Jubiläum: 30 Jahre CCB – Festkneipe am 19.10.2024 in Bonn

Gott – Freiheit – Vaterland: Dieser Dreiklang ist typisch für den christlichen Teil der burschenschaftlichen Bewegung. Christliche Burschenschaften sind nichtschlagend und lehnen seit ihrer Gründung aufgrund des christlichen Selbstverständnisses Duell und Mensur ab. Besonderes Kennzeichen christlicher Burschenschaften ist das Christianum. Dieses verlangt vom Einzelnen kein konfessionelles Bekenntnis, wohl aber die Bereitschaft, sich mit dem Christentum und seiner Ethik auseinanderzusetzen. Das Ziel christlich-deutscher Gesinnung verbindet unter Berufung auf die Urburschenschft das geistige Erbe abendländischer Kultur mit dem Streben nach nationaler Einheit.

Pflege urburschenschaftlicher Tradition

Vor dreißig Jahren schlossen sich drei Burschenschaften innerhalb des Schwarzburgbundes (SB) zum Cartell Bayerischer Burschenschaften zusammen: die Burschenschaft Teutonia Nürnberg (To), die Burschenschaft Ostmark-Breslau zu Regensburg (Om) und die Leipziger Burschenschaft Alemannia zu Bamberg (ALE); die letzten beiden sind heute verbandsfrei. Ziel war es, die burschenschaftliche Ausrichtung innerhalb des SB zu stärken. Damit war der Grundstein für das heutige Cartell Christlicher Burschenschaften (CCB) gelegt, dessen rundes Jubiläum vom 18. bis 20. Oktober 2024 in Bonn gefeiert wurde. Höhepunkt war am Abend des 19. Oktober eine klangvolle Festkneipe auf Haus der Burschenschaft Rheno-Germania Bonn (RhG). Von Anfang an war das Cartell darum bemüht, die burschenschaftliche Tradition zu pflegen und zu erneuern, ohne in einen falschen Traditionalismus auf der einen oder eine Beliebigkeit auf der anderen Seite zu verfallen. Und so ist es bis heute geblieben.

Die Namensänderung erfolgte 1999, als die Bonner Rheno-Germania dazustieß. Seit 2012 können sich auch Burschenschaften außerhalb des SB dem Cartell anschließen. Jüngstes Mitglied ist die verbandsfreie Burschenschaft Alemannia Leipzig (Ale).

Freundschaftsbund

„Der Zweck des Cartells ist die Pflege des urburschenschaftlichen Gedankengutes christlicher Prägung, die Verbreitung dieser Ideale in der Öffentlichkeit und die Erhaltung des deutschen Verbindungsstudententums in seiner urburschenschaftlichen Ausprägung einschließlich der damit verbundenen Traditionspflege. Weiterer Zweck ist, zu einer aktiven Betätigung in Staat und Gesellschaft anzuhalten.“ – so heißt es in der Satzung. Das Cartell bekennt sich zum Männerbund und pflegt das Farbentragen. Und es will ein lebendiger Freundschaftsbund sei. „Heimat ist, wo ich mich nicht erklären muss“, sagte ein Teilnehmer der Festkneipe in seinem Grußwort. Dieses Wort Herders ist Programm.Jeder Cartellbruder soll sich bei den anderen Cartellburschenschaften genauso zuhause fühlen wie im eigenen Bund.

Daher lag es nahe, dass sich auch die Festrede dem Thema Freundschaft widmete. Festredner war der Bildungsethiker und Erziehungwissenschaftler Axel Bernd Kunze (ALE, RhG, Ale). Er erinnerte daran, dass schon Aristoteles die politische Eintracht in Freundschaftskategorien gedeutet habe und mahnte: „Nicht allein angesichts aktueller Debatten um Gewalt im öffentlichen Raum sehen wir, wie gefährdet ein solches Fundament unseres Zusammenlebens ist. Das gemeinsame Ethos unseres Gemeinwesens will gepflegt werden.“ Insofern hat das, was die christlichen Burschenschaften auf Basis ihrer Tradition pflegen, eine eminent politische Bedeutung, die nicht unterschätzt werden sollte – und dieses Pfund sollte nicht hinter den Mauern der Verbindungshäuser versteckt, sondern im akademischen Beruf und im Engagement für das Gemeinwesen eingesetzt werden, damit es reichen Zins bringt – mehr, als uns Banken heute geben können.

Angereichert wurde die Festkneipe durch persönliche Erinnerungen aus der Festcorona, die zeigten, was gelebte Cartellbrüderlichkeit bedeutet.

Weitere Programmpunkte der Jubiläumsfeier in Bonn waren der traditionelle Begrüßungsabend, ein Ausflug nach Rhöndorf mit Führung durch das Wohnhaus Konrad Adenauers und anschließende Einkehr in einem Weingut sowie eine Bierverkostung unter Anleitung des Bamberger Biersommeliers Dominik Maldoner (ALE). Der historische Ausflug in die Anfänge der Bonner Republik und die Rheinromantik, die im während des Zweiten Weltkriegs unzerstörten Rhöndorf – am Fuße des Drachenfelsen – besonders greifbar wird, setzten historische Schlaglichter. Gerade die interessante Führung durch das Adenauerhaus und das angeschlossene Museum ließen lebendig werden, wie sich das politische Geschäft von Adenauers Zeiten bis zur Berliner Republik heute verändert hat, vermutlich nicht immer zum Besten.

Frei und unerschütterlich

Als Symbol trägt das Cartell Christlicher Burschenschaften seit 2010 eine silberne Eiche: „Zeichen für ein bodenständiges Volk und ein stetig blühendes und gedeihendes, auf den Wurzeln unseres freiheitlichen Grundgesetzes stehenden Vaterlandes, das sich nicht von den Stürmen der Zeit beeindrucken lässt“, wie es auf den Internetseiten des Cartells heißt.

Selbstverständlich erklang zum Ende der Festkneipe in Bonn im kräftigen Männerchor auch das Lied des Cartells, passend zum gewählten Symbol der Eiche: „Frei und unerschütterlich / wachsen unsere Eichen / ihre Wurzeln in die Erd / tief hinunter reichen. / Mit dem Schmuck der grünen Blätter / stehn sie fest in Sturm und Wetter, / wanken nicht noch weichen.“ Der Text geht auf August Heinrich Hoffmann von Fallersleben zurück. Die Melodie schrieb der Bamberger Alemanne Andreas Schertel eigens für das CCB.

Pflege der christlichen Grundlagen unseres Verfassungsstaates

Aber ein solches Selbstverständnis muss immer wieder gepflegt werden, wie der Festredner mahnte: „Welchen Beitrag können christliche Burschenschaften in den zivilreligiösen Diskurs einspeisen? Welchen Beitrag können sie zur kulturethischen Pflege christlicher Traditionen in einer pluralen Gesellschaft beitragen? Wie können sie ihr spezifisches Profil bewahren, wenn selbst im eigenen Nachwuchs mit einer schwächer werdenden religiösen Sozialisation zu rechnen ist?  Wir werden diese Debatten führen müssen. Und das ist auch gut so.“

Religion und Politik brauchen einander, soll sich nicht jeweils eine Seite absolut setzen – was in der Geschichte noch nie gut ausgegangen ist. In der zivilreligiösen Fragestellung zeigt sich, wie religiöse und politische Fragen miteinander verwoben sind. Denn die politisch denkenden Bürger sind zugleich Träger religiöser Haltungen im weitesten Sinne – und umgekehrt. Daher wird es keine Zivilreligion ohne Bezug zur verfassten Religion geben können, wie umgekehrt die verfasste Religion stets auf politische Rahmenbedingungen trifft. Bildung und Wissenschaft sind Orte, das Ineinander religiöser und politischer Fragestellungen reflexiv zu bearbeiten. Der akademische Anspruch wie die kulturethische Überzeugung im Cartell Christlicher Burschenschaften sollten die einzelnen Cartellbrüder dazu verpflichten, sich aktiv an dieser Debatte zu beteiligen – aus einer doppelten Verantwortung heraus.

Zum einen besitzen Bildung und Religion auch unter den Bedingungen gesellschaftlicher Plu­ralität unverzichtbare Bedeutung für einen freiheitlichen, vitalen und tragfähigen Kultur­staat. Wo die Sorge um seine geistigen Grundlagen erlahmt, werden über kurz oder lang kulturelle und soziale Verteilungskämpfe ein­setzen.

Zum anderen tragen wir eine soziale Verantwortung für Werte und Normen, Ethos und Tradition, Sprache und Wissenschaft, Kunst und Kultur oder Religion, die weit über unsere eigene Gegenwart hinausreicht. Die Pflege christlich-abendländischer Tradition in den einzelen Lebensbünden lebt mehr oder weniger bewusst aus dem Wissen um diese Verantwortung. Denn wie künftige Generationen leben, denken und handeln werden, wird wiederum davon beeinflusst werden, wie wir heute leben, denken und handeln. Auch der weltanschaulich neutrale Verfassungs- und Kulturstaat, der sich zu seinen christlichen Wurzeln bekentn, darf Flagge und Kreuz gleichermaßen tragen, sofern er den Einzelnen nicht zu einem bestimmten Bekenntis zwing. Doch wird das kulturethische Fundament unserer Verfassungsordung auf Dauer nur dann tragen, wenn auch ein praktiziertes christliches Bekenntnis in unserem Land lebendig bleibt. Es liegt an jedem Einzelnen, den formalen Gottesbezug der Verfassung durch eine konkrete christliche Praxis zu füllen.

Und so endete die Festrede mit einem deutlichen Aufruf: „Sich am öffentlichen Gespräch – auch über die öffentliche Bedeutung von Religion –  zu beteiligen, ist und bleibt zentraler Bestandteil gelebter burschenschaftlicher Verantwortung. Der Freundschafts- und Lebensbund bildet hierfür das notwendige Fundament. Übernehmen wir Verantwortung, beteiligen wir uns aktiv an der politisch-gesellschaftlichen Debatte und bringen wir dabei unsere burschenschaftlichen Orientierungswerte ein – in der Politik, in der Öffentlichkeit, im Beruf, an unseren Universitäten und im akademischen Leben. Bekennen wir uns selbstbewusst zu unseren Prinzipien, auch wenn der Wind gegenüber Verbindungen rauer werden mag: Gott – Freiheit – Vaterland. Hängen wir unsere Prunkfahnen hoch – und nicht in den Wind, wie es leider in Politik und auch Kirchen nur allzuoft geschieht.“

Erfreulich ist, dass das CCB mit Beginn seines vierten Jahrzehnts immer stärker wahrgenommen wird. Ausdruck hierfür ist etwa ein Beitrag in ACADEMIA, der Verbandszeitschrift des Cartellverbandes Katholischer Deutscher Studentenverbindungen (CV), in Heft 5/2024, der sich dem Thema christliche Burschenschaften und dem Cartelljubiläum widmete. Ab der kommenden Ausgabe soll das Cartell auch in der „Fuxenstunde“ des bekannten Studentenhistorikers Bernhard Grün mit einem eigenen Eintrag vertreten sein, wie jetzt schon beispielsweise das Süddeutsche Cartell.

In diesem Sinne: Burschenschaft Alemannia Leipzig, Burschenschaft Ostmark-Breslau zu Regensburg, Burschenshaft Rheno-Germnia Bonn, Burschenschaft Teutonia Nürnberg et Leipziger Burschenschaft Alemannia zu Bamberg – vivant, crescant, floreant. Cartell Christlicher Burschenschaften – ad multos annos!

Weitere Informationen: https://www.cartell.org/

Festrede: Cartell Christlicher Burschenschaften feiert 30-jähriges Jubiläum

Festkneipe anlässlich des dreißigjährigen Jubiläums des Cartells Christlicher Burschenschaften

Bonn a. Rhn., 19. Oktober 2024

Hohes Präsid, Hohe Festcorona!

„Miteinander reden und lachen;

sich gegenseitig Gefälligkeiten erweisen;

zusammen schöne Bücher lesen;

sich necken, dabei aber auch einander Achtung erweisen;

mitunter auch streiten,

freilich ohne Gehässigkeit,

wie man es wohl auch einmal mit sich selbst tut;

manchmal auch in den Meinungen auseinandergehen

und damit die Eintracht würzen;

einander belehren und voneinander lernen;

die Abwesenden schmerzlich vermissen

und die Ankommenden freudig begrüßen –

lauter Zeichen der Liebe und Gegenliebe,

die aus dem Herzen kommt,

sich äußern in Miene, Wort und tausend freundlichen Gesten

und wie Zunder den Geist in Gemeinsamkeit entflammen,

so daß aus den Vielen eine Einheit wird.“

Diese Worte sind tausendsechshundert Jahre alt. So umschreibt – in moderner Übersetzung – der abendländische Kirchenvater Augustinus in seinen „Confessiones“ (IV 8, 13) die Lebensform der Freundschaft: eine Lebensform, deren Feier uns auch heute Abend hier zusammengeführt hat. Jeder von uns mag die Worte mit eigenen Erinnerungen füllen, gerade auch mit Erinnerungen aus dem Zusammensein im Cartell.

Ich will heute Abend fragen: Was macht den besonderen Wert der Freundschaft aus? In den drei Antworten können wir möglicherweise auch den Dreiklang unserer Prinzipien wiedererkennen: Gott – Freiheit – Vaterland. Wenn auch in anderer Reihung.

1. Freiheit – oder: Freundschaft als Beginn der Philosophie

Joachim Negel, Fundamentaltheologe an der Universität Freiburg im Uetland, umschreibt diese Lebensform folgendermaßen: „Freundschaft ist zunächst und vor allem Gespräch. Freunde sind im Gespräch miteinander, und je intensiver das Gespräch, umso größer der Raum, der sich zwischen ihnen eröffnet. In ihm wird die Welt bedeutsam; man hört, was die Dinge sagen wollen; man sieht (in) ihr Antlitz und gerät dadurch in eine Tiefe und Weite der eigenen Seele wie auch der Welt, die es vorher nicht gab.“ Und so kann die Freundschaft auch als Geburt der Philosophie bezeichnet werden.

Es geht um ein hohes Ideal: Omnia vincit amor; et nos cedamus amori. – Dieses berühmte Zitat aus seiner letzten Ekloge widmete Vergil seinem Freund, dem Politiker und Dichter Gaius Cornelius Gallus. Die Liebe besiegt alles.

2. Vaterland – oder: Freundschaft als politische Tugend

Die amicitia ist nicht allein eine philosophische, sondern zugleich eminent politische Tugend. So schreibt Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik: „Die Erfahrung lehrt, daß Freundschaft die Polisgemeinden zusammenhält, denn die [politische] Eintracht hat offenbar eine gewisse Ähnlichkeit mit der Freundschaft.“ Nicht allein angesichts aktueller Debatten um Gewalt im öffentlichen Raum sehen wir, wie gefährdet ein solches Fundament unseres Zusammenlebens ist. Das gemeinsame Ethos unseres Gemeinwesens will gepflegt werden. Gerechtigkeit im Staat gründet im Kern auf der Tugend seiner Bürger. Der Mensch ist unhintergehbar ein „zoon politikon“. Eine zentrale Tugend des öffentlichen Zusammenlebens hat Michel Foucault einmal so ausgedrückt: „Eintracht ist Freundschaft unter Bürgern.“ Unser gesellschaftliches Ethos, das für ein humanes und gerechtes Zusammenleben unabdingbar ist, „beruht auf der Vorzüglichkeit ihrer seelischen Veranlagung, auf der konzentrierten Pflege solcher Veranlagung im Austausch mit den Freunden sowie auf der daraus sich erbildenden vernünftigen Einsicht“. Wo dieses Ethos zerfällt, degeneriert der Staat zur Tyrannis, zur Ochlokratie oder zur Oligarchie.

Insofern hat das, was wir in unseren Burschenschaften auf Basis unserer Tradition pflegen, eine eminent politische Bedeutung, die wir nicht unterschätzen sollten – und dieses Pfund sollten wir nicht hinter den Mauern unserer Verbindungshäuser verstecken, sondern im akademischen Beruf und im Engagement für unser Gemeinwesen einsetzen, damit es reichen Zins bringt – mehr, als uns Banken heute geben können.

3. Gott – oder: Freundschaft als Tür in die Unendlichkeit

Und ein dritter Gedanke: „Nur am Du bildet sich ein Ich.“ Ohne liebendes Du kann es auch kein Ich geben – so hat es Martin Buber in seiner Dialogphilosophie stark gemacht. Dies mag der Grund sein, warum das Thema Freundschaft die Gemüter aller Epochen der abendländischen Geistesgeschichte immer wieder bewegt hat. Wo sich Menschen in Freundschaft verbinden, öffnen sich unverhoffte Möglichkeiten, erleben wir uns als beschenkt und können auch andere beschenken. Ich kann dem Leben trauen, weil ein anderer zu mir steht. Freundschaft bedeutet Treue und Trost – so heißt es schon in der alttestamentlichen Weisheitsliteratur. „Es gibt Gefährten, die gereichen zum Verderben. Mancher Freund aber ist anhänglicher als ein Bruder“ (Spr 18, 24), heißt es im Buch der Sprichwörter. Und „ein treuer Freund ist ein Trost im Leben; ihn findet, wer den Herrn fürchtet“ (Sir 6, 16), sagt der Weisheitslehrer Jesus Sirach.

Trost und Treue – nicht umsonst wurde in der christlichen Tradition versucht, auch die innertrinitarische Beziehung in Freundschaftskategorien zu denken und die Beziehung zu Gott als Gottesfreundschaft zu deuten.

Letztlich versprechen wir mit jeder Freundschaft mehr, als wir Menschen in unserer Sterblichkeit halten können. Mit der Treue, die wir einander versprechen, eröffnen sich existentielle Fragen religiöser Natur. Es geht um den Grund des Lebens, der mich trägt. In einer säkularen Gesellschaft wirken Fragen danach oft peinlich. Und auch in unseren Lebensbünden mag es oft nicht mehr leicht fallen, diese Fragen zu stellen. Und doch: Wir können ihnen am Ende nicht ausweichen. „Die Religion war mir seit langem zuwider, und trotzdem spürte ich auf einmal eine Sehnsucht, mich auf etwas beziehen zu können. Es war unerträglich, einzeln und mit sich allein zu sein.“ – so Peter Handke in seinem „Kurzen Brief zum langen Abschied“.

Für Christen kann der tragende Grund des Lebens letztlich vom Menschen nicht selbst gemacht werden oder von ihm ausgesucht werden; er übersteigt das, was der Mensch sich selbst geben kann. Für Christen ist es ein ganz Anderer, der uns sagt: Du sollst sein. Theologen sprechen von Gnade. An ihr hat die Freundschaft Anteil. Und so öffnet uns die Freundschaft eine Tür in die Unendlichkeit

Gespräch und Hochherzigkeit, Eintracht und vernünftige Einsicht, Treue und Trost – ich wünsche uns allen, dass wir das immer wieder in unseren Verbindungen erfahren. Ja, dies dürfen wir auch immer wieder unseren Kritikern entgegenhalten: Wir sind hier versammelt zu löblichem Tun.

Als Cartell Christlicher Burschenschaften berufen wir uns bei unserem „löblichen Tun“ ausdrücklich und bewusst auf das religiös geprägte Fundament unseres staatlichen und kulturellen Zusammenlebens.

4. Ausblick

Religion und Politik brauchen einander, soll sich nicht jeweils eine Seite absolut setzen – was in der Geschichte noch nie gut ausgegangen ist. In der zivilreligiösen Fragestellung zeigt sich, wie religiöse und politische Fragen miteinander verwoben sind. Denn die politisch denkenden Bürger sind zugleich Träger religiöser Haltungen im weitesten Sinne – und umgekehrt. Daher wird es keine Zivilreligion ohne Bezug zur verfassten Religion geben können, wie umgekehrt die verfasste Religion stets auf politische Rahmenbedingungen trifft. Bildung und Wissenschaft sind Orte, dieses Ineinander religiöser und politischer Fragestellungen reflexiv zu bearbeiten. Unser akademischer Anspruch wie unsere kulturethische Überzeugung sollten uns verpflichten, uns als christliche Burschenschafter aktiv an dieser Debatte zu beteiligen – aus einer doppelten Verantwortung heraus. Zum einen: Bildung und Religion besitzen auch unter den Bedingungen gesellschaftlicher Plu­ralität unverzichtbare Bedeutung für einen freiheitlichen, vitalen und tragfähigen Kultur­staat. Wo die Sorge um seine geistigen Grundlagen erlahmt, werden über kurz oder lang kulturelle und soziale Verteilungskämpfe ein­setzen.

Zum anderen: Wir tragen eine soziale Verantwortung für Werte und Normen, Ethos und Tradition, Sprache und Wissenschaft, Kunst und Kultur oder Religion, die weit über unsere eigene Gegenwart hinausreicht. Die Pflege christlich-abendländischer Tradition in unseren Bünden lebt mehr oder weniger bewusst aus dem Wissen um diese Verantwortung. Denn wie künftige Generationen leben, denken und handeln werden, wird wiederum davon beeinflusst werden, wie wir heute leben, denken und handeln. Viel war von der kulturethischen Bedeutung des Christentums die Rede. Diese wird auf Dauer aber nur tragen, wenn auch ein praktiziertes christliches Bekenntnis in unserem Land lebendig bleibt. Es liegt an jedem Einzelnen, den formalen Gottesbezug der Verfassung durch eine konkrete christliche Praxis zu füllen.

Welchen Beitrag können christliche Burschenschaften in den zivilreligiösen Diskurs einspeisen? Welchen Beitrag können sie zur kulturethischen Pflege christlicher Traditionen in einer pluralen Gesellschaft beitragen? Wie können sie ihr spezifisches Profil bewahren, wenn selbst im eigenen Nachwuchs mit einer schwächer werdenden religiösen Sozialisation zu rechnen ist?  Wir werden diese Debatten führen müssen. Und das ist auch gut so.

Unser Cartell Christlicher Burschenschaften wird dreißig Jahre alt. Und wird öffentlich immer stärker wahrgenommen. ACADEMIA, die Verbandszeitschrift des CV, berichtet in ihrer aktuellen Ausgabe über unser Jubiläum. Ab der neuen Auflage wird das CCB in der „Fuxenstunde“ des bekannten Studentenhistorikers Bernhard Grün einen eigenen Eintrag erfahren, wie jetzt schon das Süddeutsche Kartell.

Sich am öffentlichen Gespräch – auch über die öffentliche Bedeutung von Religion –  zu beteiligen, ist und bleibt zentraler Bestandteil gelebter burschenschaftlicher Verantwortung. Der Freundschafts- und Lebensbund bildet hierfür das notwendige Fundament. Übernehmen wir Verantwortung, beteiligen wir uns aktiv an der politisch-gesellschaftlichen Debatte und bringen wir dabei unsere burschenschaftlichen Orientierungswerte ein – in der Politik, in der Öffentlichkeit, im Beruf, an unseren Universitäten und im akademischen Leben. Bekennen wir uns selbstbewusst zu unseren Prinzipien, auch wenn der Wind gegenüber Verbindungen rauer werden mag: Gott – Freiheit – Vaterland. Hängen wir unsere Prunkfahnen hoch – und nicht in den Wind, wie es leider in Politik und auch Kirchen nur allzuoft geschieht.

In diesem Sinne: Burschenschaft Alemannia Leipzig, Burschenschaft Ostmark-Breslau zu Regensburg, Burschenshaft Rheno-Germnia Bonn, Burschenschaft Teutonia Nürnberg et Leipziger Burschenschaft Alemannia zu Bamberg – vivant, crescant, floreant. Cartell Christlicher Burschenschaften – ad multos annos!

Tagungsbericht: 100 Jahre Arbeitskreis der Studentenhistoriker

Der Arbeitskreis der Studentenhistoriker wird heuer hundert Jahre alt – und hat jetzt sein Jubiläum gefeiert. Wo? In jener Universitätsstadt, die wohl wie keine für deutschen Burschenherrlichkeit und Studentenromantik steht: Heidelberg. Leider nicht ohne Schwierigkeiten. So schreibt der Leiter, Sebastian Sigler, in einem Bericht über die Jubiläumsfeier: „Auch die Universität Heidelberg, die sich sehr fortschrittlich gibt, muss sich fragen, wie sie es mit der Toleranz hält. Denn ihren Festakt zu ihrem 100jährigen Bestehen durften die Studentenhistoriker nicht in der Großen Aula feiern. Die Absage, die nach vielem Nachfragen eintraf, enthielt keine inhaltliche Begründung. Ein Armutszeugnis für eine akademische Einrichtung!“ Doch gerade deshalb ist es wichtig, solche Jubiläen zu feiern. Studentenverbindungen sind keine Folklore, sie halten entscheidende Orientierungswerte lebendig, ohne die unser Land ein anderes wäre. Wir werden sie noch brauchen. In diesem Sinne: Es lebe das deutsche Couleurstudentenum. Arbeitskreis der Studenenthistoriker – ad multos annos!

Zwischenruf: Keine neue Attraktion

„Berlins neue Attraktion“ – so das Titelthema der aktuellen Ausgaben des Verbunds Bistumspresse (Nr. 27/2024, 13.10.2024). Berlins frisch renovierte Hedwigskathedrale wird keine neue Attraktion, sondern ein Mahnmal sein: für das gestörte Verhältnis der Kirche im Umgang mit ihrem kulturell-künstlerischen Erbe und für den lieblosen Umgang mit ihren eigenen Traditionen. Nichts gegen eine behutsame Renovierung, die sich der Besonderheit der überkommenen Form und der tiefen Architektursprache des bisherigen Kirchenraums bewusst bleibt. Was als „schlichte Eleganz“ gepriesen wird, ist das traditionsblinde Einheitsweiß neuerer Domrenovierungen, das in bischöflichen Liturgie- und Bauabeilungen gegenwärtig dominiert – bis die nächste Mode kommt. St. Hedwig ist zur 08/15-Kathedrale gemacht worden. Ich werde mir bei meinen Besuchen in Berlin künftig andere Gottesdienstorte suchen.

Zwischenruf: Grundfreiheiten, nicht soziale Verfügungsmasse

Georg Lurje und Stefan Schwartze rühren in der WELT (16. Oktober 2024, Nr. 201, S. 7) die Werbetrommel für eine Widerspruchslösung bei Organspenden: zwei Stimmen aus einem Chor, der zunehmend lauter wird. Zum Schaden unserer Verfassungsordnung, die coronapolitisch schon stark gelitten hat. Die bisher nicht aufgearbeitete Coronapolitik war eine Blaupause dafür, welche Freiheitseinschränkungen Bürger mitzumachen bereit sind. Der Ausverkauf des Grundrechts auf körperliche Unversehrtheit soll weitergehen. Dieses Mal geht es um die Widerspruchslösung bei Organspenden. Nicht mehr der Einzelne soll über seinen Körper verfügen dürfen. Dieser wird zur Verfügungsmasse eines Sozialstaates, der indiviudelle Grundfreiheiten umkehrt in Ansprüche der Gemeinschaft an den Einzelnen. So war unser Grundgesetz, das in diesem Jahr 75 geworden ist, nicht gemeint gewesen.

Zwischenruf: Die Canossasäule und ihr Gegenstück

Thomas Gutmann erwähnt in seinem Beitrag „Arbeitswelt und Bürgergeist“ (ACADEMIA 5/2024, S. 12 ff.) die Bad Harzburger Canossasäule. Deren Inschrift reagiert auf eine Rede Bismarcks im Reichstag am 14. Mai 1872. Winfried Henze (K.St.V. Winfridia zu Göttingen im KV), der im Sommer sein 70-jähriges Priesterjubiläum sowie seinen 95. Geburtstag feiern konnte und früher Redakteur der Hildesheimer Kirchenzeitung war, erwähnt die Säule in seinem neuesten Band „Lob der Kalkleiste“ (Hildesheim 2024) in einem Kapitel über „antirömische Wallfahrtsorte in Deutschlands Norden“. Die Säule hat ein katholisches Gegenstück gefunden: 1880 erhielt die Kirche in Bündheim, heute ein Stadtteil von Bad Harzburg, das seltene Patronat des hl. Gregor VII. Es war der erste katholische Kirchenneubau der Region nach der Reformation. Henze schreibt in seinem Band: „Ach Freunde, was sinkt doch alles dahin im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte! Wieviel Zorn verraucht, wieviel Erinnerung wird schal! Gregor und Heinrich, Bismarck und Leo …“ Wir können heute mit Gelassenheit über das reden, was einst – so noch einmal Henze – „bitterernste Emotionen weckte“. Und doch gehören auch diese Erinnerungsorte zu unserer Geschichte. Denn etwas mehr Stolz auf die eigene Tradition und die eigene Identität täten unserem Land und seiner Kirche nicht schlecht. Gerade unsere Verbindungen sollten daher ihre Prunkfahnen hochhängen – und nicht in den Wind, wie es leider auch Kirchenvertreter heute tun. In diesem Sinne: Vielen Dank an Thomas Gutmann für seinen inspirierenden Beitrag.

Neuerscheinung: Bildungssprache Deutsch

Jährlich im Herbst trifft sich der Wissenschaftliche Beirat des Deutschen Philologenverbandes, zwei Jahre später werden die Tagungen in der Reihe Gymnasium – Bildung – Gesellschaft dokumentiert. Der neueste Band beschäftigt sich mit der Bildungssprache Deutsch im schulischen Kontext. Aus der Verlagsankündigung:

Susanne Lin-Klitzing / David Di Fuccia / Thomas Gaube / (Hrsg.)

Die Bedeutung der Bildungssprache Deutsch in der Schule

Demokratie braucht Sprache. Sprache braucht Bildung.
Die Förderung der Bildungssprache Deutsch kann auch fruchtbar gemacht werden für die schulische Arbeit in allen anderen Fächern sowie für Querschnittsaufgaben wie die Demokratiebildung.
2019 erklärte die Kultusministerkonferenz die Förderung der Bildungssprache Deutsch zu ihrem Thema. Und gleichwohl führt die explizite Berücksichtigung der Bildungssprache Deutsch in der Lehrkräfteaus- und -fortbildung immer noch ein Schattendasein angesichts ihrer postulierten Bedeutung.
In drei Kapiteln setzen sich Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Kultuspolitik und Schule mit der Definition und der Bedeutung der Bildungssprache Deutsch, mit verschiedenen Praktiken und Formen der Bildungssprache, mit der Rolle der Lehrkräfte als „bildungsprachliche Modelle“ für ihre Schülerinnen und Schüler, mit dem Bildungsspracherwerb als Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit sowie mit konkreten Förderinstrumenten auseinander.

Gymnasium – Bildung – Gesellschaft,
herausgegeben von Susanne Lin-Klitzing, David Di Fuccia und Thomas Gaube
in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Philologenverband (DPhV)

https://www.klinkhardt.de/verlagsprogramm/2665.html

Neuerscheinung: Wahrer Friede

Axel Bernd Kunze: Wahrer Friede [Lesejahr C. Hochfest der Geburt des Herrn – Weihnachten – In der Heiligen Nacht], in: WortGottesFeiern an allen Sonn- und Feiertagen 21 (2024), H. 6, S. 1077 – 1093.

Das Modell für eine Wort-Gottes-Feier am Heiligen Abend und in der Weihnachtnacht stellt den Vers des Propheten Jesaja „Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht, über denen, die im Land des Todesschattens wohnten, strahlte ein Licht auf“ in den Mittelpunkt. Frieden – dieses Wort steht über der Krippe des Jesuskindes. Frieden – von ihm singen die Engel, die seine Geburt ankündigen. Frieden – das ist auch an diesem Weihnachtsfest die große Bitte unserer Tage. Weihnachten ist kein Ereignis vor zweitausend Jahren. Weihnachten ist lebendige Gegenwart. Heute ist uns der Heiland geboren, der Retter. Heute ist er, der wahre Friede, vom Himmel zu uns gekommen.

Zwischenruf: Freiheit lebt vom Diskurs

Grundfreiheiten und Grundrechte können durch staatliche Stellen angegriffen werden – das ist eindeutig, insofern der Staat erstrangiger Adressat der Grundrechte ist. Grundfreiheiten können aber auch durch gesellschaftliche Kollektive erstickt werden. Und hier maßen sich wissenschaftlche Fachgesellschaft schon länger und immer häufiger eine Türwächterfunktion an, die ihnen nicht zusteht, indem sie bestimmen, was als legitime wissenschaftliche Meinung gilt und was nicht. Es gibt eine zugelassene, vermeintlich demokratische Einheitsmeinung – und alles andere wird als unwissenschaftlich erklärt.

Im Band „Die Verlorene Wissenschaft“, herausgegeben von Matthias Fechner und Klaus Buchenau, wird dies am Beispiel der AG Christliche Sozialethik ausgeführt. Und dann kommt der Staat wieder ins Spiel: Der Landtag Baden-Württemberg hat den Boykottaufruf der Fachgesellschaft gegen die Zeitschrift „Die Neue Ordnung“ als legitimes Mittel der wissenschaftlichen Auseinandersetzung anerkannt, und zwar als ein Mittel, auf das sich eine steuerfinanzierte Universitätsbiblitohek bei ihren Entscheidungen stützen darf. Dabei hat der Staat nicht nur die Aufgabe, die Grundrechte zu respektieren, sondern auch vor Eingriffen durch Dritte zu schützen.

Aber das Vorgehen der Fachgesellschaften passt in ein öffentliches Diskursklima, in dem Kontroversen immer weniger erwünscht sind und in dem nicht mehr das bessere Argument zählt, sondern allzuoft die richtige Gesinnung. Und dann müssen Wissenschaftler, die „falsch“ denken, aus dem Weg geräumt, ausgegrenzt und im akademischen Diskurs unsichtbar gemacht werden. Freiheit sieht anders aus, sollte anders aussehen. Freiheit lebt vom offenen, kontroversen, streitbaren Diskurs.

Neuerscheinung: Christliche Burschenschaften

Vom 18. bis 20. Oktober 2024 feiert das Cartell Christlicher Burschenschaften in Bonn sein dreißigjähriges Jubiläum. Dem Cartell gehören fünf christliche Burschenschaften an: Burschenschaft Rheno-Germania Bonn, Leipziger Burschenschaft Alemannia zu Bamberg, Burschenschaft Alemannia Leipzig, Burschenschaft Teutonia Nürnberg und Burschenschaft Ostmark-Breslau zu Regensburg. Das Jubiläum wirft seine Schatten voraus – und ist für ACADEMIA, die Dachverbandszeitschrift des Kartellverbandes Katholischer Deutscher Studentenverbindungen, Anlass, den christlichen Teil der burschenschaftlichen Bewegung vorzustellen:

Axel Bernd Kunze: Christliche Burschenschaften, in: ACADEMIA 117 (2024), Heft 5, S. 35.