Leserbrief: Hoch-, nicht in den Wind hängen

… sollten Verbindungen ihre Prunkfahnen – nicht anders herum, wie es auch Kirchenvertreter heute gern tun. So Axel Bernd Kunze in einem Leserbrief für die aktuelle Ausgabe von ACADEMIA (Jg. 117, H. 6, S. 61):

Zu: Thomas Gutmann: Arbeitswelt und Bürgergeist, in: ACADEMIA, Nr. 5/2024, S. 12 – 15.

Thomas Gutmann erwähnt in seinem Beitrag „Arbeitswelt und Bürgergeist“ (ACADEMIA 5/2024, S. 12 ff.) die Bad Harzburger Canossasäule. Deren Inschrift reagiert auf eine Rede Bismarcks im Reichstag am 14. Mai 1872. Fbr Winfried Henze (K.St.V. Winfridia zu Göttingen im KV), der im Sommer sein 70-jähriges Priesterjubiläum – noch immer im aktiven Dienst – sowie seinen 95. Geburtstag feiern konnte und früher Redakteur der Hildesheimer Kirchenzeitung war, erwähnt die Säule in seinem neuesten Band „Lob der Kalkleiste“ (Hildesheim 2024) in einem Kapitel über „antirömische Wallfahrtsorte in Deutschlands Norden“. Die Säule hat ein katholisches Gegenstück gefunden: 1880 erhielt die Kirche in Bündheim, heute ein Stadtteil von Bad Harzburg, das seltene Patronat des hl. Gregor VII. Es war der erste katholische Kirchenneubau der Region nach der Reformation. Henze schreibt in seinem Band: „Ach Freunde, was sinkt doch alles dahin im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte! Wieviel Zorn verraucht, wieviel Erinnerung wird schal! Gregor und Heinrich, Bismarck und Leo …“ Wir können heute mit Gelassenheit über das reden, was einst – so noch einmal Henze – „bitterernste Emotionen weckte“. Und doch gehören auch diese Erinnerungsorte zu unserer Geschichte. Denn etwas mehr Stolz auf die eigene Tradition und die eigene Identität täten unserem Land und seiner Kirche nicht schlecht. Gerade unsere Verbindungen sollten daher ihre Prunkfahnen hochhängen – und nicht in den Wind, wie es leider auch Kirchenvertreter heute tun. In diesem Sinne: Vielen Dank an Thomas Gutmann für seinen inspirierenden Beitrag.

Zwischenruf: Mehr Aufmerksamkeit für bedrohte Wissenschaftsfreiheit – diese Chance wurde vertan

Nach der missglückten Verleihung eines Positivpreises für Wissenschaftsfreiheit an den Juristen Reinhard Kempen, langjährig Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, der am Ende vor allem durch seine gezielte wissenschaftspolitische Unterstützung einer freiheitsfeindlichen Coronapolitik auffiel, setzt das gleichnamige Netzwerk Wissenschaftsfreiheit seine Preispolitik fort. Zog man im Februar deutliche Kritik auf sich, weil die Preisentscheidung für Kempen die Unteilbarkeit der Menschenrechte infrage stellte, lief es jetzt im Herbst auch nicht besser.

Der Negativpreis für Wissenschaftsfreiheit wurde dreigeteilt – in einer Pressemitteilung des Netzwerkes heißt es zur Begründung: „Der erste Preisträger ist Prof. Dr. Seesemann von der Universität Bayreuth. Grund für die Preisverleihung ist seine Aufforderung an das Rektorat der Universität Frankfurt, gegen Susanne Schröter und die von ihr veranstalteten Tagungen einzuschreiten, obgleich dort weder Strafnormen verletzt wurden (insbesondere das Aussprechen bestimmter abwertender Termini ist für sich genommen nicht strafbar) noch rechtswidrige Diskriminierungen proklamiert wurden (was im übrigen keine ausreichende Grundlage für ein Einschreiten wäre). Die zweite Preisträgerin ist Prof. Dr. Geraldine Rauch, Präsidentin der TU Berlin. Grund für die Preisverleihung ist ihr Vorwurf an das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit, sich auch für rechtskonservative Kollegen einzusetzen – sie ist als Präsidentin einer Universität rechtlich verpflichtet, auch deren Rechte zu achten und zu schützen. Die dritte Preisträgerin ist Dr. Carolin Wagner, SPD-Bundestagsabgeordnete. Sie hat in einer Rede im Bundestag gleichsam beiläufig die Aktionen des Netzwerks – die in Stellungnahmen, Briefen an die Rektorate zugunsten der Wissenschaftsfreiheit bedrängter Kollegen gleich welcher politischen Ausrichtung und Pressemitteilungen bestehen – als Schüren von Vorurteilen und Verunsicherung von Lehrenden und Studierenden bezeichnet, obgleich sie als Abgeordnete des Bundestags zu besonderem Respekt vor den Grundrechten auch von Andersdenkenden verpflichtet ist.“

Man sollte meinen, dass ein Preisgeber Interesse hat, mit seinem Preis auch eine breite Öffentlichkeitswirkung zu erzielen und so auf seine Anliegen aufmerksam zu machen. Doch die Preisverleihung ist auf den Internetseiten des Netzwerkes nur versteckt unter den Pressemitteilungen zu finden. Eine Presseresonanz blieb bisher auch weitgehend aus. Auszunehmen hiervon ist das Magazin „Cicero„, das fragt: „Vor Kurzem wurde der Negativpreis Wissenschaftsfreiheit 2024 verliehen – und nahezu zeitgleich eine wissenschaftliche Studie veröffentlicht. Deren Ergebnis: Es gibt kaum Probleme mit der Cancel Culture an Deutschlands Universitäten. Was stimmt denn nun?“

Die Antwort formuliert Matthias Brodkorb, früher einmal Kultusminister in Mecklenburg-Vorpommern – und stellt der Preispolitik des Netzwerkes Wissenschaftsfreiheit kein gutes Zeugnis aus: „Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit hat sich keinen Gefallen getan. Es verteilte seinen Negativpreis Wissenschaftsfreiheit gleich auf drei Personen auf einmal und raubte sich dadurch selbst die kommunikative Schlagkraft: auf Rüdiger Seesemann (Universität Bayreuth), Geraldine Rauch (Präsidentin der TU Berlin) und Carolin Wagner (SPD-Bundestagsabgeordnete). Allen Prämierten wurde der Preis außerdem dafür verliehen, dass sie entweder Mitglieder des Netzwerks angegriffen haben oder dieses selbst. Das riecht nach beleidigter Leberwurst.“ Da wurde eine große Chance vertan, ein bedrohtes Grundrecht ins Licht der Öffentlichkeit zu heben.

Und das wäre dringend notwendig. Um das Freiheitsbewusstsein im Allgemeinen und das Recht auf Wissenschaftsfreiheit steht es nicht gut in unserem Land, auch nach Ende der coronabedingten Freiheits- und Grundrechtseinschränkungen. Daher hätten beide Preisverleihungen in diesem Jahr die große Chance geboten, die Bedrohungen der Wissenschaftsfreiheit durch einen übergriffigen Staat und vielfältige Formen gesellschaftlicher „Cancel Culture“ öffentlichkeitswirksam zu thematisieren. Doch leider wurde diese Chance zweimal nicht genutzt. Der Preisgeber sollte dringend darüber nachdenken, was er mit seinem Preis überhaupt erreichen will, welches Freiheitsverständnis er stark machen will und wie er sein Anliegen in die gesellschaftlich-politische Breite tragen will.

Zwischenruf: Keine neue Attraktion

„Berlins neue Attraktion“ – so das Titelthema der aktuellen Ausgaben des Verbunds Bistumspresse (Nr. 27/2024, 13.10.2024). Berlins frisch renovierte Hedwigskathedrale wird keine neue Attraktion, sondern ein Mahnmal sein: für das gestörte Verhältnis der Kirche im Umgang mit ihrem kulturell-künstlerischen Erbe und für den lieblosen Umgang mit ihren eigenen Traditionen. Nichts gegen eine behutsame Renovierung, die sich der Besonderheit der überkommenen Form und der tiefen Architektursprache des bisherigen Kirchenraums bewusst bleibt. Was als „schlichte Eleganz“ gepriesen wird, ist das traditionsblinde Einheitsweiß neuerer Domrenovierungen, das in bischöflichen Liturgie- und Bauabeilungen gegenwärtig dominiert – bis die nächste Mode kommt. St. Hedwig ist zur 08/15-Kathedrale gemacht worden. Ich werde mir bei meinen Besuchen in Berlin künftig andere Gottesdienstorte suchen.

Zwischenruf: Grundfreiheiten, nicht soziale Verfügungsmasse

Georg Lurje und Stefan Schwartze rühren in der WELT (16. Oktober 2024, Nr. 201, S. 7) die Werbetrommel für eine Widerspruchslösung bei Organspenden: zwei Stimmen aus einem Chor, der zunehmend lauter wird. Zum Schaden unserer Verfassungsordnung, die coronapolitisch schon stark gelitten hat. Die bisher nicht aufgearbeitete Coronapolitik war eine Blaupause dafür, welche Freiheitseinschränkungen Bürger mitzumachen bereit sind. Der Ausverkauf des Grundrechts auf körperliche Unversehrtheit soll weitergehen. Dieses Mal geht es um die Widerspruchslösung bei Organspenden. Nicht mehr der Einzelne soll über seinen Körper verfügen dürfen. Dieser wird zur Verfügungsmasse eines Sozialstaates, der indiviudelle Grundfreiheiten umkehrt in Ansprüche der Gemeinschaft an den Einzelnen. So war unser Grundgesetz, das in diesem Jahr 75 geworden ist, nicht gemeint gewesen.

Zwischenruf: Die Canossasäule und ihr Gegenstück

Thomas Gutmann erwähnt in seinem Beitrag „Arbeitswelt und Bürgergeist“ (ACADEMIA 5/2024, S. 12 ff.) die Bad Harzburger Canossasäule. Deren Inschrift reagiert auf eine Rede Bismarcks im Reichstag am 14. Mai 1872. Winfried Henze (K.St.V. Winfridia zu Göttingen im KV), der im Sommer sein 70-jähriges Priesterjubiläum sowie seinen 95. Geburtstag feiern konnte und früher Redakteur der Hildesheimer Kirchenzeitung war, erwähnt die Säule in seinem neuesten Band „Lob der Kalkleiste“ (Hildesheim 2024) in einem Kapitel über „antirömische Wallfahrtsorte in Deutschlands Norden“. Die Säule hat ein katholisches Gegenstück gefunden: 1880 erhielt die Kirche in Bündheim, heute ein Stadtteil von Bad Harzburg, das seltene Patronat des hl. Gregor VII. Es war der erste katholische Kirchenneubau der Region nach der Reformation. Henze schreibt in seinem Band: „Ach Freunde, was sinkt doch alles dahin im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte! Wieviel Zorn verraucht, wieviel Erinnerung wird schal! Gregor und Heinrich, Bismarck und Leo …“ Wir können heute mit Gelassenheit über das reden, was einst – so noch einmal Henze – „bitterernste Emotionen weckte“. Und doch gehören auch diese Erinnerungsorte zu unserer Geschichte. Denn etwas mehr Stolz auf die eigene Tradition und die eigene Identität täten unserem Land und seiner Kirche nicht schlecht. Gerade unsere Verbindungen sollten daher ihre Prunkfahnen hochhängen – und nicht in den Wind, wie es leider auch Kirchenvertreter heute tun. In diesem Sinne: Vielen Dank an Thomas Gutmann für seinen inspirierenden Beitrag.

Zwischenruf: Freiheit lebt vom Diskurs

Grundfreiheiten und Grundrechte können durch staatliche Stellen angegriffen werden – das ist eindeutig, insofern der Staat erstrangiger Adressat der Grundrechte ist. Grundfreiheiten können aber auch durch gesellschaftliche Kollektive erstickt werden. Und hier maßen sich wissenschaftlche Fachgesellschaft schon länger und immer häufiger eine Türwächterfunktion an, die ihnen nicht zusteht, indem sie bestimmen, was als legitime wissenschaftliche Meinung gilt und was nicht. Es gibt eine zugelassene, vermeintlich demokratische Einheitsmeinung – und alles andere wird als unwissenschaftlich erklärt.

Im Band „Die Verlorene Wissenschaft“, herausgegeben von Matthias Fechner und Klaus Buchenau, wird dies am Beispiel der AG Christliche Sozialethik ausgeführt. Und dann kommt der Staat wieder ins Spiel: Der Landtag Baden-Württemberg hat den Boykottaufruf der Fachgesellschaft gegen die Zeitschrift „Die Neue Ordnung“ als legitimes Mittel der wissenschaftlichen Auseinandersetzung anerkannt, und zwar als ein Mittel, auf das sich eine steuerfinanzierte Universitätsbiblitohek bei ihren Entscheidungen stützen darf. Dabei hat der Staat nicht nur die Aufgabe, die Grundrechte zu respektieren, sondern auch vor Eingriffen durch Dritte zu schützen.

Aber das Vorgehen der Fachgesellschaften passt in ein öffentliches Diskursklima, in dem Kontroversen immer weniger erwünscht sind und in dem nicht mehr das bessere Argument zählt, sondern allzuoft die richtige Gesinnung. Und dann müssen Wissenschaftler, die „falsch“ denken, aus dem Weg geräumt, ausgegrenzt und im akademischen Diskurs unsichtbar gemacht werden. Freiheit sieht anders aus, sollte anders aussehen. Freiheit lebt vom offenen, kontroversen, streitbaren Diskurs.

Zwischenruf: Ethiker eiert herum

Der Wahlkampfdonner in Thüringen und Sachsen hat sich verzogen, das Ringen um Koalitionen und Machtoptionen hat begonnen. Peter Schallenberg, Moraltheologe in Paderborn und bisheriger Direktor der sich in Abwicklung befindlichen Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach, hat selber im sächsischen Wahlkampf mitgemischt. Wie er in der Wochenzeitung „Die Tagespost“ vom 16. August 2024 schreibt, habe sein Lehrstuhl die Wahlprogramme der sechs aussichtsreichsten Parteien unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse habe er, so Schallenberg, in Vorträgen vor Ort vorgestellt – alles unter der Frage: „Wie christlich ist die sächsische Politik?“. So weit, so gut, auch wenn noch einmal genauer zu fragen bliebe, wie der Paderborner Ethiker christliche Politik im einzelnen definiert.

Liest man seine Kolumne vom 16. August 2024 weiter, reibt sich der Leser, der ein gutes Gedächtnis besitzt, allerdings verwundert die Augen. Denn für Schallenberg sind drei Dinge sehr wichtig: „Erstens sind Bildung und Gesundheit die zentralen Pfeiler des Sozialstaates, weil sie zur Freiheit befähigen. Zweitens steht die Nächstenliebe vor Fernstenliebe, Ehe und Familie vor Staatsvolk, Heimat und nationaler Staat vor Weltstaat, ohne dass der Blick für internationale Gerechtigkeit verloren gehen darf.“ Lassen wir an dieser Stelle einmal außen vor, ob familiäre Bindungen gegen nationale Zugehörigkeit ausgespielt werden können – für Christen sollte beides gleichermaßen wichtig sein. Es geht um den Kontext, über den wir sprechen. Oder sollten familiäre Beziehungen am Ende wichtiger sein als staatsbürgerliche Verantwortung? Wir erleben sehr deutlich, was es bedeutet, wenn Familien- und Clanzugehörigkeit rechtsstaatliche Bindungen aufhebt.

Hier geht es um etwas anderes: Erst am 10. Mai 2024 schrieb derselbe Ethiker in derselben Zeitung, Volk meine nach katholischer Auffassung „zunächst und grundsätzlich die gesamte Menschheit“. Und: „Gott kennt weder Blut noch Abstammung noch Nation.“ – anderes zu behaupten, sei „Unsinn“ oder „überholtes Heidentum“. Richtig ist: Das Neue Testament relativiert familiäre und nationale Bindungen, wenn es um die Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft geht. Aber es hebt diese Bindungen nicht auf. Überdies war es schon im Mai eine Unterstellung, das Staatsvolk werde von bestimmten politischen Kräften allein abstammungsmäßig definiert. Ein Blick in das Grundgesetz hätte genügt, um zu sehen, dass sich das deutsche Staatsvolk durch Abstammung und Einbürgerung bildet.

Was im Mai noch relativiert, vielleicht sogar negiert wird, soll jetzt vor dem Weltstaat stehen. Eine konsistente Staatslehre ist das nicht; Schallenberg eiert herum. Die Unentschlossenheit, zu dem zu stehen, was es zur Sicherung verlässlicher staatlicher Grundlagen braucht, zeigt sich in einer Ankündigungspolitik, die schon seit neun Jahren keine überzeugende migrationspolitische Antwort findet. Die Wähler in Thüringen und Sachsen haben gesprochen und ihre Antwort darauf gegeben. Will christliche Ethik ernstzunehmende Antworten auf die politischen Herausfordeungen unserer Tage leisten, benötigt sie wieder ein klares Staatsdenken, wie es einmal zur Tradition katholischer Soziallehre gehörte. Denn diese wusste darum, dass Gerechtigkeit und Gemeinwohl nur auf Grundlage verlässlicher staatlicher Strukturen gesichert werden können. Und es gehört zu den ethischen Verpflichtungen des Christen, an der Sorge um die Grundlagen unseres staatlichen Zusammenlebens aktiv teilzunehmen und diese sichern zu helfen.  

Neuerscheinung: Kommentar zum Interview mit Ethikratsmitglied

Ethiker sollten kompetent sein, Grundrechtskonflikte differenziert zu beurteilen – sollte man meinen. In der Coronapandemie sah dies innerhalb der Christlichen Sozialethik anders aus. Die Disziplin hätte einiges aufzuarbeiten. Doch dazu fehlt die Kraft, wie ein aktuelles Interview mit dem Berliner Ethiker und Ethikratsmitglied Andreas Lob-Hüdepohl zeigt. Das „Christliche Forum“ übernimmt den Kommentar zu diesem Interview mit dem Internetportal katholisch.de:

Zwischenruf: Sozialethik wäscht Hände in Unschuld

„Corona-Aufarbeitung darf nicht nur Rachegelüste befriedigen“ – platter geht es wohl nicht. Dabei sollte man meinen, eine Mitgliedschaft im Nationalen Ethikrat verpflichte. Wie der Adel. Aber nein, hier wird der Mainstream bedient, der Konvention gehuldigt. Und diese wollen keine Fehler bei der Coronapolitik entdecken. Alles richtig gemacht, bescheinigt Ethikratsmitglied Andreas Lob-Hüdepohl, der in der Impfpflichtdebatte kräftig moralischen Druck aufgebaut hatte, in einem Interview mit dem kirchenoffiziösen Internetportal katholisch.de auch den Kirchen. Das ist durchschaubar: Ein Funktionär entlastet andere Funktionäre. Weitere Drittmittel sind dadurch sicher nicht gefährdet.

Die massiven Grundrechtseinschränkungen der Coronazeit, die soziale Ausgrenzung Andersdenkender und deren Diffamierung – alles vergessen. Nein, sie gehen weiter. Wer meint, dies sollte in einem freiheitlichen Rechts- und Verfassungsstaat aufgearbeitet werden, der wird weiter diffamiert – mit der Unterstellung, er wolle Rachegelüste bedienen. Das alles ist mehr als durchschaubar: Der Pilatus im Ethikrat wäscht seine Hände in Unschuld. Verdächtig macht sich hingegen, wer die Grundrechtsordnung unseres Rechtsstaates verteidigt.

Machen wir es kurz: Die Christliche Sozialethik, die in ihrer hochschulisch-institutionalisierten Fassung längst zu einer Agenda- bzw. Akzeptanzherstellungswissenschschaft verkommen ist, hat in der Coronazeit versagt. Man redet gern über Anerkennung und Respekt, Menschenwürde und Menschenrechte, Haltung und Vielfalt, aber eben nicht über die massiven, massenhaften Grundrechtseinschränkungen der Coronajahre. Schweigen allenthalben. Corona hat das Land, aber ebenso die Kirchen gespalten. Und diese Spaltung wird sich fortsetzen, wenn keine ehrliche, unabhängige, ergebnisoffene Aufarbeitung in Gang kommt. Mit Funktionären wie Lob-Hüdepohl wird eine solche nicht gelingen. Ach ja, man habe es damals ja nicht besser gewusst – keine Kunst: Andersdenkende Stimmen wurden gezielt unterdrückt, diffamiert, kriminalisiert. Aber davon darf heute keine Rede sein. Doch mit Grundrechten spielt man nicht. Eine unverhältnismäßige Politik, wie sie damals passiert ist, kann wieder geschehen, wenn wir das Geschehene nicht aufarbeiten. Mit Menschenwürde, Grundfreiheiten und Grundrechten spielt man nicht.

Der Grund für das Versagen der katholischen Sozialethik liegt in einem Freiheitsverständnis, das nicht mehr von der Vorrangigkeit des Individuums und einer formalen Auslegung der Grundrechte ausgeht, sondern Freiheit sozial rückbindet. Frei sein darf, wer sich sozial wohlverhält. So waren unser Grundgesetz und sein Grundrechtskatalog nicht gemeint gewesen. Wer Sozialethik auf ein solches Freiheitsverständnis baut, negiert den christlichen Personalismus und betreibt Aktivismus statt wissenschaftlich saubere Reflexion.

PS: Wer Gründe sucht, warum eine unvoreingenommene, faire Aufarbeitung der freiheitsfeindlichen Coronapolitik unerlässlich bleibt, dem sei folgender Band empfohlen: