Rezension: Kulturstaat ohne Religion nicht denkbar

Walter Tetzloff rezensiert den Band „Bildung und Religion. Die geistigen Grundlagen des Kulturstaates“ von Axel Bernd Kunze, erschienen in der Reihe „Zeitdiagnosen“ im Lit-Verlag Münster:

„Religion wird als fester Bestandteil unserer geistigen Geschichte gesehen, und ihr Beitrag zur europäischen Kultur steht, so Kunze, keineswegs im Widerspruch zum weltanschaulich neutralen Staat, wie ihn das Grundgesetz postuliert. […] Die philosophischen und ethischen Begründungen, die dieses Buch reichlich aufzeigt, und dies auf einem Niveau höchster Abstraktion (was eine sehr konzentrierte Lektürehaltung voraussetzt), sind zahlreich und für viele von uns sicher überzeugend. […] Und dennoch: Nicht jeder Leserin oder jedem Leser wird das kluge Plädoyer Axel Bernd Kunzes gefallen. Mancher mag eine andere – ebenfalls legitime – von der Kirche losgelöste Werteorientierung haben und dem Autor an einigen Stellen widersprechen. Es ist aber nicht leicht, sich der stringenten und historischen begründeten Gedankenführung Kunzes zu entziehen.“

Walter Tetzloff: Abendländischer Kulturstaat – ohne Religionsbezug nicht denkbar, in: Profil. Das Magazin für Gymnasium und Gesellschaft, Nr. 12/2024, S. 40.

Aus der Schulpraxis: Aus einem Grußwort im Neujahrsgottesdienst

„Prüft alles und behaltet das Gute“ – die diesjährige Jahreslosung aus dem ersten Thessalonicherbrief kann auch als pädagogische Maxime gelten. Sie werden in diesem Jahr – hoffe ich – viel Neues lernen und erfahren. Prüfen Sie das Gelernte. Nehmen Sie dazu Stellung. Entwickeln Sie daraus Ihre Vorstellung von Bildung, Erziehung und Betreuung. Entwickeln Sie auf Basis des Gelernten und Ihrer eigenen Erfahrungen und Gedanken, Ihrer Interessen und Ihrer Motivation Ihre eigenständige Erzieherpersönlichkeit.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen alles Gute und viel Erfolg für die Aufgaben und Herausforderungen dieses Jahres – eines Jahres, das Sie ihrem Ausbildungsabschluss und Ihrem angestrebten Beruf wieder ein Stück näher bringt.

Denen von Ihnen, die in diesem Jahr Ihre Abschlussprüfung anstreben, wünsche ich dafür in besonderer Weise alles Gute, Erfolg und Gottes Segen.

Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, wünsche ich alles Gute, Kraft, Freude und Gottes Segen für die pädagogische Arbeit in diesem neuen Jahr.

„Prüft alles und behaltet das Gute“. Nehmen wir dieses Wort mit hinein in das neue Jahr, das vor uns als Schulgemeinde liegt. In diesem Sinne Ihnen allen und Ihren Angehörigen ein gutes, ein fruchtbares, ein von Gott gesegnetes Jahr 2025.

Rezension: „Hölle der Abstraktionen“

Die Kategorie der „Homosexualität“ taugt nicht zur Klassifikation von Menschen. Nicht was, sondern wer ein Mensch ist, ist dem Autor Norbert Reck zufolge entscheidend.

Die Rezension des neuen Buches von Norbert Reck „Kein anderes Ufer. Die Erfindung der Homosexualität und ihre Folgen. Anstoß zu einer notwendigen Debatte“ (Ostfildern: Matthias Grünewald 2024, 171 Seiten) in der „Tagespost“ ist jetzt auch online verfügbar:

https://www.die-tagespost.de/kultur/literatur/hoelle-der-abstraktionen-art-258175

Zwischenruf: Verfassungs- und staatsloyal, nicht regierungstreu

Der Siegener Rechtswissenschaftler Gerd Morgenthaler warnt in einem aktuellen Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung vor Einschüchterungsversuchen gegenüber Beamten und Wissenschaftlern. Und er sieht Veränderungen, die überkommene Prinzipien des freiheitlichen Verfassungsstaates aushöhlten und damit Kontrollmechanismen zerstörten. Denn der unabhängige Beamte sollte innerhalb der Exekutive vornehmlich verfassungs- und staatsloyal agieren und erst in zweiter Linie die Regierungslinie stützen. Das heißt dann auch: Der Beamte soll die Rechte des Souveräns wahren und unparteiisch entscheiden.

https:/www.nzz.ch/international/hausdurchsuchung-wegen-lappalien-juraprofessor-warnt-vor-einschuechterung-ld.1860775

„Wie weit sind wir denn inzwischen gekommen?“, fragt der Kollege im Interview im Blick auf die „Cancel Culture“ der Coronajahre. Zur Wahrheit gehört allerdings, dass der Kollege, früher Mitglied im Vorstand des Netzwerkes Wissenschaftsfreiheit, selber daran beteiligt war, mit dem ehemaligen Präsidenten des Deutschen Hochschulverbandes den Vertreter eines wissenschaftspolitischen Spitzenverbandes, der an den moralischen Herausforderungen der Coronapolitik gescheitert ist, mit einem Freiheitspreis auszuzeichnen. Die Forderung nach einer Aufarbeitung der Coronapolitik bleibt eine wichtige politische Aufgabe, die uns auch im neuen Jahr begleiten wird.

Glück auf zum neuen Jahr

Ein frohes und herzliches Glück auf zum neuen Jahr!

Von Herzen alles Gute, Zuversicht und Gottes Segen für das neue Jahr. Wir werden Weisheit und Klugheit, Mut und Verantwortung, Freiheitsbewusstsein und Nüchternheit brauchen, die Herausforderungen dieses neuen Jahres zu bestehen. Vielleicht ist Selberdenken in Zeiten wie den unsrigen das probate Mittel, das wir uns wünschen sollten – und so mag Odo Marquard möglicherweise einen Akzent am Beginn dieses Jahres setzen:
„Denn zu nichts braucht man heute mehr Mut als zur Wahrnehmung des Positiven. Und damit erweist sich der Bürger auch als der letzte Träger der Aufklärung, der das ‚sapere aude‘ in eine Lebenspraxis der Freiheit umsetzt. Kants Mut zum Selberdenken konkretisiert sich heute als Mut zur Bürgerlichkeit. So hat Odo Marquard den Begriff Zivilcourage übersetzt. Es gibt noch Ritterlichkeit, auch wenn es keine Ritter mehr gibt. Und es gibt noch Bürgerlichkeit, auch wenn es keine bürgerliche Gesellschaft mehr geben sollte.“ [Norbert EBolz: Die ungeliebte Freiheit. Ein Lagebericht, München 2010, S. 136.]

Neuerscheinung: Rund um den Comment

Axel Bernd Kunze: Mit Band und Mütze, Stil und Profil. Ein akademisches Lesevergnügen rund um den couleurstudentischen Comment, in: Studentica Helvetica  40 (2024), H. 80 (Dezember), S. 49 – 51.

Die Zeitschrift der Schweizerischen Vereinigung für Studentengeschichte stellt den Band „Comment-iert!“ des bekannten Studentenhistorikers Bernhard Grün vor:

Bernhard Grün: Comment-iert! 111 Korporationsstudentische Miniaturen (Die Fuxenstunde & Der Comment), Bad Buchau: Federsee 2024, 242 Seiten.

Gedanken zum neuen Jahr

Raffael: Sixtinische Madonna (um 1512/13)

Wer pädagogische Erfahrung mitbringt, wird nicht selten die Erfahrung machen können, wie schwer es Kindern und Jugendlichen mitunter fällt, zu warten. Schnelle Befriedigung bringt vielleicht kurzfristig Gewinn, führt aber nicht unbedingt langfristig zum Ziel. Leistung, Erfolg und Können fallen nicht vom Himmel. Hierfür braucht es die Kraft zum Verzicht, beharrliches Üben, Anstrenung und Durchhaltevermögen sowie Zeit zum Reifen. Umso mehr kann der Einzelne am Ende auf das stolz sein, was er erreicht hat.

Dies alles gilt auch für unseren Glauben. Glaube ist etwas anderes als die schnelle Befriedigung spiritueller Bedürfnisse, damit das Ich sich wohlfühlen kann. Glaube ist nicht die schnelle Antwort auf alle Fragen. Der Glaube ist nichts Fertiges, er fällt nicht vom Himmel. Auch der Glaube bedarf der Einübung, der Reifung, der Vertiefung. Wie leicht passiert es, dass der Glaube aus Kindertagen einfach abgelegt wird – weil er mit zunehmendem Alter nicht mehr trägt.

Im Evangelium am Neujahrstag, dem Hochfest der Gottesmutter Maria, begegnen uns an der Krippe Menschen, die uns zeigen können, was Glauben ausmacht. Es sind Menschen, die sich vom Weihnachtsgeschehen haben treffen lassen, die im wahrsten Sinne des Wortes betroffen sind.

Da sind zum einen die Hirten, die – wie Lukas schreibt – zur Krippe eilen, nachdem ihnen Großes angekündigt worden war. Was treibt sie an? Menschliche Neugier, beschwingte Freude oder eine erwartungsvolle Spannung? Entscheidend für den Evangelisten ist, dass sie sich von Gott in Eile versetzen lassen – so wie schon Maria ein Kapitel zuvor zu ihrer Verwandten Elisabet geeilt ist. Es sind nicht ihre eigenen Bedürfnisse, die sie antreiben, sondern die größere Sehnsucht auf das Große, das ihnen von Gott her verheißen worden ist.

Dabei ist das „Zeichen“, auf das sie achten sollen, durchaus unscheinbar. Versprochen ist ihnen nicht ein machtvolles Zeichen, das Gottes Herrlichkeit mit Macht und Größe sichtbar werden lässt. Es geht eher um ein Erkennungszeichen: ein kleines, in Windeln gewickeltes Kind. Nichts Spektakuläres also, kein Zeichen, das einzigartig wäre oder das menschliche Sensationsbedürfnis stillen könnte. Doch die Hirten lassen sich darauf ein. Sie trauen dem, was sie gesehen haben – und zwar von innen her gesehen haben. Sie spüren die tiefere innere Freude, die von dem ausgeht, was sie gesehen haben. In dieser Freude kehren sie zurück und teilen anderen davon mit.

Da ist zum anderen Maria, die uns am ersten Tag des neuen Jahres in besonderer Weise als Glaubensvorbild vor Augen gestellt wird. Maria weiß, dass hier Geschehnisse Gottes am Werk sind. Diese sind nicht einmal fassbar. Sie rufen – wie Lukas auch bei der vorangegangenen Geburt Johannes des Täufers berichtet – zunächst einmal Entsetzen, Betroffenheit und Nachdenklichkeit hervor. Auch Maria vermag nicht im ersten Moment alles zu begreifen.

Lukas zeigt, wie auch Maria Zeit braucht, den Weg ihres Sohnes zu verstehen. Sie hört die Worte der Hirten und sinnt darüber nach. Glaube heißt nicht, sich vom Gefühl des Augenblicks, von einem unmittelbaren Bedürfnis emotional überwältigen zu lassen. Glaube ist Feststehen in dem, wovon wir zutiefst überzeugt sind – mit Herz und Verstand. Nur so kann sich ein vertieftes Verständnis des Glaubens entwickeln, das sich dann auch im Tun verwirklicht. Lukas macht im weiteren Verlauf seines Evangeliums deutlich, dass dieser Weg die wahre Zugehörigkeit zur Familie Jesu eröffnet: auf sein Wort zu hören, darüber nachzudenken und daraus zu handeln. Maria geht diesen Weg. Gerade deshalb ist sie uns ein Vorbild des Glaubens. Schließlich wird sie nach Ostern zu einer der zentralen Gestalten der jungen christlichen Gemeinde.

Glaube bedarf der Übung, er muss reifen – im beständigen Nachsinnen über Gottes Geschehnisse. Nur so können wir das Wesentliche des Glaubens aus unserem Inneren heraus immer tiefer erfassen. Das können wir von Maria lernen. Nutzen wir das neue Jahr, das uns geschenkt ist, als eine Zeit, in der unser Glaube weiter wachsen und reifen kann – am Beispiel der Gottesmutter.

Liebe Leserinnen und Leser,

ich danke Ihnen für allen bildungsethischen Austausch im Jahr, das nun zu Ende geht. Mit den vorstehenden Gedanken wünsche ich Ihnen allen Zuversicht, Schaffenskraft und Gottes Segen für das neue Jahr. Ich freue mich auch weiterhin auf Ihre Verbundenheit und Ihr Interesse an bildungsethischen Fragen.

Mit herzlichen Neujahrsgrüßen, Ihr Axel Bernd Kunze