Gastbeitrag: In seiner Welt gefangen

Zur Debatte um das Münchner Missbrauchsgutachten hat uns ein Gastbeitrag erreicht, der möglicherweise für Kontroversen sorgen wird. Der Kommentar zeigt aber auch, wie schwer es ist, moralisch Stellung zu beziehen, wenn Juristen und (Kirchen-)Poltiker das Wort übernommen haben, wenn die Stunde der Referenten, politischen Berater und Anwälte schlägt.

Ein Gastbeitrag von Stefan Martin

Das Gutachten der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche schlägt seit Tagen hohe Wellen. Ein Blick in die darin enthaltene Stellungnahme Benedikts zeigt erschreckende Abgründe des Systems Kirche und den Papst emeritus als in seiner Welt Gefangenen.

Viele veröffentlichte Kommentare konzentrieren sich derzeit auf die dreifache Leugnung Benedikts mit anschließender Entschuldigung („nicht aus böser Absicht“). Tatsächlich ist dies ein Nebenkriegsschauplatz. Was viel schwerer wiegt, ist, dass er sich – statt echte Verantwortung zu übernehmen und eigene Schuld einzugestehen – auf formal-juristische Aspekte zurückzieht und sich in kirchenrechtlichen Haarspaltereien ergeht. Schuld ist nicht er als damals verantwortlicher Erzbischof von München und Freising sondern „Personalverantwortliche die trotz entsprechender Kenntnis der Vorgänge keine ausreichenden Maßnahmen getroffen haben“. Das ist an Arroganz nicht zu überbieten und ein offenes Eingeständnis, dass er seinen Laden offensichtlich nicht im Griff hatte. Sämtliche ihn nun belastenden Schriftstücke die das WSW-Gutachten zu Tage gefördert hat, will er nicht zu Gesicht bekommen haben. Selbst wenn das so gewesen wäre (was nur schwer vorstellbar ist), macht es die Sache nicht besser. Dann offenbart es ein eklatantes Systemversagen. Jeder Politiker und Unternehmer muss persönliche Verantwortung in seinem Einflussbereich übernehmen. Und für einen Bischof und späteres Oberhaupt der katholischen Kirche soll das nicht gelten? Als Mitglied dieser Kirche hätte ich von ihm erwartet, dass er sich in einfachen, aber ehrlichen Worten an die Opfer wendet und sie um Entschuldigung bittet. Stattdessen fabuliert er davon, es gehe ihm darum, „die Bewertung historisch richtig einzuordnen und diese in den damaligen zeitlichen Kontext, in die damalige Rechtslage, in den Zeitgeist und die damals herrschenden Moralvorstellungen einzuordnen“. Von entscheidender Bedeutung für die Bewertung sei „die grundsätzliche Frage, welche kirchenrechtlichen Vorschriften in Kraft getreten, bekannt gemacht und damit anwendbar waren“. Kein Wort von persönlicher Schuld. Das kommt einer Verhöhnung der Opfer gleich. Die Betroffenen von sexualisierter Gewalt in seinem damaligen Verantwortungsbereich interessieren sich nicht die Bohne dafür, ob „CrimSol“ eine „Geheiminstruktion des Heiligen Stuhls“ war oder nicht, ob diese „promulgiert“ worden ist oder nicht. Sie erwarten ein Schuldeingeständnis und eine angemessene Wiedergutmachung für die schwerwiegende Versündigung katholischer Geistlicher an ihren Leibern und Seelen.

Und wenn Benedikt selbst noch im Falle des vor einem Mädchen masturbierenden katholischen Priesters formale Spitzfindigkeiten ins Feld führt („zu einer Berührung kam es nicht“) schlägt das dem Fass den Boden aus. „Entblößen des Geschlechtsteils vor vorpupertären Mädchen“ und „die Vornahme von Masturbationsbewegungen“ stellt für das frühere Oberhaupt der katholischen Kirche anscheinend kein sexuell übergriffiges Verhalten dar, das zu ahnden gewesen wäre, mit der wegduckenden (und letztlich perfiden) Begründung, es sei  kirchenrechtlich nicht relevant gewesen. Als Katholik schäme ich mich für diese zynischen Einlassungen des Papstes emeritus. Sie zeugen von einer „vollständigen Nicht-Wahrnehmung der Opfer“, wie der Jurist Martin Pusch bei der Vorstellung des Missbrauchsgutachtens treffend bemerkte. Das Fass ist nicht nur voll, es läuft in Strömen über.

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