Rundfunkvorlesung: Von Humboldt zur „Cancel Culture“

„Jetzt können wir dem Sterben der Universität in Echtzeit zusehen.“ Der Germanist, Pädagoge und Philosoph Peter J. Brenner findet deutliche Worte. Mit gekonnten Strichen und allgemeinverständlich skizziert er, wie die deutsche Universität in zwei Jahrzehnten ihr Renomée verspielt hat. Hörenswert!

https://kontrafunk.radio/de/sendung-nachhoeren/kultur-und-wissenschaft/audimax-das-kontrafunkkolleg/peter-j-brenner-idee-und-wirklichkeit-der-deutschen-universitaet—von-humboldt-zu-cancel-culture#id-article

Rezension: Missbrauch in der Kirche

„Mit einer Pressekonferenz von Kardinal Law Anfang 2002 in Boston begann die kirchliche Missbrauchsdebatte. 2010 erreichte die Debatte mit den Enthüllungen um das Berliner Canisiuskolleg auch die deutsche Kirche. Mehr als zwanzig Jahre hält die quälende Debatte nun mittlerweile an. Das Vertrauen in die Kirche hat schwersten Schaden genommen. Und noch immer ist die Lage unübersichtlich, wirken die Verantwortlichen in der Kirchenleitung verunsichert und ratlos, wie sie angemessen reagieren sollen. Die hohen Kirchenaustrittszahlen lassen sicht nicht monokausal erklären, die Folgen der Missbrauchskrise sind aber sicherlich eine gewichtige Ursache hierfür. Zwei Bände aus dem Feld theologischer Missbrauchsforschung machen deutlich, wie der Glaube durch die Missbrauchsskandale gleichermaßen herausgefordert wird, aber auch heilend wirken kann.“

Axel Bernd Kunze (Rez.): Herausgeforderter und heilender Glaube, in: Concilium 59 (2023), H. 4, S. 474 – 479.

Sammelrezension zu: Hans-Joachim Sander: Anders glauben, nicht trotzdem. Sexueller Missbrauch der katholischen Kirche und die theologischen Folgen, Ostfildern: Matthias Grünewald 2021, 223 Seiten; Lia Alessandro/Anja Middelbeck-Varwick/Doris Reisinger (Hgg.): Kirchliche Macht und kindliche Ohnmacht. Konturen, Kontexte und Quellen theologischer Missbrauchsforschung, Münster i. Westf.: Aschendorff 2023, 194 Seiten.

Neue Publikationsreihe: Pädagogik kontrovers

… herausgegeben wird die neue Reihe im Stuttgarter Verlag W. Kohlhammer von Bernd Ahrbeck, Karl-Heinz Dammer, Marion Felder und Anne Kirschner. Den Auftakt macht ein Band zum „Pädagogischen Neuspreche, herausgegeben von Karl-Heinz Dammer und Anne Kirschner. Behandelt werden folgende „Modebegriffe“: Individualisierung, Selbststeuerung, Kompetenz, Gender/Geschlecht, Resonanz, Achtsamkeit, Vielfalt/Diversität, Resilienz, Nachhaltigkeit und Evidenzbasierung. Es geht um die politisch gesteuerte Umformung der pädagogischen Sprache: „die in ihr aufbewahrte Vergangenheit [soll] dem Vergessen anheimgegeben, also unsagbar gemacht werden“. Eine Rezension in der Zeitschrift „Profil. Magazin für Gymnasium und Gesellschaft“ ist in Vorbereitung.

Auf fremden Seiten: „Cancel Culture“ in Trier

Die ehemalige Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld weist in ihrem Weblog auf einen Fall von „Cancel Culture“ in Trier hin. Es geht um ein „Festival für Frieden, Freiheit und Freude“ . Zwei Künstler, die sich coronapolitisch kritisch geäußert haben, sind bei der Stadt in Ungnade gefallen. Noch gilt dort die Kunstfreiheit, auch wenn sie eher hingenommen als bejaht wird. Offensichtlich wünschten sich die Verantwortlichen der „Karl-Marx-Stadt“ an der Mosel eine politische Einheitsmeinung. Der Vorgang zeigt überdies, wie sehr eine freiheitsfeindliche, affektgeleitete Coronapolitik auch heute noch polarisiert. Von echter Aufarbeitung kann bis heute keine Rede sein.

Petition: Keine Pflicht zum Gendern an niedersächsischen Schulen

… fordert eine aktuelle Petition:

„Drei Bundesländer haben das Gendern in Schulen und Universitäten mittlerweile verboten: Sachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein. Dort gelten jetzt streng die Regeln der deutschen Rechtschreibung. 

Niedersachsens Kultusministerin Julia Hamburg schlägt den gegenteiligen Weg ein: Sie will Gender-Sprache in Niedersachsens Schulen und Universitäten.

Sie mache (noch) keine rechtlichen Vorgaben, sagte die Kultusministerin der Neuen Osnabrücker Zeitung. Aber sie befürworte das Gendern. 

Lehrer und Professoren sollen in Zukunft “Schüler:innen” oder “Schüler*innen” schreiben und den Schülern beibringen, dasselbe zu tun. 

Es ist eine riesige Verschwendung von Unterrichtszeit.

Nicht nur das. Diese unaussprechlichen Formen machen die deutsche Rechtschreibung künstlich noch schwieriger, als sie ist. Ein weiteres Hindernis für Kinder, die Deutsch erst lernen müssen. Bald wird es heißen: “Deutsche Sprach:in, schwere Sprach:in.”

Anstatt Lehrern die Arbeit zu erleichtern, damit sie den Schülern eine solide Bildung mitgeben können, verschwendet die Kultusministerin Lehrer-Zeit und Lehrer-Nerven auf die Genderei.

Deshalb bekam Julia Hamburg vom Verein Deutsche Sprache dieses Jahr den zweiten Preis bei der Auszeichnung “Sprachpanscher des Jahres”.

Die Mehrheit der Deutschen lehnt das Gendern ab.

Niedersachsens Schüler sollen also eine Sprache lernen, die den meisten Erwachsenen missfällt. Was bedeutet das fürs Berufsleben? Sobald sie sich für eine Arbeit bewerben, werden Niedersachsens junge Leute sich das Gendern mühsam wieder abgewöhnen müssen. Oder aber einen Nachteil gegenüber Bewerbern aus anderen Bundesländern haben, wo nicht gegendert wird.

Aus all diesen Gründen richten wir eine Petition an Kultusministerin Julia Hamburg. Sie soll das Gendern in Niedersachsens Schulen auf keinen Fall verpflichtend machen. Im Gegenteil: Wir fordern, dass sie dem Beispiel von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein folgt und das Gendern an Schulen verbietet.

Unterzeichnen Sie die Petition und geben Sie sie weiter! Helfen wir Niedersachsens Lehrern und Schülern gegen eine ideologisch verblendete Kultusministerin.

Weitere Informationen hier.

Rezension: Bildungsgeschichtlich interessante Festschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg

2021 konnten die Hochschulen für Angewandte Wissenschaften ihr fünfzigjähriges Jubiläum feiern. Dies gilt auch für die Evangelische Hochschule Ludwigsburg in Trägerschaft der Evangelischen Landeskirche in Württemberg: 1971 entwickelte sich aus der Höheren Fachschule für Sozialpädagogik in Reutlingen eine Fachhochschule. Diese fusionierte 1998 mit der kirchlichen Fachhochschule in Ludwigsburg, die aus der Kirchlichen Ausbildungsstätte für Diakonie und Religionspädagogik hervorgegangen war.

Die anlässlich des Jubiläums 2022 in der Reihe „Bildungsprozesse in kirchlich-diakonischen Handlungsfeldern“ vorgelegte Festschrift mit dem Titel „Sozial. Evangelisch. Innovativ. 50 Jahre Evangelische Hochschule Ludwigsburg“ beschreibt nicht allein die historische, institutionelle und disziplinäre Entwicklung der landeskirchlichen Hochschule. Vielmehr gibt sie zugleich einen bildungsgeschichtlich interessanten Überblick, wie sich die Hochschullandschaft im Südwesten entwickelt hat.

Teil A

Renate Kirchhoff und Bastian Kaiser sprechen von vier Entwicklungssträngen: den frühen Universitätsgründungen in Heidelberg, Freiburg i. Brsg. und Tübingen, den Fach- und Ingenieursschulen (seit den Siebzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts ergänzt um die Berufsakademien und Dualen Hochschulen) sowie den universitären Neugründungen seit dem neunzehnten Jahrhundert (z. B. in Karlsruhe, Stuttgart oder in Folge der Bildungsdebatte der vergangenen Sechzigerjahre in Konstanz, Mannheim oder Ulm). Den vierten Strang bildeten die Hochschulen, die für das Sozial-, Gesundheits-, Erziehungs- und Bildungswesen in Kirche und Gesellschaft ausbilden, deren Wurzeln liegen vor allem in der Gründung sozialer Frauenschulen. Mittlerweile sind aus diesen akademischen Ausbildungsstätten wissenschaftsgeleitete Hochschulen entstanden. Zu den neueren Entwicklungen zählt die Möglichkeit, den Hochschulen für Angewandte Wissenschaften thematisch begrenzt das Promotionsrecht zu verleihen.

In einzelnen Kapiteln wird die Entwicklung der in Ludwigsburg und Reutlingen vertretenen Fächer nachgezeichnet: Soziale Arbeit, Religions- und Gemeindepädagogik, Heilpädagogik, Pflegewissenschaft sowie Kindheitspädagogik. Die letztgenannte Disziplin, die im 2024 ihr zwanzigjähriges Bestehen im deutschen Hochschulsystem feiern kann, wird in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg angeboten. Besonders hervorzuheben ist das erfolgreiche Integrierte Studienmodell, das die beiden Hochschulen mit sechs evangelisch-württembergischen Fachschulen für Sozialpädagogik anbieten und das den dortigen Auszubildenden eine Doppelqualifikation als Erzieher und Kindheitspädagoge mit Bachelorabschluss ermöglicht.

Weitere Beiträge der Festschrift widmen sich gesellschaftlich-historischen Veränderungen in der studentischen Selbstverwaltung, der Inklusionsforschung oder der Religionspädagogik.

Teil B

Der zweite Teil der Festschrift beleuchtet aktuelle Entwicklungsperspektiven, beispielsweise im Feld der Masterstudiengänge und in der Kooperation von Hochschulen, in der Menschenrechtsbildung, in der Internationalisierung oder Digitalisierung, im Theorie-Praxis-Transfer, in der integrierten Forschung oder im Unternehmentum, das auch im sozialen Bereich aus Hochschulen erwachsen kann.

Claudia Schulz wirbt in ihrem Beitrag vor allem darum, dass sich die Hochschulen für Angewandte Wissenschaften noch stärker als bisher für Fachkräfte mit Berufserfahrung öffneten: „Gelingt dies, kann die akademische Bildung an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften gerade für Menschen mit einem hohen Interesse an der Praxis und ihrer Entwicklung zum Sprungstab werden“ (S. 187).

Teil C

Im abschließenden und kürzesten Teil formulieren der Rektor der Hochschule, Norbert Collmar, sowie die Studiengangsleiterin für Religions- und Gemeindepädagogik, Andrea Dietzsch, ihre Vision für die Weiterentwicklung der Jubilarin: Hochschulen für Angewandte Wissenschaften seien Seismographen für gesellschaftliche und disziplinäre Entwicklungen. Mit der Förderung von Bildungsgerechtigkeit, Durchlässigkeit im Bildungssystem akademischer Teilhabe leisteten sie wesentliche Beiträge zur gesellschaftlichen Entwicklung, sie qualifizieren ihre Absolventen dazu, den Bildungs-, Pflege- und Gesundheitsbereich kompetenz mitzugestalten und begleiteten – in Gestalt kirchlicher Hochschule – den Einzelnen über den beruflichen Horizont hinaus bei seiner individuellen und religiösen Identitätsfindung.

Der Band greift über den Rahmen einer institutionsbezogenen Festschrift deutlich hinaus und bietet interessante Einblicke in hochschul- und disziplinpolitische Entwicklungen im Bereich der Sozial-, Gesundheits- und Pflegestudiengänge.

Norbert Collmar, Andreas Dietzsch (Hgg.): Sozial. Evangelisch. Innovativ. 50 Jahre Evangelische Hochschule Ludwigsburg (Bildungsprozesse in kirchlich-diakonischen Handlungsfeldern; 3), Münster (Westf.)/New York: Waxmann 2022, 305 Seiten.

Lektürehinweis: Thüringer Residenzenlandschaft bald Weltkulturerbe?

Neuerscheinung (aus der Verlagsinformation):

Thüringen verfügt über eine außergewöhnlich hohe Zahl ehemaliger fürstlicher Residenzen auf engem Raum, die bis zum Ende der Monarchie 1918 in Funktion blieben. Sie sind Zeugen der nur hier über 1806 hinaus erhaltenen kleinteiligen Struktur des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Mit diesem Schatz hat sich Thüringen 2021 auf den Weg zum UNESCO-Welterbe gemacht.

Im Auftrag der Thüringischen Staatskanzlei erarbeitete die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten den Antrag „Thüringische Residenzenlandschaft“ mit neun Residenzanlagen in acht Städten. Im Oktober 2021 wurde der Antrag für das Bewerbungsverfahren zur deutschen Tentativliste für das UNESCO-Welterbe eingereicht. Die vorliegende Publikation beinhaltet den Antraginhalt sowie die Beiträge eines wissenschaftlichen Kolloquiums. Im Mittelpunkt stehen der Vergleich mit bereits eingetragenen Welterbestätten und die daraus abgeleitete Definition eines möglichen außergewöhnlichen universellen Wertes sowie der historische Hintergrund der „Thüringischen Residenzenlandschaft“ im Kontext des Heiligen Römischen Reichs. Hinzu kommen Beiträge zu Hintergründen und methodischen Fragen rund um das Welterbe.

Einer der Initiatoren des Projekts ist Prof. Dr. Helmut Eberhard Paulus, ehemaliger Direktor der Thüringer Schlösser und Gärten. Im kommenden Jahr wird er zu diesem Thema die Festrede zum Stiftungsfest seiner Leipziger Burschenschaft Alemannia zu Bamberg halten.

Der Antrag liegt nun in gedruckter Form vor:

Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten (Hg.): Die Thüringische Residenzenlandschaft auf dem Weg zum UNESCO-Welterbe. Der erste Schritt zur deutschen Kandidatenliste, Regensburg: Verlag Schnell + Steiner 2023, 19,95 Euro.

Weitere Informationen: