Rezension: Zum Gedenken an Prof. Dr. Dr. Harald Lönnecker

Nils Kowalewski würdigt im Studenten-Kurier. Zeitschrift für Studentengeschichte, Hochschule und Korporationen (Geschichte der deutschen Einheitsbewgung, 40. Jg. Neue Folge, Heft 3, S. 28 f.) die Gedenkschrift für Prof. Dr. Dr. Harald Lönnecker.

In einem eigenen Beitrag blickt der Autor zugleich auf die Gedenkveranstaltung im Rahmen des Deutschen Burschentages hin (ebd., S. 27), auf der die Gedenkschrift feierlich dediziert wurde. Bemerkenswert an der Gedenkfeier war, dass – vom katholischen Flügel des RKDB abgesehen – die gesamte Bandbreite der burschenschaftlichen Bewegung vertreten war, neben der DB und ADB waren auch Vertreter aus dem SB und Wingolsbund nach Eisenbach gekommen.

Axel Bernd Kunze: „Die Jugend ist in Ehrfurcht vor Gott … zu erziehen.“ Oder: Braucht das öffentliche Leben noch Religion?, in: Christian Oppermann (Hg.): „Wahrheit, Muth und Kraft!“. Gedenkschrift für den Historiker, Archivar und Burschenschafter Professor Dr. Dr. Harald Lönnecker (Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einigungsbewegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert; XXIV), Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2025, S. 677 – 696.

Auf fremden Seiten: Menschenwürde und Lebensrecht

„Die Verfassungsrichter-Kandidatin Brosius-Gersdorf ist gescheitert, die Begriffsverwirrung um den Menschenwürde-Begriff hält trotzdem an. In diesem Streit geht es nicht nur um das ungeborene Leben – sondern um unseren Wesenskern.“

Der Theologe Jan Dochhorn nimmt in einem Beitrag für das Onlinemagazin „Publico“ zur Diskussion um die gescheiterte Kandidatur der Juristin Frauke Brosius-Gersdorf für ein Richteramt am Bundesverfassungsgericht. Dabei geht es ihm um den Menschenwürdebegriff, der metaphysischer Grundlegung bedürfe, und die Notwendigkeit, zwischen Menschenwürde und Lebensrecht zu differenzieren.

Rezension: Gefängnisseelsorge

Gefängnis. Soziale und theologische Aspekte – lautet das neue Themenheft der internationalen Fachzeitschrift CONCILIUM vom Juli 2025. Darin rezensiert Axel Bernd Kunze zwei Titel zur Gefängnisseelsorge:

Axel Bernd Kunze (Rez.): Freiraum im Gefängnis, in: Concilium 61 (2025), H. 3, S. 325 – 329.

Rezension zu:

  • Frank Stüfen: Freiheit im Vollzug: Heiligungs- und befreiungsorientierte Seelsorge im Gefängnis, Zürich: Theologischer Verlag 2020.
  • Katharina Scholl: Kontrolle und Subversion. Raum für Seelsorge im Gefängnis (Praktische Theologie heute; 197), Stuttgart: W. Kohlhammer 2024.

Zwischenruf: Zehn Jahre nach „Wir schaffen das“

„Wir schaffen das.“ Der Zustand unseres Landes zehn Jahre später ist ernüchternd. Anders als Erzbischof Heße in der Hildesheimer Kirchenzeitung (Nr. 16/2025, S. 38 f.) meint, ist der Satz nicht „zukunftsgerichtet“, sondern Ausdruck einer unpolitischen Haltung. Zum einen: Statt über unterschiedliche Positionen im Umgang mit Migration zu diskutieren, werden die Differenzen moralisierend abgewiesen. Aktion ersetzt das politische Urteil. Wer nicht aktivistisch mitmacht, wird aus dem öffentlichen Diskurs kommunikativ ausgeschlossen. Wollen wir „das“, was immer damit genau gemeint ist, überhaupt? Ist dieses „Das“ überhaupt im Interesse unseres Zusammenlebens? Merkels Entscheidungen in der Migrationspolitik entzogen sich der parlamentarischen Legitimation. Zum anderen: Der Satz verweigert jegliche Bereitschaft zur politischen Gestaltung. Eine populistische Parole ersetzt das tiefere Nachdenken über die Grundlagen des Staates und über das, was es braucht, diese zu erhalten. Wer ist mit diesem „Wir“ gemeint? Wohl nicht eine Politik, die sich um die notwendigen Ressourcen für die Erhaltung unseres Zusammenlebens sorgen sollte. Die Probleme eines überforderten Bildungsproblems oder eines strukturell überlasteten Sozialstaates, um nur zwei Beispiele zu nennen, sind überdeutlich, werden aber verdrängt – auch von Erzbischof Heße.

Rezension: Sprachliches Gendern – ein Kulturkampf?

Ingo von Münch: Gendersprache: Kampf oder Krampf?, Berlin: Duncker & Humblot 2023, 93 Seiten.

Netzwerk Wissenschaftsfreiheit e. V. (Hg.): Jahrbuch Wissenschaftsfreiheit, 2. Band, Berlin: Duncker & Humblot 2025, 251 Seiten.

Wenn von „geschlechterneutraler“, „gendergerechter“ oder „gendersensibler“ Sprache die Rede ist, wird unausgesprochen eine Prämisse vorausgesetzt, die bereits mehr als fraglich ist. Gendersprache ist nicht neutral, sondern fußt auf ganz bestimmten partikularen Annahmen, etwa queertheoretischen oder radikalkonstruk­tivistischen Theorien, wie sie etwa von der Philosophin Judith Butler und ihrer Schule vertreten werden. Für den radikalen Konstruktivismus liefert Wahrnehmung nicht das Bild einer bewusstseinsunabhängigen Realität. Vielmehr ist Realität eine letztlich individuelle Konstruktion aus Sinnesreizen und Gedächtnisleistung. Jede Wahrnehmung sei vollständig subjektiv. Dies gelte auch für die Konstruktion von Geschlecht, Geschlechtsidentität und Geschlechterverhältnissen.

Gendersprache besetzt den öffentlichen Raum einseitig durch radikalkonstruktivistische Theoriebildung; gegen linguistische Erkenntnisse werden grammatikalisches und biologisches Geschlecht ineinsgesetzt. Der liberale Kultur- und Verfassungsstaat und seine Institutionen, etwa Bildungseinrichtungen oder Verwaltungen, dürfen nicht einseitig Partei ergreifen oder sogar sprachwissenschaftliche Argumente gänzlich ignorieren. Die unausgesprochenen und unaufgearbeiteten Prämissen, die mit einer administrativ durchgesetzten Gendersprache transportiert werden, überwältigen.  Sprache, die allen gehört, wird durch das Gendern politisiert und moralisiert. Wer anderer Meinung ist, wird ausgegrenzt.

Gerechtigkeit im sozialen Zusammenleben schöpft aus der polaren Spannung von Freiheit und Gleichheit. Wo der freie Sprachgebrauch und der freie Diskurs über konkurrierende Theoriebildung hingegen beschnitten wird, kann auch nicht mehr von Gerechtigkeit gesprochen werden.

I.

Mit der Diskussion um sprachliches Gendern ist Sprache ist zum Kampfplatz geworden – oder anders gesagt: Ein Kulturkampf ist entbrannt. Für die einen ist Gendersprache eine Frage der Gerechtigkeit, für die anderen eine Ideologie. Die einen sprechen von üblichem Sprachwandel, die anderen von repressiven Praktiken, mit denen über Sprache Gesinnung gesteuert werden soll. Für die einen geht es um ein zeitgemäßes Mittel der Gleichstellung, für die anderen um eine zwangsweise Umerziehung der Gesellschaft.

Kampf oder Krampf?, fragt Ingo von Münch in einem schmalen Bändchen und geht den Hintergründen der sprachlichen Polarisierung nach. Der Band ist allen zu empfehlen, die unvoreingenommen nach Antworten suchen, warum das Thema so umkämpft. Ingo von Münch hält mit seiner Position nicht hinter dem Berg. Der behauptete Sprachwandel sei ein Märchen, das generische Maskulinum sei nicht mit dem männlichen Geschlecht zu verwechseln. Weniger rigoros urteilt er bei der Auflösung personaler Ausdrücke in nichtpersonenbezogene Substantive – etwa bei Umbenennung der Fachzeitschrift „Der Chirurg“ in „Die Chirurgie“.

Doch gibt es – auch wenn von Münch dies anders sieht – durchaus gute Gründe, einer solchen sprachlichen Veränderung zu widersprechen. Was hier passiert, ist eine Entpersonalisierung der Sprache und in der Folge eine Entindividualisierung oder ein Verlust an Auktorialität. Die vom Autor angeführte Umbenennung der Zeitschrift „der Architekt“ in „Die Architekt“ kann nur noch als sprachliche Umweltverschmutzung bezeichnet werden – oder mit anderen Worten: als Kulturbruch. Dasselbe gilt für das Beispiel von „Zeitzeug*innengesprächen“, das von Münch anführt – soll aus Personen wirklich Zeug werden?

Mit der Sprache steht ein hohes Kulturgut auf dem Spiel, das – wie von Münch zu Recht sagt – uns allen gehört. Mit Spräche spielt man nicht, möchte man sagen. Denn ohne gemeinsame Sprache verliert eine Sprachgemeinschaft ihre Sprachfähigkeit, verliert ein Gemeinwesen seine Identität. Das Gendern spaltet, politisiert und moralisiert die Sprache, wie der Autor aufzeigt und erweist dem Ziel der Chancengleichheit eher einen Bärendienst. Die Forderung nach sprachlichem Gendern gehört aufgrund seiner radikalkonstruktivistischen Bezüge auch nicht zu den Themen des klassischen Feminismus, der an einem solchen ideengeschichtlichen auch gar keine Interesse haben kann, wenn er sich selber ernstnimmt.

Das Fazit aus seinen Überlegungen fasst von Münch am Ende in zehn Thesen zusammen. Die zehnte und längste These am Schluss klingt wie ein Friedensangebot: Wem die Debatte um Kampf oder Krampf des Genderns gleichgültig sei, der könne das Gendern tolerieren. Die anderen müssten aktiv werden, wobei Widerstand jeder in höflicher Form selbst leisten könne, wenn von ihm Gendersprache verlangt werde. 

Doch Vorsicht: Hierbei handelt es sich um eine Pseudotoleranz. Wo strukturell Druck, Repression und Zwang aufgebaut werden, reicht es nicht aus, den Widerstand zu individualisieren – dann muss dieser Widerstand politisch geführt werden. Denn es geht um strukturelle, gesetzliche, berufliche Strukturen, die unser Zusammenleben deutlich verändern.

II.

Auf ähnlicher Linie liegt auch der Philosoph Franziskus von Heeremann, der im zweiten Band des Jahrbuches Wissenschaftsfreiheit zwar deutliche Bedenken gegenüber dem sprachlichen Gendern anmeldet, am Ende dann aber doch mehr oder weniger die verschiedenen Ansichten nebeneinander stehenlassen will. Wer meine, damit die Welt zu verbessern, solle so reden. Wer meint, Sprache solle mehr der Einheit dienen, als die Unterschiedlichkeit betonen, solle es lassen. Doch Feuer und Wasser vertragen sich nicht. Und richtig: Von Heeremann spricht letztlich nur von privaten Kontexten, in denen keine institutionelle Verpflichtung vorhanden sei. Wie der Einzelne allerdings verfahren soll, wenn er sich institutionellem Druck beugen soll (und dieser kann beruflich, schulisch, wissenschaftlich durchaus sehr heftig sein), dies aber nicht will, lässt von Heeremann offen.

Die Verkehrssprache ist niemals privat, sie ist und bleibt ein gemeinsames Kulturgut, das gepflegt werden will. Und dieses sollten wir freihalten von Partikularismen, erst recht von solchen ideologischer oder parteipolitischer Art. Wenn von Heeremann am Ende seines Aufsatzes ein Zuviel an Polarisierung, Hader und Zwist im öffentlichen Diskurs beklagt, dann liegt gerade hier die Ursache dafür.

„Muss jede*r so sprechen?“, fragt von Heeremann mit dem Titel seines Aufsatzes – und verneint dies. Stärker als von Münch untermauert von Heeremann seine Position mit linguistischen Argumenten. Wie die verschiedenen Argumente wider das Gendern strategisch in die gesellschaftliche Breite getragen werden können, zeigt im selben Band des Jahrbuches Wissenschaftsfreiheit Jan Wirrer, Professor im Ruhestand an der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld, auf – im Wechselspiel mit einer Journalistin entstanden ein fachliches Arbeitspapier, das dann in eine allgemeinverständliche journalistische Form gebracht wurde.

Für das Jahrbuch wertet Wirrer die Reaktionen aus, die auf den Beitrag in der „Neuen Westfälischen“ eingegangen sind. Dabei zeigen sich – etwa in Leserbriefen – ähnlich gegensätzliche Positionen, wie sie auch von Münch gebündelt aufführt. Seiner Disziplin entsprechend, kommentiert Wirrer die Reaktionen aus sprachwissenschaftlicher Perspektive und zeigt dabei auf, wie Gendersprache nicht zu mehr Klarheit, sondern sprachlicher Entdifferenzierung führt.

Am Ende ordnet er das Thema in die Debatte um „Political Correctness“ ein und bietet auch Raum für die Argumente der Befürworter sprachlichen Genderns. Sein Fazit am Ende fällt deutlich aus: Was mit dem Anspruch hoher Moral daherkommt, erweise sich bei genauerem Hinsehen als oberflächliches Moralisieren. Sollte Wirrer damit Recht haben, wäre dies ein wichtiges Argument, die Debatte nicht einfach laufen zu lassen. Denn sprachliche Differenzierung, eine repressionsfreie Sprachkultur und der Erhalt eines zentralen Identitätsmerkmals der Kulturnation wiegen schwerer gegenüber persönlichen Vorlieben der Einzelnen oder moralisierenden Einmischungen.

Beide vorgestellten Bände vermitteln, auch wenn man nicht in allen Wertungen den Autoren zustimmen mag, einen sehr guten Einblick, warum die Wellen beim Thema Gendersprache so hoch schlagen – und dies nicht ohne Grund: Denn es steht einiges auf dem Spiel.

Axel Bernd Kunze (Rez.)

Rezension: Weimar – mehr als ein Erinnerungsort. Ein Kraft- und Ideenort bis heute

Helge Hesse: Ein deutsches Versprechen. Weimar 1756 – 1933, Ditzingen: Philipp Reclam jun. 2023, 283 Seiten.

Marita Lanfer: Säen bei Nacht. Der Deutsche Widerstand als Auftrag zur Erziehung, Bad Schussenried: Gerhard Hess 2021, 467 Seiten.

Wenn eine Stadt zu Recht den Titel „Kulturstadt“ trägt, dann wird man dies sicher über Weimar sagen dürfen. Die Residenzstadt des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach hat wie keine andere deutsche Stadt die Kulturgeschichte in einer Dichte geprägt, die nahezu einmalig und im Stadtbild noch heute sichtbar ist. Von den Hauptvertretern der Weimarer Klassik – Goethe, Schiller und Herder – bis zum Bauhaus. Man darf mit Fug und Recht auch noch Eisenach dazu nehmen, das 1741 dem Herzogtum Sachsen-Weimar vertragsgemäß zufiel und mit der historisierend wiederaufgebauten Wartburg, den Bach- und Lutherstätten, seinen ausgedehnten Gründerzeitvierteln und dem Burschenschaftsdenkmal gleichfalls auf bis heute sichtbare Weise die deutsche Nationalkultur repräsentiert – und mit dem Mahnmal für das protestantische Entjudungsinstitut wie Weimar ebenfalls den Kulturbruch von 1933 mitträgt.

Der Philosoph und Wirtschaftswissenschaftler Helge Hesse nimmt seine Leser auf eine faszinierende Reise durch die Kultur-, Ideen- und Geistesgeschichte Weimars mit – bis zum Zivilisations- und Kulturbruch von 1933, der sich im Konzentrationslager Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar manifestierte. Damit endet der historische Durchgang – eine Entscheidung des Autors, die plausibel ist. Dennoch wäre möglicherweise ein Schlusskapitel zum Fortwirken des „deutschen Versprechens“ von Weimar und dem Umgang damit in der DDR wie in der Bundesrepublik wünschenswert gewesen. Noch heute ist das DDR-Erbe in Gestalt seiner Architektur unmittelbar neben dem Deutschen Nationaltheater, dem Gründungsort der Weimarer Republik, deutlich im Stadtbild sichtbar.

Das Buch ist jedem zu empfehlen, der sich auf einen Besuch Weimars vorbereiten will. Aber es geht um mehr als einen Reiseführer für Kulturbürger. Der geistes- und ideengeschichtliche Durchgang durch die Jahre von 1756 bis 1933 zeigt, wie wichtig die Pflege der kulturell-moralischen Grundlagen für die geistige Vitalität, intellektuelle Tiefe und prägende Ausstrahlungskraft eines Gemeinwesens ist. Hesse beginnt seinen historischen Durchgang mit Anna Amalia aus dem Hause Braunschweig-Wolfenbüttel und der Zeit des jungen Herzogs Carl August. Es folgen Kapitel zu Goethe, Schiller sowie Maria Pawlona und Schopenhauer und dann Liszt. Mit Graf Kessler und van de Velde tritt Weimar in die Moderne ein, das Schlusskapitel widmet sich der Epoche des Bauhauses. Ein Personenregister zum schnelleren Auffinden einzelner Episoden fehlt leider.

Historische Fehler trüben den Lesefluss nur geringfügig. So ereignete sich die Heidelberger Spargelaffäre, die den Nationalsozialisten als äußerer Anlass für das Verbot der studentischen Korporationen diente im Kreis des Corps Saxo-Borussia, auch wenn Hesse diesem Ereignis einen burschenschaftlichen Hintergrund gibt. Hesse erwähnt das Wartbugfest, geht aber auf studentengeschichtliche Bezüge in seinem Band nicht weiter ein. Dabei lohnte es sich durchaus, zu fragen, inwiefern das liberale Klima in den thüringischen Fürstentümern auch die Entwicklung der spezifischen Form des deutschen Couleurstudentums begünstigt hat; immerhin liegen die Wurzeln nicht weniger Korpoationsverbände, wie Orte wie Eisenach, Sondershausen, Schwarzburg oder Jena bezeugen, gerade hier in Mitteldeutschland.

Auch gelingt es Hesse nicht, die nationalsozialistische Vergangenheit Weimars in ideengeschichtliche Zusammenhänge einzuordnen. Als Beispiel sei Johannes Itten genannt, den Hesse als Esoteriker kennzeichnet. Wer das Bauhausmuseum in Weimar besucht, erfährt zumindest am Rande, dass sich schon der am Bauhaus lehrende Meister – ein Anhänger der Mazdaznanlehre, eines reformierten Zarathustrismus – mit der damals noch jungen Rassetheorie beschäftigte. Diese war keine „Erfindung“ der Nationalsozialisten, und Itten keineswegs der Einzige seiner Zeit, der sich für deren  vermeintlich „wissenschaftliche“ Thesen interessierte – Hesse erwähnt dieses Interesse des Kunsttheoretikers Itten nicht (nur am Rande sei erwähnt, dass gegenwärtig erneut über rassetheoretische Bezüge im Denken des jungen Joseph Beuys diskutiert wird). Solche Bezüge auszuleuchten, hätte es etwas mehr Tiefenschärfe gebraucht; die Kulturgeschichte der Moderne lässt sich nicht allein im Gegensatz zur nationalsozialistischen Diktatur erzählen, was die brutale Bilderstürmerei der nationalsozialistischen Kulturpolitik in Thüringen gegen das Bauhaus keineswegs rechtfertigt.

Zustimmen mag man dem Autor, wenn er in einem knapp gehaltenen Ausblick schreibt: Weimar habe vor allem dann Ausstrahlungskraft besessen, wenn es mit der eigenen Identität nicht haderte und gerade deshalb auch offen sein konnte für die Begegnung mit anderen Identitäten und Anregungen von außen (Weimar zog Persönlichkeiten wie Franz Liszt, Henry van de Velde oder Wassily Kandinski an). Dies wäre jeder Kulturpolitik zu wünschen, und zwar jenseits üblicher Sonntagsreden. Daher bleibt zu hoffen, dass das humanistische Versprechen der kleinen thüringischen Residenzstadt auch heute und künftig ausstrahlt und Weimar weiterhin ein „bedeutender Kraft- und Ideenort“ (Hesse, S. 276) – so Hesse – bleibt.

Ein Land braucht solche Kraft- und Ideenorte, gerade in seinen dunklen Stunden. Und an dieser Stelle lohnt sich ein Blick auf  Marita Lanfers Band „Säen bei Nacht“, in Anlehnung an eine Formulierung des Jesuitenpaters Alfred Delp, der dem Kreisauer Kreis angehörte. Die Lehrerin fragt nach jenen ideellen Kraftorten, aus denen Mut zum Widerstand erwachsen kann: „Es war auch diese tiefe Verwurzelung in Familie, Heimat und Volk, aus der den Widerstandskämpfern die sittliche Verpflichtung erwuchs, sich bis zur Hingabe ihres Lebens für die Heimat einzusetzen, die sie die ihre nennen konnten“ (Laufer, S. 436). Hier ist sie wieder zu spüren: die eigene Identität, die nicht mit sich selbst hadert. Dabei geht es um eine Verwurzelung, die sich nicht von aktueller politischer Rhetorik täuschen lässt: „Der Nationalsozialismus schien ursprünglich zwar gerade die Ideale von Volk und Heimat hochzuhalten und neu ins Recht zu setzen. Doch das sie jetzt rassisch vergötzt und in ihrem Namen die Achtung anderer Völker und ihrer Heimat mit Füßen getreten wurde, war Verrat von dem, was Verwurzelung ausmachte, und stellte sie infrage“ (ebd.).

Dieser Wurzelgrund muss gepflegt werden, braucht einen Nährboden. Für Lanfer heißt dies: die Bereitschaft der älteren Generation, den Auftrag zur Erziehung anzunehmen; die Bereitschaft, als lebendiges Vorbild zu wirken; die Kraft positiver Leitbilder nicht zu leugnen und den Mut, einen autoritativen Erziehungsstil zu pflegen und Leistungsbereitschaft zu fördern – und, davon ist Lanfer überzeugt, die Weitergabe des Glaubens als Grund jeder Resistenz. Keinem der Widerstandskämpfer, so Lanfer, waren der Mut zur Verantwortung und zum Einstehen für ihre Überzeugungen in die Wiege gelegt, sondern mussten reifen – durch Erziehung und Selbsterziehung: „Zur Selbsterziehung den Grund gelegt zu haben, ist vielleicht die schönste Frucht erzieherischer Arbeit“ (Lanfer, S. 460). Erziehung beinhaltet ebenfalls ein humanes Versprechen, und zwar das Versprechen, dem anderen etwas zuzutrauen

Dass es dabei nicht um Rückwärtsgewandtheit geht, sondern um einen Konservatismus im besten Sinne der Bewahrung tragender Orientierungswerte, der gleichzeitig für Neues offen ist, macht Lanfer am Beispiel des Widerstandskämpfers und Reformpädagogen Adolf Reichwein deutlich. Der junge Akademieprofessor und Sozialdemokrat wurde 1933 zwangsenthoben und entwickelte in der brandenburgischen Provinz von Tiefensee eine eigene Reformschule, die verschiedene Stränge der Reformpädagogik miteinander verband. Im Kreisauer Kreis galt Reichwein, der 1944 – verraten durch einen Spitzel – im Zuge der Schauprozesse nach dem gescheiterten Hitlerattentat hingerichtet wurde, als Kultusministerkandidat in einer Regierung nach Hitler. Sein pädagogisches wie politisches Denken war stark durch die Ideale der Jugendbewegung geprägt: „Bei der Herausbildung der Jugend, die Reichwein zur Berufung wurde, ging es ihm nicht nur um Wissensvermittlung und Verstandesschulung, sondern um die Erziehung des ganzen Menschen, um Wertevermittlung und Charakterbildung. Hier zeigt sich Reichweins Beeinflussung durch die Jugendbewegung ebenso wie in seiner Bereitschaft, Andersdenkende zu akzeptieren und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Mit dieser Einstellung konnte er einen wichtigen Beitrag innerhalb des Kreisauer Kreises leisten, der sich vor der Aufgabe sah, die teils stark divergierenden Auffassungen und Visionen seiner Mitglieder einander anzunähern“ (Lanfer, S. 200).

Axel Bernd Kunze (Rez.)

Rezension: Kinderrechte im Kontext Schule

Adolf Bartz, Katharina Gerarts, Lothar Krappmann, Claudia Lohrenscheit (Hgg.): Praxis der Kinderrechte an deutschen Schulen. Eine Zwischenbilanz (Kinderrechte und Bildung; debus Pädagogik), Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag Dr. Kurt Debus 2023, 380 Seiten.

Manfred L. Pirner, Michaela Gläser-Zikuda, Michael Krennerich (Hgg.): Menschenrechte von Kindern und Jugendlichen im Kontext Schule (Wochenschau Wissenschaft), Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag Dr. Kurt Debus 2022, 327 Seiten.

Wie steht es um die Kinder- und Menschenrechte in der Schule? Zwei Bände aus dem Frankfurter Wochenschau-Verlag versuchen eine Bilanz.

Der Band aus der Reihe „Kinderrechte und Bildung“ stellt vor allem die Beteiligungsrechte von Schülern und Schülerinnen in den Mittelpunkt. Die Zusammenstellung bietet eine anschauliche Sammlung von Praxisbeispielen, einschließlich eines Materialanhangs für die konkrete Umsetzung der Kinderrechte im Kontext Schule. Hier schreiben Lehrkräfte, Studienleiter, Schulleiter … Und das ist wichtig: Denn wie eine beteiligungsorientierte Praxis in der Schule umgesetzt werden kann, ist nicht aus der Menschenrechtstheorie abzuleiten. Deren Erkenntnisse müssen vielmehr pädagogisch rekontextualisiert werden. Und hierfür ist der Blick der Schulpädagogik und Didaktik wichtig, aber entscheidend auch die Stimme der pädagogischen Praxis.

Der Band von Manfred Pirner, Michaela Gläser-Zikuda und Michael Krennerich weitet den Blick, indem er – in jeweils getrennten Teilen des Bandes – die Schutz-, Förder- und Partizipationsrechte von Kindern und Jugendlichen gleichermaßen thematisiert und fragt, was daraus für eine kinderrechtsgemäße Schul- und Unterrichtskultur folgt. Der Band dokumentiert eine Tagung des Center for Human Rights (CHREN) und des Kompetenzzentrums für Schulentwicklung und Evaluation (KSE) der Universität Erlangen-Nürnberg, des Regionalbüros Nürnberg des Deutschen Schulpreises und der Deutschen Schulakademie sowie der Wissenschaftlichen Arbeitsstelle Evangelische Schulen (WAES) in Hannover und des Menschenrechtsbüros der Stadt Nürnberg. Wichtig für die Umsetzung der Kinderrechte im schulischen Kontext ist – wie das Fazit am Ende des Bandes andeutet –, dass deutlich unterschieden ist, wer in diesem Rahmen jeweils welche Aufgaben hat. Dies wird nur im gemeinsamen Miteinander von Schulpraxis, Politik und Wissenschaft gelingen.