Rezension: Wer war der heilige Nikolaus?

Thomas Schumacher (2018): Der heilige Nikolaus – Bischof von Myra. Annäherungen aus Geschichte, Legenden und Theologie, München: Pneuma, 136 Seiten.

Nikolaus kennt man als Kinderfreund. Auch kennt man so manche Geschichten. Doch wer ist dieser einst einflussreichste Heilige überhaupt gewesen? Dieser Frage ist der Theologe Thomas Schumacher in Form von „Annäherungen aus Geschichte, Legenden und Theologie“ nachgegangen und hat ein mit hundertsechsunddreißig Seiten durchaus gut überschaubares Buch vorgelegt, das sich von den zahlreichen Kinderbüchern sowie von jenen übrigen, denen es um Bräuche und scheinbar Biographisches geht, deutlich unterscheidet.

Vieles, was bei der Recherche zum Beispiel auf Wikipedia oder anderen Webseiten wie Fakten dargestellt wird – Biographisches wie unter anderem Lebensdaten zur Zeit Kaiser Konstantins, Teilnahme am Konzil von Nicäa, klerikaler Weg von Jugend an – erweist sich bei näherem Hinsehen als unhistorisch. Schumacher ordnet all das in den großen Kontext ein. Einige derartige „Informationen“ wurden im neunten Jahrhundert auf Basis der ältesten Nikolauslegende aus dem sechsten Jahrhundert für Tatsachen gehalten. Eine Art von Biographie wurde daraus im zehnten Jahrhundert, als man einen anderen Nikolaus, nämlich „Nikolaus vom Sionskloster“, von dem es eine biographische Schrift gibt, mit dem heiligen Nikolaus ineinssetzte und im berühmten, hoch verehrten heiligen Nikolaus aufgehen ließ. Schumacher zeigt all das und „reinigt“ die Person des heiligen Nikolaus von diesen Überlagerungen. So wird der Weg frei für eine Spurensuche, wer der heilige Nikolaus wirklich gewesen ist und wie sich seine Verehrung als ein „Über-Heiliger“ etablieren konnte, zunächst im Osten, später im Westen.

  1. Die Nikolausverehrung entstand just dann, als sich die Heiligenverehrung etablierte. Nach der Zeit der Verfolgungen und der Märtyrer weitete sich mit der Religionsfreiheit unter Kaiser Konstantin der Kreis jener verehrter Männer und Frauen, die man als bei Gott vollendet glaubte und die nach jüdischer Vorstellung (2 Makk 15) als Freunde Gottes angesehen wurden, die fürbittend für die noch auf Erden Lebenden eintreten. Nach jenen, die in einem asketischen Leben eine Art unblutiges Martyrium bestanden haben, wie zum Beispiel der hl. Antonius (verstorben 356), wurden unter Papst Damasus I. (366 bis 384) nun verstärkt Bischöfe als Heilige angesehen. Einer der frühesten heiligen Bischöfe war im Westen der heilige Martin von Tours, im Osten der heilige Nikolaus, der vermutlich Ende des vierten oder Anfang des fünften Jahrhunderts gelebt hat und Bischof von Myra war.
  2. Zuvor musste Myra überhaupt Bischofssitz geworden sein. Seit dem vierten Jahrhundert vollzog sich in den Provinzen des (Ost-)Römischen Reiches nach und nach eine Christianisierung. Dieser Prozess erstreckte sich bis zur Zeit Kaiser Justinians I. (527 bis 565) und war durch harte Auseinandersetzungen mit den lokalen heidnischen Kulten geprägt. In der Provinz Lykien entstanden im Verlauf des vierten Jahrhunderts nach und nach christliche Gemeinden in den Kleinstädten, so auch in Myra. Nikolaus war wohl Ende des vierten oder Anfang des fünften Jahrhunderts Bischof in Myra. Ein solcher Bischof in der damaligen Provinz war nicht mit Bischöfen wie heute zu vergleichen. Antike Provinzbischöfe waren die Hirten in den kleinstädtischen Gemeinden vor Ort. Schumacher setzt einen Vergleich: Das heutige Bistum Trier ist etwa so groß wie die damalige Provinz Lykien. Nach der Pfarrreform 2018/20 besteht das Bistum Trier aus fünfunddreißig „Pfarreien der Zukunft“. Im antiken Lykien gab es schließlich siebenunddreißig Diözesen. Ein antiker Provinzbischof wie Nikolaus war also eher mit dem Leiter einer heutigen Großpfarrei zu vergleichen.
  3. Unter allen Nikolauserzählungen ragt eine einzelne Legende heraus, welche die erste überhaupt gewesen ist und einen maßgeblichen Einfluss auf die Entstehung und Verbreitung der Nikolausverehrung ausgeübt hat. Sie handelt von der Rettung dreier Offiziere oder „Feldherren“ vor Kerker und Hinrichtung. Die Erzählung ist bereits Mitte des sechsten Jahrhunderts belegt. In ihr erschien Nikolaus als ein Heiliger, der dem Kaiser und anderen im Traum erscheinen konnte und mit himmlischer Autorität Anweisungen erteilte. Im Volk verstand man diese Erzählung, als wenn Nikolaus bereits auf Erden den verklärten Leib der Auferstehung gehabt haben müsse. So galt er als Himmelsbürger und Erdenbürger zugleich, als ein Grenzgänger zwischen Himmel und Erde, der umso mehr als himmlischer Helfer in aller irdischen Not angerufen werden konnte. Nikolaus wurde daher als eine Art universaler „Über-Heiliger“ verehrt, der die gewöhnlichen Heiligen mit ihren Taten weit überstrahlte.
  4. Der Bilderstreit (726 bis 843) bedeutete für die Nikolausverehrung den Durchbruch. Nach zahlreichen Auseinandersetzungen, in denen es im Kern auch um die Christologie ging, obsiegten die sogenannten „Bilderfreunde“, deren prominente Vertreter (zum Beispiel Methodius) auch große Nikolausverehrer waren. Wie die Ikonen auf bildhafte Weise, so malte man nun auch literarisch die Heiligengestalten aus. Literatur galt nach antikem Verständnis als Kunst. Zahlreiche Wundererzählungen vom heiligen Nikolaus sowie Zusammenfassungen solcher Erzählungen in Form einer „Vita“ entstanden im neunten und zehnten Jahrhundert. Sie trugen zur weiteren Verbreitung der Nikolaus-Verehrung bei und zogen allerlei weitere Erzählungen nach sich.

Die so entstandene Verehrung von Nikolaus als „Über-Heiliger“ erreichte von Osten her Italien und verbreitete sich im elften Jahrhundert vermehrt auch in Mitteleuropa. Schumacher zeichnet diese Entwicklungen nach und zeigt darüber hinaus, wie die Nikolausverehrung in weniger günstiges Fahrwasser geriet: Wie die Reformation gegen die Heiligenverehrung auftrat, wie die Gegenreformation einen neuen Typ von heiligen bevorzugte, wie die Aufklärung Nikolaus ins Pädagogische und Moralische verschob und wie Profanisierung und Säkularisierung bis hin zum Weihnachtsmann führten.

„Der heilige Nikolaus“ ist ein Buch, das es schafft, auf nur hundertsechsunddreißig Seiten eine riesige Fülle an Stoff zu präsentieren. Textstücke aus dem Buch kann man durchaus für die Oberstufe verwenden. Ansonsten ist es aber ein Buch für engagierte Religionslehrkräfte, die in Sachen Nikolaus eine fundierte Fortbildung suchen.

Dr. Hans-Michael Tappen (Rez.), München

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