Ein religionssoziologischer Blick auf „Youcat“

Österreichische Bischofskonferenz (Hg.):

Youcat. Jugendkatechismus der katholischen Kirche,

München: Pattloch 2011, 304 Seiten.

Seit etwa einem halben Jahrhundert gilt es als gemeinsamer sowie unhinterfragbarer Bestandteil zumindest in der europäischen, in jedem Fall jedoch in der deutschen (Religions-)Soziologie, dass Religion in ihrer klassischen beziehungsweise christlich-kirchlichen Ausprägung zunehmend aus dem Zentrum des Relevanzsystems des Einzelnen zurückgedrängt wird. Sozialmoralisch verfasste kirchliche Milieus erodieren im Zuge vielfältiger gesellschaftlicher Individualisierungs- und Modernisierungsprozesse. Nichtsdestotrotz und andererseits behauptet Religion ihren Platz im Relevanzsystem selbst des individualisierten Menschen; denn auch beim individualisierten Menschen geht es nach der Herauslösung aus unhinterfragten und für selbstverständlich gehaltenen traditionellen Sozialbezügen um Fragen nach der Reintegration in dann anders – gleich wie – konstituierte Sozialgefüge. Definiert man Religion soziologisch nicht substantiell, sondern funktional, wie es beispielsweise Thomas Luckmann in seiner bereits Anfang der Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts erschienenen und 1991 neu aufgelegten, viel beachteten Studie „Die unsichtbare Religion“ (Frankfurt am Main 1991) konstatiert hatte, dann kommt man soziologisch zu dem Schluss, dass Religion nicht nur immer noch im Zentrum des Relevanzsystems eines jeden Einzelnen steht, sondern dass Religion per se seit jeher eine Art anthropologische Grundkonstante darstellt. Der Mensch ist nach Luckmann das einzige Lebewesen, das sich selbst transzendieren kann. Somit ist jeder Mensch in der Lage beziehungsweise sogar gezwungen, sich sozusagen seine eigene Religion zusammenzubasteln, -zimmern, -schustern und so weiter. Kurz: Soziologisch muss Religion nicht immer und unbedingt etwas mit dem zu tun haben, was gemeinhin unter dem Begriff „Religion“ verstanden wird und daraus resultiert: Religion muss nicht genuin etwas mit „Kirche“, „heilig“ et cetera gemein haben, sondern kann für den Einzelnen unterschiedliche Formen annehmen (zum Beispiel Familialismus, Beruf, Körperkult).

Hiervon ist auch das kirchlich verfasste Christentum betroffen. Einerseits verflacht die Tradierung konfessionsspezifischer Glaubenselemente, die Kirchen sind in der Regel – außer zur Weihnachtszeit – leer. Andererseits erfreuen sich großangelegte Veranstaltungen, wie Kirchentage und Weltjugendtage, auch und gerade unter jungen Menschen einer sehr großen Beliebtheit. Man kann in diesem Zusammenhang auch von einer „Eventualisierung“ dieser Veranstaltungen sprechen. Die „Sehnsucht nach Sinn“, wie Peter L. Berger (Sehnsucht nach Sinn. Glauben in einer Zeit der Leichtgläubigkeit: Frankfurt am Main 1994) es einmal treffend formulierte, ist also weiterhin vorhanden. Nur ist die „Suche“ komplizierter geworden, weil es nicht mehr einen oder wenige, sondern nahezu unendlich viele verschiedene Wege gibt.

Angesichts dieser unübersichtlich gewordenen Situation bewies die katholische Kirche enormen Mut, zum ersten Mal in ihrer Geschichte einen Jugendkatechismus zu veröffentlichen. Das von der Österreichischen Bischofskonferenz mit Zustimmung der Deutschen sowie der Schweizer Bischofskonferenz herausgegebene Youcat ist, wie Papst Benedíkt XVI. in seinem Vorwort völlig zu Recht sagt, „ein ungewöhnliches Buch“ (S. 6), und vor allem ist „dieses Buch […] spannend, weil es von unserem eigenen Schicksal redet und darum einen jeden von uns zutiefst angeht“ (S. 10).
Youcat behandelt auf der Grundlage des Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) von 1997 die wichtigsten Aspekte des katholischen Glaubens und umfasst neben dem Vorwort von Papst Benedikt XVI. vier Teile, die jeweils aus mehreren Unterkapiteln bestehen: (1.) Was wir glauben; (2.) Wie wir die christlichen Mysterien feiern; (3.) Wie wir in Christus das Leben haben sowie (4.) Wie wir beten sollen. Sehr hilfreich ist darüber hinaus auch das umfangreiche Register (Stichwortverzeichnis sowie Verzeichnis der Definitionen), das einem die Suche nach Fundstellen erheblich erleichtert. Sehr positiv anzumerken sind die ergänzenden Elemente der Randspalte, die meist aus Zitaten oder Definitionen bestehen.

Aufgebaut ist Youcat in einer Frage- und Antwort-Form. Sehr positiv hervorzuheben, ist der strukturelle Aufbau der jeweiligen Antworten. Zunächst erhält man eine zusammenfassende Antwort auf der Basis des KKK mit den genauen Fundstellen. Daran schließt sich ein weiterer Kommentar an, der einerseits zum Verständnis beitragen und andererseits die Relevanz der behandelten Fragen betonen soll. Und genau diese Kommentare sind es, die das Werk auszeichnen, einzigartig, faszinierend und so lesenswert machen: Youcat ist in einer jugendgemäßen Sprache verfasst worden. Allein diese Tatsache dürfte es Religionslehrern und -lehrerinnen erheblich erleichtern, Jugendlichen die wesentlichen Bestandteile des katholischen Glaubens näher zu bringen.

Bei Youcat handelt es sich um ein sehr substantielles und programmatisches Werk sowie weitergehend um eine Art Nachschlagewerk. Angesichts der soziologisch durchaus nachvollziehbaren Emanzipationsbestrebungen des Islams in Mitteleuropa sowie andererseits der unter anderem auch dadurch bedingten permanenten Infragestellung christlicher Glaubensvorstellungen und -werte im christlich geprägten Mitteleuropa setzt Youcat einen eindeutigen Anker. Youcat weist auf die Stärken des Christentums hin, ohne missionierend zu sein.

Karsten Lenz (Rezensent)

Der Rezensent ist als promovierter Religionssoziologe und Publizist in München tätig.

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