Rezension: Forschung zur Lehrerbildung und Lehrerprofessionalisierung

Axel Bernd Kunze rezensiert im Onlineportals Socialnet den folgenden Band:
Stefanie Schnebel, Robert Grassinger, Marion Susanne Visotschnig, Thomas Wiedenhorn, Markus Janssen (Hrsg.): Begleitung und Beratung. Konzepte zur Unterstützung professioneller Entwicklung im Lehramtsstudium. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2023. 158 Seiten. ISBN 978-3-8309-4782-0. 27,90 EUR.

https://www.socialnet.de/rezensionen/31964.php

Neuerscheinung: Hat das Buch eine Zukunft?

Volker Ladenthin/Werner Zillig:

Die Zukunft des Buches (Würzburg 2025)

Alle reden über Künstliche Intelligenz und die Neuen Medien. Aber nach wie vor gehört das Buch zum zentralen Medium der Industrienationen. Auch Blogger und Netzautoren wollen letztlich ein Buch publizieren, und die großen, gewichtigen Erkenntnisse aller Wissenschaften liegen bis heute in Buchform vor.

Gleichwohl sehen Kulturkritiker das Ende der Buchkultur aufdämmern. Verkaufszahlen sollen einbrechen. Zeit also darüber nachzudenken, was das Buch so besonders macht.

Die Entwicklung der Bildung war in der gesamten Geschichte immer mit der Geschichte und den neuen Möglichkeiten des Buches verbunden. Vom Geist der antiken Mathematik und Philosophie bis zur Geburt der modernen Wissenschaften wissen wir nur durch Bücher.  Alles Gedachte bedarf der Schrift, wenn es überdauern soll, und diese führt bis heute zum Buch.

Warum ist das so? Wäre Bildung ohne Buch denkbar, oder anders gefragt: Was wäre Bildung, wenn sie ohne Buch tradiert würde? Gibt es überhaupt Bildung ohne Buch?

Die zwei Autoren, ein Sprachwissenschaftler und ein Erziehungswissenschaftler, wägen im Wechselgespräch die Vorteile und Eigenheiten des Mediums Buch gegen die Neuen Medien ab.

Was ist das Unverwechselbare und vielleicht sogar Unersetzbare am Medium Buch? Was können andere Medien besser als das Buch, aber was kann nur das Buch? Was kann es besser als andere Medien? Und warum hat das Buch diese umfassende Bedeutung bekommen, dass man den Zustand einer Kultur meint am Zustand der Lese- und der Buchkultur bestimmen zu können?

Die beiden Wissenschaftler suchen dabei das, was das Buch im innersten Kern ausmacht – und fragen, was am gedruckten Buch nicht durch andere Medien zu ersetzen ist.

Es geht nicht darum, einen Nachruf auf eine wertvolle Antiquität zu schreiben, sondern es geht darum zu zeigen, dass eine zukunftsfähige Kultur ohne Buch nicht möglich ist.

Es geht nicht um die Rettung eines alten Mediums für anspruchsvolle Schöngeister, sondern um den Nachweis, dass eine Gesellschaft ohne Buch- und Lesekultur sich selbst nicht mehr versteht und aufgibt. Es sollte nachdenklich stimmen, dass eine Kultur selbst dann, wenn sie sich vom Buch verabschieden möchte, dies in Buchform macht.

Aber wie sehen die Bücher der Zukunft aus?

Zwischenruf: Braucht es verbeamtete Lehrer?

Es gibt Themen, die in „schöner“ Regelmäßigkeit immer wiederkehren. In diesem Sommer hat der Generalsekretär der CDU, Carsten Linnemann, einmal mehr gefordert, Lehrer nicht mehr zu verbeamten. Sehen wir einmal davon ab, dass Lehrer Landesbeamte sind und damit gar nicht in die bundespolitische Zuständigkeit fallen – aber schon länger kratzt mittlerweile selbst die Union kräftig am Kulturföderalismus. Vor allem zwei Themen lassen das Thema immer wieder hochkochen: haushaltspolitische Gründe – wer nicht mehr verbeamtet wird, bekommt keine Pension und wird sozialversicherungspflichtig. Und vermeintlich pädagogische Gründe: Ohne verbeamtete Lehrkräfte werde das Schulsystem innovativer, dynamischer, marktwirtschaftlich steuerbarer usw.

Keine Rede ist hingegen vom Streikrecht. Der Katzenjammer wird schnell kommen, wenn das erste Mal großflächige Streiks die Schulen lahmlegen, womöglich noch vor oder in Prüfungszeiten. Man kann sich leicht vorstellen, wie schnell dann ein zweiter Dauerbrenner hochkommt: die Einschränkung des Grundrechts auf Streik für Beschäftigte im Öffentlichen Dienst. Lehrer setzen hoheitliche Verwaltungsakte – und hierfür braucht es eine Unabhängigkeit, welche der Staat durch Verbeamtung garantiert. Auch wenn es zu Recht gleichfalls angestellte Lehrer gibt, obliegt die Ausübung hoheitlicher Befugnisse im freiheitlichen Rechts- und Verfassungsstaat Beamten, die in einem besonderen Treueverhältnis zu diesem Staat stehen.

Zwei Besonderheiten zeichnen das deutsche Bildungswesen aus, die eine Verbeamtung dringlich machen: Zum einen gibt es eine enge Koppelung zwischen Bildungs- und Berechtigungswesen. Deutsche Lehrkräfte verteilen mit den Bildungstiteln starke Berechtigungen, welche – etwa im Rahmen des Tarifrechts – Auswirkungen auf die gesamte Berufsbiographie haben können. Zum anderen kennt Deutschland den Sonderweg einer strikten Schulpflicht und einer flächendeckenden staatlichen Schulaufsicht. Dies setzt durchgängig geregelten Unterricht und verlässliche Prüfungen voraus: zwei Aufgaben, die streikfrei bleiben sollten, wenn wir unsere eigene Verfassung ernstnehmen wollen.

Es steht zu befürchten, dass angesichts der finanziellen Nöte in öffentlichen Haushalten und Sozialversicherungen das Thema nicht allein dem Sommerloch zugeschrieben werden kann. Ja, wir brauchen eine deutliche haushalts- wie sozialpolitische Konsolidierung in Deutschland. Die Probleme werden immer größer, je länger sich die politisch Verantwortlichen einer nachhaltigen Finanz-, Sozial- und Haushaltspolitik verweigert. Doch braucht es zur Lösung zweierlei: eine Reduzierung der Staatsausgaben und der Staatsquote einerseits sowie eine an den Grundprinzipien des Verfassungsstaates ausgerichtete Begrenzung der Staatsaufgaben. Hoheitliche Akte gehören zum Kernbereich des Staates. Vieles andere, womit der Staat mittlerweile Wirtschaft und Gesellschaft seiner Steuerung und Kontrolle unterwirft, hingegen nicht.

Neuerscheinung: Zwanzig Jahre Kindheitspädagogik in Deutschland

2024 war es zwanzig Jahre her, dass in Deutschland eigenständige Studiengänge für Kindheitspädagogik entstanden. Aus Anlass dieses Jubiläums nimmt sich die Zeitschrift „Katholische Bildung“ des Themas an. Der Sozialethiker und Erziehungswissenschaftler Axel Bernd Kunze nimmt eine Standortbestimmung der noch jungen Disziplin vor:

Axel Bernd Kunze: Zwischen Sozialpädagogik und Elementarbildung – Bildungsethische Gedanken anlässlich zweier Jahrzehnte akademischer Kindheitspädagogik, in: Katholische Bildung 126 (2025, Heft 9/10 (September/Oktober), S. 221 – 232.

„Katholische Bildung“ ist die Verbandszeitschrift des Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen e. V. (VkdL).

Ein Gruß zum Schuljahresende

„Geschafft!“, werden vielleicht viele von Ihnen sagen, zumal nach den mitunter doch sehr heißen Tagen in diesem Frühsommer: Geschafft – ein weiteres Schuljahr, ein weiteres Ausbildungsjahr. Jetzt dürfen wir loslassen, ausruhen, neue Kraft schöpfen, die Zeit einmal anders nützen als mit Klassenarbeiten und Korrekturen, Arbeitsblättern und Arbeitsaufträgen, Gruppenarbeiten und pädagogischen Konzepten … Wir dürfen aber auch in aller Gelassenheit all das loslassen, was uns vielleicht in diesem Schuljahr nicht geglückt ist, wo wir uns selbst oder anderen gegenüber etwas schuldig geblieben sind – damit wir wieder frei werden für die nächsten Schritte, die auf uns warten. Das Gelungene, aber auch das Unvollendete dieses Schuljahres dürfen wir am Ende dieses Gottesdienstes getrost unter den Segen Gottes stellen.

Ich wünsche allen – Schülerinnen und Schülern, Kolleginnen und Kollegen – und Ihren Angehörigen gute, erholsame, ja, gesegnete Sommerferien, damit wir alle das neue Schuljahr mit neuem Elan und neuer Kraft starten können.

(aus einem Schulleitungsgrußwort zum Schuljahresende 2024/25)

Rezension: Kinderrechte im Kontext Schule

Adolf Bartz, Katharina Gerarts, Lothar Krappmann, Claudia Lohrenscheit (Hgg.): Praxis der Kinderrechte an deutschen Schulen. Eine Zwischenbilanz (Kinderrechte und Bildung; debus Pädagogik), Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag Dr. Kurt Debus 2023, 380 Seiten.

Manfred L. Pirner, Michaela Gläser-Zikuda, Michael Krennerich (Hgg.): Menschenrechte von Kindern und Jugendlichen im Kontext Schule (Wochenschau Wissenschaft), Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag Dr. Kurt Debus 2022, 327 Seiten.

Wie steht es um die Kinder- und Menschenrechte in der Schule? Zwei Bände aus dem Frankfurter Wochenschau-Verlag versuchen eine Bilanz.

Der Band aus der Reihe „Kinderrechte und Bildung“ stellt vor allem die Beteiligungsrechte von Schülern und Schülerinnen in den Mittelpunkt. Die Zusammenstellung bietet eine anschauliche Sammlung von Praxisbeispielen, einschließlich eines Materialanhangs für die konkrete Umsetzung der Kinderrechte im Kontext Schule. Hier schreiben Lehrkräfte, Studienleiter, Schulleiter … Und das ist wichtig: Denn wie eine beteiligungsorientierte Praxis in der Schule umgesetzt werden kann, ist nicht aus der Menschenrechtstheorie abzuleiten. Deren Erkenntnisse müssen vielmehr pädagogisch rekontextualisiert werden. Und hierfür ist der Blick der Schulpädagogik und Didaktik wichtig, aber entscheidend auch die Stimme der pädagogischen Praxis.

Der Band von Manfred Pirner, Michaela Gläser-Zikuda und Michael Krennerich weitet den Blick, indem er – in jeweils getrennten Teilen des Bandes – die Schutz-, Förder- und Partizipationsrechte von Kindern und Jugendlichen gleichermaßen thematisiert und fragt, was daraus für eine kinderrechtsgemäße Schul- und Unterrichtskultur folgt. Der Band dokumentiert eine Tagung des Center for Human Rights (CHREN) und des Kompetenzzentrums für Schulentwicklung und Evaluation (KSE) der Universität Erlangen-Nürnberg, des Regionalbüros Nürnberg des Deutschen Schulpreises und der Deutschen Schulakademie sowie der Wissenschaftlichen Arbeitsstelle Evangelische Schulen (WAES) in Hannover und des Menschenrechtsbüros der Stadt Nürnberg. Wichtig für die Umsetzung der Kinderrechte im schulischen Kontext ist – wie das Fazit am Ende des Bandes andeutet –, dass deutlich unterschieden ist, wer in diesem Rahmen jeweils welche Aufgaben hat. Dies wird nur im gemeinsamen Miteinander von Schulpraxis, Politik und Wissenschaft gelingen.

Grußwort: Eine „sozialintegrative Unterrichtsform“

I. In den vergangenen Tagen wurde gewerkelt und gesprayt, gemalt und kreativ geschafft – ganz nach dem Motto: „Kreativ die Welt entdecken“. Das Schuljahr neigt sich dem Ende entgegen, die Noten sind gemacht, die Ferien zum Greifen nahe. Und damit stehen wieder Projekttage bei uns ins Haus. Dabei geht es aber nicht darum, einfach die Zeit bis zum letzten Schultag zu überbrücken. Es geht um mehr!

Projekte sind eine komplexe „sozialintegrative Unterrichtsform“, bei der die Inhalte, Ziele, Methoden und Begründungsfragen miteinander ausgehandelt und gemeinsam verantwortet werden – so haben es kluge Pädagogen ausgedrückt. Oder anders gesagt: Bei Projekten bestimmen nicht die Lehrkräfte. Es geht vielmehr um die gemeinsame Abstimmung der Interessen und Handlungsschritte innerhalb der gesamten Lehr- und Lerngemeinschaft, von Lernenden und Lehrenden gleichermaßen.

Doch genug der hohen Theorie: Heute darf gefeiert werden – ein wichtiger Schritt, der jedes Projekt abschließen sollte. Und sie dürfen heute erleben und entdecken, was in den vergangenen Tagen alles entstanden ist – an kreativen Ideen und Projektergebnissen. Es geht um Graffiti und Street Art, Mode und Naturmaterialien, Bewegungspädagogik – und vieles mehr. Nicht alles, was wir heute zu sehen bekommen werden, ist im Voraus schon bekannt. Wir dürfen gespannt sein. Gehen Sie auf Entdeckungsreise, lassen Sie sich in der Kreativwerkstatt inspirieren oder stärken Sie sich am Fingerfood-Buffet, das ebenfalls eine Projektgruppe vorbereitet hat.

II. Die Projektwoche wurde gemeinsam von der SMV, den einzelnen Projektgruppen und Lehrkräften geplant, vorbereitet und gestaltet – und dies teilweise schon weit im Vorfeld. Denn für Projekttage gibt es keinen Stundenplan oder festen Fahrplan – da sind viel Spontaneität wie Organisationsfähigkeit gleichermaßen, Improvisationstalent und auch eine gute Portion Gelassenheit notwendig. Herzlichen Dank für alles!

 III. „Kreativ die Welt entdecken“ – das bedeutet auch: Wir möchten Ihnen heute zeigen, wie kreativ und vielfältig Schule sein kann und wie vielgestaltig und abwechslungsreich eine Ausbildung zur Pädagogischen Fachkraft.

Unsere Fachschule bildet staatlich anerkannte sozialpädagogische Assistentinnen und Assistenten sowie staatlich anerkannte Erzieherinnen und Erzieher aus. Letztere erhalten am Ende der Ausbildung auch den Titel eines „Bachelor Professional in Sozialwesen“. Ferner bieten wir in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg ein Integriertes Studienmodell an, das neben dem Erzieherabschluss in verkürzter Zeit auch zu einem Bachelorabschluss in Bildung und Erziehung der Kindheit führt.

Der Einstieg ist mit ganz unterschiedlichen Zugangsvoraussetzungen möglich: mit dem Hauptschulabschluss in der Berufsfachschule für sozialpädagogische Assistenz, mit dem Realschulabschluss im einjährigen Berufskolleg für Sozialpädagogik oder mit einem höheren Schulabschluss unmittelbar in der Fachschule für Sozialpädagogik. Wir bieten Ausbildungsgänge in vollzeitschulischer, praxisintegrierter oder in Teilzeitform an.

Und Sie haben die Möglichkeit, im Rahmen der Ausbildung Ihren Schulabschluss aufzuwerten und einen gleichwertigen mittleren Bildungsabschluss oder die allgemeine Fachhochschulreife zu erwerben.

Alle sozialpädagogischen Ausbildungsgänge bieten vielfältige Berufs- oder Anschlussmöglichkeiten. Sie können bei uns mit einem Hauptschulabschluss beginnen und sich bis zum Bachelorabschluss weiterqualifizieren. Mit der staatlichen Anerkennung als Erzieher oder Erzieherin ist in Baden-Württemberg auch ein Studium ohne Hochschulzugangsberechtigung möglich.

Ein Abschluss bei uns qualifiziert zum Arbeiten mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen – von 0 bis 27. Und das in vielfältigen Arbeitsfeldern: Krippe oder Kindergarten, Grundschulbetreuung oder Hort, Jugendzentrum, Jugendfarm oder Aktivspielplatz, Kinder- und Jugendarbeit oder Hilfen zur Erziehung, Wohngruppen oder stationäre Jugendhilfe.

Das alles kann sehr verwirrend sein, wenn man sich noch nicht näher mit diesem Berufsfeld beschäftigt hat. Was es für eine sozialpädagogische Ausbildung braucht und welche Chancen damit verbunden sind, lässt sich am besten im persönlichen Gespräch erklären.

Und nun genug der Vorreden: Das Schulfest ist eröffnet. Ich wünsche Ihnen allen einen kreativen, interessanten, frohen Nachmittag. Die einzelnen Angebote und Stände der Projekte sind bis 18.30 Uhr geöffnet.

Herzlichen Dank für Ihr Kommen, viel Spaß und viel Kreativität!

(aus einem Grußwort der Schulleitung zur Eröffnung des Schulfestes und Tages der offenen Tür am Ende der Projekttage)

Rezension: Bildung und Religion

Johannes Gutbrod in einer Rezension für die Pädagogische Rundschau (77. Jg., 2023, S. 391 – 394):

„Wer sich an Kunze und seinen Argumenten reiben möchte, kann dies tun. Der Autor schreckt nicht vor schwierigen Themen und besichtigen Aussagen zurück – dabei gilt es als Leser immer, die Argumente genau zu prüfen. Sie sind wohl überlegt und scharfsinnig formuliert und erweitern den Horizont, auch oder gerade dann, wenn man mit pädagogischer Literatur im christlichen Gewand bisher wenig oder keine Berührungspunkte hatte. Genau deshalb ist Kunzes Werk lesenswert. Es bietet durch die Stringenz des Textes und durch die Abgeschlossenheit der einzelnen Kapitel auch die Möglichkeit, es in Absätzen zu studieren, da jeder Aufsatz in sich geschlossen ist.“

Rede: Ein Bildungsberuf

Aus einem Schulleitungsgrußwort zur Abschlussfeier mit feierlicher Zeugnisübergabe:

Der Bereich frühkindlicher Erziehung, Bildung und Betreuung wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten – im Anschluss an die ersten PISA-Studien – stark ausgebaut. Die Gründe sind vielfältig. Vom Umbau der Krippen- und Kindergartenlandschaft zum Elementarbildungsbereich versprach man sich, so eine der Erwartungen, ein Mehr an Bildungsgerechtigkeit. Die Fachschulen für Sozialpädagogik konnten im Rahmen dieser Entwicklung politisch durchsetzen, dass die staatliche Anerkennung von Erziehern und Erzieherinnen im Deutschen Qualifikationsrahmen, der 2013 in Kraft trat, im Kompetenzniveau einem akademischen Bachelorabschluss gleichgestellt wurde.

Ferner haben die Bundesländer eigene Bildungspläne für den Elementarbereich erlassen. In Baden-Württemberg wurde erst am Montag vor einer Woche der neue, gänzlich überarbeitete Orientierungsplan für Bildung und Erziehung in Kindertagesbetreuung und Kindertagespflege öffentlich vorgestellt. Sie werden sich im Rahmen Ihrer Berufseinstiegsphase sicher noch intensiv mit diesem auseinandersetzen müssen.

Der Gemeinsame Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen, auf dem die Orientierungs-, Rahmen- oder Bildungspläne für den Elementarbereich in den einzelnen Ländern aufbauen, verzichtet bewusst auf eine Abgrenzung zwischen Bildung und Erziehung. Dort heißt es: „Der Bildungsprozess des Kindes umfasst alle Aspekte seiner Persönlichkeit. Bildung und Erziehung werden als ein einheitliches, zeitlich sich erstreckendes Geschehen im sozialen Kontext betrachtet.“ Zwischen den Zeilen ist die Warnung vor einer „Verschulung“ des Kindergartens herauszulesen. Vermieden werden soll ein Bildungsverständnis, wie es schulischer Didaktik zugrunde liegt, bei der die Auseinandersetzung zwischen Lernenden und Lehrenden immer primär über einen methodisch strukturierten Bildungsinhalt verläuft – Zitat: „Eine Fächerorientierung oder Orientierung an Wissenschaftsdisziplinen ist dem Elementarbereich fremd. Eine Beschreibung von Themenfeldern, in denen sich kindliche Neugier artikuliert, aber ist sinnvoll, weil sie die Angebote der Kindertageseinrichtung konkretisiert.“ In der Elementardidaktik soll sich der „Prozess der Weltaneignung“ vorrangig aus sozialen Situationen ergeben, also alltagsbasiert erfolgen. Bildung geschieht über die lern- und entwicklungspsychologisch angemessene Gestaltung von Beziehungen, Situationen, Zeiten und Räumen.

Doch dieser Bildungsanspruch von Kindertageseinrichtungen ist im Zuge des Fachkräftemangels unter Druck geraten: „Der Erziehungs- und Bildungsauftrag tritt in den Hintergrund, der Betreuungsauftrag in den Mittelpunkt“, formuliert der Bundesverband evangelischer Ausbildungsstätten für Sozialpädagogik (BeA), dem auch unsere Fachschule angehört, in einem aktuellen Positionspapier mit dem sprechenden Titel: „Betreuung statt Bildung? – Ohne uns!“ Weiter heißt es: „Indem wir dafür einstehen, dass Bildung und Erziehung genuine Aufgaben von Kindertagesstätten bleiben, engagieren wir uns für zentrale Zukunftsaufgaben, die gesellschaftliche Entwicklung sowie ein humanes, friedvolles und gemeinwohlorientiertes Zusammenleben sichern.“

Im März dieses Jahres wurden die Forderungen der bundesweit mehr als fünfundfünfzig evangelischen Fachschulen, die sich im BeA zusammengeschlossen haben, im Rahmen einer Strategie 2030 und einer Ausbildungsoffensive Sozialpädagogik konkretisiert.

Wichtig ist uns dabei:

  • Sie haben sich mit Ihrer Ausbildung, die Sie heute erfolgreich beenden, für einen anspruchsvollen Bildungsberuf entschieden. Das Berufsethos Pädagogischer Fachkräfte basiert darauf, dass Sie die Selbstbestimmungsfähigkeit und Mündigkeit der Ihnen anvertrauten Kinder fördern wollen.
  • Diese Arbeit ist äußerst anspruchsvoll und verlangt nach einer hohen Fachlichkeit. Und sie ist eine wichtige gesellschaftliche Zukunftsaufgabe, die öffentliche Anerkennung verdient. Und diese Arbeit wird angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen nicht an Bedeutung abnehmen, sondern gewinnen.
  • Die hohe Bildungs- und Erziehungskompetenz Pädagogischer Fachkräfte sichert die hohe Professionalität der Berufsgruppe, die Attraktivität Ihres Berufsbildes und das gesellschaftliche Ansehen.
  • Das evangelische Bildungsprofil stärkt diese Anliegen. Religiöse Bildung ist ein wichtiger Teil der Persönlichkeitsentwicklung und fördert darüber hinaus interkulturelle und interreligiöse Kompetenzen.

Dies alles dürfen auch Sie sich auf die Fahne schreiben, wenn Sie heute Ihr Abschlusszeugnis, Ihre staatliche Anerkennung und darüber hinaus auch den Titel eines „Bachelor Professional in Sozialwesen“ in Empfang nehmen. Bildung sichert Zukunft. Oder anders gesagt: Sie sichern Zukunft. Sie tragen entscheidend dazu bei, den Kindern ihr Recht auf Bildung und Erziehung zu sichern.

Dies gilt für Ihre konkrete berufliche Tätigkeit in Krippe oder Kindertagesstätte, Grundschulbetreuung oder Hort, Jugendarbeit oder Hilfen zur Erziehung. Dies gilt aber auch gesellschaftlich: Sie sind wichtige Botschafterinnen und Botschafter für den Bildungsauftrag Pädagogischer Fachkräfte – dort, wo Sie stehen:  im Rahmen der Erziehungspartnerschaft mit den Eltern; in der Praxisanleitung, wenn Sie in zwei Jahren vielleicht selbst als Mentor oder Mentorin aktiv sein werden; im Rahmen Ihres Trägers, in der Kommunalpolitik, in Berufs- und Fachverbänden oder überhaupt in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit.