber nicht die Dienstpflicht für Lehrkräfte aufgehoben, diese sind seit Beginn der Schutzmaßnahmen vollständig im Einsatz und haben unter hohem persönlichen Einsatz in kürzester Zeit E-Learning-Modelle installiert. Die persönliche Beratung der Schüler via Internet, die Entwicklung neuer Methoden und Lernformate für das onlinegestützte „Homelearning“, individuelles Feedback, die pädagogische Begleitung der Schüler in Videokonferenzen oder via Telefon ist zeitaufwendig … Auch die Zusammenarbeit im Kollegium ging onlinegestützt weiter, Gleiches gilt für die Schulleitungen. Hinzu kommt der erhöhte Zeitaufwand, der jetzt noch für Abschlussprüfungen mit kleinen Lerngruppen, vermehrten Nachprüfungsterminen, erhöhten Sicherheitsauflagen, Umsetzung von Hygieneplänen usw. entsteht.

Wer eine gesamte Berufsgruppe auf diese Weise öffentlich angreift, scheint auf die Wählerstimmen aus der Lehrerschaft bei der nächsten Wahl keinen Wert zu legen. Leider bleibt Söders Entgegnung, der alles dafür tut, Kanzlerkandidat zu werden, halbherzig und erweckt gleichfalls ein schiefes Bild. Denn es geht hier nicht allein um Ferien; es geht um den Umgang mit der Arbeitszeit einer ganzen Berufsgruppe des öffentlichen Dienstes. Wer meint, Lehrer sollten in diesem Schuljahr mehr arbeiten, muss dies als Mehrabeit vergüten.

Ich hoffe, dass die Kultusministerien der Länder in dieser Frage hart bleiben und dass die Lehrerverbände solchen Vorhaben der Politik deutlichen Widerstand entgegensetzen. Statt in die Kultushoheit der Länder einzugreifen, sollte der Bundestagspräsident lieber überlegen, wie das Parlament, dem er vorsteht, Pandemievorsorge, Zivilschutz und Katastrophenpläne verbessern kann. Hier werden wir, wenn die Krise durchgestanden ist, genügend politische Versäumnisse aufzuarbeiten haben und notwendige Fragen stellen müssen.