VDS-Sprachnachrichten: Holger Klatte rezensiert „Bildung und Religion“

In der aktuellen Ausgabe (III/2022) der „Sprachnachrichten“ des Vereins Deutsche Sprache rezensiert Holger Klatte den Band „Bildung und Religion. Die geistigen Grundlagen des Kulturstaates“ (Berlin: LIT 2022) des Sozial- und Bildungsethikers Axel Bernd Kunze. Holger Klatte schreibt:

„Ein wichtiges Buch, das eine überzeugende Grundlage für künftige Diskussionen über kulturelle Wurzeln, Integration und die Stellung der Religionen in einem weltanschaulich neutralen Staat darstellt.“

Weitere Informationen zum Band und Bestellmöglichkeit:

https://www.lit-verlag.de/detail/index/sArticle/87573/sCategory/6624

ELTERNforum: Bücher zum Thema Bildung und Religion

Die Zeitschrift der Katholischen Elternschaft Deutschlands – ELTERNforum – rezensiert den lesenswerten Band „Bilder von Bildung. Für eine Renaissance der Schule“ des Wuppertaler Kunstdidaktikers Jochen Krautz (eine Fundgrube genuin pädagogischer Impulse!) sowie „Bildung und Religion. Die geistigen Grundlagen des Kulturstaates“ des Bildungsethikers Axel Bernd Kunze. Mehr auf Seite 13 der aktuellen Ausgabe Nr. 2/2022:

Wovon sprechen wir, wenn wir von Bildung sprechen

Sie haben erfolgreich den schulischen Teil Ihrer Erzieherausbildung abgeschlossen. Sie schließen heute Ihre Ausbildung an einer Bildungseinrichtung, der Schule, ab. Wir entlassen Sie heute in die berufliche Praxis der Elementarbildung. Sie haben sich für einen Bildungsberuf entschieden. Ihre professionelle Aufgabe wird es künftig sein, Kinder und Jugendliche zu erziehen, ihnen aber auch Bildung zu ermöglichen – von klein auf.

Bildung erscheint im öffentlichen Diskurs mitunter als eines jener „Containerworte“, in das jeder hineinpacken kann, was er später gern darin finden möchte. Nicht selten wird zwar von Bildung gesprochen, die dann aber auf nachgelagerte Bildungszwecke verkürzt wird. Konkret: Ihr Bildungsabschluss, den Sie heute erhalten, ist gut und wichtig. Sie haben einen Bildungstitel erworben, mit dem Sie sich bewerben können. Aber was Bildung ist, erschöpft sich nicht in Prüfungen, Bildungszertifikaten oder Bildungsabschlüssen.

Wovon sprechen wir, wenn wir von Bildung sprechen? Dieser Frage möchte ich heute Abend ein wenig nachgehen.

I.

Von Bildung zu sprechen, bedeutet, vom Menschen zu sprechen. Notwendige Voraussetzung, damit wir überhaupt sinnvoll von Bildung sprechen können, ist, den Menschen als ein Wesen zu denken, das unbestimmt bildsam ist.

Wegen seiner biologisch mangelhaften Existenzausstattung und fehlenden Instinktsicherheit ist der Mensch zunächst bildungsbedürftig. Der Mensch lebt nicht – wie das Tier – in seiner Umwelt. Vielmehr, so der Anthropologe Arnold Gehlen, ist der Mensch darauf angewiesen, seine Umwelt umzugestalten. Mit anderen Worten: Er schafft Kultur. Auf der einen Seite verändert der Mensch die Wirklichkeit um sich herum so, dass sie ihm lebensdienlich ist; auf der anderen Seite holt er damit eine Vielzahl an Leistungen aus sich heraus.

Dies gelingt dem Menschen nur in eigentätiger Auseinandersetzung: durch Anregung und Aufweckung von außen auf der einen Seite, durch eigene Aktivität und eigenes Handeln auf der anderen Seite. Der Mensch muss die Welt gestalten. Und er muss sich von der Flut unmittelbarer Einflüsse entlasten. Anders gesagt: Er muss die Welt deuten und Orientierung suchen. Zugleich muss er aber auch sich selbst „gestalten“.

II.

Denn der Mensch vermag nicht einfach zu existieren. Vielmehr ist er weltoffen. Er trägt viele Möglichkeiten in sich. Er muss sich in seiner Biographie erst zu dem machen, der er sein will, in den Grenzen der Natur und des Rechts. Er ist bildsam. Wir sehen: Der Mensch ist also bildungsbedürftig und  bildungsfähig zugleich. Und zwar in verschiedene Richtungen.

Wer über Bildung spricht, so die Kölner Bildungsphilosophin Ursula Frost, „darf daher nicht nur beschreiben, was ist, sondern muss auch darüber nachdenken, was sein kann.“ [Frost, U.: Bildung als pädagogischer Grundbegriff, in: Handbuch der Erziehungswissenschaft, Bd. 1, Paderborn 2008, 297 – 311, hier: 299] Bildung will Möglichkeiten eröffnen. Bildung schafft Alternativen. Und eine entscheidende Aufgabe von Pädagogischen Fachkräften liegt darin, Heranwachsenden Erfahrungen zu erschließen, ihnen zu helfen, Neues zu entdecken, neue Möglichkeiten und Interessen auszubilden.

Doch hat alles immer zwei Seiten: Wo es Alternativen gibt, gibt es auch den Zwang zur Entscheidung, zum Werten von Alternativen und zum Urteilen. Bildung fordert den Menschen auf, sich zu entscheiden, und zwar nicht irgendwie. Es geht darum, sachlich angemessen und sittlich verantwortlich zu entscheiden. Der Bonner Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin hat dies folgendermaßen ausgedrückt:

„Bildendes Lernen ist ein Moment zwangloser Nötigung. Vorausgesetzt ist diesem Lernen die Freiheit des Denkens. Alles könnte auch ganz anders gedacht und gemacht werden. Also muß man sich entscheiden. Diese Entscheidung ist nicht vorgegeben, sondern frei. Die Entscheidung muß gesucht werden. Sie muß verantwortet werden – vor dem Anspruch auf Wahrheit, Sittlichkeit und Sinn. Sie kann nur verantwortet werden, wenn der Mensch frei ist, also Möglichkeiten hat. Dieses Problem der Freiheit ist weder soziologisch noch biologisch zu lösen oder abzulösen. Hier bedarf es der pädagogischen Reflexion.“ [Ladenthin, V..: Philosophie der Bildung. Eine Zeitreise von den Vorsokratikern bis zur Postmoderne, Bonn 2007, 208 f.]

Zu Ihrem Bildungsauftrag gehört beides: Sie helfen den Kindern und Jugendlichen sachlich angemessen zu handeln, die eigenen Kräfte und Fähigkeiten auszubilden, zu verfeinern, gekonnt einzusetzen. Und sie sollen den Heranwachsenden helfen, ihre Fähigkeiten verantwortlich, also lebensdienlich und gemeinwohlförderlich, einzusetzen. Wenn beides zusammenkommt, sprechen wir nicht allein von Verhalten, sondern von einem Handeln, das sinnvoll, verantwortlich und selbstbestimmt ist. Ein solches Handeln muss erlernt und ausgestaltet werden, von klein auf.

III.

Die Bildungsaufgabe gilt für jeden von uns, der hier in diesem Raum ist. Wir alle sind in diesem Sinne „unfertig“ auf die Welt gekommen und haben immer schon eine mehr oder weniger lange Bildungsbiographie hinter uns. Bildung stiftet Solidarität, weil sie alle Menschen verbindet.

Menschliches Handeln geschieht stets unter der Voraussetzung einer noch ungewissen Zukunft. Wir sind gezwungen risikoreiche Entscheidungen zu treffen. Menschliches Handeln bleibt daher immer fehlbar.

Wir hoffen, dass Sie im Laufe Ihrer Ausbildung das nötige Rüstzeug erhalten haben, verantwortliche pädagogische Entscheidungen zu fällen. Aber jede Erzieherin und jede Lehrkraft weiß: Für pädagogisches Handeln gibt es keine Erfolgsgarantie. Und das aus gutem Grund: Denn Heranwachsende sollen nicht Abziehbilder ihrer Erzieher und Lehrer werden. Sie sollen frei werden. Sie sollen selbständig werden. Sie sollen eigene Entscheidungen treffen können. Und auch diese werden risikoreich bleiben.

Der Mensch soll im Laufe seiner Bildungsbiographie seine Freiheit immer mehr kultivieren. Er soll lernen, die Aufgaben und Probleme, die Eindrücke und Anregungen, die Ansprüche und Sinnangebote, die ihm begegnen, zu ordnen und zu bewerten. Wir müssen lernen, uns über die verschiedenen Aufgaben, Herausforderungen und Weltdeutungsangebote argumentativ auszutauschen. Auch dies ist eine beständige Bildungsaufgabe.

Die sachlichen Aufgaben oder sittlichen Herausforderungen, denen wir begegnen, fordern uns zum Lernen heraus. Und das heißt: Wir müssen uns unweigerlich dazu verhalten. Auch wenn wir uns der Entscheidung verweigern, bleibt dies eine Entscheidung. Wir müssen die Ansprüche, die sich uns stellen oder die wir auch selbst an uns stellen, werten; wir müssen darüber nachdenken, wir können sie akzeptieren oder verwerfen.

Würden wir diese Aufgabe leugnen, so der schon zitierte Pädagoge Ladenthin, müsste davon ausgegangen werden, dass alle Menschen schon gebildet sind und jede Behauptung und Meinung schon wahr, jede Handlung sittlich gut und sinnvoll ist.“ [Ladenthin, V.: Was ist „Bildung“? Systematische Überlegungen zu einem aktuellen Begriff, in: Evanglische Theologie, 63. Jg., 2003, 237 – 260, hier: 240] Dann wäre im wahrsten Sinne alles schon „gleich-gültig“, damit beliebig und letztlich auch sinnlos.

Erst Bildung, also die Fähigkeit zum vernünftigen Urteilen und selbstbestimmten Entscheiden, ermöglicht Freiheit, und zwar: Freiheit zu Urteil und Kritik, Freiheit zum Stellungnehmen.

IV.

Die Bildungsaufgabe gilt zu allen Zeiten. Zum pädagogischen Zentralbegriff hat sich Bildung aber erst in der Neuzeit entwickelt. Der Mensch wird immer weniger in eine vorbestimmte Lebensbahn hineingeboren, die bestimmt ist durch die Herkunft, den Stand, die Tradition, die Sitte oder Religion der Familie. Dem modernen Menschen stehen viele Wahlmöglichkeiten offen.

Auch die Ziele der Pädagogik ergeben sich in der modernen, pluralen Gesellschaft nicht mehr aufgrund einer gemeinsam geteilten Weltanschauung oder Religion. Sie werden wissen, wie unterschiedlich die kulturellen und religiösen Überzeugungen der Familien sind, die in Ihren Kindertageseinrichtungen zusammenkommen.

Und doch braucht es weiterhin eine Idee, die uns ermöglicht, zu unterscheiden, was pädagogisch genannt werden darf und was nicht, was pädagogisch sinnvoll ist und was nicht, was für Kinder und Jugendliche pädagogisch förderlich ist und was nicht.

Bildung wird für die Pädagogik zum modernen Integrationsbegriff: Pädagogisch kann genannt werden, was der Idee der Bildung, der Befähigung des Einzelnen zu Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Freiheit, entspricht. An dieser Idee und diesem Anspruch muss sich jedes pädagogische Handeln messen lassen.

Wer pädagogisch handelt, muss die Freiheit des anderen, den er erziehen will, achten. Er muss die Selbstbestimmung und Eigenverantwortung des Heranwachsenden fördern. Er darf dem anderen aber nicht vorschreiben, wie er später leben und handeln soll. Erzieherinnen und Pädagogen helfen, eigene Entscheidungen zu treffen. Sie dürfen aber die Zukunft des Heranwachsenden nicht vorwegnehmen. Wer pädagogisch handelt, ist interessiert daran, dass der andere eine eigenständige Persönlichkeit wird und einen eigenen Charakter ausbildet.

V.

Und ein letzter kurzer Gedanke: Bildung hat kein Ziel, kommt nicht einfach irgendwann zum Ende. Sie bleibt eine unabgeschlossene Lebensaufgabe – auch wenn Sie heute eine wichtige Bildungsetappe mit Ihrem Abschluss erreicht haben. Ja, in einer kirchlichen Schule sei es gesagt: Am Ende macht auch die Bildung nicht frei. Letzten Sinn finden wir nur jenseits aller menschengemachten Bildungsanstrengungen, so wichtig und wertvoll diese auch sind.

In diesem Sinne gratuliere ich Ihnen im Namen von Kollegium und Schulleitung ganz herzlich zum schulischen Abschluss Ihrer Ausbildung. Zugleich wünsche ich Ihnen aber auch alles Gute, Kraft und Zuversicht und nicht zuletzt Gottes Segen für die neuen Bildungswege, die vor Ihnen liegen. Bildung und Erziehung – das ist Ihr künftiger Auftrag im pädagogischen Beruf. Unser aller guten Wünsche begleiten Sie dabei.

(Schulleiterrede zur feierlichen Zeugnisvergabe an angehende Pädagogische Fachkräfte am Ende des Schuljahres 2021/22)

Rezension: Bildung und Religion

Zum Band „Bildung und Religion. Die geistigen Grundlagen des Kulturstaates“ ist die erste Rezension erschienen. Der Historiker, Publizist und Journalist Sebastian Sigler bespricht den Band auf den Internetseiten des Arbeitskreises der Studentenhistoriker – unter dem Titel: Grundlagen, die wir zwingend brauchen:

http://studentenhistoriker.eu/?p=4430

Neu in der Reihe „Zeitdiagnosen“: Bildung und Religion. Die geistigen Grundlagen des Kulturstaates

„Ethikunterricht drängt Religiosität zurück“, so die Fachzeitschrift PÄDAGOGIK im April 2022. Die Schlagzeile bezieht sich auf eine Studie des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, für die Umfragedaten von 58.000 Erwachsenen, die zwischen 1950 und 2004 in Westdeutschland eingeschult worden sind, ausgewertet wurden. Demnach verringere sich die Religiosität im Erwachsenenalter bei einer Teilnahme am Ethikunterricht als Alternative zum Fach Religion. Die Möglichkeit, zwischen Religions- und Ethikunterricht zu wählen, wurde in den einzelnen Bundesländern – von 1972 in Bayern bis 2004 in Nordrhein-Westfalen – unterschiedlich früh oder spät eingeführt, was differenzierte Rückschlüsse auf den Zusammenhang von Ethikunterricht und religiöser Sozialisation zulasse.

Wie seriös die Studie zu beurteilen ist, sei an dieser Stelle dahingestellt. Nach Lesart der Forscher führe Ethikunterricht zu einem Rückgang traditioneller gesellschaftlicher Einstellungen, habe aber keinen Einfluss auf Lebenszufriedenheit, ethisches Verhalten oder ehrenamtliches Engagement. Wenn dann noch auf steigende Produktivität, Arbeitsmarktbeteiligung und ein steigendes Lohnniveau verwiesen wird, scheint ein recht funktionales Verständnis von Ethik und Religiosität durch.

Eines aber wird bei allen Begrenztheiten der Studie dann doch deutlich: Welchen Stellenwert der Kulturstaat Religion im Schulsystem einräumt, bleibt nicht folgenlos. Grund genug, aus pädagogischer und bildungsethischer Perspektive danach zu fragen, welche Bedeutung der Zusammenhang von Bildung und Religion auch unter den Bedingungen wachsender gesellschaftlicher Heterogenität auf der einen und schwindender Kirchenbindung auf der anderen Seite für einen stabilen, leistungsfähigen Kulturstaat besitzt.

Dies leistet ein Band, der jetzt in der Reihe „Zeitdiagnosen“ erschienen ist:

Axel Bernd Kunze: Bildung und Religion. Die geistigen Grundlagen des Kulturstaates (Zeitdiagnosen; 60), Berlin 2022.

„Das Buch nimmt sich einer Thematik an, die sich in Zeiten eines raschen, vielfach irritierenden kulturellen Wandels als überaus aktuell erweist. Es wirft grundlegende Fragen auf, die dringend auf eine Antwort warten. Dabei ist absehbar, dass diese anregende Schrift kontrovers aufgenommen wird und zu weiterführenden Diskussionen anregt. Den Fachdiskurs wird sie nachhaltig bereichern.“ (Bernd Ahrbeck)

Aufbau des Bandes

Präludium

Teil I: Christliche Burschenschaften – eine historische Vergewisserung

Teil II: Dreifache Annäherung an den Bildungsbegriff

Teil III: Bildung und Religion brauchen einander

Teil IV: Freiheit in der Bildung – ein Überblick zu ihren menschenrechtlichen Grundlagen in Europa

Teil V: Zum pädagogischen Umgang mit Religion in der pluralen Gesellschaft

Teil VI: Der Kulturstaat braucht eine normative Grundlage

Teil VII: Didaktische Anregungen I – Interreligiöse Bildung

Teil VIII: Didaktische Anregungen II – Religionspropädeutik

Teil IX: Didaktische Anregungen III – Diakonische Bildung

Bildungsethisches Postludium

Bestellmögilchkeit:

https://www.lit-verlag.de/detail/index/sArticle/87573/sCategory/6624

Druckfrisch erschienen: Bildung und Religion. Die geistigen Grundlagen des Kulturstaates

Axel Bernd Kunze: Bildung und Religion. Die geistigen Grundlagen des Kulturstaates
(Zeitdiagnosen; Bd. 60), Berlin: LIT 2022.

Pädagogische und religiöse Fragen hängen eng zusammen. Dieses Verhältnis bleibt auch für den weltanschaulich neutralen Staat bedeutsam. Denn zur Sorge um dessen Kontinuität gehört die Sorge um seine kulturellen Wurzeln. Diese sind politisch-geschichtlich gewachsen und religiös geprägt. Der Band zeigt auf, welch bleibende Bedeutung Bildung und Religion auch in Zeiten gesellschaftlicher Pluralität für einen freiheitlichen, vitalen und tragfähigen Kulturstaat besitzen. Wo die Sorge um seine geistigen Grundlagen erlahmt, werden über kurz oder lang kulturelle und soziale Verteilungskämpfe einsetzen. Axel Bernd Kunze ist Sozial- und Bildungsethiker. Er lehrt als Privatdozent für Erziehungswissenschaft in Bonn und ist als Schulleiter tätig.

Weitere Informationen und Bestellmöglichkeit:

https://www.lit-verlag.de/detail/index/sArticle/87573/sCategory/6624

Zwischenruf: „Diversity to go“ oder Resilienz durch ein substantielles Bildungsverständnis?

Die Vizepräsidentin der Universität Bamberg für Diversität und Internationales hat aktuell verschiedene Aktionen ihrer Hochschule zum bundesweiten Diversity-Tag angekündigt, selbstverständlich mit Genderstern. Ich kann mir nicht helfen: Wenn ich von einer Vizepräsidentin für „Diversität und Internationales“ höre, denke ich an ein DDR-Milieu. Der öffentliche Raum wird mit ideologischen Phrasen besetzt. Selbstverständlich sollte eine Universität internationale Beziehungen pflegen. Und selbstverständlich sollten Universitäten auch plural ausgerichtet sein. Aber hier geht es um etwas anderes: Der öffentliche Raum wird durch eine internationalistische, antitraditionalistische, dekonstruktivistische, weltanschaulich einseitige Ideologie besetzt. Und die Universitäten sind eine der Speerspitzen dieser ideologischen Vereinnahmung.

Nun legen Krisen Fehlentwicklungen schonungslos offen. Das gilt auch für die Coronakrise, die ein verfasungsrechtlicher Sündenfall sondergleichen war. Eine Universität, die ohne jeden Widerstandsgeist bereitwillig eine grundrechtswidrige 2G-Regel exekutiert, hat sich selbst ins Unrecht gesetzt und akademische Glaubwürdigkeit verwirkt, noch von Diversität zu sprechen. Professorenschaft, Hochschulleitungen, Hochschulverbände haben in ihrer Mehrheit bereitwilligst mitgemacht und sich am Geist unserer Wert- und Verfassungsordnung vergangen. Und damit dem Ansehen des akademischen Deutschlands schweren Schaden zugefügt.

Aber es geht noch um mehr: Mit der Bolognauniversität und der Umsteuerung auf eine plumpe, bildungstheoretisch unterkomplexe Kompetenzorientierung ist nicht alles beim Alten geblieben. Der Universität ist ein substantielles Verständnis von akademischer Bildung verloren gegangen – bei gleichzeitiger Massenakademisierung, die, bei Lichte besehen, keine ist. Früher studierte man Rechtswissenschaft, Theologie, Medizin, Philosophie – heute „Social Media“, „Demokratie und Regieren in Europa“, „Erneuerbare Energien“. Es geht nicht mehr um ein Gesamtverständis einer menschlichen Teilpraxis, es geht um die ideologische Zurichtung auf ein eng umgrenztes, politisch gewolltes Handlungsfeld. Es geht nicht mehr um die Befähigung, eine noch unbekannte Zukunft zu gestalten, sondern um Anpassung an aktuell für wichtig gehaltene politische Erfordernisse. Es geht nicht mehr um akademische Befähigung, Probleme selber zu erkennen, sondern um die Zurichtung auf politisch vorab bestimmte Fragen.

Ein bekannter Bildungsforscher sagte vor Jahren auf einem Bildungskongress, es sei egal, ob Schüler Goethes Erlkönig oder eine Taschenrechneranleitung lesen würden. Es gehe am Ende nur um inhaltsunabhängige „Textkompetenz“. Das ist antitraditionalistisch, offenbart ein funktionales Menschenbild und nimmt den Einzelnen als Person nicht wahr. Die Konfliktlinien von damals zeigen sich heute in zunehmender Schärfe: Es geht um die Grenzziehung zwischen einem substantiellen, humanistisch orientierten, personalen Bildungsverständnis und einem sozialtechnokratischen Bildungsverständis, etwa im Dienste der Diverstitätsorientierung oder des Internationalismus. Und all das hat Folgen.

Die Coronakrise hat es an den Tag gebracht. Eine Gesellschaft im Allgemeinen, der ein substantielles Bildungsverständnis verloren geht, und eine Universität im Besonderen, der ein substantielles Verständnis akademischer Bildung verloren geht, wird gegenüber Krisen nicht resilienter. Im Gegenteil: Es regieren Emotionalisierung, Moralisierung, autoritäre Diskurssteuerung, Panikmache, Ausgrenzung, Polarisierung, Diffamierung, Hetze, Dehumanisierung, Entpersonalisierung und ein Verlust an Grundfreiheiten. Studenten, die sich zum Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit bekennen, werden von der Universität aus der akademischen Gemeinschaft ausgeschlossen und ihrer Teilhaberechte beraubt. Wissenschaftler, die abweichende Positionen vertreten, werden diffamiert und mundtot gemacht, wer dem Mainstream folgt und widerständige Positionen aus dem akademischen Diskurs auszugrenzen versucht, wird als „Hochschullehrer des Jahres“  geadelt. Die Menschenwürde wird mit Füßen getreten. Und das unter der mehr oder weniger bewussten Billigung durch die breite Masse.

Wir brauchen kein lächerliches „Diversity to go“, wie die Universität Bamberg jetzt ankündigt, und keine „Expertise in geschlechtersensibler Forschung“. Wir brauchen überhaupt eine Universität, die ein Verständnis akademischer Bildung vertritt, die diesen Namen verdient, verstanden als Befähigung zur Selbstbestimmung auf Grundlage des ernsthaften, unvoreingenommenen wissenschaftlichen Ringens um das bessere Argument. Wir brauchen keine politischen Phrasen und das eifrige Geschwätz universitärer Presse- und Stabsstellen, sondern die ernsthafte geistige Auseinandersetzung um die Fragen der Zeit. Und diese sind nicht gering.

Ja, wir haben diverse radikale Politikwechsel erlebt – wobei immer noch offen bleibt, welche „gut“ und welche „böse“ sind . Der Atomausstieg oder die rechtswidrige Grenzöffnung Merkels wurden bejubelt, auch an den Universitäten, der Brexit verdammt. Einen solchen Politikwechsel können wir auch in der Hochschulpolitik erwarten – ob er kommen wird, weiß ich nicht. Aber die Massenakademisierung lebt davon, dass der Arbeitsmarkt sich noch als aufnahmefähig erweist. Dies könnte sich im Zuge fortschreitender Krisenentwicklung (Inflation, Verschuldungspolitik, demographischer Wandel, geopolitische Instabilität usw.) ändern – wenn sich zeigt, dass sich ein stabiles, öknomisches Gemeinwesen eben nicht auf akademische Pseudokompetenz, sondern nur auf Leistungsfähigkeit gründen lässt. Wir haben es in der Hand. Noch garantiert Wohlstand eine solche Politik, aber wir fahren schon länger auf Reserve. Auch der zunehmede Traditionsverlust und die fortschreitende Säkularisierung, die als Fortschritt verkauft wird, können radikale Politikwechsel befördern.

Neuerscheinung: „Geboren im falschen Körper“

Das „Christliche Forum“ weist auf den neuen Sammelband „Geboren im falschen Körper“ hin, der sich mit Geschlechtsdysphorie bei Kinden und Jugendlichen beschäftigt: ein Thema, das durch angekündigte Gesetzesvorhaben der Ampelkoalition sehr aktuell ist.

Kommentar: Wissenschaftliche Erkenntnis entsteht im fairen Ringen um das bessere Argument

Erkenntnis ergibt sich nicht aus demokratischer Abstimmung, sondern im fairen Ringen um das bessere Argument. Damit hat Werner Roos mit seinem Beitrag „Kann Wahrheit relativ sein? Ein Plädoyer für vorurteilsfreie Wahrheitssuche“ in der Maiausgabe von Forschung und Lehre (29. Jg., 2/2022, S. 370 f.), der Zeitschrift des Deutschen Hochschulverbandes, Recht. Aber Werner Roos scheint schon vor dem Diskurs zu wissen, was richtig und was falsch ist – nach dem Motto: Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Marmelade Schnaps enthält. Alles leicht überprüfbar via Faktencheck. Wissenschaftstheoretisch reichlich naiv wird in Beispiel 2 unterstellt, wer die Coronaimpfung nicht für alternativlos hält und kritische Anfragen an diese stellt, könne nur ungebildet sein. Es gibt zahlreiche Wissenschaftler, die wissenschaftlich gut begründet andere Positionen formulieren, aber in einem vermachteten Coronadiskurs nicht gehört werden.

Zum einen gibt es keine gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis, die davor gefeit wäre, durch besseres Argument widerlegt zu werden. Zum anderen gehört es zur grundrechtlich geschützten Freiheit des Einzelnen, sich für oder gegen politische Forderungen zu entscheiden, auch wenn diese auf wissenschaftlichen Studien basieren. Diese Freiheit ist im demokratischen Rechtsstaat nicht verhandelbar.

Ja, der Coronadiskurs hat viel mit Bildungsverfall zu tun – aber anders als Roos meint. Vielen Akteuren der Bolognauniversität ist längst ein substantielles Bildungsverständnis verloren gegangen.  Der DHV sollte sich fragen, warum Vertrauen in Wissenschaft gerade in Zeiten größter Massenakademisierung so abgenommen hat. Dies hat viel mit dem Versagen von Selbstregulationsmechanismen zu tun. Der Coronadiskurs hat den Vertrauensverlust durch eine vielfach fehlende Unterscheidung zwischen wissenschaftlicher Forschung und politischer Entscheidung noch verstärkt. Diese mangelnde Unterscheidung trifft auch die fragwürdigen Preisentscheidungen bei den beiden letzten Ehrungen als Hochschullehrer des Jahres.

Gesellschaft für Bildung und Wissen: Schluss mit der Bildungs-Deform

… so der Titel eines MANIFESTS FÜR BILDUNG 2021 der Gesellschaft für Bildung und Wissen e. V. Forum für Schule, Ausbildung und Studium, das nun in gedruckter Form innerhalb der Reihe GBW-FLUGSCHRIFTEN vorliegt:

Karl-Heinz Dammer, Oktober 2021: Das Manifest für Bildung zeigt Möglichkeiten auf, dem künstlich erzeugten Dauerdruck der Reform entgegenzuwirken, der Lehrerinnen und Lehrer unter Stress setzt. Das Manifest für Bildung bietet nicht nur einen kritischen Blick auf die Reform, sondern auch Argumente, um der durch fachliche Entmündigung und systematische Überlastung erzeugten Resignation der Lehrkräfte entgegenzuwirken. Im Endeffekt ist es deren Unterrichtsexpertise, mit der die Qualität des Schulsystems steht oder fällt.