Gabriele Gysi (Hg.): Der Fall Ulrike Guérot. Versuche einer öffentlichen Hinrichtung, Neu-Isenburg: Westend 2023, 95 Seiten.
Auf hoher See und vor Gericht … Wir kennen das bekannte Sprichwort. Die Bonner Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot hat in erster Instanz ihr arbeitsrechtliches Verfahren gegen ihre Universität verloren. Diese hatte aufgrund von Plagiatsvorwürfen eine Kündigung ausgesprochen. Ein solcher Schritt stellt ein Novum universitärer Plagiatsverfahren dar. Mit dem vorliegenden Band stellt sich der Hausverlag der Angeklagten schützend vor seine Autorin. Herausgeberin und Autorenteam des vorliegenden Bandes erkennen im Vorgehen der Bonner Universität einen Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit. Heike Egner schreibt: „Es mag sein, dass wir gerade Zeugen eines Prozesses werden, in dem Wissenschaft sich ingesamt zu etwas wandelt, das durch und durch von Politik gestaltet wird“ (S. 27).
Getroffen werden soll eine Wissenschaftlerin, die sich nicht scheute, deutliche Worte gegenüber einer freiheitsfeindlichen Coronapolitik zu finden. Schon früh hatte Guérot in der WELT im September 2020 ihr Unbehagen an dieser mit deutlichem Gespür für die individuelle Freiheit vorgetragen. „Wer schweigt, stimmt zu“ war der programmatische Titel eines Buches, das es auf die Spiegelbestsellerliste schaffte, durchaus zum Missfallen der Hochschulverantwortlichen in Bonn. Noch stärker wurde der Gegenwind, als die Politikwissenschaftlerin sich eine eigene, pointierte Meinung angesichts des Krieges gegen die Ukraine erlaubte. Man wird wohl nicht zu weit gehen, annehmen zu wollen, dass die Universität Bonn mit der Berufung Guérots deren Impactfaktor, wie es heute so gern heißt, gern einkaufte. Dieser verdankte sich nicht zuletzt dem europapolitischen Engagement der Hochschullehrerin, mit dem man sich gern schmücken wollte. Doch mit ihrer eigenständigen corona- und sicherheitspolitischen Kritik hatte man Schwierigkeiten. Jetzt wurde Guérot unbequem. Das Plagiatsverfahren erschien als günstige Gelegenheit, die unbequem gewordene Denkerin wieder los zu werden.
Es bleibt zu unterscheiden zwischen der berechtigten Überprüfung von Plagiatsvorwürfen und einem arbeitsrechtlichen Verfahren. Erstere sollte objektiv auf Basis transparenter wissenschaftlicher Kriterien durchgeführt werden, wobei in diesem Fall die Autorin eigenes Fehlverhalten längst selber eingeräumt hat. Aber – wie der vorliegende Band deutlich macht – wurden die von Guérot gemachten Angebote zum Gespräch allesamt ausgeschlagen. Für das zweite gelten in Deutschland zu Recht hohe arbeitsschutzrechtliche Hürden. Anders als die Unschuldsvermutung im Rechtsstaat es nahelegt, war für Kritiker die Sachlage schon vor Prozessbeginn klar. Und diese gilt weiterhin – denn Ulrike Guérot hat angekündigt, gegen das Bonner Arbeitsgerichtsurteil in Revision zu gehen.
Und das ist auch gut so. Denn dieser Fall könnte Präzedenzwirkung im Umgang mit „Cancel Culture“ und Wissenschaftsfreiheit hierzulande haben. Es lohnt sich daher, den weiteren Prozessfortgang zu verfolgen. Wer mehr über die (wissenschafts-)politischen Hintergründe dieser polarisierenden Auseinandersetzung wissen will, findet sowohl in den Beiträgen wie im Dokumentationsanhang des vorliegenden Bandes breite Hintergrundinformationen. Und dann gilt hier wie auch sonst: Sapere aude! Der Leser bilde sich seine eigene Meinung.