Rezension: 25 Berufe, die die Welt besser machen?

Berufliche Orientierung ist ein wichtiges Thema. Zumal in einer Welt an Ausbildungen und Studiengängen, die immer vielfältiger und unübersichtlicher werden. Und Berufsorientierung beginnt schon früh, etwa mit Bilderbüchern, die Kinder in die reale Welt der Berufe einführen. Auch der Rezensent hatte solche Bücher, wie er sich noch heute erinnert.

Der vorliegende Titel „Alle helfen“ führt möglicherweise in die „reale Welt“ ein – aber auf welche Weise? Weniger „ermutigend“, wie der Klappentext verspricht, sondern in hohem Grade wertend. Es wäre nichts dagegen zu sagen, helfende Berufe vorzustellen (wobei der Band mit Oma und Assistenzhündin durchaus liebenswert die Berufswelt im engeren Sinne überschreitet). Doch hier geht es um einseitige politische Wertungen. Feuerwehrmänner, Assistenzhunde, Bergretter und Hebammen kann man zu jenen – so der Untertitel – Berufen zählen, „die die Welt besser machen“ (über die  sprachlich unelegante Wortwiederholung schauen jetzt einmal hinweg). Doch wie ist es etwa mit Klimaaktivisten oder Seenotrettern (im Mittelmeer)? Hier werden Kinder politisch vereinnahmt. Die politische Debatte um Schleuserkriminalität oder die rechtliche Debatte um eine Abgrenzung zu Nötigung und Extremismus werden bewusst ausgeblendet. Entwicklungspsychologisch ist das verständlich. Aber gerade das macht den Band als Kinderbuch ungeeignet: Wo Kinder einseitig politisch vereinnahmt und mit Inhalten überfallen werden, die sie denkend (noch) gar nicht nachvollzogen werden, werden das pädagogische Überwältigungsverbot und das Kontroversitätsgebot verletzt.

Gutgemeint ist mitunter das Gegenteil von gut gemacht. Dies ist im vorliegenden Fall umso bedauerlicher, weil das Buch an sich ansprechend gestaltet ist und zum Entdecken und „Immer-wieder-zur-Hand-Nehmen“ einlädt. Doch: Lieber Finger weg von diesem Buch. Es gibt bessere, kindgerechtere Bilder- und Kinderbücher, welche die Welt der Berufe erschließen und Mündigkeit fördern – damit sich Kinder, wenn sie älter geworden sind, tatsächlich eine eigenständige politische Meinung bilden und sich informiert und selbstbestimmt für einen Beruf entscheiden können.

Rike Drust, Horst Klein: Alle helfen. 25 Berufe, die die Welt besser machen, Leipzig: Klett Kinderbuch 2023, 60 Seiten, 18 Euro.

Studentengeschichte: AKSt stellt Mahnmal für Bamberger Widerstand vor

Der Arbeitskreis der Studentenhistoriker stellt auf seinen Internetseiten das Mahnmal für den Bamberger Widerstand vor. Anlass ist die Neuerscheinung einer Buchpublikation zum Thema:

Rezension: Gelungener Einstieg in die Pflegeethik

Fachkräfte werden im Pflegebereich dringend gesucht. Mittlerweile entstehen neben der vor einigen Jahren generalisierten Ausbildung immer mehr Studiengänge für Pflegewissenschaft. Wie in anderen sozialen Dienstleistungsprofessionen auch stehen Pflegekräfte immer wieder vor der Herausforderungen, über ethische Wertkonflikte zu reflektieren und ihr Handeln sittlich zu reflektieren. Ein utb-Bändchen bietet einen ersten Einstieg in die Pflegeethik, gestaltet als Lehrbuch enthält das Werk Reflexionsfragen, Übungs- und Onlineaufgaben für das Selbststudium.

Der Band kann als gelungen bezeichnet werden und vermittelt einen kompakten Einstieg in das breite Feld einer Professionsethik für die Pflegewissenschaft und den Pflegebereich. Die ethischen Fragen, die angesprochen werden, reichen vo der professionsethischen Ebene im direkten Umgang mit dem Pflegepatienten über organisationsethische Fragen, etwa im Umgang mit begrenzten Ressourcen, bis zur sozialethischen Ebene. Trotz seiner Dichte ist der Band inhaltlich gut verständlich, allein der Umgang mit religiösen Bedürfnissen im Pflegealltag kommt zu kurz. Wer einen Einstieg in die Ethik der Pflege sucht, ist mit diesem Band gut beraten.

Andrea Schiff, Hans-Ulrich Dallmann: Ethik in der Pflege. Mit Online-Aufgaben (utb; 5587), München: Ernst Reinhardt 2021, 238 Seiten.

Rezension: Tagungsband der 82. deutschen Studentenhistorikertagung

ACTA STUDENTICA, die Zeitschrift des Österreichischen Vereins für Studentengeschichte, rezensiert in ihrer neuen Ausgabe (53. Jg., Dezember 2023, Folge 227, S. 21 f.) den Tagungsband der 82. deutschen Studentenhistorikertagung, die 2022 in Würzburg stattfand. Das Fazit der Besprechung: „Ein sehr interessanter Querschnitt durch die Studentengechichte!“

Rezension: Bilder von Bildung

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte – weiß der Volksmund. Und in der Tat: Jochen Krautz gelingt es, mit seinen Bildern der Bildung mehr über den Kern des Pädagogischen auszudrücken als so vielen anderen bildungswissenschaftlichen Abhandlungen, die entweder einer Maßnahmenpädagogik huldigen oder bei sekundären Bildungszwecken stehenbleiben. Nach dem schnell so betitelten PISA-Schock 2.0 wird es sicher so manche Beispiele dieser Gattung wieder zu bestauen geben. Aber vielleicht würde es um das Bildungssystem ganz anders stehen, wenn es mehr um Pädagogik statt um Bildungsreformen ginge. Das Bild von Bildung, das sich dem Leser des Bandes am Ende zusammensetzt, arbeitet einen humanen Geist. Gute Schule trainiert nicht, sondern fördert, verschenkt keine Bildungstitel, sondern fordert den Einzelnen, etwas aus sich zu machen, vermittelt kein Wissen, sondern ermöglicht Verstehen, verleiht nicht funktionale Kompetenzen, sondern setzt auf Autonomie. Doch soll am Ende auch dieser Beitrag nicht ohne Empirie auskommen – und wenn es auch nur eine „anekdotische Evidenz“ sein kann: Das Buch wirkt. Dies beweist der Szenenapplaus des Kollegiums, als der Rezensent eine Bildauslegung zu Beginn der Lehrerkonfrenz als Impuls vorgetragen hat. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie ihren Bildungsforscher oder Kultusminister.

Jochen Krautz: Bilder von Bildung. Für eine Renaissance der Schule, München: Claudius 2022, 152 Seiten.

Rezension: Die ethische Wiederentdeckung des Gemeinwohls

Prinzipien, also ethische Auslegungsregeln, und Normen geben dabei Orientierung und entlasten von notwendigen und immer wiederkehrenden Alltagsentscheidungen zugunsten von notwendigen Abwägungen bei gravierenden oder neuartigen Konfliktlagen. Was in einer ganz konkreten Situation das Gute und das Bessere ist, lässt sich allerdings nicht aus Prinzipien und Normen ableiten; das muss durch Analyse der Situation und ethische Güterabwägung mit Hilfe der Prinzipien und Normen beurteilt werden.

Ziel sollte es dabei sein, Entscheidungen zu fassen, die sowohl der Personwürde des Einzelnen als auch dem Gemeinwohl dienen. Letzteres zählt zu den klassischen Prinzipien der Katholischen Soziallehre. Doch in der Christlichen Sozialethik ist es deutlich still darum geworden. Gerechtigkeitsansprüche, so der Eindruck, haben dem klassischen Gemeinwohl dem Rang abgelaufen. Es geht vor allem darum, soziale Leistungs- und Teilhabeansprüche an den Staat zu formulieren, als um die Sicherung der letzlich allen dienenden staatlichen Grundlagen. Gerade deshalb weckt ein Titel des Grazer Sozialethikers, Kurt Remele, Interesse: ein Band zur „Wiederentdeckung des Gemeinwohls“, der mittlerweile schon in zweiter Auflage vorliegt.

Politisches Handeln trägt notwendigerweise situativen Charakter. Immer wieder neu und anders stellt sich die politische Situtation dar, in der um das rechte Tun gerungen werden muss. Was Gerechtigkeit ist und wie das Gemeinwohl am besten bestimmt werden kann, ist dann auch nicht einfach aus einer ganz bestimmten, für immer feststehenden Definition abzuleiten, sondern muss immer wieder neu im gesellschaftlich-politischen Diskurs und im Prozess gemeinsamer (sozial-)ethischer Urteilsbildung bestimmt werden. Immer wieder muss argumentativ darum gerungen werden, wie es gelingen kann, dass es „allen besser geht“.

Es geht also um die notwendige Abwägung von Gütern und Übeln, und um die politischen Tugenden der Kompromissfähigkeit und Ausgleichssuche – sollte man meinen. Doch für Remele gilt das offenbar nicht. Für den Autor scheint festzustehen, was das Gemeinwohl ist und was es erfordert, ohne differenzierte sozialethische Urteilsbildung und Abwägung. Und dieses Gemeinwohl ist reichlich zeitgeistig oder auch linksliberal. Die Rollen sind klar verteilt: Wer die Coronapolitik kritisch befragte, konnte nicht dem Gemeinwohl dienen. Anders als die Klimakleber, die schließlich nichts weniger tun, als den Planeten zu schützen. Und Rechtspopulisten können schon einmal gar nicht für das Gemeinwohl sein. Hier ersetzt die Etikettierung gleich die ethische Argumentation. Bei derart holzschnittartigen Weltsichten, für die alles auch schon ohne größeres sozialethisches Nachdenken feststeht, fragt man sich, warum es überhaupt noch eines Gemeinwohlprinzips bedürfe. Die bloße Mehrheitsmeinung würde am Ende ausreichen.

Wie um das Gemeinwohl sozialethisch gerungen werden kann, zeigt der Band nicht auf. Klüger wird der Leser am Ende nicht, eher in seinen Ansichten bestätigt – ob so oder so. Hier wurde eine riesige Chance vertan. Die Gemeinwohllücke im sozialethischen Diskurs bleibt und muss von einem anderen Autor geschlossen werden.

Kurt Remele: „Es geht uns allen besser, wenn es allen besser geht“. Die ethische Wiederentdeckung des Gemeinwohls, Ostfildern: Matthias Grünewald 2021, 203 Seiten.

Mariä Empfängnis: „Die Schönste von allen“ – ein Buchtipp

Am 8. Dezember – neun Monate vor ihrem Geburtsfest – feiert die Kirche das Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria. Von Anbeginn an war Maria auserwählt, die Mutter Jesu zu werden. Daher, so die katholische Glaubensauffassung, ist sie auch vom Anbeginn ihrer Existenz an im Hinblick auf den Erlösertod Christi vor der Erbsünde bewahrt worden.

Durch alle Jahrhunderte hindurch ist Maria verehrt worden. Wer einen Streifzug durch Frömmigkeit, Ausdrucksformen und Darstellung der Marienverehrung unternehmen will, findet einen anschaulichen Zugang in einem Band aus der Reihe „Regensburger Mariologische Beiträge“. Unter dem Titel „Die Schönste von allen“ finden sich hier zweiundsiebzig Mariendarstellung aus der oberpfälzischen Bischofsstadt versammelt. Vorangestellt sind drei Beiträge zu den Grundlagen der Marienverehrung, ihrer kunstgeschichtlichen Entwicklung und der Marienfrömmigkeit in Regensburg.

Josef Kreiml, Maria Baumann, Achim Dittrich (Hgg.): „Die Schönste von allen“. Hausmadonnen und Mariendarstellungen in den Straßen von Regensburg (Regensburger Mariologische Beiträge“, Bd. 3), Regensburg: Friedrich Pustet 2022, 312 Seiten.

„Bildungsethik“ wünscht allen einen gesegneten Festtag der Empfängnis Mariens.

Rezension: Braucht es einen „Sokratischen Eid“ für Lehrer?

Klaus Zierer: Der Sokratische Eid. Eine zeitgemäße Interpretation, Münster (Westf.)/New York: Waxmann 2022, 86 Seiten.

In der zurückliegenden Bildungsreformdebatte standen vor allem Fragen einer Sozialethik der Bildung im Vordergrund. Es ging – und geht – im öffentlichen Bildungsdiskurs vor allem um die bildungsbezogenen sozialen Praktiken, deren Organisation und um „Bildung in Form von Komposita“, anders gesagt: um nachgeordnete Bildungszwecke. Eine eigenständige Sozialethik der Bildung ist ein Kind der jüngeren Nach-PISA-Debatte. Dass Bildung auch ein sozialethisches Thema ist, ist eine wichtige Perspektiverweiterung, auch wenn Pädagogen schon immer gewusst haben, wie zentral die pädagogische Beziehung für Bildung und Erziehung ist. Diese ist Gegenstand einer eigenständigen Bereichsethik, der Pädagogischen Ethik.

Berufspraktisch wirksam werden Fragen einer Berufs- oder Standesethik über den Weg der Selbstregulierung, etwa unter Leitung von Berufs- oder Fachverbänden. Vollprofessionen bedürfen nicht allein einer Ethik des Handelns, etwa zwischen Lehrer und Schüler, sondern auch einer Ethik des Denkens und der wissenschaftlichen Theoriebildung. Die ethischen Prinzipien der eigenen Profession sollten eigenständig aus den wissenschaftlichen Prinzipien der eigenen Disziplin hergeleitet und begründet werden. Dies ist für Pädagogik insbesondere wichtig, da grundsätzlich nur das pädagogisch Geltung beanspruchen kann, was pädagogisch kontextualisiert wurde sowie der Idee der Bildung, also der Befähigung zur Selbstbestimmung, entspricht.

Klaus Zierer hat einen Sokratischen Eid für Lehrkräfte vorgelegt, der nicht allein normativ Prinzipien und Ziele des Lehrerberufes formulieren, sondern auch erfolgreiches Lernen ermöglichen will. Über Notwendigkeit oder Verzichtbarkeit eines solchen Unterfangens ist seitdem kontrovers debattiert worden, etwa in „Profil“, der Zeitschrift des Deutschen Philologenverbandes. Eine Kritik kreist um die Frage, ob es sinnvoll ist, Selbstverständlichkeiten, wie die Bindung der Lehrkräfte an Vorgaben des Grundgesetzes, auf diese Weise hervorzuheben. Nimmt sich eine Berufsgruppe hier selber wichtiger, als sie ist? Oder drückt sich hier vielleicht nur einmal mehr eine Unsicherheit in pädagogischen Fragen aus? Hat unsere Gesellschaft auch in Gestalt ihrer professionellen, öffentlich bestallten Lehrkräfte die Trittsicherheit in Fragen von Bildung und Erziehung verloren?

Ein Ethikkodex für die schulpädagogische Profession bleibt grundsätzlich ein sinnvolles Unterfangen. Einen solchen zu erarbeiten, wäre aber in erster Linie im Zuge der Selbstregulation Aufgabe von Berufsverbänden unter Einbeziehung wissenschaftlicher Expertise, kann aber nicht vonseiten der Wissenschaft federführend geleistet werden. Für diese Expertise bildet der Band wichtige Vorarbeiten.

Soll ein solcher Ethikkodex Wirksamkeit erfahren, darf er nicht allein bei Selbstverständlichkeiten stehenbleiben, auch sollte es dabei nicht vorrangig um pädagogisch-fachliche Fragen gehen. Dass Kinder ihrem Entwicklungsstand entsprechend zu fordern und zu fördern seien, bleibt eine Binsenweisheit. Ein Ethikkodex wird auf die genuin normativen Fragen des Lehrerhandelns rekurrieren müssen. Dies gelingt dem vorliegenden Entwurf nur unzureichend. Dabei ist in Rechnung zu stellen, dass sich Konflikte häufig nicht auf der Wert-, sondern auf der Normebene entzünden. Auf den Wert Förderung werden sich vermutlich alle schnell verständigen können. Aber wie lässt sich Förderung pädagogisch und ethisch bestmöglich realisieren? Was brauchen Lehrkräfte hierfür an Unterstützung? Dabei ist auch an ein entsprechendes gesellschaftliches Ethos zu denken, dass Lehrer in ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag nachhaltig stützt? Gerade Berufsverbände sollten hierauf achten. Und wie gelingen Förderung und Forderung gleichermaßen am besten? Was meint dieses „Und“ zwischen Fordern und Fördern?

Neue normative Fragen stellen sich im Lehrerberuf gegenwärtig zuhauf, etwa im Bereich zunehmender Digitalisierung: Welche pädagogischen Entscheidungen sind angesichts der Digitalisierung in Schulen zu treffen? Wie soll Schule auf die erweiterten Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz reagieren? Wie sollen Lehrkräfte auf digitale Suchterscheinungen bei Schülern und Klassen reagieren?

Ein beruflicher Eid für Lehrer liegt mit dem aktuellen Band nicht vor. Es sind Überlegungen im Vorfeld eines solchen Instruments. Ein entsprechender Eid müsste kurz und präzise formuliert sein. Er kann dann durch einen umfassenderen Ethikkodex ergänzt werden, der allerdings mehr als individuelle Selbstverpflichtungen enthalten sollte.

Axel Bernd Kunze (Rez.)

Rezension: Missbrauch in der Kirche

„Mit einer Pressekonferenz von Kardinal Law Anfang 2002 in Boston begann die kirchliche Missbrauchsdebatte. 2010 erreichte die Debatte mit den Enthüllungen um das Berliner Canisiuskolleg auch die deutsche Kirche. Mehr als zwanzig Jahre hält die quälende Debatte nun mittlerweile an. Das Vertrauen in die Kirche hat schwersten Schaden genommen. Und noch immer ist die Lage unübersichtlich, wirken die Verantwortlichen in der Kirchenleitung verunsichert und ratlos, wie sie angemessen reagieren sollen. Die hohen Kirchenaustrittszahlen lassen sicht nicht monokausal erklären, die Folgen der Missbrauchskrise sind aber sicherlich eine gewichtige Ursache hierfür. Zwei Bände aus dem Feld theologischer Missbrauchsforschung machen deutlich, wie der Glaube durch die Missbrauchsskandale gleichermaßen herausgefordert wird, aber auch heilend wirken kann.“

Axel Bernd Kunze (Rez.): Herausgeforderter und heilender Glaube, in: Concilium 59 (2023), H. 4, S. 474 – 479.

Sammelrezension zu: Hans-Joachim Sander: Anders glauben, nicht trotzdem. Sexueller Missbrauch der katholischen Kirche und die theologischen Folgen, Ostfildern: Matthias Grünewald 2021, 223 Seiten; Lia Alessandro/Anja Middelbeck-Varwick/Doris Reisinger (Hgg.): Kirchliche Macht und kindliche Ohnmacht. Konturen, Kontexte und Quellen theologischer Missbrauchsforschung, Münster i. Westf.: Aschendorff 2023, 194 Seiten.

Rezension: Bildungsgeschichtlich interessante Festschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg

2021 konnten die Hochschulen für Angewandte Wissenschaften ihr fünfzigjähriges Jubiläum feiern. Dies gilt auch für die Evangelische Hochschule Ludwigsburg in Trägerschaft der Evangelischen Landeskirche in Württemberg: 1971 entwickelte sich aus der Höheren Fachschule für Sozialpädagogik in Reutlingen eine Fachhochschule. Diese fusionierte 1998 mit der kirchlichen Fachhochschule in Ludwigsburg, die aus der Kirchlichen Ausbildungsstätte für Diakonie und Religionspädagogik hervorgegangen war.

Die anlässlich des Jubiläums 2022 in der Reihe „Bildungsprozesse in kirchlich-diakonischen Handlungsfeldern“ vorgelegte Festschrift mit dem Titel „Sozial. Evangelisch. Innovativ. 50 Jahre Evangelische Hochschule Ludwigsburg“ beschreibt nicht allein die historische, institutionelle und disziplinäre Entwicklung der landeskirchlichen Hochschule. Vielmehr gibt sie zugleich einen bildungsgeschichtlich interessanten Überblick, wie sich die Hochschullandschaft im Südwesten entwickelt hat.

Teil A

Renate Kirchhoff und Bastian Kaiser sprechen von vier Entwicklungssträngen: den frühen Universitätsgründungen in Heidelberg, Freiburg i. Brsg. und Tübingen, den Fach- und Ingenieursschulen (seit den Siebzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts ergänzt um die Berufsakademien und Dualen Hochschulen) sowie den universitären Neugründungen seit dem neunzehnten Jahrhundert (z. B. in Karlsruhe, Stuttgart oder in Folge der Bildungsdebatte der vergangenen Sechzigerjahre in Konstanz, Mannheim oder Ulm). Den vierten Strang bildeten die Hochschulen, die für das Sozial-, Gesundheits-, Erziehungs- und Bildungswesen in Kirche und Gesellschaft ausbilden, deren Wurzeln liegen vor allem in der Gründung sozialer Frauenschulen. Mittlerweile sind aus diesen akademischen Ausbildungsstätten wissenschaftsgeleitete Hochschulen entstanden. Zu den neueren Entwicklungen zählt die Möglichkeit, den Hochschulen für Angewandte Wissenschaften thematisch begrenzt das Promotionsrecht zu verleihen.

In einzelnen Kapiteln wird die Entwicklung der in Ludwigsburg und Reutlingen vertretenen Fächer nachgezeichnet: Soziale Arbeit, Religions- und Gemeindepädagogik, Heilpädagogik, Pflegewissenschaft sowie Kindheitspädagogik. Die letztgenannte Disziplin, die im 2024 ihr zwanzigjähriges Bestehen im deutschen Hochschulsystem feiern kann, wird in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg angeboten. Besonders hervorzuheben ist das erfolgreiche Integrierte Studienmodell, das die beiden Hochschulen mit sechs evangelisch-württembergischen Fachschulen für Sozialpädagogik anbieten und das den dortigen Auszubildenden eine Doppelqualifikation als Erzieher und Kindheitspädagoge mit Bachelorabschluss ermöglicht.

Weitere Beiträge der Festschrift widmen sich gesellschaftlich-historischen Veränderungen in der studentischen Selbstverwaltung, der Inklusionsforschung oder der Religionspädagogik.

Teil B

Der zweite Teil der Festschrift beleuchtet aktuelle Entwicklungsperspektiven, beispielsweise im Feld der Masterstudiengänge und in der Kooperation von Hochschulen, in der Menschenrechtsbildung, in der Internationalisierung oder Digitalisierung, im Theorie-Praxis-Transfer, in der integrierten Forschung oder im Unternehmentum, das auch im sozialen Bereich aus Hochschulen erwachsen kann.

Claudia Schulz wirbt in ihrem Beitrag vor allem darum, dass sich die Hochschulen für Angewandte Wissenschaften noch stärker als bisher für Fachkräfte mit Berufserfahrung öffneten: „Gelingt dies, kann die akademische Bildung an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften gerade für Menschen mit einem hohen Interesse an der Praxis und ihrer Entwicklung zum Sprungstab werden“ (S. 187).

Teil C

Im abschließenden und kürzesten Teil formulieren der Rektor der Hochschule, Norbert Collmar, sowie die Studiengangsleiterin für Religions- und Gemeindepädagogik, Andrea Dietzsch, ihre Vision für die Weiterentwicklung der Jubilarin: Hochschulen für Angewandte Wissenschaften seien Seismographen für gesellschaftliche und disziplinäre Entwicklungen. Mit der Förderung von Bildungsgerechtigkeit, Durchlässigkeit im Bildungssystem akademischer Teilhabe leisteten sie wesentliche Beiträge zur gesellschaftlichen Entwicklung, sie qualifizieren ihre Absolventen dazu, den Bildungs-, Pflege- und Gesundheitsbereich kompetenz mitzugestalten und begleiteten – in Gestalt kirchlicher Hochschule – den Einzelnen über den beruflichen Horizont hinaus bei seiner individuellen und religiösen Identitätsfindung.

Der Band greift über den Rahmen einer institutionsbezogenen Festschrift deutlich hinaus und bietet interessante Einblicke in hochschul- und disziplinpolitische Entwicklungen im Bereich der Sozial-, Gesundheits- und Pflegestudiengänge.

Norbert Collmar, Andreas Dietzsch (Hgg.): Sozial. Evangelisch. Innovativ. 50 Jahre Evangelische Hochschule Ludwigsburg (Bildungsprozesse in kirchlich-diakonischen Handlungsfeldern; 3), Münster (Westf.)/New York: Waxmann 2022, 305 Seiten.