Akademische Kultur – Gedanken zum neuen Studienjahr

Im Oktober beginnt ein neues Studienjahr: Grund für ein paar Gedanken zur akademischen Kultur, die gegenwärtig gefährdet erscheint …

Die Qualität eines Studiums bemisst sich nicht allein an formalen Noten. Akademische Bildung besteht auch nicht darin, Theorien – seien diese auch noch so komplex – einfach zu übernehmen und auf die eigene Arbeit anzuwenden. Sie blieben damit etwas rein Äußeres. Vielmehr ist es notwendig, die verschiedenen Theorien selbständig auf Sinn und Geltung hin zu befragen, zu werten, in Frage zu stellen, nicht selten zu verwerfen und durch verbesserte zu ersetzen. Erkenntnis ist ein Prozess, der nicht irgendwann, möglicherweise mit einem formalen Titel, abgeschlossen ist. Ein akademisches Studium soll dazu befähigen, einmal gegebene Antworten immer wieder in Frage zu stellen, selbständig nach neuen Lösungen zu suchen und sich ein eigenständiges Urteil zu bilden – und aus der Haltung einer solchen Freiheit im eigenen Denken und Handeln heraus Verantwortung im Beruf zu übernehmen. Naive Theoriegläubigkeit und oberflächliche Fachkenntnis reichen hierfür nicht aus. Die Fähigkeit zum akademischen Arbeiten, die sich dann über Jahrzehnte im beruflichen Alltag bewähren muss, setzt voraus, dass der Einzelne sich im Studium mit einer Fragestellung, einem Themengebiet, einem Aspekt der eigenen Disziplin, einer Problemstellung auch einmal sehr gründlich, differenziert und tiefgehend auseinandergesetzt hat. Wer erlebt hat, wie tief die Suche nach Erkenntnis gehen kann, welche Fragen dabei aufbrechen können und wie um Antworten gerungen werden muss, der wird später an fachliche Problemstellungen und berufliche Herausforderungen anders herangehen können, der wird sich auch in veränderten Situationen bewähren und in kontroversen Debatten mit eigenem Urteil Position beziehen können.

Akademische Bildungs- und Erziehungsgemeinschaften können auf diesem Weg helfen. Sie vermitteln gehaltvolle soziale Erfahrungen und helfen dem Einzelnen, diese geistig zu verarbeiten. Dabei geht es nicht allein um die Vermittlung eines bestimmten Wissens oder formaler Fähigkeiten. Aus diesen soll vielmehr eine Haltung werden, eine durch Bildung substantiell bestimmte Lebensform: in der schöpferischen Auseinandersetzung mit kulturellen Werten und Traditionen, mit Sitte und Brauchtum, durch Einbindung in eine gelebte Verantwortungsgemeinschaft sowie die Einübung gemeinsamer Regeln und Überzeugungen – ohne dass der Einzelne allerdings auf diese Zwecke festgelegt werden darf. Der Einzelne soll zur Selbsttätigkeit freigesetzt, zur Freiheit im Denken und Handeln herausgefordert werden.
Damit erfüllen akademische Bildungs- und Erziehungsgemeinschaften (beispielsweise studentische Korporationen, Hochschulgemeinden oder Stipendiatengruppen) eine wichtige Aufgabe: zunächst für die umfassende Persönlichkeitsbildung des Einzelnen, dann aber auch für Staat und Gesellschaft, welche auf die Leistungsfähigkeit der Einzelnen unverzichtbar angewiesen bleiben. Wir bedürfen Bildungs- und Erziehungsgemeinschaften, die groß vom Einzelnen denken, die das Individuum zur Selbsttätigkeit freisetzen und (anders als die sog. Bolognareformen) nicht betreuen wollen, die zum Selbstdenken herausfordern und die den Mut zum eigenen Gedanken wecken, die um den Ernst des Daseins wissen (und daher auch religiöse Fragen aus der geistigen Auseinandersetzung nicht aussparen) und jene Kräfte stärken, die notwendig sind, sich dem Zwang zum unproduktiven Gruppendenken zu widersetzen. Die kulturethische Bedeutung solcher Bildungs- und Erziehungsgemeinschaften wächst angesichts der aktuellen Bildungs- und Hochschulreformen.
Dies ist ein anspruchsvolles Programm, das verlangt, den Einzelnen im Rahmen der Gemeinschaft zu fördern, aber auch zu fordern. Wo die Forderung und Herausforderung, sich anzustrengen, verweigert wird, fehlt dem Einzelnen eine wesentliche Bedingung dafür, zu entdecken, was in ihm steckt und die Persönlichkeit zunehmend eigenständiger in der Bewältigung der Herausforderung zu entwickeln.

Es bleibt auch nach dem Studium eine beständige Aufgabe, eine Kultur akademischer Freiheit, Leistungsbereitschaft und Verantwortung lebendig zu erhalten. Diese Verantwortung setzt sich fort im akademischen Beruf, in der Rolle als Staatsbürger und aktives Glied der Gesellschaft. Gerade akademische Berufe verlangen ein hohes Maß an Freiheit im Denken und Handeln, an Verantwortung und Entscheidungsstärke, an Eigenständigkeit in der Urteilsbildung und Reflexionsfähigkeit, an sprachlichem Differenzierungsvermögen und gedanklicher Klarheit, an Persönlichkeitsbildung und sittlicher Reife.

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