Ein Gastbeitrag von Ingo Potthast
Ende August/Anfang September dieses Jahres führte mich eine Urlaubsrundreise zunächst nach St. Pelagiberg in die Schweiz: ein geisterfüllter Ort, Kloster Marienburg, Niederlassung der Petrusbruderschaft, Wallfahrtskirche, tägliche Messen und dazu eine traumhafte Lage mit Blick bis zum Bodensee. Wärmstens zu empfehlen. Anschließend war ich in Augsburg auf der Theologischen Sommerakademie: hochkarätige Vorträge, tolle Gespräche, feierliche Messen, ein Gebet bei Maria Knotenlöserin, ein Ausflug nach Marienfried – ein Erlebnis!
Und dann die dritte Station meiner Reise in den Raum Speyer/Heidelberg. Dort, an meinem ehemaligen Studienort Germersheim am Rhein, lag ein „Spezial-Pfarrbrief“ zu den anstehenden Pfarrgremienwahlen und all den anderen Neuigkeiten aus den tristen Niederungen des deutschen Alltagskatholizismus aus. Was für ein Gegensatz! Hier einige Schlaglichter aus dem „Werk“:
Pfarrblatt der Pfarrei Seliger Paul Josef Nardini in Germersheim, September 2023
- Aufruf zur Wahl der pfarrlichen Gremien: Es werde immer schwieriger, eine ausreichende Zahl an „Kandidat*innen“ zu finden, sagt Pfarrer Tobias Bauer. Er hofft, durch eine hohe Wahlbeteiligung, den „Kandidat*innen“ die nötige Anerkennung zu zeigen und schließt: „Für die Zukunft gilt es wahrscheinlich, nach neuen Wegen zu suchen. Vielleicht brauchen wir auch hier – wie bei vielen anderen Bereichen auch – neue Formen.“
Man darf gespannt sein, welche „neuen Formen“ sich die gegenderten „Kandidat*innen“ in den einzelnen Bereichen so ausdenken … Und weiter:
- Firmvorbereitung: Nach den Sommerferien beginnt die „heiße Phase“ der Firmvorbereitung mit folgenden Themen:
[…] Talkrunde: Kann denn Liebe Sünde sein? Homosexualität und Kirche. Gast: Monika Kreiner, Pastoralreferentin
[…] Talkrunde: Hilfe, unsere Erde hat Fieber! Ist unsere Erde noch zu retten? Gast: Nico Körber, Pastoralreferent
Talkrunde: Eine Kirche nur mit Männern – zum Scheitern verurteilt? Gast: Stephanie Gans, Theologiestudentin, und Marie-Christin Meyer, Pastoralreferentin
Frau Gans kam ein paar Seiten vorher schon zur Sprache: Ab dem 31. August bis zum 15. Oktober dürfen wir uns über eine neue Praktikantin in unserer Pfarrei freuen. Frau Stephanie Gans stammt aus Deidesheim und studiert aktuell Theologie. Wie praktisch, dass sie da gleich eine Talkrunde im Rahmen der Firmvorbereitung leisten kann.
- Caritas-Sonntag: Die Gottesdienste an diesem Wochenende werden von Mitgliedern des Caritas-Ausschusses mitgestaltet. Das Motto der diesjährigen Aktion lautet: Für Klimaschutz, der allen nutzt! Die Kollekte in den Gottesdiensten fließt in einen Topf für klimafreundliche Mobilität für Kundinnen und Kunden der Caritas-Zentren in der Diözese Speyer.
- Kirche Kunterbunt – der etwas andere ökumenische Gottesdienst für die ganze Familie am 30. September um 10.00 Uhr. […] Wir beten, singen, überlegen gemeinsam, was uns die Bibelgeschichte heute sagen will.
Nun, was wird die Bibel schon zu klimafreundlicher Mobilität, toxischer Männlichkeit und kunterbunten Gemeindefesten sagen?
- In der Sonderbeilage „Informationen zu den Pfarreiwahlen – Kirche mit dir“ schreibt der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann u. a. Folgendes an „jeden katholischen Christen und jede katholische Christin“:
UND SIE BEWEGT SICH DOCH: KIRCHE – MIT DIR!
Eine Krise jagt die nächste und alle verstärken sich gegenseitig! Wie können wir die Probleme bewältigen, die durch Klimawandel, den Krieg in der Ukraine und die enorme Inflationsdynamik entstehen? Und welche Rolle kann dabei unsere Kirche spielen, die sich erkennbar selbst in einer komplexen Krise befindet?
Klar ist: Wir können nicht einfach so weitermachen wie bisher!
Das gilt für unsere Gesellschaft – und auch für unsere Kirche. Missbrauch und jahrzehntelange Vertuschung haben zu einer Erosion des Vertrauens geführt, die nun eine starke Abwärtsdynamik bei den Mitgliederzahlen und den Einnahmen auslöst: Effekte, die sich gegenseitig verstärken – verbunden mit dem Eindruck vieler Menschen, unsere katholische Kirche komme bei der Aufarbeitung ihres Versagens und bei erkennbar notwendigen Reformen in anderen Themenfeldern im Grunde nicht wirklich voran. […]
Unser Bistum ist erkennbar unterwegs in die Zukunft – gemeinsam mit vielen Menschen, diemitmachen und mitgestalten. […] Dazu brauchen wir in unseren Pfarreien und Gemeinden vor Ort mehr denn je Engagement und Veränderung: Kirche – mit dir! Menschen, die ihre Begabungen einbringen, Netzwerke knüpfen und die Chancen nutzen, die unsere Zeit des Wandels bietet.
Interessant ist die Prioritätensetzung bei den „Krisen“: Klimawandel, Ukraine-Krieg, Inflation (und nicht etwa unkontrollierte Massenzuwanderung, die höchsten Energiepreise der Welt, überbordende Steuerlast, ausbleibende „Coronaaufarbeitung“ und eine ebenso inkompetente wie durch und durch ideologisierte Regierung). ERST DANN wird die Kirche genannt, und dann auch nur im Hinblick auf ihre Rolle, die sie bei der Lösung dieser „irdischen“ Krisen spielen kann (die Krisen, die Bischof Wiesemann für die vordringlichsten hält). Auf jeden Fall hat sich die Pfarrgemeinde große Aufgaben gesteckt mit der Bewältigung der Klimakrise.
Klar ist: Der Mitgliederschwund rührt ausschließlich daher, dass „Missbrauch und jahrzehntelange Vertuschung“ zu einer „Erosion des Vertrauens“ geführt haben – andere Gründe gibt es offenbar nicht. Es heißt ja wörtlich, die Kirche habe „versagt“. Stimmt – aber nicht da, wo Bischof Wiesemann das ausschließliche Versagen durch seinen Tunnelblick sieht.
Veränderung ist das Gebot der Stunde, Veränderung muss her um jeden Preis, sonst wendet sich nichts zum Besseren. Welche Veränderungen das sein müssen und ob nicht auch die Rückbesinnung auf das „Kerngeschäft“ der Kirche hilfreich sein könnte, wird nicht einmal ansatzweise angesprochen. Veränderung als Selbstzweck. Wörtlich: Die Kirche kommt mit „erkennbar notwendigen Reformen“ nicht voran. Fragt sich nur, wer welche „Reformen“ als notwendig erkannt hat und was dabei am Ende herauskommen soll.
Von Glaubensstärkung ist nicht die Rede, auch nicht davon, Christus wieder in den Mittelpunkt zu stellen (der wird nicht einmal erwähnt) – nein, es bedarf Menschen, die „Netzwerke knüpfen“ und „mitgestalten“. Der Mensch als Macher und Gestalter der Kirche – von da wird das Heil erwartet. Alles andere kommt überhaupt nicht vor.
Als etwas fatalistisches Fazit blieb mir dort in St. Jakobus am Kirchenplatz in Germersheim die Erkenntnis: Nein, Leute, so wird das nichts! Es ist ein viel zu funktionalistischer Ansatz, ohne Spiritualität, ohne Glaubensbezug, ohne Gebet, ohne Gnade, ohne Heil, dafür mit viel Selbstkasteiung und Aktionismus, dazu der übliche einseitig-ideologisch-innerweltliche Blickwinkel, dem nichts anderes einfällt als „Wir müssen dies verändern, wir müssen das bewirken, wir müssen die alten Kamellen durchkauen, wir müssen gestalten, wir müssen Netzwerke knüpfen, wir müssen alles neu und vor allem anders machen“ (wobei stillschweigend vorausgesetzt wird: Dann kommen auch die Leute wieder zurück!). Wie wär’s mal mit „wir müssen beten, wir müssen beichten, wir müssen zu Jesus und zur Gottesmutter rufen, wir müssen demütig sein, wir müssen Salz der Erde sein, wir müssen zum Ausdruck bringen, dass der Glaube ein Quell der Freude und Hoffnung ist“?
Nein, es liegt eine elende Hoffnungslosigkeit und Gottvergessenheit in diesem Denken. Kein Vertrauen (weder Selbstvertrauen noch Vertrauen in Gottes Führung und Gnade), keine christliche Hoffnung, keine wirklich aufrichtige Demut, keine Dankbarkeit. Es ist keine Rede von Gebet, Vergebung, Zuversicht, Glaubensstärke, Glaubensmut. Vielmehr: Wir kleinen Figuren wissen schon ganz genau, wie wir den Laden umzukrempeln haben, damit er wieder läuft. Wir schaffen das, wenn wir nur genügend Gleichgesinnte finden, die mit uns an einem Strang ziehen. Christi Wort „Ohne mich könnt ihr nichts tun“ ist in der Versenkung verschwunden, aber das würde wahrscheinlich ohnehin nur stören.
Nun, ich habe den Pfarrbrief als Zeitzeugnis mit nach Hause genommen und hefte ihn ab unter der Rubrik „Tiefpunkte“. Unterdessen versuche ich es mit dem zu halten, was P. Ulrich Filler in diesem Jahr auf der Pfingstakademie im Kloster Maria Engelport gesagt und geschrieben hat:
„Der einzige Trost besteht darin, dass sich die Kirche auf diese Weise [sprich: so wie oben gezeigt] selbst überflüssig macht und wir Freiräume gewinnen, um als Partisanen des wahren Königs, wie es C. S. Lewis gesagt hat, den Masterplan der göttlichen Vorsehung mit echten katholischen Angeboten missionarisch immer weiter umsetzen zu können.“