Schlaglicht: Studentenverbindungen – noch aktuell?

„Wer erlebt hat, wie aktive Studenten gebrechliche ‚alte Herren‘ im regelmäßigen Besuchsdienst aufmunterten, wird das mit Respekt in Erinnerung behalten. Die Werte dieser Vereine muss nicht jeder teilen. Manche definieren sich als katholisch, manche reden von Ehre und Vaterland; schließlich gibt es ja auch sozialistische Studentenbünde. Wenn erwachsene Menschen Schmisse im Gesicht sozusagen Tattoos aus dem 19. Jahrhundert , für einen Schmuck halten, sie ihnen das unbenommen. Wenn man das Vereinswesen nur mit Männern beziehungsweise nur mit Frauen pflegen will – bitte. Auch das soll jeder nach seiner Facon selig werden.“

Stephan Löwenstein im Leitartikel der Frankfurter Allgemeinen vom 5. Februar 2018 

Schlaglicht: Individualität schreibt …

Tilman Allert bricht anlässlich des Internationalen Tages der Handschrift im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen vom 23. Januar 2018 die Lanze für ein bedrohtes Kulturgut. Brauchen wir im Zeitalter von Computer und Tastaturen, von Smartphone und SMS noch das Schreiben mit der Hand? Wäre es nicht besser, die Schüler würden ihre Zeit auf Wichtigeres verwenden als Schwungübungen und Schönschrift? Nicht wenige wissenschaftliche Stimmen empfehlen dies. Und tatsächlich befindet sich das Einüben der Handschrift in den Grundschulen schon seit Längerem auf dem Rückzug. Und wer in höheren Klassen unterrichtet, merkt, dass es Schülern zunehmend schwer fällt, Tafelbilder in Schreibschrift nachzuvollziehen. Kulturgüter, die nicht mehr gelehrt und gepflegt werden, sterben aus.

„Bedenken second“, hieß es im Wahlkampf gegenüber der Digitalisierung. Der Sozialpsychologe Allert lässt sich von diesem Trend der Debatte nicht einschüchtern und hält dagegen: „Das eigene Schreiben spiegelt dem Schreiber ein komplexes Erleben. Es erschließt den Sinn der Welt in eigener Fasson.“ Auch wenn kein Erwachsener mehr so schreibt, wie er es einst in der Grundschule gelernt hat, geht mit dem Aussterben der Handschrift mehr verloren, als eine beliebig austauschbare Technik, sich anderen mitzuteilen.

Die Handschrift bleibt ein unverwechselbarer Teil der eigenen Persönlichkeit. Was selbst geschrieben wurde, prägt sich besser ein. Aber mehr noch: Wer Heranwachsenden die Möglichkeit des individuellen Ausdrucks nimmt, verkauf ihre Individualität unter Wert, der reduziert den Menschen auf ein austauschbares Element im digitalen Netzwerk. Wer übt, mit der Hand zu schreiben, lernt, „Ich“ zu sagen. Noch einmal Allert: „Das eigene Selbst graphologisch ausweisen zu können lässt die ungeheure Kraft einer Geste erahnen, sich mit Geschriebenem Gehör zu verschaffen. Man ist mithin, selbst wenn man abwesend ist, anwesend.“ Was aber, wenn dies gar nicht mehr gewollt ist!? Wer Individualität und Kreativität, freien Geist und schöpferische Produktivität will, sollte die Handschrift fördern – diese Bedenken sollten wir uns leisten, sonst wären wir schnell bei einer Gesellschaft, die über Konvention und Plagiat nicht mehr hinauskommt.

Schlaglicht: Universität Greifswald legt nun doch den Namen Ernst Moritz Arndt ab

Die Greifswalder Universität legt nun doch den Namen Ernst Moritz Arndt ab. Siebenundzwanzig von fünfunddreißig Senatoren der Hochschule stimmten für diesen Beschluss. Die Namensänderung war schon einmal im Januar 2017 beschlossen worden, war damals aber vom zuständigen Ministerium wegen formaler Mängel wieder kassiert worden. Der jetzige Beschluss sieht als Kompromiss vor, dass der Namenszusatz in bestimmten Fällen optional weiter verwendet werden darf. Der Fraktionsvorsitzende der Alternative für Deutschland im Schweriner Landtag, der Greifswalder Abgeordnete Leif Erik Holm, kritisierte die Entscheidung als „Bilderstürmerei“.

Lesen Sie hier einen früheren Kommentar zum Namensstreit an der Greifswalder Universität:

https://bildungsethik.wordpress.com/2017/04/06/veroeffentlichung-geschichtliches-erbe/

Schlaglicht: Was heißt „Gesprächsbereitschaft“ in der gegenwärtigen Regierungskrise?

Vor der vergangenen Bundesversammlung wurde darüber diskutiert, ob aufgrund der Symbolwirkung nicht ein Muslim neuer Amtsinhaber werden sollte. Jetzt zeigt sich, dass der Bundespräsident mehr als symbolische Funktion besitzt. Seine politischen Reservefunktionen könnten in den kommenden Wochen wichtig werden. Am Montag rief Steinmeier die politischen Akteure eindringlich zur Gesprächsbereitschaft auf. Eine solche sollte er aber auch selbst zeigen. Und daher ist es auch gut so, dass Steinmeier nun angekündigt hat, in der gegenwärtigen Situation mit allen Parteien im Bundestag zu sprechen. Das demokratische Spektrum beginnt nicht erst links der Mitte. Sein Amtsvorgänger hatte sich in der Migrationskrise keineswegs parteipolitisch neutral verhalten, was bei anderen Themen sonst als unschicklich gilt. Weder Merkels Flüchtlingspolitik noch ein Rigorismus in der Energiepolitik sind gesellschaftlich konsensfähig, wie die Bundestagswahl gezeigt hat. Bei den anstehenden Gesprächen muss über die gesinnungsethische Schlagseite im politischen Diskurs geredet werden, wenn die gegenwärtige Krise überwunden werden soll.

Schlaglicht: „Nicht jeder Doktor muss Professor werden“

„Nicht jeder Doktor muss Professor werden“, meint Gerald Wagner im Hochschulteil der Frankfurter Allgemeinen vom 25. Oktober 2017 (S. N4). Und weiter: „Die Flut an Promotionen ist weniger problematisch als die mit dem Doktortitel verbundenen Erwartungen.“ Der Verfasser hat Recht, dass nicht jede Promotion dauerhaft in eine hauptberufliche wissenschaftliche Tätigkeit münden muss. Unsere Gesellschaft könnte in vielen Bereichen von promovierten Fachkräften profitieren. Allerdings beleuchtet Wagner nur die hochschulische Seite. Der Arbeitsmarkt muss sich auch aufnahmebereit zeigen. Höchstqualifikationen werden häufig gerade nicht als „individuell und gesamtgesellschaftlich erwünschte Investition“ gesehen: Promovierte Bewerber gelten allzuoft als zu alt, praxisfern, nicht berufsqualifizierend ausgebildet, eben überqualifiziert. Hier verschleudert unser Land Talente mit vollen Händen, was wir an anderen Stellen der Bildungsdebatte wortreich beklagen. Nicht zuletzt im öffentlichen und kirchlichen Dienst grassiert gerade zu eine Intellektuellenfeindlichkeit. Dabei könnte gerade der öffentliche Dienst mit gutem Beispiel vorangehen, etwa durch Anpassung von Altersgrenzen für promovierte Bewerber oder gezielte Vermittlungsangebote an Bewerber, die das Risiko einer befristeten Qualifikationsstelle eingegangen sind und dann wieder in den außeruniversitären Arbeitsmarkt zurückfinden wollen. Wo ständig von Kompetenzen geredet wird, sollten wir hochqualifizierten Absolventen und Experten ihres Faches auch zutrauen, sich in berufliche Arbeitsfelder einarbeiten zu können.

Schlaglicht: Wird die Wahl bald überflüssig?

Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (vgl. z. B. Stuttgarter Nachrichten v. 14.09.2017, S. 4)schlägt schon vor der Wahl Alarm: Frauen seien im neuen Parlament unterrepräsentiert, so viel sei schon heute sicher. Was will uns die Studie damit sagen? … dass die neuen Abgeordnete künftig vornehmlich die Interessen der Männer im Land vertreten werden!? Abgeordnete werden schließlich gewählt, damit sie im Parlament über das allgemeine Wohl des Landes verhandeln. Ansonsten müsste ja auch die Verteilung anderer Interessen oder Merkmale in der Bevölkerung eins zu eins im Parlament abgebildet werden. Dann könnten wir uns die Wahl ganz schenken und die Zusammensetzung des Bundestages von einem Computerprogramm nach den Daten des Statistischen Bundesamtes berechnen lassen. Wer wie die Autorinnen der Studie Quoten für Kandidatenlisten fordert, hat das Prinzip der Repräsentation nicht begriffen und sollte noch einmal politischen Nachhilfeunterricht nehmen.

(Der Beitrag ist am 22. September 2017 als Leserbrief in den Stuttgarter Nachrichten erschienen.)