Festrede: Cartell Christlicher Burschenschaften feiert 30-jähriges Jubiläum

Festkneipe anlässlich des dreißigjährigen Jubiläums des Cartells Christlicher Burschenschaften

Bonn a. Rhn., 19. Oktober 2024

Hohes Präsid, Hohe Festcorona!

„Miteinander reden und lachen;

sich gegenseitig Gefälligkeiten erweisen;

zusammen schöne Bücher lesen;

sich necken, dabei aber auch einander Achtung erweisen;

mitunter auch streiten,

freilich ohne Gehässigkeit,

wie man es wohl auch einmal mit sich selbst tut;

manchmal auch in den Meinungen auseinandergehen

und damit die Eintracht würzen;

einander belehren und voneinander lernen;

die Abwesenden schmerzlich vermissen

und die Ankommenden freudig begrüßen –

lauter Zeichen der Liebe und Gegenliebe,

die aus dem Herzen kommt,

sich äußern in Miene, Wort und tausend freundlichen Gesten

und wie Zunder den Geist in Gemeinsamkeit entflammen,

so daß aus den Vielen eine Einheit wird.“

Diese Worte sind tausendsechshundert Jahre alt. So umschreibt – in moderner Übersetzung – der abendländische Kirchenvater Augustinus in seinen „Confessiones“ (IV 8, 13) die Lebensform der Freundschaft: eine Lebensform, deren Feier uns auch heute Abend hier zusammengeführt hat. Jeder von uns mag die Worte mit eigenen Erinnerungen füllen, gerade auch mit Erinnerungen aus dem Zusammensein im Cartell.

Ich will heute Abend fragen: Was macht den besonderen Wert der Freundschaft aus? In den drei Antworten können wir möglicherweise auch den Dreiklang unserer Prinzipien wiedererkennen: Gott – Freiheit – Vaterland. Wenn auch in anderer Reihung.

1. Freiheit – oder: Freundschaft als Beginn der Philosophie

Joachim Negel, Fundamentaltheologe an der Universität Freiburg im Uetland, umschreibt diese Lebensform folgendermaßen: „Freundschaft ist zunächst und vor allem Gespräch. Freunde sind im Gespräch miteinander, und je intensiver das Gespräch, umso größer der Raum, der sich zwischen ihnen eröffnet. In ihm wird die Welt bedeutsam; man hört, was die Dinge sagen wollen; man sieht (in) ihr Antlitz und gerät dadurch in eine Tiefe und Weite der eigenen Seele wie auch der Welt, die es vorher nicht gab.“ Und so kann die Freundschaft auch als Geburt der Philosophie bezeichnet werden.

Es geht um ein hohes Ideal: Omnia vincit amor; et nos cedamus amori. – Dieses berühmte Zitat aus seiner letzten Ekloge widmete Vergil seinem Freund, dem Politiker und Dichter Gaius Cornelius Gallus. Die Liebe besiegt alles.

2. Vaterland – oder: Freundschaft als politische Tugend

Die amicitia ist nicht allein eine philosophische, sondern zugleich eminent politische Tugend. So schreibt Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik: „Die Erfahrung lehrt, daß Freundschaft die Polisgemeinden zusammenhält, denn die [politische] Eintracht hat offenbar eine gewisse Ähnlichkeit mit der Freundschaft.“ Nicht allein angesichts aktueller Debatten um Gewalt im öffentlichen Raum sehen wir, wie gefährdet ein solches Fundament unseres Zusammenlebens ist. Das gemeinsame Ethos unseres Gemeinwesens will gepflegt werden. Gerechtigkeit im Staat gründet im Kern auf der Tugend seiner Bürger. Der Mensch ist unhintergehbar ein „zoon politikon“. Eine zentrale Tugend des öffentlichen Zusammenlebens hat Michel Foucault einmal so ausgedrückt: „Eintracht ist Freundschaft unter Bürgern.“ Unser gesellschaftliches Ethos, das für ein humanes und gerechtes Zusammenleben unabdingbar ist, „beruht auf der Vorzüglichkeit ihrer seelischen Veranlagung, auf der konzentrierten Pflege solcher Veranlagung im Austausch mit den Freunden sowie auf der daraus sich erbildenden vernünftigen Einsicht“. Wo dieses Ethos zerfällt, degeneriert der Staat zur Tyrannis, zur Ochlokratie oder zur Oligarchie.

Insofern hat das, was wir in unseren Burschenschaften auf Basis unserer Tradition pflegen, eine eminent politische Bedeutung, die wir nicht unterschätzen sollten – und dieses Pfund sollten wir nicht hinter den Mauern unserer Verbindungshäuser verstecken, sondern im akademischen Beruf und im Engagement für unser Gemeinwesen einsetzen, damit es reichen Zins bringt – mehr, als uns Banken heute geben können.

3. Gott – oder: Freundschaft als Tür in die Unendlichkeit

Und ein dritter Gedanke: „Nur am Du bildet sich ein Ich.“ Ohne liebendes Du kann es auch kein Ich geben – so hat es Martin Buber in seiner Dialogphilosophie stark gemacht. Dies mag der Grund sein, warum das Thema Freundschaft die Gemüter aller Epochen der abendländischen Geistesgeschichte immer wieder bewegt hat. Wo sich Menschen in Freundschaft verbinden, öffnen sich unverhoffte Möglichkeiten, erleben wir uns als beschenkt und können auch andere beschenken. Ich kann dem Leben trauen, weil ein anderer zu mir steht. Freundschaft bedeutet Treue und Trost – so heißt es schon in der alttestamentlichen Weisheitsliteratur. „Es gibt Gefährten, die gereichen zum Verderben. Mancher Freund aber ist anhänglicher als ein Bruder“ (Spr 18, 24), heißt es im Buch der Sprichwörter. Und „ein treuer Freund ist ein Trost im Leben; ihn findet, wer den Herrn fürchtet“ (Sir 6, 16), sagt der Weisheitslehrer Jesus Sirach.

Trost und Treue – nicht umsonst wurde in der christlichen Tradition versucht, auch die innertrinitarische Beziehung in Freundschaftskategorien zu denken und die Beziehung zu Gott als Gottesfreundschaft zu deuten.

Letztlich versprechen wir mit jeder Freundschaft mehr, als wir Menschen in unserer Sterblichkeit halten können. Mit der Treue, die wir einander versprechen, eröffnen sich existentielle Fragen religiöser Natur. Es geht um den Grund des Lebens, der mich trägt. In einer säkularen Gesellschaft wirken Fragen danach oft peinlich. Und auch in unseren Lebensbünden mag es oft nicht mehr leicht fallen, diese Fragen zu stellen. Und doch: Wir können ihnen am Ende nicht ausweichen. „Die Religion war mir seit langem zuwider, und trotzdem spürte ich auf einmal eine Sehnsucht, mich auf etwas beziehen zu können. Es war unerträglich, einzeln und mit sich allein zu sein.“ – so Peter Handke in seinem „Kurzen Brief zum langen Abschied“.

Für Christen kann der tragende Grund des Lebens letztlich vom Menschen nicht selbst gemacht werden oder von ihm ausgesucht werden; er übersteigt das, was der Mensch sich selbst geben kann. Für Christen ist es ein ganz Anderer, der uns sagt: Du sollst sein. Theologen sprechen von Gnade. An ihr hat die Freundschaft Anteil. Und so öffnet uns die Freundschaft eine Tür in die Unendlichkeit

Gespräch und Hochherzigkeit, Eintracht und vernünftige Einsicht, Treue und Trost – ich wünsche uns allen, dass wir das immer wieder in unseren Verbindungen erfahren. Ja, dies dürfen wir auch immer wieder unseren Kritikern entgegenhalten: Wir sind hier versammelt zu löblichem Tun.

Als Cartell Christlicher Burschenschaften berufen wir uns bei unserem „löblichen Tun“ ausdrücklich und bewusst auf das religiös geprägte Fundament unseres staatlichen und kulturellen Zusammenlebens.

4. Ausblick

Religion und Politik brauchen einander, soll sich nicht jeweils eine Seite absolut setzen – was in der Geschichte noch nie gut ausgegangen ist. In der zivilreligiösen Fragestellung zeigt sich, wie religiöse und politische Fragen miteinander verwoben sind. Denn die politisch denkenden Bürger sind zugleich Träger religiöser Haltungen im weitesten Sinne – und umgekehrt. Daher wird es keine Zivilreligion ohne Bezug zur verfassten Religion geben können, wie umgekehrt die verfasste Religion stets auf politische Rahmenbedingungen trifft. Bildung und Wissenschaft sind Orte, dieses Ineinander religiöser und politischer Fragestellungen reflexiv zu bearbeiten. Unser akademischer Anspruch wie unsere kulturethische Überzeugung sollten uns verpflichten, uns als christliche Burschenschafter aktiv an dieser Debatte zu beteiligen – aus einer doppelten Verantwortung heraus. Zum einen: Bildung und Religion besitzen auch unter den Bedingungen gesellschaftlicher Plu­ralität unverzichtbare Bedeutung für einen freiheitlichen, vitalen und tragfähigen Kultur­staat. Wo die Sorge um seine geistigen Grundlagen erlahmt, werden über kurz oder lang kulturelle und soziale Verteilungskämpfe ein­setzen.

Zum anderen: Wir tragen eine soziale Verantwortung für Werte und Normen, Ethos und Tradition, Sprache und Wissenschaft, Kunst und Kultur oder Religion, die weit über unsere eigene Gegenwart hinausreicht. Die Pflege christlich-abendländischer Tradition in unseren Bünden lebt mehr oder weniger bewusst aus dem Wissen um diese Verantwortung. Denn wie künftige Generationen leben, denken und handeln werden, wird wiederum davon beeinflusst werden, wie wir heute leben, denken und handeln. Viel war von der kulturethischen Bedeutung des Christentums die Rede. Diese wird auf Dauer aber nur tragen, wenn auch ein praktiziertes christliches Bekenntnis in unserem Land lebendig bleibt. Es liegt an jedem Einzelnen, den formalen Gottesbezug der Verfassung durch eine konkrete christliche Praxis zu füllen.

Welchen Beitrag können christliche Burschenschaften in den zivilreligiösen Diskurs einspeisen? Welchen Beitrag können sie zur kulturethischen Pflege christlicher Traditionen in einer pluralen Gesellschaft beitragen? Wie können sie ihr spezifisches Profil bewahren, wenn selbst im eigenen Nachwuchs mit einer schwächer werdenden religiösen Sozialisation zu rechnen ist?  Wir werden diese Debatten führen müssen. Und das ist auch gut so.

Unser Cartell Christlicher Burschenschaften wird dreißig Jahre alt. Und wird öffentlich immer stärker wahrgenommen. ACADEMIA, die Verbandszeitschrift des CV, berichtet in ihrer aktuellen Ausgabe über unser Jubiläum. Ab der neuen Auflage wird das CCB in der „Fuxenstunde“ des bekannten Studentenhistorikers Bernhard Grün einen eigenen Eintrag erfahren, wie jetzt schon das Süddeutsche Kartell.

Sich am öffentlichen Gespräch – auch über die öffentliche Bedeutung von Religion –  zu beteiligen, ist und bleibt zentraler Bestandteil gelebter burschenschaftlicher Verantwortung. Der Freundschafts- und Lebensbund bildet hierfür das notwendige Fundament. Übernehmen wir Verantwortung, beteiligen wir uns aktiv an der politisch-gesellschaftlichen Debatte und bringen wir dabei unsere burschenschaftlichen Orientierungswerte ein – in der Politik, in der Öffentlichkeit, im Beruf, an unseren Universitäten und im akademischen Leben. Bekennen wir uns selbstbewusst zu unseren Prinzipien, auch wenn der Wind gegenüber Verbindungen rauer werden mag: Gott – Freiheit – Vaterland. Hängen wir unsere Prunkfahnen hoch – und nicht in den Wind, wie es leider in Politik und auch Kirchen nur allzuoft geschieht.

In diesem Sinne: Burschenschaft Alemannia Leipzig, Burschenschaft Ostmark-Breslau zu Regensburg, Burschenshaft Rheno-Germnia Bonn, Burschenschaft Teutonia Nürnberg et Leipziger Burschenschaft Alemannia zu Bamberg – vivant, crescant, floreant. Cartell Christlicher Burschenschaften – ad multos annos!

Neuerscheinung: Bildungssprache Deutsch

Jährlich im Herbst trifft sich der Wissenschaftliche Beirat des Deutschen Philologenverbandes, zwei Jahre später werden die Tagungen in der Reihe Gymnasium – Bildung – Gesellschaft dokumentiert. Der neueste Band beschäftigt sich mit der Bildungssprache Deutsch im schulischen Kontext. Aus der Verlagsankündigung:

Susanne Lin-Klitzing / David Di Fuccia / Thomas Gaube / (Hrsg.)

Die Bedeutung der Bildungssprache Deutsch in der Schule

Demokratie braucht Sprache. Sprache braucht Bildung.
Die Förderung der Bildungssprache Deutsch kann auch fruchtbar gemacht werden für die schulische Arbeit in allen anderen Fächern sowie für Querschnittsaufgaben wie die Demokratiebildung.
2019 erklärte die Kultusministerkonferenz die Förderung der Bildungssprache Deutsch zu ihrem Thema. Und gleichwohl führt die explizite Berücksichtigung der Bildungssprache Deutsch in der Lehrkräfteaus- und -fortbildung immer noch ein Schattendasein angesichts ihrer postulierten Bedeutung.
In drei Kapiteln setzen sich Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Kultuspolitik und Schule mit der Definition und der Bedeutung der Bildungssprache Deutsch, mit verschiedenen Praktiken und Formen der Bildungssprache, mit der Rolle der Lehrkräfte als „bildungsprachliche Modelle“ für ihre Schülerinnen und Schüler, mit dem Bildungsspracherwerb als Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit sowie mit konkreten Förderinstrumenten auseinander.

Gymnasium – Bildung – Gesellschaft,
herausgegeben von Susanne Lin-Klitzing, David Di Fuccia und Thomas Gaube
in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Philologenverband (DPhV)

https://www.klinkhardt.de/verlagsprogramm/2665.html

Auf fremden Seiten: KV würdigt seinen Kartellbruder Pastor Henze

„Es war ein Jubiläum, das nur wenige erreichen: 95 Lebensjahre – und siebzig Jahre priesterlicher Dienst. Mit einem festlichen Hochamt feierte Kb Pastor Winfried Henze (Wf, Cher) seinen 95. Geburtstag und sein siebzigstes Priesterjubiläum am Sonntag, dem 21. Juli 2024 in Borsum bei Hildesheim.“

Zum Weiterlesen:

https://www.kartellverband.de/aktuelles/highlights/am136-06/aus-dem-kv-kb-pastor-winfried-henze.html

Ein weiterer Bericht über das Jubiläum findet sich hier:

https://www.aussicht.online/artikel/pastor-winfried-henze-adlum-wird-90-und-feiert-sein-eisernes-priesterjubilaeum

Dokumentation: Segnung des Alemannenhauses in Bamberg

„bambOST“, der Pfarrbrief des katholischen Seelsorgebereiches Bamberg-Ost, berichtet in seiner Herbstausgabe vom September 2024 (S. 44) über die Segnung des im Pfarrgebiet liegenden Hauses der Leipziger Burschenschaft Alemannia zu Bamberg durch Pfarrvikar Müllner. Die Segnung fand anlässlich der Hausrenovierung zum Stiftungsfest 2024 statt.

Tagung: 100 Jahre Arbeitskreis der Studentenhistoriker

Der Arbeitskreis der Studentenhistoriker begeht sein hundertjähriges Bestehen mit einer wissenschaftlichen Konferenz vom 10. bis 13. Oktober 2024 in Heidelberg, zugleich 10. Europäische Studentenhistorikertagung – gehaltvoll, glanzvoll und doch voll typischer Heidelberger Studentenromantik. Die Studentengeschichte wird dabei als Teilgebiet der Universitäts- und Bildungsgeschichte im Fach Neue und Neueste Geschichte verstanden.

Weitere Informationen:

Veranstaltungshinweise: Gefährdete Denkräume in Gesellschaft und Psychotherapie

  1. Erfurter Psychotherapiewoche vom 07. bis 11.09.2024 mit dem Leitthema „Gefährdete Denkräume in Gesellschaft und Psychotherapie“ – es wird auch um Fragen einer „Cancel Culture“ gehen:

    https://www.psychotherapiewoche.de/ankuendigung/

    Referenten der Plenarvorträge:

    https://www.psychotherapiewoche.de/programm-2024/plenarvortraege/

    Bernhard Strauß, einer der Plenarreferenten, und Andrea Schleu, ebenfalls Referentin dort, haben gemeinsam ein Buch zu ethischen Verfehlungen in der Psychotherapie geschrieben.

    https://www.aerzteblatt.de/archiv/222051/Grenzverletzungen-in-der-Psychotherapie-Dieses-Buch-hat-Lehrbuchqualitaet
  2. Programm der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie (IGT) in Lindau vom 27.10. bis 31.10.2024, bei der u. a. Heribert Prantl referieren wird:

    https://igt-lindau.de/tagung/programm.php

Rezension: Tagungsdokumentation der 82. deutschen Studentenhistorikertagung in Würzburg 2022

Sebastian Sigler (Hg.): Die Vorträge der 82. deutschen Studentenhistorikertagung Würzburg 2022 (Beiträge zur deutschen Studentengeschichte; 37), München 2023, 373 Seiten.

Rezensiert in: Die Schwarzburg 133 (2024), H. 1, S. 40 f.

Aus der Rezension: „Dr. theol. Axel Bernd Kunze (RhG) widmet sich der Freundschaft und dem Lebensbund unter besonderem Aspekt in der abendländischen Kultur, dem christlichen Glauben und Auftrag, der Bedeutung der Freundschaft von der philosophischen bis hin zur politischen Tugend. Freundschaft als Gnade eröffnet uns die Pforte zur ewigen Unendlichkeit (danke, lieber Axel, für diese mich sehr berührenden und tröstenden Gedanken).“ (S. 41)

70 Jahre aktiv als Priester: Ein besonderes Fest des Glaubens

Es ist kaum zu glauben: 95 Lebensjahre, 70 Priesterjahre – und noch immer im aktiven Dienst im Pastoralteam des Borsumer Kaspels, eines historischen Kirchspiels im Hildesheimer Stiftsgebiet: Pastor Winfried Henze. Am 21. Juli 2024 wurde das besondere Jubiläum gefeiert – mit einem Dorffest für die ganze Gemeinde, so wie es sich der Jubilar gewünscht hatte. Der Festtag begann vormittags mit einer feierlichen Messe in der Borsumer St.-Martinus-Kirche, gefolgt von einem festlichen Nachmittag in Adlum, wo Pastor Henze lebt, abgeschlossen dann mit einer Dankandacht in der dortigen St.-Georgs-Kirche. Musikalisch gestaltet wurde der Festnachmittag durch den Musikverein Egenstedt, den Henze als Dorfpfarrer selber gegründet hatte – und für den er das Trompetespielen erlernte.

Es ist ein besonderes Priesterleben, das Henze vorgelebt hat, wie die Grußworte des Tages deutlich machten. Priesterweihe 1954, dann Kaplansjahre in Braunschweig, Bremen und Hildesheim, fünfzehn Jahre Landpastor, einundzwanzig Jahre Basilikapfarrer an St. Godehard in Hildesheim, schließlich seit 2003 wieder Landgeistlicher in Adlum. Der Verfasser lernte Pastor Henze durch die Komplet kennen, die dieser Anfang der Neunzigerjahre jeden Montag, dem sogenannten „Pastorensonntag“, spätabends in St. Godehard feierte. Doch auch in seinen Hildesheimer Jahren als Basilikapfarrer verstand sich Henze als schlichter Gemeindeseelsorger, der durch seine schnörkellose, unprätentiöse Art, wie der Festprediger sagte, zum gesuchten Seelsorger und verlässlichen Begleiter in Lebens- und Trauerkrisen wurde.

Das ist die eine Seite. Und dann gibt es noch eine andere: Henzes Wirkungskreis sprengte jede Pfarrstelle. Als Redakteur der Kirchenzeitung wurde er zum ökumenischen Wegbereiter im Bistum Hildesheim, blieb dabei aber stets „kernkatholisch und kernig katholisch“, wie es in der Festpredigt hieß. Auslandsreportagen führten ihn nach Afrika und Lateinamerika, er gewann Journalistenpreise, unter anderem für Interviews mit afrikanischen Rebellenführern. Henze konnte mit Sprache umgehen, gepaart mit einer intellektuellen Geistesschärfe, die bis heute nichts an Kraft verloren hat. Er schrieb zahlreiche Bücher, am bekanntesten sein Katechismus „Glauben ist schön“, der neun Auflagen erlebte und mit rund dreihunderttausend Exemplaren zum Bestseller wurde. Der passionierte Segelflieger wirkte als Meisterschaftsseelsorger, war ein geschätzter Interviewpartner im Radio, rettete geradezu auf Don-Camillo-Manier den kulturhistorisch unschätzbaren Albanipsalter aus den Händen diplomatischer Verwicklungen und erregte immer wieder öffentliche Aufmerksamkeit, etwa als er sich vernehmbar in der Bremer Verfassungsdebatte zu Wort meldete oder mit deutlichen Worten die Politik der Kirchenschließungen im Bistum Hildesheim geißelte.

Geprägt wurde Henze, der in Göttingen aufs Gymnasium ging, durch den bodenständigen, wenn notwendig, auch widerständigen Katholizismus der Hildesheimer Bördedörfer, wo er seine Ferien verbrachte: Erfahrungen, die er in seinem Roman „Bördejahre“ verarbeitet hat.

Eine Chargenabordnung des K.St.V. Winfridia zu Göttingen, wo Henze ursprünglich erst ein Jurastudium begonnen hatte, durfte bei der Festmesse nicht fehlen. Und passend zum eigenen Namenspatron wie dem seiner Verbindung endete die Messe mit dem Bonifatiuslied: Der du das blinde Heidentum in Deutschland hast vernichtet … Die Liedwahl war aber auch aus einem anderen Grund passend. Denn der Jubilar wurde an diesem Tag nicht zu Unrecht als „homo politicus“ gewürdigt (eine Verwandte zählte zu den ersten weiblichen Abgeordneten im Bundestag): ein streitbarer Demokrat, dem die Liebe zu Volk und Vaterland am Herzen liegt und der keine falsche Angst vor Fürstenthronen kannte, sondern sich immer wieder  in öffentliche Debatten eingemischt hat, wenn es galt, die grundlegenden Orientierungswerte unseres Landes zu verteidigen.

Der Festprediger, Roland Baule, wies darauf hin, wie stark sich Gesellschaft und Kirche unter den sieben Päpsten, die der Jubilar in seinem Priesterleben erlebt habe, verändert hätten. Hoffnungslosigkeit sei allerdings die falsche Antwort. Die Kirche müsse vielmehr winterfest werden, müsse Winterweizen aussäen, wie er in der Sprache der Bördedörfer im Umland Hildesheims bildhaft sagte.

Pastor Henze griff diese Gedanken in seiner Ansprache während der Schlussandacht auf – ausgehend von einem Wort aus dem Buch Nehemia: Die Freude an Gott ist unsere Stärke. Und er warnte vor Pessimismus. Christen hätten eine Hoffnung, weil sie um eine unendliche Zukunft wüssten. Und diese Zukunft sei schon jetzt sichtbar und spürbar: im Dienst der Priester, die Gottes Werkzeuge seien, in der Spendung der Sakramente, in der Verkündigung, im Segnen. Dies mache froh, dies gebe jeden Grund zur Dankbarkeit, dies dürfe gefeiert werden – so wie es an diesem Tag geschehen sei. Und diese Freude dürften Christen ausdrücken, gleich wo und in welcher Form sie ihre Berufung lebten.

Henze sah seine Berufung immer darin, Pastor – und nicht Pfarrer – zu sein: Hirte – verankert im Dorfleben, die Familien begleitend. Ein Pastor, so sagte er einmal, sollte in jedem Verein seines Dorfes Mitglied sein, außer im Frauenkreis. Das Brevier und die regelmäßige Eucharistie waren und sind seine geistige Grundlage.

„Glaube ist schön“ ist nicht nur ein Buchtitel, wie die Feier dieses besonderen Priesterjubiläums zeigte: Henze lebt die Freude seiner Berufung. Und dies machte den Festtag seines besonderen Priesterjubiläums zu einem Glaubensfest im besten Sinne des Wortes. Pastor Henze gebührt Dank für sein Glaubensvorbild, gepaart mit Dankbarkeit für seine priesterliche Treue und herzlichen Segenswünschen. Gott gebe ihm die Kraft, weiterhin als Pastor und Seelsorger zu wirken.

Neuerscheinungen: Zehnte Bamberger Zivilcouragerede

Anlässlich des neunzigsten Todestages Willy Arons, der im Mai 1933 im KZ Dachau umgebracht worden war, hielt Axel Bernd Kunze im vergangenen Sommer auf Einladung der Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg e. V. die zehnte Jubiläumszivilcouragerede unter dem Titel: Freiheit und Zivilcourage. Die Rede ist jetzt veröffentlicht worden in der Reihe Arbeitspapiere der Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg e. V., Ausgabe 3/2023, S. 9 – 24.

Das Arbeitspapier 3/2023 dokumentiert darüber hinaus weitere Veranstaltungen aus Anlass des neunzigsten Todestages des Widerstandskämpfers Aron und des zwanzigsten Jubiläums der nach ihm benannten Gesellschaft.

Ferner ist zeitgleich Ausgabe 1/2024 erschienen: Zur Erinnerung an Ernst Strassmann 1897 – 1958.

Weitere Informationen zur Arbeit der Willy-Aron-Gesellschaft Bamberg e. V. unter www.willy-aron-de.

Pressemitteilung: Podiumsdiskussion „Ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk noch zu retten?“

PRESSEMITTEILUNG

MEINUNGSVIELFALT.JETZT lädt ein zur PODIUMSDISKUSSION

in die Alte Pfarrkirche Pankow, Berlin am 17.06.2024:

„IST DER ÖFFENTLICH-RECHTLICHE RUNDFUNK
NOCH ZU RETTEN?“

Gut sechs Wochen ist es her, dass die Gruppe Meinungsvielfalt.jetzt – ein lockerer Zusammenschluss von ca. 70 Mitarbeitern von ARD, ZDF und Deutschlandradio – mit ihrem „Manifest für einen neuen öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland“ an die Öffentlichkeit ging und für einen Paukenschlag sorgte.

https://meinungsvielfalt.jetzt/manifest.html

Die Resonanz war beeindruckend:

Zahlreiche Medien haben – teilweise kontrovers- berichtet. Vor allem die Kommentare unter den diversen Zeitungsartikeln und Interviews zum Manifest zeigen, wie unzufrieden viele Beitragszahler mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖRR) sind. Sei es mit Blick auf die mangelnde Programmvielfalt, die unausgewogene Berichterstattung oder auch auf die strukturell begründeten Skandale – Beispiel rbb.
Besonders aufschlussreich sind die 11.000 Kommentare von den rund 25.000 Unterzeichnern unserer Petition zur „Erneuerung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“: 

https://www.openpetition.de/petition/online/erneuerung-des-oeffentlich-rechtlichen-rundfunks

Dies alles unterstreicht die Notwendigkeit einer andauernden und gesellschaftlich breit geführten Diskussion über den ÖRR.
Wir, die langjährigen Mitarbeiter, halten einen politisch völlig unabhängigen, qualitativ hochwertigen und im Interesse der Beitragszahler agierenden Rundfunk für sehr wichtig und notwendig.

Die Evangelische Kirche lädt in diesem wichtigen Wahljahr unter dem Motto „Zusammen streiten“ zum Diskurs und Dialog ein und unterstützt in diesem Rahmen auch Gespräche über eine mögliche Erneuerung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Sie bietet der Gruppe „Meinungsvielfalt.jetzt“ die Möglichkeit, alle Interessierten zu einer Podiumsdiskussion in die Kirche Berlin-Alt Pankow einzuladen. Wir erhoffen uns von dieser Diskussion einen angeregten Austausch von Kritik, Ideen und Anregungen – sowohl von den Podiumsteilnehmern, als auch aus den Reihen des Publikums.

PODIUMSDISKUSSION

IST DER ÖFFENTLICH-RECHTLICHE RUNDFUNK NOCH ZU RETTEN?“

Wann: am 17. Juni 2024 um 19 Uhr

Wo: Alte Pfarrkirche Pankow, Breite Straße 37, 13187 Berlin

Podiumsgäste:

– Harald Geywitz, Präses der Landessynode Berlin Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) und Mitglied des Rundfunkrates des rbb
– Alexander King, MdA BSW
– Stefan Gelbhaar, MdB Die Grünen
– Prof. Jens Wendland, Medienwissenschaftler
– Anne Mücke, Journalistin / Meinungsvielfalt.jetzt

Moderation: Dietmar Ringel, Journalist/ehem. rbb

Der Eintritt ist frei!

Kontakt:

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an

presse@meinungsvielfalt.jetzt                                               

6. Juni 2024