Netzwerk Wissenschaftsfreiheit: Erweiterte Dokumentation von Fällen deutscher „Cancel Culture“ online

Das neugegründete Netzwerk Wissenschaftsfreiheit hat eine erweiterte Dokumentation von Fällen deutscher „Cancel Culture“ online gestellt:

Auch die Christliche Sozialethik findet sich in der Aufstellung wieder. 2019 veröffentlichte die AG Christliche Sozialethik einen Boykottaufruf gegen die Zeitschrift „Die Neue Ordnung“ – leider alles andere als ein Ruhmesblatt für die Disziplin: Eine Fachgesellschaft überschreitet ihre Grenzen, wenn sie sich anmaßt, festschreiben zu wollen, welche Positionen des eigenen Faches öffentlich geäußert werden dürfen und welche nicht. Der Boykottaufruf enthielt gleichzeitig die Aufforderung an Bibliotheken, die Zeitschrift auszulisten. In der Folge hat die Universitätsbibliothek Tübingen, die für die Theologie eine besondere Rolle spielt, „Die Neue Ordnung“ aus der Auswertung für den Index theologicus herausgenommen. Damit hat die Universitätsbibliothek Tübingen ihren bibliothekarischen Sammlungs- und Dokumentationsauftrag verraten. Anstatt unterschiedliche Positionen eines Fachgebietes neutral zu dokumentieren, sollen bestimmte Positionen in der wissenschaftlichen und kulturellen Debatte unsichtbar gemacht werden. Dies ist nicht nur ein Verstoß gegen das bibliothekarische Berufsethos, sondern auch ein Verrat am gesamtgesellschaftlichen Auftrag einer vom Steuerzahler finanzierten wissenschaftlichen Einrichtung des Landes Baden-Württemberg.

Es ist erfreulich, dass das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit die Brisanz dieser Causa erkannt hat – im Gegensatz zur Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands, die sich seinerzeit in der Auseinandersetzung um „Die Neue Ordnung“ nicht dazu durchringen konnte, die Publikationsfreiheit zu verteidigen, was für einen publizistischem Berufsverband einem politischen und moralischen Armutszeugnis gleichkommt.

Hier die entsprechende Passage aus der Dokumentation des Netzwerkes Wissenschaftsfreiheit:

Die Arbeitsgemeinschaft Christliche Sozialethik veröffentlicht eine Erklärung zu der bekannten und profilierten Zeitschrift „Die Neue Ordnung“, die vom zum Dominikaner-Orden gehörigen Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg herausgebracht wird. In der Erklärung heißt es, die Zeitschrift sei „in ein populistisches und extrem rechtes Fahrwasser geführt“ worden, übernehme insbesondere in den Editorials kritiklos die Stereotypen und Ressentiments sowie die Ausgrenzungen und Abwertungen des Rechtspopulismus und der extremen Rechten. Zudem: „Auch viele Artikel der „Neuen Ordnung“ nehmen wir mangels wissenschaftlicher Substanz nur noch als zugespitzte Meinungsäußerungen wahr.“ Deshalb handele es sich nicht mehr um eine sozialethische Zeitschrift, vielmehr stelle sie sich „außerhalb der Grenzen eines seriösen Fachdiskurses der katholischen Sozialethik“. Die Verfasser der Erklärung „gehen davon aus, dass in Zukunft keine wissenschaftlichen Sozialethikerinnen und Sozialethiker in der „Neuen Ordnung“ mehr publizieren werden.“ Vertreter anderer Fächer werden eingeladen, sich dieser Entscheidung anzuschließen. Weiterhin gebe es „keinen Grund, die Zeitschrift weiterhin in wissenschaftlichen Bibliotheken zu führen“. Dem Dominikanerorden wird empfohlen, „Wege zu suchen, den Schaden für den Orden wie auch für die Sozialethik zu begrenzen“. Eine von etwa 70 Autoren der Zeitschrift unterzeichnete Gegenerklärung „Substanzieller Dialog statt Stigmatisierung und Ausgrenzung“ führt nicht zu einem solchen (substantiellen Dialog). – In der Folge der Erklärung nimmt die Universitätsbibliothek Tübingen, die im Bereich der Theologie eine zentrale Rolle spielt, die „Neue Ordnung“ aus dem Index theologicus heraus. Damit sind die in der „Neuen Ordnung“ publizierten Positionen öffentlich kaum noch sichtbar. Proteste gegen die Entscheidung der Universitätsbibliothek Tübingen bleiben erfolglos. (2019)

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