Rezension: Günter W. Zwanzig bespricht „Rote Fahnen, bunte Bänder“

Manfred Blänkner, Axel Bernd Kunze (Hgg.): Rote Fahnen, bunte Bänder. Korporierte Sozialdemokraten von Lassalle bis heute, Bonn: J. H. W. Dietz Nachf. 2016.

Politische Kultur braucht Agonistik, Wettstreit um die bestmöglichen Lösungen der Probleme, dies alles beruhend auf der Akzeptanz der gemeinsamen freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Das vorliegende Buch mit einem Vorwort von Erhard Eppler zeigt auf, dass diese Wertvorstellungen heute alles andere als selbstverständlich sind. Eindeutig hat Eppler deshalb hervorgehoben, dass „eine demokratische Volkspartei nicht die Herkunft derer zu untersuchen und zu bewerten pflegt, die ihr beitreten wollen.“ Als Beispiel hat er Adelige wie Georg von Vollmar und Waldemar von Knoeringen genannt, die der „Arbeiter-Partei“ SPD wesentliche geistige Impulse gegeben haben.

Der aus dem Arbeitskreis sozialdemokratischer Korporierter (AKSK) entstandene Lassalle-Kreis ist geradezu ein Musterbeispiel für  die so notwendige Einübung in eine politische Kultur. So muss der Einzelne in seiner Korporation seine Überzeugung einbringen im Austausch mit Bundesschwestern und Bundesbrüdern aus anderen politischen Parteien, alles unter dem gemeinsamen Verbindungsideal integrieren. Außerhalb seiner Verbindung muss er in seiner politischen Umgebung für sein Engagement als Korporierter Verständnis wecken. Dies ist in der SPD besonders schwierig, da nicht unbeträchtliche Teile vor allem de jüngeren Mitglieder sich mit einer differenzierten und toleranten Betrachtung schwer tun. Beim Lesen des Buches wird klar, welche wertvollen und durchaus zu ihr passenden Kreise die SPD zurückstoßen würde, wenn die sich unsachgemäß allen Korporierten verschließt.

Dem Buch vorangestellt ist der – gegenüber der Fassung von 1998 – neu überarbeitete Beitrag von Peter Brandt „Das Erbe der Urburschenschaft.“ Ohne diesen historischen Hintergrund wären die folgenden einzelnen Beiträge unverständlich.

Es ist ein besonderes Verdienst der beiden Herausgeber, die im Wimgolfsbund bzw. im Cartell Christlicher Burschenschaften und im Schwarzburgbund (SB) verankert sind, in mühevoller und jahrelanger Arbeit über dreißig Biographien sowie aktuelle und persönlich gehaltene Beiträge von korporierten Sozialdemokraten­ zusammengestellt zu haben.

Der Inhalt des Buches geht weit über die Lebensbeschreibung bekannter korporierter Sozialdemokraten hinaus. Man hat sich dabei bewusst beschränkt auf „Genossen, die Zeit ihres Lebens sowohl der SPD als auch ihrer Verbindung die Treue hielten, halten konnten und halten durften“ (S. 15). So werden Ernst Reuter (langjähriger Regierender Bürgermeister in Berlin) und Leonrad Ragaz (führender religiöser Sozialist) nur erwähnt, da sie beide Merkmale zugleich nicht erfüllten. Auffällig ist, dass  sich unter den erwähnten Politikern kein Mitglied der österreichischen SPÖ und ebenso nicht einer katholischen Studentenverbindung befindet. Hier dürfte in Deutschland inzwischen ein Wandel eingetreten sein, wofür die Zusammensetzung des Lassalle-Kreises ein gutes Beispiel abgibt. Schließlich ist die Feststellung interessant, dass die aus christlich geprägten Verbindungen stammenden Sozialdemokarten zugleich religiöse Sozialisten waren (z. B. Karl Barth, Christoph Friedrich Blumhardt, Paul Tillich), während umgekehrt zahlreiche Verbindungsstudenten, die zu den religiösen Sozialisten zählten, nicht gleichzeitig auch Mitglieder einer sozialdemokratischen Partei waren.

Im Anschluss an die Biographien werden Themen behandelt, die von allgemeinem Interesse sind, z. B. zum Verhältnis der Sozialdemokratie zu studentischen Verbindungen, zu ihrem Bild in der öffentlichen Meinung sowie zum Rechtsextremismus. Des Weiteren werden persönliche Erfahrungen korporierter Sozialdemokraten wiedergegeben. Schließlich wird als positives Beispiel der Integration der burschenschaftlichen Bewegung in die Öffentlichkeit die 2015 in Schwarzburg errichtete Straße der Menschenrechte beschrieben.

Ein besonderer Abschnitt widmet sich der Zukunft der reinen Männerbünde und der Aufnahme von Studentinnen in gemischte Studentenverbindungen bzw. der Gründung reiner Damenverbindungen. Axel Bernd Kunze plädiert hier für ein tolerantes Miteinander der drei verschiedenen Darstellungsformen in einem Dachverband, das es allerdings bislang nur beim Schwarzburgbund (SB) und dem  Sondershäuser Verband (SV) gibt.

Das Buch bringt zum Schluss Anhandlungen über die Geschichte und das Wesen des Lassalle-Kreises.

Es wäre wünschenswert, wenn auch andere politische Parteien derartige Schriften herausgeben würden, um das Bewusstsein demokratischen Miteinanders zu stärken. Die Lektüre des Buches ist allen zu empfehlen, die sich über die Vielfalt der Geschichte der Demokratie bis in die Gegenwart hinein informieren wollen.

Oberbürgermeister a. D. Dr. jur. Günter W. Zwanzig (Rezensent)

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