Vortrag: Zum Umgang mit Konfessionalität im Bildungssystem

Der folgende Vortrag mit dem Titel „Zum Umgang mit Konfessionalität im Bildungssystem – mit Blick auf die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Erziehung“ wurde im Rahmen der Pfingstakademie des Kardinal-von-Galen-Kreises „Konzilien: Zeichen der Leitung durch den Heiligen Geist?“ am 24. Juni 2023 im Kloster Maria Engelport in Treis-Karden (Mosel) gehalten. Eine überarbeitete Publikation im Rahmen der Tagungsdokumentation ist vorgesehen.


Einleitend zwei Bilder vorweg – aus meinem Heimatbistum Hildesheim: Die Hildesheimer Kirchenzeitung berichtete in ihrer Ausgabe am 11. Juni 2023 darüber, dass erstmals im Hildesheimer Dom katholische und evangelische Religionslehrer ihre Missio Canonica bzw. ihre Vocatio gemeinsam verliehen bekommen haben. Die Gruppe hatte sich zuvor in einer zweijährigen Weiterbildung des Niedersächsischen Landesinstituts für schulische Qualitätsentwicklung für die Übernahme von Religionsunterricht an Berufsbildenden Schulen qualifiziert. Eine der Teilnehmerinnen bedauerte gegenüber der Zeitung, dass eine gemeinsame Eucharistiefeier nicht möglich sei. Der Leiter der Hauptabteilung Schule und Hochschule im Bischöflichen Generalvikariat Hildesheim erklärte im Interview, dies habe nichts mit dem kommenden gemeinsam verantworteten christlichen Religionsunterricht in Niedersachsen zu tun, gründe aber „in der gleichen ökumenischen Haltung und Überzeugung“ wie das neue Unterrichtsmodell.

Ortswechsel: In Gifhorn ist 2018 eine katholisch-muslimische Kindertagesstätte namens „Abrahams Kinder“ eröffnet worden. Die Presse hat ausführlich darüber berichtet. Die katholische Kirche zieht sich in der norddeutschen Diaspora aus verschiedenen Gründen mit ihrer Pastoral aus der Breite zurück. Gleichzeitig scheint es aber genügend Ressourcen für ein derart fragwürdiges Projekt zu geben. Vom bleibenden Missionsauftrag der Kirche ist bei den Verantwortlichen kein Wort mehr zu vernehmen.

Bei allem Verständnis für den Dialog zwischen unterschiedlichen Kirchen und Religionsgemeinschaften ist es nicht Aufgabe der katholischen Kirche, Trägeraufgaben für fremde religiöse Angebote zu übernehmen. Überdies ist der Verein DITIB aufgrund seiner politischen Bindungen an die Türkei ein problematischer Kooperationspartner, dessen Charakter als Bekenntnisorganisation durchaus in Frage steht – auch wenn die Verantwortlichen vor Ort anderes beteuern.

Die Äußerungen des Gifhorner Bürgermeisters in der Presse lassen erahnen, was am Ende von der religiösen Erziehung in einer vermeintlich katholischen Kindertageseinrichtung noch übrigbleibt: Religion wird auf ihren ethischen Gehalt reduziert, und die bestehenden Unterschiede zwischen den Religionen eingeebnet. Religiöse Erziehung bedeutet dann nur noch soziales Lernen auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner im Sinne einer allgemein menschlichen Wertschätzung. Es war wohl eine kluge Entscheidung, dass sich die evangelische Kirche in diesem Fall schlussendlich aus Sorge um ihr evangelisches Profil als Bildungsträger aus diesem gemeinsamen Vorhaben herausgehalten hat.

Wenn wir die beiden Beispiele aus der norddeutschen Diaspora betrachten, liegt die Frage nicht fern: Ist es letztlich ein Anachronismus, wenn wir uns heute überhaupt noch über Konfessionalität im Bildungssystem unterhalten? Braucht es in einer Gesellschaft, die sich auf der einen Seite entchristlicht und auf der anderen Seite heterogener wird, nicht mehr ökumenische und interreligiöse Angebote? Ist mehr Kooperation über Konfessionsgrenzen hinweg nicht gerade ein „Zeichen der Zeit“, dem es zu folgen gilt?

Der folgende Gedankengang wird ein bildungsethischer sein, der die Frage nach dem Umgang mit Konfessionalität im Bildungswesen in den weiteren Zusammenhang von Bildung und Religion einerseits und Staat und Kirche im Bildungsbereich andererseits stellt. Gefragt werden soll:

  1. In welchem Zusammenhang stehen Bildung und Religion zueinander?
  2. Welche Rolle spielen Elternrecht und Privatschulfreiheit aus staatlicher Sicht?
  3. Gibt es ein Recht auf religiöse Bildung?
  4. Wie kann religiöse Bildung in der öffentlichen Schule verankert werden?
  5. Welche bildungsethische Bedeutung besitzt die positive Religionsfreiheit im Bildungsbereich?
  6. Welchen Auftrag haben konfessionelle Schulen?
  7. Welche aktuellen Entwicklungen zeichnen sich ab?

1. In welchem Zusammenhang stehen Bildung und Religion zueinander?

Der Mensch ist weder durch seine Natur vollständig bestimmt noch soll er sich allein durch zufällige gesellschaftliche Einflüsse bestimmen lassen. Der Mensch, der mehr sein soll als allein ein Funktionär der sozialen Verhältnisse, vermag nicht einfach zu existieren, sondern muss sich erst zu dem machen, der er in den Grenzen der Natur und des Rechts sein will. Diese Aufgabe, die wir als Bildung bezeichnen, kann nicht allein anthropologisch oder soziologisch ausgelegt werden; ihr kann nur durch pädagogisches Handeln entsprochen werden. Solches ist nur als Aufforderung zur Selbsttätigkeit denkbar, wenn Bildung, verstanden als Befähigung zur Selbstbestimmung, nicht in Bevormundung, Kontrolle oder Indoktrination umschlagen soll.

Wer sich bildet, ist mit dem Kernbereich seiner Person daran beteiligt. Daher ist das Verhältnis zwischen Bildung und Religion ein besonders sensibler Bereich, der nicht allein eine Aufgabe sozialstaatlicher Organisation darstellt. Bei der Ausgestaltung des Bildungsbereichs erhält der Staat weitreichenden Einfluss auf die personale Integrität des Einzelnen, sowohl in geistig-intellektueller als auch in psychisch-emotionaler und moralisch-religiöser Hinsicht.

Pädagogische und religiöse Fragen hängen eng zusammen. Ein Glaube, der auf Bildung verzichten wollte, wäre die bloße Bindung an Konvention, Überlieferung oder höhere Mächte. Aus christlicher Sicht ist der Mensch von Gott dazu geschaffen worden, seinen Freiheits- und Vernunftgebrauch zu kultivieren. Reifung der menschlichen Person und Wachstum im Glauben gehören nach „Gravissimum educationis“ im Leben eines Getauften zusammen (vgl. GE 2).

Eltern, Lehrer und Erzieher haben hierbei eine gewichtige Aufgabe. Sie können nicht entscheiden, wie die Kinder und Jugendlichen, die ihnen anvertraut sind, später leben, denken und handeln werden. Aber sie beeinflussen den späteren Weg der Heranwachsenden durch das, was sie ihnen durch ihr eigenes Vorbild und durch ihre erzieherische Praxis mit auf den Lebensweg geben – oder eben auch nicht. Und dies gilt auch in religiöser Hinsicht.

Zunächst einmal lernt jeder Mensch die ersten ethischen Regeln von klein auf durch Nachahmung. In der Werterziehung wird es aber darauf ankommen, den Einzelnen herauszufordern, über die eigenen Entscheidungen nachzudenken, diese zu reflektieren und so die Fähigkeit zur eigenständigen sittlich-religiösen Urteilsbildung zunehmend weiter zu entwickeln. Religiöse Sprachfähigkeit muss sich entwickeln und sollte pädagogisch gefördert werden. Sich der Frage nach Gott und nach dem Sinn unserer Existenz zu stellen, wird nur demjenigen gelingen, welcher der Aufgabe und der Anstrengung der Bildung nicht ausweicht – gleich, ob am Ende eine konfessionell bestimmte Antwort steht oder nicht.

Wenn das Verhältnis zwischen Bildung und Religion kein rein äußeres ist, wird es bei der Ausgestaltung des Bildungssystems nicht allein um ein geordnetes Nebeneinander beider Teilpraxen gehen können. Vielmehr hat auch der weltanschaulich neutrale Staat um der Freiheit willen Sorge dafür zu tragen, dass religiöse Fragen und konfessionelle Identitäten nicht aus dem Bildungsbereich ausgeklammert werden. Deutliche Garanten hierfür sind das Elternrecht und die Privatschulfreiheit. Zunächst ein Blick auf den Staat.

2. Welche Rolle spielen Elternrecht und Privatschulfreiheit aus staatlicher Sicht?

Der Kultur- und Verfassungsstaat hat durch seine Rechtsordnung den strukturellen Zugang zu Bildungsangeboten sicherzustellen und die äußeren Rahmenbedingungen des Bildungssystems zu gewährleisten. Als regulative Idee lässt sich Bildung aber nicht ohne Weiteres in bestimmte Verkehrsformen der Individuen untereinander überführen. Wenn Bildung unter der bestimmenden Idee der Selbstbestimmung steht, setzt dies der bildungspolitischen Steuerungskraft und der Wirksamkeit des Staates notwendigerweise Grenzen. Die individuelle Freiheit und die Verschiedenheit der Individuen sind nicht allein ein Resultat von Bildung, sondern auch deren Voraussetzung. Wo die Lebensverhältnisse durch Eintönigkeit, Gleichförmigkeit und Gleichmacherei bestimmt werden, ist auch der Möglichkeit von Bildung der Boden entzogen. Dies äußert sich bei der Implementierung eines Rechts auf Bildung darin, dass es dabei nicht allein um den formalen Zugang zu Bildung geht (Recht auf Bildung). Zu achten ist gleichzeitig auf eine pädagogisch angemessene, inhaltliche Ausgestaltung der Bildungsangebote (Recht durch Bildung) und auf die Freiheitsansprüche der am pädagogischen Prozess beteiligten Akteure (Recht in der Bildung).

2.1 Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR 1948)

International erstmals festgeschrieben wurde ein Recht auf Bildung mit Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948. Bereits dort zeigen sich die drei genannten Kernbereiche, die zusammen den Gehalt eines umfassenden Rechts auf Bildung:

(1.) Recht auf Bildung im engeren Sinne: Zunächst einmal ist Bildung ein eigenständiges Menschenrecht, das jenen Kernbereich der Persönlichkeit schützt, den der Einzelne für die freie Entfaltung seiner geistigen, intellektuellen, volitiven und emotionalen Kräfte benötigt, und ihn vor geistig-intellektuellem Kontrollverlust bewahrt. Er soll sich selbst als ein urteils- und entscheidungsfähiges Subjekt wahrnehmen können und in die Lage versetzt werden, eigenständige fachliche, sittliche, politische oder ästhetische Urteile zu treffen. Ohne hinreichenden Zugang zu Bildungsangeboten wird der Einzelne sein Vermögen zum Vernunft-, Freiheits- und Sprachgebrauch nicht kultivieren können.

(2.) Recht durch Bildung: Dann ist Bildung eine wichtige Voraussetzung für die aktive Teilnahme am sozialen, politischen, ökonomischen, kulturellen und rechtlichen Leben. Ohne Bildung wird der Einzelne weder ein Bewusstsein von sich selbst als Rechtssubjekt entwickeln noch seine Rechte aktiv wahrnehmen können. Bildung im menschenrechtlichen Sinn, so heben die verschiedenen Menschenrechtsdokumente der Vereinten Nationen hervor, soll umfassende Persönlichkeitsbildung und Menschenrechtsbildung sein.

(3.) Recht in der Bildung: Schließlich gründet Bildung als ein kommunikativ-sozialer Prozess auf pädagogischen Beziehungen. Befähigung zu Freiheit und Selbstbestimmung im Bildungsprozess setzt gesicherte Freiheitsräume zwischen den einzelnen pädagogischen Akteuren voraus. AEMR 1948 hatte an dieser Stelle allein das Elternrecht im Blick, doch in der späteren Auslegung sind weitere Rechte der Lernenden und Lehrenden menschenrechtlich entfaltet worden. Die pädagogischen Akteure haben ein Recht auf Mitbestimmung. Gesichert sein muss die Freiheit des Lernens (z. B. Abwehr menschenunwürdiger Erziehungsmittel, Recht der Schüler auf informationelle Selbstbestimmung, Religions-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit, pädagogische Wahlfreiheit) wie die Freiheit des Lehrens (z. B. pädagogische Freiheit, materielle, rechtliche und strukturelle Absicherung der Lehrkräfte). Zugleich muss der freiheitliche Verfassungsstaat sicherstellen, Bildung in nichtpolitischer Form bestimmen zu können, was neben dem Elternrecht durch die Privatschulfreiheit gesichert wird.

2.2 Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK 1950)

Im europäischen Menschenrechtsregime wurde das Elternrecht 1952 mit dem ersten Zusatzprotokoll zur Europäischen Menschenrechtskonvention von 1950 festgeschrieben. Dessen Artikel 2 Satz 2 beinhaltet sowohl das Recht der Eltern auf Erziehung und deren Rechte in Bezug auf die staatliche Schule als auch das Recht auf Gründung von Privatschulen: Beides sind gleichsam zwei Seiten derselben Medaille. Zunächst wird der Staat indirekt verpflichtet, das allgemeine Erziehungsrecht der Eltern zu achten – eine Verpflichtung, die über den Bereich der Schule hinausweist und etwa die Bildung einer Staatsjugend ausschließt. Schulunterricht und Schuldisziplin sind so zu gestalten, dass Eltern eine Erziehung nach ihren religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen möglich bleibt.

Sich von bestimmten Bildungsvollzügen zu befreien, muss möglich bleiben, wenn Überzeugungen der Eltern oder Kinder mit dem staatlichen Erziehungsprogramm in Konflikt geraten. Der staatliche Unterricht darf sich aber – wie der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in einer wegweisenden Entscheidung zum dänischen Sexualkundeunterricht seinerzeit deutlich gemacht hat – durchaus auch auf religiöse oder philosophische Inhalte beziehen, allerdings muss dabei jede Indoktrination vermieden werden, der Stoff vielmehr objektiv, kritisch und pluralistisch dargeboten werden.

Der genannte Artikel legt den Staaten keine Verpflichtung auf, Privatschulen zu finanzieren; die Bundesrepublik Deutschland hat eine solche Verpflichtung in einem Vorbehalt bei Annahme der Konvention noch einmal eigens ausgeschlossen. Doch bleibt die Errichtung von Privatschulen ein wesentliches Mittel, die Elternrechte zu sichern. Umgekehrt kann sich der Staat seiner Verpflichtung, ein eigenes Schulwesen zu unterhalten, nicht dadurch entziehen, dass er auf die Möglichkeit zum Besuch privater Schulen verweist. Er hat auf die Einhaltung bestimmter Standards im privaten Schulsystem zu achten; die Einführung von Genehmigungserfordernissen widerspricht der Konvention nicht.

2.3 Grundrechtecharta der Europäischen Union (GRCh 2000)

Artikel 14 Absatz 3 der Grundrechtecharta der Europäischen Union von 2000 sichert das Erziehungsrecht der Eltern und – vorbehaltlich der Anerkennung demokratischer Grundsätze – die Gründungsfreiheit von Lehranstalten, eingeführt als „Sonderfall“ des Rechts auf unternehmerische Freiheit. Ein staatliches Schulmonopol, das weder Wahlfreiheit noch Wettbewerb kennen würde, ist damit ausgeschlossen. Positive Leistungspflichten des Staates ergeben sich daraus nicht. Beide Gewährleistungen schützen vor staatlichen Eingriffen in den Erziehungsprozess, auch wenn sie ausdrücklich unter dem Vorbehalt einzelstaatlicher Gesetze stehen. Aus Sicht des Kindes gelesen, sichert der betreffende Absatz die Bildungsfreiheit des Kindes gegen äußere Eingriffe und sein Recht auf Bildung unter elterlichem Einfluss.

Wesentliche Prüfsteine dieser Bildungsfreiheit sind zum einen der Umgang mit Religion in der öffentlichen Schule, zum anderen reale Wahlmöglichkeiten, Bildung in konfessionell-religiöser Form eigenständig bestimmen zu können.

3. Gibt es ein Recht auf religiöse Bildung?

Im Rahmen des Richtigen können verschiedene religiöse Bekenntnisse nebeneinander stehen. Der Einzelne bleibt aber herausgefordert, zwischen ihnen eine subjektive Entscheidung zu treffen. Wo Lebensverhältnisse kontingent werden, stellen sich religiöse Fragen neu. Wer angesichts der vorhandenen Vielfalt an Lebenskonzepten, Wertorientierungen und Sinnangeboten nicht gelernt hat, sich zu entscheiden, über den wird sehr leicht entschieden, aber eben von anderen, und derjenige wird leicht manipulierbar. Eine Entscheidungsfähigkeit in Bezug auf religiöse Ansprüche zu vermitteln, stellt einen wichtigen Bestandteil des schulischen Bildungs- und Erziehungsauftrags dar.

Eine selbstbestimmte, tragfähige und pluralismusfähige religiöse Identität wird der Einzelne nur gewinnen können, wenn er fähig ist, die eigene religiöse Tradition in Beziehung zu setzen zur faktisch vorgefundenen Pluralität religiöser Positionen. Wenn interreligiöses Lernen diesem Anspruch gerecht werden will, wird es nicht allein um alltagstaugliche Copingstrategien gehen, also um die Vermeidung kultureller Fauxpas. Gefragt ist der Aufbau differenzierter, situationsübergreifender und nachhaltiger Denkstrukturen, die es dem Einzelnen ermöglichen, eine Urteils- und Entscheidungskompetenz gegenüber religiösen Geltungsansprüchen zu entwickeln und auch mit fremdartigen religiösen Phänomenen verantwortlich umzugehen.

Religiöse Lernprozesse bleiben unverzichtbarer Bestandteil des allgemeinen Bildungsauftrags – nicht im Sinne religiöser Rede, sondern im Blick auf die Befähigung zum Reden über Religion. Wer Religion nicht mehr versteht, erfährt sie als etwas Bedrohliches und gerät in den Zwang, diese zähmen zu müssen. Oder er wird weltanschaulich leichter orientierungslos oder manipulierbar. Im Unterricht muss Religion aber auch als Religion und nicht einfach als (vielleicht zu domestizierende) Funktion von Politik zur Sprache kommen und erfahrbar werden.

Die Ausbildung einer kulturellen oder religiösen Identität – und damit zusammenhängend sozialer Integrationsfähigkeit – werden nur als ein subjektiv bestimmter, aktiv zu gestaltender Prozess gelingen. Religiöse Bildung ist nicht von den Anforderungen einer wie auch immer gedachten staatsbürgerlichen Religion her zu denken, sondern vom sich bildenden Subjekt und seiner praktischen Urteilskraft. Die für die Moderne geltende Autonomie der Bildung setzt eine eigene religiös-konfessionelle Praxis nicht zwingend voraus. Gleichwohl wird von umfassender Persönlichkeitsbildung nur dann gesprochen werden können, wenn der Einzelne in der Lage ist, sich selbst und die Welt um sich mit Bezug auf religiöse Sprachformen wahrzunehmen und zu werten.

Sowohl der religionskundliche als auch der religionspädagogische Unterricht werden interreligiöse Fragen aufgreifen müssen. Gelingender interkultureller und interreligiöser Austausch setzt voraus, dass alle Beteiligten auch etwas haben, das sie einbringen können – andernfalls kommt der Austausch letztlich zum Erliegen. Die Andersartigkeit des anderen zeichnet sich erst vor dem Hintergrund des Eigenen ab – und erst dann kann der Einzelne auch ein begründetes Urteil fällen. Wo alles gleich ausfällt und „gleich-gültig“ ist, kann nicht mehr argumentativ gestritten werden. Eine zwar religionsfreundliche, aber letztlich plural-indifferente Lernumwelt wird religiöse Identitätsbildung eher erschweren als erleichtern.

Das Konfessionsprinzip im Religionsunterricht – Ausdruck der positiven Religionsunterricht in der Schule – schränkt gerade nicht, wie die Münsteraner Religionspädagogin Judith Könemann in der Integrationsdebatte 2017 im Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften moniert hat, das Recht auf religiöse Bildung ein. Denn ein Verständnis für das Fremde wird sich – in der wechselseitigen Verschränkung von Selbst- und Fremdverstehen – nur vom Standpunkt des Eigenen her entwickeln können. Dies wird die in der kulturellen Umwelt vorherrschende Religion oder die eigene konfessionelle Überzeugung sein.

Die Schule kann – sowohl aus pädagogischen als auch menschenrechtlichen Gründen – auf Ebene der Glaubensüberzeugung eine konfessionell ausgerichtete Form des Lernens nicht zur Pflicht erheben. Umgekehrt darf aber auch die positive Religionsfreiheit im Schulbereich nicht davon abhängig gemacht werden, wie Könemann es suggeriert, dass alle Religionsgemeinschaften davon Gebrauch machen. In jedem Fall hat Schule einen Auftrag zu umfassender Persönlichkeitsbildung und damit die Aufgabe, die ihr anvertrauten Schüler in das Gesamt kultureller Möglichkeiten einzuführen und dem Einzelnen erzieherisch Hilfen zur vollen Entfaltung seiner vielfältigen Möglichkeiten anzubieten. Auf der allgemeinbildenden und sittlich-erzieherischen Ebene wird die öffentliche Schule daher die religiöse Dimension nicht ausklammern dürfen.

Bildung kann zwar den Raum eröffnen, die Sinnfrage zu stellen, einen letzten Lebenssinn findet der Einzelne in ihr jedoch nicht. Bildung verweist den Einzelnen auf sich selbst, seinen Lebenssinn zu suchen und jene Wahrheit zu erkennen, die ihn frei macht – frei jenseits aller menschengemachten Bildungsanstrengungen.

4. Wie kann religiöse Bildung in der öffentlichen Schule verankert werden?

Wie religiöses Lernen in der öffentlichen Schule didaktisch und curricular verankert wird, hängt wie bei keinem anderen Fach vom verfassungspolitischen Willen und religionspolitischen Interesse des Staates ab, die beide wiederum gesellschaftlich geprägt werden. Systematisch können nach Karl Ernst Nipkow im Wesentlichen vier Varianten unterschieden werden: (1.) eine Pluralität konfessionell unterschiedener Formen von Religionsunterricht, daneben Ethikunterricht (so das gängigste Modell in der Mehrzahl der deutschen Bundesländer); (2.) ein einheitlicher Religionsunterricht in Verantwortung einer Konfession ohne Wahlalternativen, aber mit der Möglichkeit, sich abzumelden (so bisher in Hamburg); (3.) Religionskunde als Pflichtfach mit nachrangigen Alternativen, etwa einem Religionsunterricht, der nicht ordentliches Lehrfach ist (so z. B. in Brandenburg), und (4.) verpflichtende Religionskunde ohne Möglichkeit der Abmeldung und ohne Wahlalternativen (beispielsweise das Fach „Religion und Kultur“ im Kanton Zürich).

Im ersten Fall, dem konfessionellen Religionsunterricht, vertraut der weltanschaulich neutrale Staat auf die ausreichende Toleranzleistung der betreffenden Konfession – bis zum Erweis des Gegenteils. Vorausgesetzt wird, dass sich auch der konfessionelle Religionsunterricht durch pädagogische Prinzipien bestimmt und entsprechend nichtdoktrinär gestaltet wird.

Im zweiten Fall hat nur eine Konfession ein Mitbestimmungsrecht, darf dieses aber nicht zum Recht auf konfessionell monopolartige Selbstinterpretation umdeuten. Mag die Unterscheidung zwischen legitimen konfessorischen Stellungnahmen und illegitimen konfessionellen Interpretationen auf Schülerseite noch unproblematisch sein, werden sich auf Lehrerseite in der Praxis durchaus erhebliche Abgrenzungsprobleme einstellen – spätestens dann, wenn die Lerngruppe interreligiös gemischt ist. Denn eine Lehrkraft wird schwerlich sowohl aus christlicher als auch muslimischer Perspektive konfessorisch Stellung nehmen können. Im Hamburger Fall zeigten sich diese Abgrenzungsschwierigkeiten sowohl in pädagogischen Debatten innerhalb der federführenden evangelischen Kirche als auch in Forderungen der Muslime nach einem Religionsunterricht in eigener Verantwortung.

Im dritten Fall, dem religionskundlichen Modell, wird den Religionen grundsätzlich kein Recht auf Selbstinterpretation zugebilligt. Dem politischen Anspruch nach erfolgt das interreligiöse Lernen unter Wahrung der weltanschaulich-religiösen Neutralität des Staates. Religiöse Interpretationen, Lehrmeinungen oder Sachverhalte dürfen zwar Gegenstand des Unterrichts sein, in der hermeneutischen Betrachtung aber nicht konfessionell gewichtet werden. In der Praxis bleibt es schwierig, diese Neutralität einzuhalten.

Diese Schwierigkeit trifft auch das vierte Modell. Denn eine obligatorische Religionskunde ist nur um den Preis zu haben, dass die positive Religionsfreiheit der Lernenden (und ihrer Eltern) im Raum der öffentlichen Schule beschränkt wird. Religionsunterricht wie Religionskunde haben als berufswissenschaftliche Disziplin die Pädagogik zur Grundlage, im fachwissenschaftlich-kategorialen Bezugsrahmen unterscheiden sie sich allerdings: Für eine weltanschaulich-neutrale Religionskunde wird dies nicht die Theologie, sondern die Religionswissenschaft sein.

Erst jüngst hat Michael Rux, Ehrenmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, für Baden-Württemberg gefordert, den Religionsunterricht zugunsten eines für alle verbindlichen Faches Ethik/Religionskunde abzuschafffen. Er beruft sich dabei auf eine neue Studie von Hartmut Kreß, emeritierter evangelischer Sozialethiker in Bonn, in der es heißt: „In den Schulen des weltanschaulich neutralen Staates ist der derzeitige Religionsunterricht zum Fremdkörper, zur konfessionellen Exklave geworden.“ Religionskunde statt Religionsunterricht – für Rux wie Kreß ein Schritt religionspolitischer „Normalisierung“. Stimmt das?

5. Welche bildungsethische Bedeutung besitzt die positive Religionsfreiheit im Bildungsbereich?

Der moderne Staat, der die Freiheit seiner Bürger nicht durch eine teleologische Ordnung normiert, kann nicht selbst sittliche oder geistige Zwecke setzen. Den eigenen Bestand wie seine Produktivität wird der freiheitliche Rechts- und Verfassungsstaat nur sichern, wenn seine Bürger zur Selbsttätigkeit freigesetzt werden. Dies begrenzt notwendigerweise den Staat: Der Staat sichert den Rahmen des Bildungssystems; diesen zu füllen, bleibt eine gesellschaftliche Aufgabe, an der zahlreiche Akteure mitwirken.

5.1 Mitgestaltung der bildungspolitischen Öffentlichkeit

Mit dem Entstehen der bürgerlichen Gesellschaft und der Durchsetzung liberaler Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit im neunzehnten Jahrhundert entstanden im kirchlichen Raum christliche Bildungs- und Erziehungsverbände, die sich dieser Aufgabe widmeten; Pionier war der Borromäusverein. Ideengeschichtlich verdanken sich diese dem Bestreben, die Bildungs- und Erziehungsidee christlich oder konfessionell zu begründen und zu durchdringen.

Bei Fach- oder Berufsverbänden dominiert das politische Anliegen bildungspolitischer, berufs- oder statusgruppenbezogener Interessenvertretung gegenüber staatlichen, kirchlichen oder gesellschaft­lichen Akteuren.

In pastoralerHinsicht unterstützen  konfessionelle Verbände im Bildungsbereich den besonderen Erziehungsauftrag der Kirche, den das Zweite Vatikanum in der Präambel seines Erziehungsdokuments „Gravissimum educationis“ folgendermaßen umrissen hat: „In der Erfüllung ihres göttlichen Stifters soll die heilige Mutter Kirche […] alles in Christus erneuern. Ihrer Sorge ist daher auch das ganze irdische Leben aufgegeben, insofern es mit der himmlischen Berufung im Zusammenhang steht; so hat sie auch bei der Förderung und Ausweitung der Erziehung ihre Aufgabe zu erfüllen.“ Zum einen soll Kirche durch Katechese und religiöse Bildung den Glauben weitertragen, wobei die in Freiheit zu vollziehende Glaubensentscheidung auf Befähigung zur Selbstbestimmung, also Bildung, unverzichtbar angewiesen bleibt. Zum anderen trägt die Kirche soziale Sorge dafür, dass alle Menschen ihr Recht auf Bildung verwirklichen und das in der Menschenwürdeidee geschützte Vermögen zur Freiheit entfalten können.

5.2 Pflege christlicher Orientierungswerte

Kulturethisch tragen kirchliche Bildungs- und Erziehungsverbände dazu bei, jenes sozial-moralische Fundament zu erhalten, auf das der freiheitliche Rechts- und Verfassungsstaat zum Selbsterhalt angewiesen bleibt, über dessen Gehalte er aber nur äußerst begrenzt verfügen darf. Dabei geht es – so Peter Häberle aus juristischer Sicht ( Erziehungsziele und Orientierungswerte im Verfassungsstaat, Freiburg i. Brsg. 1981) – um jene Orientierungswerte, „die das sozialethische Verhalten des Bürgers im Alltag bestimmen. Sie sind für eine offene Gesellschaft unverzichtbar und stellen ein Stück ihrer Identität dar“.

Es bedarf es eines vermittelnden Bindegliedes zwischen der Tätigkeit des Staates und den Einzelsubjekten, und zwar einer gesellschaftlichen Öffentlichkeit, in der über eine gerechte und gute Ordnung der menschlichen Gesamtpraxis – angesichts begrenzter Ressourcen – diskutiert wird. Über konfessionelle Bildungsverbände wie Bildungseinrichtungen nehmen kirchliche Akteure wie einzelne Gläubige an der Ausgestaltung der bildungspolitischen Öffentlichkeit aktiv teil und bringen dabei christliche Orientierungswerte zur Geltung. Die freiheitliche Verfassung liefert zwar Orientierungsmaßstäbe; wie die Ziele der Verfassung aber innerlich verwirklicht werden, bleibt Sache des mündigen Bürgers. Für das freiheitliche Gemeinwesen ist ein Trägerpluralismus im Bildungsbereich unverzichtbar.

5.3 Sicherung individueller Wahlfreiheit

Dem Bürger bietet dies die Möglichkeit der Wahl, bedingt aber auch den Zwang zur Entscheidung. Erst aus dem Vorhandensein sich überschneidender, auch konkurrierender Orientierungswerte gewinnt die freiheitliche Verfassungsordnung des Staates „Maßstäbe für Verantwortung“ und inhaltliche Erfüllung. Ein die Freiheit seiner Bürger absorbierender Staat entspräche nicht dem neuzeitlichen Freiheitsideal und der Würde des Menschen. Menschenrechtlich geschützt ist der individuelle Anspruch, sich frei zu vergemeinschaften und Bildung in nichtpolitischer, beispielsweise konfessioneller, Form bestimmen zu können. Gerade konfessionelle Schulen sind ein wichtiges Instrument, die menschenrechtlich geschützte Wahlfreiheit im Bildungsbereich praktisch einzulösen.

6. Welchen Auftrag haben konfessionelle Schulen?

Konfessionelle Schulen vermitteln gehaltvolle soziale Erfahrungen im Rahmen eines erkennbaren Profils und bieten dem Educandus Hilfestellung, diese geistig zu verarbeiten und im Licht der eigenen Glaubensüberzeugungen zu deuten. Dabei geht es um mehr als Wissen oder formale Fähigkeiten. Bildung setzt, soll der Einzelne nicht bloß Funktionär der bestehenden Verhältnisse oder der Interessen der Gemeinschaft sein, die Überzeugung voraus, dass es im menschlichen Leben etwas geben sollte, das über die Mittel der bloßen Daseinserhaltung hinausgeht. Andernfalls würde das Bewusstsein des Subjekts auf das Überlebensinteresse des Kollektivs reduziert. Bildung kann nicht selbst Sinn stiften, sondern bleibt auf ein außerhalb von ihr erzeugtes Ethos angewiesen, das zum pädagogischen Handeln motiviert. Notwendig ist eine pädagogische Haltung, die daran interessiert ist, die Selbstbestimmung des anderen zu fördern und seine Freiheit zu stärken.

In konfessionellen Schulen geschieht dies in der schöpferischen Auseinandersetzung mit christlichen Werten und Traditionen, durch die Einübung von Regeln, das Ringen um gemeinsame Überzeugungen und durch Einbindung in eine Verantwortungsgemeinschaft, die ein religiöses Orientierungswissen lebendig erhält. Durch kirchliche Verbände, Vereinigungen oder Einrichtungen im Bildungsbereich verwirklicht sich das Christentum ausdrücklich als Bildungsreligion. Allerdings haben hier in der Rezeption von „Gravissimum educationis“ signifikante Verschiebungen stattgefunden: vom kirchlichen Verkündigungsauftrag hin zum diakonischen Handeln, vom kirchlichen Bildungsauftrag hin zum sozialstaatlichen Handeln.

6.1 Kirchliches Zeugnis im Bildungsbereich

„Gravissimum educationis“ bekräftigt aus kirchlicher Sicht zunächst das Erziehungsrecht der Eltern (GE 6) und damit auch das Recht katholisch getaufter Kinder, „nach den sittlichen und religiösen Grundsätzen“ (GE 7) ihrer Familie erzogen zu werden. Die Eltern haben sowohl für die „profane“ als auch „christliche Ausbildung“ ihrer Kinder Sorge zu tragen (GE 7); folgerichtig wird katholischen Eltern die Wahl einer katholischen Schule besonders nahe gelegt (GE 8). Aber auch außerhalb der katholischen Schule sollte die „religiöse Freiheit“ gesichert sein, sodass „eine Erziehung nach den sittlichen und religiösen Grundsätzen der Familien erteilt werden kann“ (GE 7).

Der Staat hat das in der Personwürde wurzelnde Recht auf Erziehung (GE 1) sicherzustellen, doch weist das Zweite Vatikanum, dem Subsidiaritätsprinzip der kirchlichen Soziallehre entsprechend, jede Art von staatlichem Schulmonopol zurück (GE 6). Die Kirche verweist – unter Bezug auf ihren apostolischen und missionarischen Sendungsauftrag – auf ihr Recht, „Schulen jeder Art und jeder Rangstufe frei zu gründen und zu leiten“ (GE 8). Die kirchliche Rolle als Schulträger sei nicht allein um der Gewissensfreiheit und des Elternrechts willen wichtig, sondern besitze eine weitergehende kulturethische Bedeutung. Die Formulierungen der konziliaren Erziehungserklärung lassen einen deutlichen Fortschrittsoptimismus erkennen, der sich nicht zuletzt in einer Aufgeschlossenheit pädagogischen Reformen gegenüber äußert.

Das Bildungshandeln der Kirche stellt für das Zweite Vatikanum einen wichtigen Teil des Verkündigungsauftrags (martyria) der Kirche dar, den sie von Christus empfangen hat; dies gilt nicht zuletzt für die Lehrer katholischer Schulen, die „in Leben und Lehre für Christus, den einzigen Lehrer, Zeugnis ablegen“ (GE 8) sollen. Mit dieser Akzentsetzung bestätigt „Gravissimum educationis“ stärker eine auf Kontinuität als Diskontinuität setzende Lesart des letzten Konzils.

Die Kirche hat kein „‘Patent‘ auf Schule“, wie Rafael Frick in seiner Dissertation zu den Grundlagendokumenten Katholischer Schule (Grundlagen Katholischer Schule im 20. Jahrhundert. Eine Analyse weltkirchlicher Dokumente zu Pädagogik und Schule, Baltmannsweiler 2006) es ausdrückt, aber sie sucht Schule – „Gravissimum educationis“ – „mit ihrem Geiste zu durchdringen und zu vervollkommnen“ (GE 4). Katholische Schule bestimmt sich zunächst einmal durch die pädagogischen Aufgaben, Funktionen und Ansprüche von Schule, etwa ihre Enkulturations-, Qualifikations-, Allokationsfunktion oder das schulische Überwältigungsverbot. Dies schließt auch ein, damit zu rechnen, dass Educandi sich im Laufe ihrer Entwicklung gegen das Sinnangebot entscheiden, das die konfessionelle Schule vorlebt.

Das Proprium katholischer Schule zeigt sich aber darin, wie diese ihre pädagogischen Aufgaben wahrnimmt, und zwar aus dem „Geist der Freiheit und der Liebe des Evangeliums“ (GE 8) heraus. Diese Grundhaltung kann nicht abstrakt gelebt werden, sondern muss Ausdruck finden in einem profilierten pädagogisch-konfessionellen Programm. Kennzeichnend für die pädagogische Arbeit katholischer Schule sind eine Verschränkung von Persönlichkeitsentfaltung und Christwerdung im Sinne eines gemeinsamen Wachstumsprozesses sowie eine durchgängige Ausrichtung der – noch einmal „Gravissimum educationis wörtlich – „gesamte[n] menschliche[n] Bildung auf die Heilsbotschaft […], so daß die Erkenntnis, welche die Schüler stufenweise von der Welt, vom Leben und vom Menschen gewinnen, durch den Glauben erleuchtet wird“ (GE 8).

Diese Kennzeichen katholischer Schule werden nur dann erfüllt werden können, wenn es konfessionellen Schulen möglich bleibt, eigenständige pädagogische Akzente zu setzen, durch die sie sich deutlich von staatlichen Schulen abheben, etwa bei der Auswahl von Lehrkräften, der Ausgestaltung des Schulcurriculums, der Auswahl pädagogisch-didaktischer Referenztheorien oder der Gestaltung des Schullebens, Zunehmende Regulierungen im Schulbereich, nicht zuletzt gegenüber staatlich anerkannten Ersatzschulen, eine rigider werdende Schulaufsicht sowie der Trend zu egalitaristischen Gerechtigkeitskonzepten laufen aktuell diesem Anliegen entgegen und zwingen kirchliche Schulen immer stärker zur Vergleichbarkeit mit staatlichen. Noch scheut die Kirche davor zurück, die damit verbundene Aushöhlung der grundgesetzlich wie kirchlich geforderten Privatschulfreiheit deutlich beim Namen zu nennen.

6.2 Kirchliche Bildungsdiakonie

Die katholischen Schulen sind ein wichtiges Instrument, durch das Kirche im schulischen Bereich präsent ist. Begründet wird dieses Engagement der Kirche im Bildungssystem in „Gravissimum educationis“ nicht allein mit dem Erziehungsrecht der Eltern oder der Gewissensfreiheit. Die Kirche leiste darüber hinaus einen wichtigen Dienst an der gesamten Gesellschaft und fördere den kulturellen Fortschritt. Unter Bezug auf das gleichnamige Gleichnis ist das Konzil der Überzeugung, dass das kirchliche Apostolat im Bildungsbereich „zum Sauerteig des Heils für die menschliche Gemeinschaft“ (GE 8) werden könne. Aber wohlgemerkt: Der Bezug zum Verkündigungsauftrag der Kirche bleibt an dieser Stelle deutlich erhalten.

Katholische Schulen stehen auch nichtkatholischen Schülern offen. Wenn „Gravissimum educationis“ diesen Umstand vor allem im Blick auf die „jungen Kirchen“ in klassischen Missionsgebieten hervorhebt (GE 9), so ist durchaus zu fragen, wie kirchliches Schulehalten hier und heute eine wertvolle Hilfe für Schüler sein kann, die dem christlichen Glauben fernstehen. Allerdings birgt eine zunehmend pluraler werdende Einwanderungsgesellschaft pädagogisch und bildungsethisch ein durchaus hohes Konfliktpotential, das häufig unterschätzt wird.

Katholische Schulen leisten einen wichtigen Beitrag, dass die Einzelnen ihr Recht auf Bildung wahrnehmen können, und setzen sich damit für die Sicherung  pädagogischer Freiheit und eines bildungspolitischen Pluralismus ein, indem sie den Lernenden und ihren Eltern ermöglichen, Bildung in einer klar erkennbaren konfessionellen Form zu bestimmen. Dieses eigenständige Profil und der spezifische Beitrag, den kirchliche Schulen zur Sicherung der Freiheit des Lernens erbringen, werden nur dann erhalten bleiben, wenn der diakonische Auftrag (diakonia) katholischer Schule als Ausfluss des kirchlichen Verkündigungsauftrags betrachtet wird – und nicht umgekehrt.

Katholische Schulen müssen das Recht haben, über die Aufnahmekriterien selbst zu entscheiden sowie ihren Bildungs- und Erziehungsauftrag mit einem eigenständigen Profil umzusetzen, das sich erkennbar von dem anderer Träger unterscheidet. Zu begrüßen ist es daher, dass Gerichte bisher (noch?) klare Grenzen ziehen, wenn Eltern allein aus pragmatischen Erwägungen (z. B. Schulwegverkürzung) ihr Kind in eine konfessionelle oder Konkordatsschule einzuklagen versuchen. Ein Profil muss konkret gelebt werden, damit es nicht verwässert oder sich verflüchtigt. Umgekehrt haben nichtkatholische Schüler, die sich frei für ein solches Bildungsangebot entscheiden, daher die Verpflichtung, dieses Profil mitzutragen, etwa durch verpflichtende Teilnahme am Religionsunterricht, Mitgestaltung christlicher Feiern im Lebensraum der Schule oder die Teilnahme am liturgischen Leben der Schulgemeinde.

Die Kirche sichert durch ihr schulisches Handeln das Recht ihrer eigenen Glieder auf christliche Erziehung (GE 2) und legt mit ihrem eigenen Erziehungsprogramm Zeugnis von der Hoffnung ab, die dieses Handeln trägt, nicht zuletzt gegenüber nichtchristlichen Schülern, die sich für das kirchliche Bildungsangebot entscheiden. Beide Aufträge kann die katholische Schule aber nur erfüllen, wenn ihr spezifisches Profil nicht verloren geht, etwa indem allgemein sozialpolitische Anliegen dominieren, Fragen konfessioneller Identität aber hintenan gesetzt werden, wie es etwa in der Dissertation der Münchner Theologin Anna Noweck mit dem Titel „Katholische Schulen – beteiligungsgerecht? Eine sozialethische Untersuchung  unter der besonderen Berücksichtigung des Capabilities Approach“ (Bielefeld 2013) geschieht.

Bildung erscheint mitunter als neue Heilsversprechen einer säkularisierten Wissensgesellschaft. Bildung trägt durch Stärkung der praktischen Urteilskraft dazu bei, dass Gerechtigkeit möglich wird, indem die Educandi befähigt werden, Fragen der Gerechtigkeit zu identifizieren, darüber zu reflektieren und daraus Schlüsse für ihr Handeln abzuleiten. Die Herstellung gesellschaftlicher Gerechtigkeit und auch von Gerechtigkeit im Bildungssystem bleibt hingegen eine politische Aufgabe.

Wo in der Folge Fragen konfessioneller Identität nicht ernst genommen werden, wird die Persönlichkeit des Einzelnen nicht wahrgenommen. Konfessionelle Schulen bleiben ein Stachel im Fleisch des Bildungssystems – gegen egalitaristische Tendenzen der Bildungspolitik und gegen Tendenzen, Religion aus dem öffentlichen Raum zu verbannen.

7. Welche aktuellen Entwicklungen zeichnen sich ab?

… zugleich eine Art Schlusswort und Ausblick.

1. Ein Blick auf den sozialethischen Bildungsdiskurs

Bildungs- und Sozialpolitik haben grundsätzlich eine andere, voneinander unterschiedene Aufgabe. Andernfalls kann die Debatte um Bildungsgerechtigkeit zur Stellvertreterdebatte werden, in der Bildungsprobleme zur Lösung anderweitiger sozialer Fragen instrumentalisiert werden, vielleicht aufgrund sozialpolitischer Ratlosigkeit. Die für Bildung konstitutive Idee der Selbstbestimmung liefe Gefahr, durch andere gesellschaftliche Zwecke absorbiert zu werden.

Der eigenständige Bildungsdiskurs innerhalb der katholischen Sozialethik, wie er sich im Gefolge der ersten PISA-Studien entwickelt hat, versteht in weiten Teilen Bildungspolitik als einen Teil vorsorgender Sozialpolitik, verbunden mit der Tendenz, Bildung auf ihre äußere soziale Seite zu reduzieren. Bildung erscheint dann vor allem als eine Anpassungsleistung zwischen Subjekt und Sozialstruktur. Durch das Bildungs- und Erziehungsverständnis von „Gravissimum educationis“ gedeckt ist ein solch verkürztes Bildungsverständnis nicht.

Stellvertretend mag an dieser Stelle Katja Neuhoffs Studie „Bildung als Menschenrecht. Systematische Anfragen an die Umsetzung in Deutschland“ stehen, die im Rahmen des sozialethischen DFG-Forschungsprojekts „Das Menschenrecht auf Bildung: Anthropologisch-ethische Grundlegung und Kriterien der politischen Umsetzung“ entstanden ist. Ausdrücklich schließt sich die Autorin dem Reformverständnis Oskar Negts an, ohne allerdings dessen marxistische Grundierung zu reflektieren: „Reform“ – so Negt, zitiert von Neuhoff – „ist im strengen Sinne immer Reform an der Gesellschaft, das heißt also Veränderung von Strukturverhältnissen der Gesellschaft. […] Reform ist eigentlich ein Begriff der Veränderung von Herrschafts- und Machtverhältnissen. Und wenn das nicht der Fall ist, dann ist das einfach ein usurpierter, ein angemaßter Begriff von Reform.“ Eine dergestalt konzipierte Sozialethik der Bildung beschränkt sich nicht auf die normative Beurteilung der Möglichkeitsbedingungen von Bildung. Vielmehr werden bildungsethische Forderungen in Dienst genommen für Ziele einer weitreichenden Gesellschaftsreform.

Eine so konzipierte Bildungsethik hat Auswirkungen auf das Staatsverständnis: Insbesondere im Zuge eines erweiterten Diskriminierungsverständnisses, bei dem das Nichtdiskriminierungsgebot weniger formal als vielmehr stark inhaltlich gefüllt ausgelegt wird, und einer egalitaristischen Lesart sozialer Gerechtigkeit erhält der Staat als Adressat der Menschenrechte erheblich erweiterte Möglichkeiten, den gesellschaftlichen Diskurs im Sinne politisch erwünschter Haltungen zu prägen. Dabei gerät aus dem Blick, worum „Gravissimum educationis“ noch weiß, dass der Staat recht deutlich in die private Lebensführung einzugreifen vermag. In der jüngeren Sozialethik der Bildung ist hingegen zu beobachten, dass die Erwartungen an den Staat deutlich wachsen, mitunter bis zum politischen Kitsch gesteigert. Der Staat erscheint weniger als Garant innerer und äußerer Sicherheit, dem erhebliche Machtmittel zur Verfügung stehen, sondern als eine Agentur, die für die Erfüllung privater wie gesellschaftlicher Bedürfnisse Sorge zu tragen habe. Bildung, Erziehung und Betreuung werden unter dem Signum der Bildungsgerechtigkeit politisch wie pädagogisch zunehmend stärker miteinander verschränkt, was zu einer Vermischung privater und öffentlicher Erziehungsleistungen führt. Zugleich wird eine stärkere öffentliche Verantwortung für die Erziehung von Kindern und Jugendlichen gefordert und ein erweitertes Eingriffsrecht des Staates, mitunter auch eine Eingriffspflicht, in deren Lebensumstände oder in das Familienleben befürwortet.

Immer häufiger ist im öffentlichen Bildungsdiskurs von „Privatschulen“ die Rede – und nicht mehr von Schulen in freier Trägerschaft. Und zwar auch im Blick auf traditionelle Bildungsträger wie die Kirchen, nicht allein im Blick auf kommerzielle Angebote, etwa jene globalisierungsorientierten „International Schools“, die sich in manchen Ballungsräumen deutlich vermehren.  Suggeriert wird damit ein elitäres, absonderndes und segregierendes Moment freier Schulen, nicht deren Rolle als Gegengewicht zu einem Schulmonopol des Staates. Sekundiert werden diese Verschiebungen etwa von der Münsteraner Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins, wenn diese im Abschlussband zu einem Forschungsprojekt zur Identitätspolitik Katholischer Schulen fordert, diese nicht als eine „Elitebildung im elitistischen Sinne“ (was auch immer damit gemeint sein soll) zu konzipieren, sondern anhand der menschenrechtlich-sozialethischen Kritieren von freiem Zugang, Verfügbarkeit und dem Lernziel Verantwortungsfähigkeit, und damit letztlich als ein „auch strukturell […] sozial verpflichtetes, diakonisches Projekt einer ‚Schule für alle‘“.

Die Menschenrechtsdebatte hat nach Ende der Blockkonfrontation einen erstaunlichen Aufschwung erlebt, auch innerhalb der katholischen Sozialethik. Wenn etwas zum „Megathema“ wird, sind problematische Folgen nicht verwunderlich. Einer überschießenden Interpretation der Menschenechte droht gerade jene Kultur des Maßes verloren zu gehen, die für die Aufrechterhaltung einer freiheitlichen Rechts- und Gesellschaftsordnung unverzichtbar ist – mit paradoxen Folgen: Die plurale Gesellschaft, die sich nicht mehr traut, verbindliche Maßstäbe zu setzen, versucht durch ein Übermaß an Steuerung, das exakte Maß herzustellen. Was irritiert, Widerspruch erregt oder den allgemein herrschenden Konsens in Frage stellt, gerät schnell unter Verdacht, wird tabuisiert und aus dem allgemeinen Diskurs als vermeintlich „intolerant“ ausgegrenzt.

Die Kirchen vermitteln nicht selten den Eindruck, als seien die Menschenrechte schon der eigentliche Inhalt der kirchlichen Botschaft – und entziehen sich damit der eigenen theologischen Begründungsarbeit und Reflexionsanstrengung. In der Folge sind Sozialethik und Kirchen schnell dabei, den bildungspolitischen Mainstream unreflektiert zu übernehmen. Der Inklusions-, Diversity-, Gender- oder Gerechtigkeitsdiskurs bietet hier genügend Anschauungsmaterial. Doch wo identitätsbildende Kategorien und differenzierende Maßstäbe schwinden, wird das Diskursklima keinesfalls liberaler: Immer heftiger werden vielfach ethische Ideale gegen eine Realität verteidigt, die sich dann doch als widerstandsfähiger und standhafter erweist, als man sich selbst eingestehen will.

2. Ein Blick auf den Religionsunterricht

In Hamburg wurde ein „Religionsunterricht für alle“ (RUfa 2.0) entwickelt. Selbst die eher reformorientierte „Herder Korrespondenz“ fragt im Januar dieses Jahres, ob hier noch von einem konfessionellen Modell gesprochen werden kann oder nicht vielmehr religionskundliche Anteile überwiegen: „Handelt es sich nicht vielmehr nur um einen ‚Bauchladen von Bekenntnissen‘, die letztlich eher verwirren, als in ein religiöses Weltverstehen einzuweisen?“ Und tatsächlich: Am Ende des Beitrags wird angesichts der religionssoziologischen Verschiebungen in einer faktischen Einwanderungsgesellschaft eine Ausweitung religionswissenschaftlicher Inhalte in der Lehrerausbildung gefordert.

In Niedersachsen wollen die beiden großen Kirchen, sicher auch aus einer organisatorischen Not heraus, künftig einen gemeinsam verantworteten Christlichen Religionsunterricht anbieten. Verfassungsrechtliche Bedenken, so ein Gutachten des Juristen Ralf Poscher, bestünden nicht, da die Kirchen weiterhin deutlich als „Mitveranstalter“ und konfessionelles „Gegenüber des Staates“ auftreten. Mittlerweile liegt das Projekt auf der Arbeitsebene: Die Schulaufsicht soll die notwendigen Klärungen herbeiführen und einen Zeitplan erarbeiten, nach dem die neuen gesetzlichen Grundlagen, Erlasse, Regelungen und Lehrpläne erarbeitet werden können. Der eingangs schon zitierte Leiter der Hildesheimer Bildungsabteilung rät Religionspädagogen, die sich schon jetzt auf die neue Form des Religionsunterrichts vorbereiten wollen, dazu, „sich vor allem mit den Geschwistern im Glauben, also den je anderen Konfessionen“ zu beschäftigen.

Doch welche Rolle werden konfessionelle Unterscheidungs- und Identitätsmerkmale künftig im Zuge der neueren religionspädagogischen Entwicklung noch spielen? Wissenschaftlich begleitet wird das neue Modell in Niedersachsen durch Henrik Simojoki, praktischer Theologe an der Berliner Humboldt-Universität, und seinen Bamberger katholischen Kollegen Kontantin Lindner. Keine Lehrkraft, so versichern sie im Doppelinterview, solle etwas vertreten müssen, was sie persönlich nicht überzeuge. Zugleich betont Lindner in einem Doppelinterview für die norddeutschen Kirchenzeitungen am 29. Januar 2023: „Beim Blick auf die aktuellen Curricula zeigt sich aber: Es gibt viele Themen, zum Beispiel zu ethischen Fragen, wo nur selten Differenzen existieren.“ Zunehmende konfessioelle Differenzen, etwa in der Bioethik oder der Ethik am Lebensanfang und -ende, scheinen mir hier eher kleingeredet zu werden.

Lindner lässt aber noch eine weitere Katze aus dem Sack: „Und ich würde mir wünschen, dass sich auch Themen verändern. […] Viele Schülerinnen und Schüler sind heute nicht mehr religiös sozialisiert. Es gilt zu überlegen, in welchen Themen heute noch Religion drinsteckt. Wir haben eine Gesellschaft, deren Demokratie herausgefordert wird. Da kann Religion einen guten Beitrag leisten.“ Als Beispiele nennt er Nachhaltigkeit und Geschlechtergerechtigkeit. Also: Religionsunterricht light als verkappte Erziehung für Demokratie, Menschenrechte und Zivilgesellschaft?

Eines ist klar: Im Zuge dieser Entwicklung wird sich über kurz oder lang auch das Theologiestudium verändern, indem anderskonfessionelle Inhalte stärker integriert werden. Karl-Heinz Menke befürchtet in einem Beitrag für die „Neue Ordnung“ eine fortschreitende Auflösung konfessioneller Identitäten in der Fakultätslandschaft und einen Ausbau interreligiöser Fachbereiche sowie eine sich vom kirchlichen Lehramt emanzipierende Theologie, die ihre Inhalte libertarisch selbst bestimmt. Dann ließen sich theologische Lehrstühle aber auch problemlos in kulturwissenschaftliche Fakultäten einbinden.

Ist das konfessionelle Zeitalter unwiderbringlich zu Ende? Und müssen wir uns in Religionspädagogik, Theologie und katholischem Schulwesen endlich darauf einstellen und unser kirchlich-theologisches Handeln so verändern, dass es anschlussfähig wird an die neue plurale Multioptions- und Migrationsgesellschaft? Oder sollten wir nicht vielmehr anders herum fragen: Sollten wir nicht Religionspädagogik, Theologie und kirchlich gebundene Bildung selbstbewusster denken und nach Bündnispartnern Ausschau halten, die mit ihren Positionen anschlussfähig wären an theologische und kirchliche Positionen?

Volksbegehren: Stoppt Gendern in Baden-Württemberg

Die Initiative für ein Volksbegehren gegen Gendersprache in Baden-Württemberg hat mit 12.000 gesammelten Unterschriften die erste Hürde genommen. Ein Zulassungsantrag für einen Volksentscheid sei nach der Sommerpause geplant. Parallel werden Gespräche mit den Akteuren im Landtag beginnen.

Die Auseinandersetzung wird weitergehen. Und das ist auch gut so. Mit dem Ziel, unsere Sprache vor Moralisierung, Politisierung und Zerstörung zu bewahren, steht kulturell und politisch viel auf dem Spiel. „“Die Auseinandersetzung wird weitergehen. Und das ist auch gut so. Mit dem Ziel, unsere Sprache vor Moralisierung, Politisierung und Zerstörung zu bewahren, steht kulturell und politisch viel auf dem Spiel. „Bildungsethik“ wird die politische Initiative weiterhin unterstützen. Weitere Informationen finden Sie hier:

https://stoppt-gendern-in-bw.de/aufruf/

Rezensionen: Drei neue Besprechungen im Onlineportal Socialnet

Cover Gülcan Akkaya, Peter Frei u.a.: Grund- und Menschenrechte in der Asyl- und Flüchtlingsarbeit ISBN 978-3-906036-51-9

Gülcan Akkaya, Peter Frei, Meike Müller: Grund- und Menschenrechte in der Asyl- und Flüchtlingsarbeit. Ein Handbuch für die Praxis. Interact Verlag Hochschule Luzern (Luzern) 2022. 187 Seiten. ISBN 978-3-906036-51-9. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR, CH: 36,00 sFr.

https://www.socialnet.de/rezensionen/29715.php

Cover Barbara Mertins, Patricia Ronan (Hrsg.): ankommen // angekommen ISBN 978-3-7639-7186-2

Barbara Mertins, Patricia Ronan (Hrsg.): ankommen // angekommen. wbv Media GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2022. 92 Seiten. ISBN 978-3-7639-7186-2. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
Reihe: verorten. Räume kultureller Teilhabe.

https://www.socialnet.de/rezensionen/29908.php

Cover Claudia Gärtner, Britta Konz u.a. (Hrsg.): Begegnungsräume // Kontaktzonen ISBN 978-3-7639-7277-7

Claudia Gärtner, Britta Konz, Andreas Zeising (Hrsg.): Begegnungsräume // Kontaktzonen. wbv Media GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2022. 94 Seiten. ISBN 978-3-7639-7277-7. 24,90 EUR.
Reihe: verorten. Räume kultureller Teilhabe.

https://www.socialnet.de/rezensionen/29907.php

Neuerscheinung: Sonderheft für alle, die sich für eine Lehrtätigkeit in der Erzieherausbildung interessieren

Lehrkräfte an Fachschulen und Fachakademien für Sozialpädagogik sind gesucht. Ein neues Sonderheft der Zeitschrift PädagogikUNTERRICHT will Interesse für dieses Arbeitsfeld wecken. Das Heft richtet sich an Studierende, angehende Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst oder weitere Interessierte, die sich über eine Lehrtätigkeit in der Erzieherausbildung informieren wollen:

Axel Bernd Kunze, Carsten Püttmann (Red.): Gelingende Erziehung reflektiert praktizieren (= PädagogikUNTERRICHT, Sonderheft 2023: Unterrichten an Fachschulen und Fachakademien für Sozialpädagogik), hg. v. Verband der Pädagogiklehrer und Pädagogiklehrerinnen (VdP), Wesel 2023.

Das Heft steht auf den Seiten des Bundesverbands evangelischer Ausbildungsstätten für Sozialpädagogik (BeA) zum kostenlosen Download zur Verfügung:

Vortrag: Braucht Religion Bildung? Braucht Bildung Religion?

Braucht Religion Bildung? – Braucht Bildung Religion?

(3) Grundsatz eines jeden Unterrichts muß die Duldsamkeit sein. Der Lehrer hat in jedem Fach auf die religiösen und weltanschaulichen Empfindungen aller Schüler Rücksicht zu nehmen und die religiösen und weltanschaulichen Auffassungen sachlich darzulegen.

(4) Ziel der Erziehung ist, den jungen Menschen zur sittlichen Persönlichkeit zu bilden, seine berufliche Tüchtigkeit und die politische Verantwortung vorzubereiten zum selbständigen und verantwortlichen Dienst am Volk und der Menschheit durch Ehrfurcht und Nächstenliebe, Achtung und Duldsamkeit, Rechtlichkeit und Wahrhaftigkeit.

So steht es in Artikel 56 der Verfassung des Landes Hessen. Heute also doch Hessen: Bildung unter Rücksichtnahme auf religiöse Empfindungen, Bildung unter Bezugnahme auf religiöse Auffassungen und eine Erziehung durch Ehrfurcht und Nächstenliebe – mit dem Ziel eines verantwortlichen Dienstes am Volk und der Menschheit. Religion spielt auch für den weltanschaulich neutralen Verfassungs- und Kulturstaat eine Rolle, wie gestern Abend deutlich geworden ist. Heute Vormittag soll das innere Verhältnis zwischen Bildung und Religion näher ausgeleuchtet werden: ein Verhältnis, das auch in den Grundsätzen ihres Verbandes vorausgesetzt wird, wenn virtus und scientia als Grundlagen des Lebensbundes proklamiert werden. Warum Tugend und Wissenschaft, Bildung und Religion einander brauchen, soll in zwei Richtungen beleuchtet werden: Braucht Religion Bildung? Und: Braucht Bildung Religion?

Auch wenn die religiöse Seite der Bildung unter der Bedingung neuzeitlicher Autonomie nicht konfessionell eng geführt werden darf, wird sich in jeder konkreten Auslegung dieses Verhältnisses eine bestimmte Rede über Religion, eine bestimmte religiöse Haltung kund tun. Im Folgenden wird dies eine christliche, an vielen Stellen katholische Antwort sein – und zwar im Licht neuzeitlicher, christlicher Freiheitsanalyse. Denn auch wenn wir von „christlicher Gesinnung“ sprechen, wird christliche Religion für uns nur in bestimmten konfessionellen  Ausprägungen greifbar. Dies schließt nicht aus, dass andere dieselben Fragen im Rahmen des rechtlich Legitimen aus einer anderen partikularen Konzeption des Guten beantworten.

Teil I: Braucht Religion Bildung?

Wovon sprechen wir, wenn wir von Bildung sprechen? Der Mensch muss selbst bestimmen, wer er sein will und wie er leben will. Dies verleiht ihm eine besondere, nur ihm eigene Würde. Bildung betriff jenen Bereich, der nicht durch Natur festgelegt ist und auch nicht einfach durch die zufälligen Einflüsse der Umwelt bestimmt werden soll. Kurz: Bildung kann als Befähigung zur Selbstbestimmung verstanden werden. Zwar ist die Freiheit des Menschen auf vielfache Weise begrenzt, insofern dieser sein Ich immer nur als leiblich gebundenes, geschichtlich situiertes sowie sozial und kulturell vermitteltes Selbst erfahren kann. Dennoch gehört die Freiheit zu jenen Implikationen unseres Menschseins, die wir in unserem Handeln immer schon voraussetzen. [1]

Erst Bildung erlaubt uns ein verantwortliches Handeln, erlaubt uns, sachliche und sittliche Geltungsansprüche zu setzen. Wollten wir die Erfahrung eines Handelns leugnen, das bestimmten Gründen und Geltungsansprüchen folgt, wäre dies nicht anders möglich als über den Weg, selbst einen Geltungsanspruch zu erheben. Denn auch der Satz „Es gibt keine Wahrheit“ erhebt für sich einen Geltungsanspruch, der sinnlos wäre, wenn wir annehmen wollten, das alles, was wir sagen und woran wir uns orientieren, vollkommen beliebig und jederzeit austauschbar wäre.  Der Versuch, jegliche Form von Geltungsanspruch zu leugnen, geriete zwangsläufig zum Selbstwiderspruch. In der Folge könnte menschliches Handeln dann auch nicht mehr unterschieden werden, beispielsweise in gelungen oder misslungen, sachlich angemessen oder unangemessen, sittlich verantwortlich oder unverantwortlich. Der Mensch ist auf die moralische Differenz hin ansprechbar. Er muss sich zur Freiheit entschließen, wenn er seiner Freiheit gemäß leben will. Für Christen wurzelt diese Freiheit des Menschen im schöpferischen Anfang Gottes.

1. Die vierfache Bestimmung menschlicher Freiheit aus christlicher Sicht:

geschaffen – verloren gegangen – wiedergeschenkt – der Vollendung entgegengehend

Die bedingte Freiheit des Menschen wurzelt in der unbedingten Freiheit Gottes, der den Menschen ins Leben rief. Der Mensch ist von Gott so geschaffen worden, dass er dessen Verheißung wählen kann. Vor allen anderen Geschöpfen ist er dazu bestimmt, dieser Berufung zur Gemeinschaft mit seinem Schöpfer in freier Selbstbestimmung zu entsprechen und dann auch die Welt in Verantwortung vor Gott und den Menschen zu gestalten. Gott wollte eine bedingte Freiheit neben sich, den Menschen – und zwar als ein zum Vernunft- und Sprachgebrauch fähiges, mit Verstand und freiem Willen ausgestattetes Geschöpf. Und der Mensch darf mit Gott Erfahrungen machen – nicht aufgrund eigener Verdienste. Gotteserfahrung bleibt zunächst einmal unverdientes Geschenk. Der Mensch kann dieses Geschenk annehmen oder zurückweisen. Er ist von Anfang an in eine ursprüngliche – wie es die Genesis schildert: „paradiesische“ – Entscheidungssituation gestellt.

Es lohnte sich einmal, über diese „ursprüngliche Situation“ pädagogisch nachzudenken: Vater und Mutter – und zwei Söhne, die beide von denselben Eltern erzogen werden und per definitionem unter denselben – eben: paradiesischen – Umweltbedingungen aufwachsen. Und doch wird der eine Feldbauer und der andere Viehhirte, der eine Mörder und der andere Opfer. Welches Geheimnis über den Menschen, welch tiefe menschliche Erfahrung über Pädagogik steckt hier in diesem Mythos?

Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte ist dieser Frage nachgegangen. Und er verweist auf die hohe Bedeutung, die Erziehung für den Menschen hat – aber auch auf deren Grenze. Erziehung bedarf eines Fundaments, das sie sich nicht selbst schaffen kann. Fichte in seiner „Grundlage des Naturrechts“: „Die Aufforderung zur freien Selbsttätigkeit ist das, was man Erziehung nennt. Alle Individuen müssen zu Menschen erzogen werden, außerdem würden sie nicht Menschen. Es drängt sich hierbei jedem die Frage auf: wenn es notwendig sein sollte einen Ursprung des ganzen Menschengeschlechtes, und also ein erstes Menschenpaaar anzunehmen – und es ist dies auf einem gewissen Reflexionspunkte notwendig; – wer erzog denn das erste Menschenpaar? Erzogen mußten sie werden; denn der geführte Beweis ist allgemein. Ein Mensch konnte sie nicht erziehen, da sie die ersten Menschen sein sollten. Also ist es notwendig, daß sie ein anderes vernünftiges Wesen erzogen, das kein Mensch war – es versteht sich, bestimmt nur so weit, bis sie sich selbst untereinander erziehen konnten. Ein Geist nahm sich ihrer an, ganz so, wie es eine alte ehrwürdige Urkunde vorstellt, welche überhaupt die tiefsinnigste, erhabenste Weisheit enthält und Resultate aufstellt, zu denen alle Philosophie am Ende doch wieder zurück muß“ [2]

Zwar bleibt die Schöpfung das Anfangsgeschenk Gottes, doch hat der Mensch nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift die ihm ursprünglich geschenkte Freiheit nicht bewahrt. Er ist, wie es die Genesis mit dem Brudermord Kains schildert, dem eigenen Bruder zum Feind geworden. Der Mensch hat seine Freiheit durch eigene Entscheidung an die Macht der Sünde verloren. So ist die Freiheit des Menschen durch die Sünde vor allem aber auch ihrem Ursprung entfremdet worden. Sie ist dadurch in Widerspruch zu sich selbst getreten und hat sich von ihrem ursprünglichen geschöpflichen Auftrag losgesagt, indem sie sich selbst an die Stelle ihres Ursprungs, ihres Schöpfers, gesetzt hat.

Gott aber hat die Zusage seiner Treue nicht zurückgenommen. Bundeserneuerung und Vergebung kann der Mensch sich jedoch nicht selbst schaffen, sie können ihm nur zugesagt werden. Aus dem Widerspruch, in den die menschliche Freiheit zu sich selbst getreten ist, kann sich diese nicht selbst befreien. Ja, mehr noch: Jeder Versuch der Selbstbefreiung – im theologischen Sinn: der Selbsterlösung – führt nur noch stärker in die Unfreiheit der Sünde. Jede christliche Rede vom Menschen muss, wenn sie realistisch sein will, mit dem Faktum der Sünde rechnen.

In Jesus Christus zeigt sich, wer Gott für uns ist. Und zugleich zeigt sich der Mensch so, wie er ursprünglich von seinem Schöpfer gewollt war. Durch das Kommen seines eigenen, menschgewordenen Sohnes, Jesus Christus, hat Gott die menschliche Freiheit aus ihrer Selbstverlorenheit wieder herausgeholt und zu sich selbst befreit. Jesus gibt sich selber hin als das neue Paschalamm und teilt denen, die sich auf seinen Namen taufen lassen, seinen Geist mit. Dieses Geschenk verlangt nach aktiver Aufnahme, zu der wir allerdings nur deshalb fähig sind, weil Gott uns immer schon mit seiner Gnade zuvorkommt. Gottes gnadenhaftes Heilsangebot und die tätige Antwort des Menschen verschränken sich ineinander. Der Römerbrief spricht davon, dass es der Geist ist, der sich unserer Schwachheit annimmt und im Gebet unser menschliches Seufzen in Worte fasst, wo wir sonst stumm bleiben müssten.

Menschliche Freiheit bleibt – als von Gott geschaffen – stets bedingt und endlich. Die unbedingt für den Menschen entschiedene Liebe Gottes konnte dem Menschen – mangels seines eigenen Vermögens zum Unbedingten – nur zu Bewusstsein kommen, indem sich Gott dem Menschen selbst offenbarte. In der Geschichte Jesu hat sich diese unbedingte Liebe als Selbstoffenbarung Gottes dem Menschen gegenüber gezeigt – und zwar ganz konkret erfahrbar in der Gestalt eines Menschen.

Allerdings besteht im Menschen Jesus Christus, insofern dieser zugleich eines Wesens mit dem Vater ist, keine symbolisch vermittelte Beziehung zur Freiheit Gottes. Diese „verwirklicht sich vielmehr als Freiheit der Person Jesu“ [3]. Die christliche Aufforderung zum authentischen Freiheitsvollzug ist daher nicht in erster Linie moralisch zu denken, vielmehr schöpft sie ihren tieferen Sinn aus der letztgültigen Verheißung Gottes, die in Jesus Christus endgültig und unwiderruflich angebrochen ist. Christentum ist in erster Linie Beziehung, nicht ein Katalog moralischer Vorschriften.

Die Vollendung der menschlichen Freiheitsgeschichte, die eschatologische Gemeinschaft mit Gott, ist zwar in Jesus Christus bereits unwiderruflich angebrochen, steht aber in ihrer Fülle noch aus. Das Ziel von Gottes Offenbarung ist die Verheißung eines neuen Lebens, in dem Gott und Mensch in gegenseitiger Vertrautheit miteinander leben – wenn Gott „alles in allem“ (1 Kor 15, 28) sein wird. Zu diesem Leben hat Christus uns durch seinen Tod den Weg erschlossen. Die volle Teilnahme an der Auferstehung für all jene, die zu Christus gehören, wird sich mit seiner Wiederkunft vollenden. Dieses Ziel verleiht dem jetzigen Leben eine Ernsthaftigkeit, aber auch „einen Horizont, der von der Hoffnung auf die absolute Zukunft bestimmt ist und der den kurzsichtigen Blick auf die irdischen Wirklichkeiten überwindet“ [4].

Bei der Frage nach Freiheit geht es in christlicher Perspektive um eine zweifache Relationalität. Zunächst geht es um die Beziehung der bedingten Freiheit des Menschen zur unbedingten Freiheit Gottes als dem Ursprung aller menschlichen Freiheit. Insoweit alle Menschen als Geschöpfe in gleicher Weise in Beziehung zu ihrem göttlichen Ursprung stehen und in gleicher Weise das Bild Gottes in sich tragen, geht es aber auch um das Verhältnis der von Gott zur Freiheit freigesetzten Menschen untereinander – also um Ethik. [5]

2. Die Aufgabe christlicher Ethik

Was ist gutes Lebens? Unter diseer Perspektive fällt der christlichen Ethik zunächst die Aufgabe zu, danach zu fragen, wie einzelne Christen oder christliche Gemeinschaften ihre Identität von der Bibel und von der Geschichte Jesu her verstehen, gestalten und leben können. Dies gilt dann auch für eine katholische Studentenverbindung.

Wenn alle Menschen in gleicher geschöpflicher Beziehung zur unbedingten Freiheit Gottes stehen, richtet sich die Aufforderung zum Vollzug der eigenen Freiheit kategorisch an alle Menschen und impliziert, die allen Menschen in gleicher Weise zukommende Freiheit als prinzipiell gleichwertig anzuerkennen. Im modernen Rechts- und Verfassungsstaat äußert sich dies im Bekenntnis zur Menschenwürde und den Menschenrrechten.

Denn die Anerkennung anderer menschlicher Freiheit kann, soweit diese im Gegensatz zur unbedingten Freiheit Gottes immer bedingt ist, allerdings nur symbolisch geschehen, beispielsweise über rechtliche Ordnungen oder politische Institutionen. Das Subjekt kann die Anerkennung menschlicher Freiheit nicht anders realisieren als über Handlungen. In sozialethischer Perspektive ist daher zu fragen, welche Handlungen geeignet sind, die Anerkennung anderer Freiheit zum Ausdruck zu bringen und wie diese Anerkennung bestmöglich und im größtmöglichen Umfang institutionell abgesichert werden kann. Sollen moralische Rechte real werden, müssen sie im Rahmen einer politisch-sozialen Ordnung verankert werden.

Dabei bleibt stets eine „Dialektik von Freiheit und System“ erhalten – und nur in dieser Spannung wird eine gerechte Ordnung zugleich der Freiheit angemessen sein. Dies schließt stets eine Skepsis gegenüber einmal gegebenen Antworten und eine Kritik bestehender Strukturen ein: „Die Wesensbestimmung der Freiheit erschöpft sich nicht in den Ordnungen, in denen sie Bestand hat und mit anderen koexistiert. Nur im Widerspruch zu den Systemen, die sie als Bedingung der eigenen und der gemeinsamen Existenz setzt, kann sie deshalb ihre Unbedingtheit und die Unbedingtheit anderer Freiheit behaupten; ein System, das solchen Widerspruch ausschließen wollte, wäre daher ebenso inhuman wie eine Freiheit, die sich jeder Einbindung entzöge.“ [6]Ein solches Verständnis sittlicher Autonomie meint mehr als eine den anderen nicht behindernde Teilnahmslosigkeit oder Gleichgültigkeit, sondern ein solidarisches, engagiertes Einstehen füreinander. 

3. Christliche Nachfolgeethik

Die Bibel eröffnet einen Referenzrahmen für das christliche Leben, indem sie eine gelebte (oder mit Kant: „tunliche“) Moral vor Augen stellt, die lebbar ist, weil sie schon einmal vorgelebt wurde. Die biblischen Texte erzählen nicht einfach erbauliche Beispielgeschichten, sondern formulieren eine Zumutung: Sie formulieren, wozu Menschen fähig sind – und erheben damit einen normativen Anspruch. Denn sie formulieren damit zugleich, wozu Menschen fähig sein sollen: „Damit kommt aber dem formalen Prinzip der tradierten Texte zugleich ein materialer Gehalt zu. Die Erzählungen des Alten und Neuen Testaments stellen nicht alles vor, was möglich ist. Sie wählen aus dem insgesamt Möglichen das ihnen passende Mögliche aus. Sie geben bestimmte Tunlichkeiten vor, die herausfordern – und andere Tunlichkeiten erzählen sie nicht.“ {7]

Dabei zeigt die Bibel moralisch-sittliches Handeln in einem ganz bestimmten sozio-kulturellen Kontext. Sie gibt aus sich allein heraus noch keine Antwort, wie in einer ganz bestimmten, veränderten Situation moralisch zu entscheiden ist. Die christliche Gemeinschaft wird dem Zeugnis der Bibel nicht gerecht, wenn sie dieses einfach kopieren oder nachahmen wollte. Ein auffälliges Beispiel ist das Verbot, Blut zu essen. Dieses Verbot zählt zu jenen Speisevorschriften, die in der Apostelgeschichte ausdrücklich beibehalten wurden, im Laufe der Kirchengeschichte dann aber aufgegeben wurden. Heute essen Christen in aller Regel – und mit Genuss – Blutwurst oder Rumpsteak. Ein anderes Beispiel: Die katholische Kirche diskutiert über Veränderungen ihres kirchlichen Dienstrechts und fragt danach, wie dieses heute ausgestaltet sein sollte, damit die Kirche ihren Auftrag in der gegenwärtigen Gesellschaft angemessen erfüllen kann.

Die beiden Beispiele – und weitere ließen sich finden – machen aber auf einen Grundzug christlichen Lebens aufmerksam: Die Frage, wie christliches Leben überzeugend und angemessen gestaltet werden kann, muss immer wieder neu gestellt werden. Immer wieder neu muss um angemessene Antworten auf diese Frage gerungen werden. Dem Beispiel Jesu gemäß zu leben, verlangt nicht nach bloßer Nachahmung, sondern nach Nachfolge.

Nur wenn die theologische Ethik die Differenz zwischen Nachahmung und Nachfolge ernst nimmt, wird sie dem Anspruch auf Moralität gerecht werden können. Denn wer nachahmt, orientiert sich nicht an eigenen sittlichen Einsichten, sondern an einer von anderen gesetzten Norm. Auf diese Weise ist heteronomes Verhalten, aber noch kein moralisches Handeln im strengen Sinne erreicht.  Das Beispiel Jesu hingegen lädt zu einem vergleichenden Handeln ein, das auf eigene Einsicht gerade nicht verzichtet, sondern diese voraussetzt. Die Erkenntnis von Gottes Liebe kann nur in Freiheit angeeignet werden. [8]

Jesus Christus ruft den Menschen auf einen Weg der Liebe, der mehr verlangt als bloßen religiösen Gehorsam: einen Weg, der den Einzelnen dazu herausfordert, immer wieder über sich selbst hinauszugehen, so wie Jesus es uns vorgelebt hat. Die Formen christlicher Existenz werden dabei vielgestaltig und verschieden sein, so wie Liebe vielgestaltig ist. Denn wer könnte schon von sich sagen, auf dem Weg der Liebe alles getan zu haben!?  Jesus selbst hat diesen Weg der unbedingt für den Menschen entschiedenen Liebe Gottes mit aller Konsequenz durchgehalten, bis zur denkbar äußersten geschichtlichen Situation, bis zum Tod am Kreuz. Als Menschen, die gerechtfertigt sind, aber zugleich Sünder bleiben, werden wir hinter diesem hohen Anspruch immer wieder zurückbleiben. Doch dürfen wir darauf vertrauen, dass Jesus Christus uns mit seiner Gnade immer schon zuvorkommen wird.

Liebe ist immer wieder von neuem schöpferisch und kreativ, darin zeigt sich die entscheidende Differenz zwischen Nachahmung und Nachfolge: Nachfolge bedeutet, mit dem Vorbild Jesu konform zu gehen. Christliche Existenz fragt danach, wie sein Beispiel unter den Bedingungen heutiger Zeit- und Lebensumstände gelebt werden kann. Christliche Ethik ist gelebte Nachfolge, nicht ein bestimmter Katalog moralischer Forderungen. In diesem Sinne dem Vorbild Jesu zu folgen und an ihm Maß zu nehmen, verlangt die Bereitschaft, sich sittlichen Fragen zu stellen.

Dies setzt voraus, sich als ein moralisches Subjekt realisieren zu können. Allerdings liegt das sittliche Subjekt der Wahl eines Vorbilds immer schon voraus: „Denn eine begründete Antwort auf die Frage, warum sich jemand gerade dieses Exempel und nicht ein anderes zum Vorbild nimmt, legt offen, dass der Wahl immer schon bestimmte Maßstäbe zugrunde liegen. Wüsste jemand nicht logisch vorgängig zur Wahl eines Vorbildes, was moralisch richtig und falsch ist, dann könnte er gar nicht beurteilen und damit unterscheiden, wer aus welchem Grund für ihn ein gutes oder schlechtes Vorbild ist.“ [9] – Gottes Anruf umgeht nicht das sittliche Subjekt, als das wir erschaffen worden sind. Gott spricht den Menschen in seiner von ihm gewollten Freiheit an, zu der wir uns als endliche Geschöpfe allerdings erst entschließen müssen, soll sie nicht Autarkie oder Willkür bleiben.

Jesu Vorbild ist für Christen nicht bloß ein illustrierendes „Beispiel“. Letzteres dient allein dazu, eine bestimmte Erkenntnis anschaulicher auszugestalten oder so aufzubereiten, dass sie für den Leser oder Hörer besser verstehbar wird. Beispiele können dazu dienen, bestimmte Zwecke zu illustrieren (z. B. die Unterscheidung zwischen Moralität und Legalität), ein bestimmtes Prinzip zu verifizieren oder Gesetzesformeln auf ihre Belastbarkeit hin zu prüfen. Auch können sie moraldidaktisch dazu dienen, die sittliche Urteilskraft zu schärfen, wie dies beispielsweise durch bestimmte kasuistische Übungen oder Dilemmageschichten geschieht.

Ein „Vorbild“ geht darüber hinaus, indem es Maßstäbe für moralisches Handeln vermittelt. Wollte sich das sittlich handelnde Subjekt nur an dem ausrichten, was von einem anderen beispielhaft als Norm vorgestellt wurde, bliebe es bei bloßer Nachahmung stehen. Sittliche Autonomie hingegen verlangt eine kriteriologische Einsicht, deren Ursprung in der Vernunft des Subjekts liegt. Vorbilder ersetzen gerade nicht die sittliche Erkenntnis qua Vernunft, sondern regen dazu an, sich der eigenen Sittlichkeit bewusst zu werden und nach Maßstäben für das eigene Handeln zu fragen. Daher sind Christen niemals „Kopien“, sondern stets „Originale“, die Jesus als moralisches Vorbild begreifen und bei ihrer sittlichen Urteilsbildung an seiner Person Maß nehmen.

Christliche Existenz lebendiger Nachfolge ist kein blinder Gehorsam. Nachfolge Jesu setzt das Aufeinanderverwiesensein von Glaube und Bildung voraus. Ein Glaube, der auf Bildung verzichten wollte, würde seinen Bezug auf Sittlichkeit ersetzen durch bloße Bindung an Sitte, Überlieferung oder höhere Mächte. Aus dem Aufruf, die eigene Freiheit authentisch zu vollziehen, würde die Bindung an eine zufällig tradierte Konvention. Sich zur Freiheit zu entschließen, vermag der Mensch jedoch nur, wenn er die moralische Frage aufnimmt und wenn er bereit ist, sich zwischen gut und böse zu entscheiden. An dieser Stelle verläuft die Trennlinie zwischen übernommener Sitte und reflektierter Sittlichkeit.

4. Der Vollzug menschlicher Freiheit bedarf der Bildung

Christliche Existenz setzt die Antwort des Glaubens auf den Anruf Jesu voraus und dann die Fähigkeit, das Beispiel Jesu in Gestalt eines eigenen Lebensentwurfes zu realisieren. Wir feiern heute den heiligen Bonifatius. Die Heiligengeschichte zeigt, wie vielfältig sich christliche Lebensentwürfe realisieren, über alle Zeiten der Kirche hinweg.

Ein Vorbild, auch die katholischen Heiligen, motiviert zum sittlichen Handeln. Soll die Rationalität normativer Urteile nicht ausgehebelt werden, können aus ihm allein aber keine ursprünglichen kognitiven Erkenntnisse abgeleitet werden. [10] Der motivationale Wert eines Vorbilds liegt vielmehr auf einer anderen Ebene – und zwar derjenigen der Praktikabilität: Ein Vorbild vermag, die Realisierbarkeit des moralisch Geforderten und als sittlich gut Erkannten vor Augen zu stellen. Moralpädagogisch wirkt das Vorbild als Medizin gegen Schwärmerei und Gefühlsduselei. Das ist schon eine Menge und sollte nicht gering geschätzt werden.

Doch Nachahmung wirkt über Gewohnheit oder Konditionierung – gleich, ob jemand durch das Beispiel einer bestimmten Person sich angezogen fühlt oder abgestoßen wird, ob er ein Idol anhimmelt oder zunehmend eine Abneigung gegen jemanden entwickelt. Wir Menschen sind von solchen Reaktionen niemals gänzlich frei, doch verbleiben diese Regungen auf der Sinnesebene. Die Fähigkeit zum ethischen Denken verlangt mehr: die freiwillige Bindung an bestimmte Maximen und die Ausbildung eines Charakters.

Zwar lernt jeder Mensch die ersten ethischen Regeln biographisch stets durch Nachahmung, er darf in seiner moralischen Entwicklung aber nicht dabei stehenbleiben. Ethische Erziehung hat die Aufgabe, den Einzelnen zu befähigen, auch sein eigenes Werten selbst noch einmal zu werten und die eigene Einsichtsfähigkeit in ethische Regeln zunehmend zu vervollkommnen. Nur dann wird der Einzelne auch in vollkommen unbekannten Situationen sittlich verantwortlich entscheiden können. Das alles ist nicht mit der Schulzeit abgeschlossen, sondern setzt sich lebenslang fort, weshalb auch christliche Studentenverbindungen zu Recht einen bundesbrüderlichen Erziehungsauftrag besitzen. Die Motivation zum sittlichen Handeln und die Ausbildung ethischer Urteilsfähigkeit gehen dabei Hand in Hand. Für ein reifes moralisches Handeln bedarf es nicht nur einer moralischen Einstellung, sondern auch eines moralischen Verhaltens. Moralische Schwärmerei läuft Gefahr, leere Wünsche und die Sehnsucht nach einer übersteigerten Vollkommenheit zu produzieren. Einer Moralität, die in erster Linie auf flüchtige Gefühle setzt, wird es an Konstanz und Ernsthaftigkeit fehlen.

Eine Ethik der Nachfolge wird zudem vorsichtig sein, gegenüber dem Versuch, aus dem Urbild allzu schnell einzelne sittliche Forderungen abzuleiten, die entweder sittlich-vernünftig nicht mehr nachvollzogen werden oder ahistorisch das situative Moment jeder moralischen Entscheidung ausblenden. Gerechtigkeit aber kann „niemals durch die bloße Anwendung einer generellen Gerechtigkeitsformel oder von rechtlichen Bestimmungen zur Erzielung der Gerechtigkeit gewährleistet werden. Eine allgemeine Gerechtigkeitsbestimmung oder auch in Gesetzen fixiertes Recht – wie differenziert und kasuistisch auch immer – kann stets nur instrumentellen Charakter haben. Entscheidend ist, wie Gesetze und Bestimmungen gebraucht werden: Dieser Gebrauch kann gelingen oder misslingen, kann gut oder schlecht oder ungerecht sein. Eine bloß schematische Anwendung einer allgemeinen definitorischen Gerechtigkeitsnorm kann in einer konkreten Situation gerade nicht Gerechtigkeit, sondern Ungerechtigkeit realisieren. Ausformulierte Normen, Gesetze, Bestimmungen und Verordnungen sind zu allgemein, als dass ihre schematische Anwendung als solche Gerechtigkeit garantieren könnte. Stets bedarf es der Vermittlung zwischen beidem, zwischen dem Allgemeinen als formulierte Norm und Gesetz zum einen und der Besonderheit der Situationen zum anderen, etwa im Entscheidungsfall konfligierender oder gar unvereinbarer Ansprüche.“ [11]

Als zum Vernunft-, Sprach- und Freiheitsgebrauch fähige Person ist der Mensch durch seinen Schöpfer dazu freigesetzt worden, die eigene Freiheit zunehmend zu kultivieren; diese ist keine fertige Gabe, sondern ein Entwicklungsprozess. Erst die Entwicklung einer religiösen Sprachfähigkeit wird dann auch den Menschen in die Lage versetzen, nach jenem letzten Urgrund zu fragen, dem sich die Freiheit des Menschen verdankt, also die Gottesfrage zu stellen.

Solche Religionen, die religiöses Lernen nur als Repetieren feststehender Glaubenssätze begreifen, werden dies nicht leisten können. Gelebte Nachfolge setzt die Anerkennung der Selbstbestimmung des Einzelnen voraus. Religiöse Ethik, die sich als Nachfolgeethik begreift, muss dann auch die Befähigung hierzu einfordern – also: Bildung. Die Aufgabe, theoretische und praktische Vernunft zueinander ins Verhältnis zu setzen, ist unter den Bedingungen neuzeitlichen Freiheitsbewusstseins der Autonomie der Bildung aufgegeben. Eine christliche Ethik der Nachfolge kann der Aufgabe (und auch der Anstrengung!) der Bildung nicht ausweichen. Wie sieht es umgekehrt aus? Die Antwort auf die zweite Frage wird kürzer ausfallen, da hierzu vieles schon gestern Abend gesagt wurde.

Teil II: Braucht Bildung Religion?

Im Rahmen des Richtigen können verschiedene religiöse Bekenntnisse nebeneinander stehen. Der Einzelne bleibt aber herausgefordert, zwischen ihnen eine subjektive Entscheidung zu treffen. Vorausgesetzt wird an dieser Stelle, dass Ethik und Religion unter den Bedingungen neuzeitlicher Autonomie jeweils eigenständige Dimensionen von Bildung bezeichnen und dass es schon aus Gründen der Gewissensfreiheit auch ethische Bildung geben kann, die programmatisch keinen Bekenntnisbezug voraussetzt. Doch wäre Erziehung keineswegs mehr neutral, wenn die Autonomie der Bildung dazu genutzt würde, Fragen religiöser Erziehung gänzlich auszuklammern – zugunsten einer vermeintlich neutralen staatlichen Lebenskunde, Demokratie- oder Menschenrechtspädagogik.

1. Zur gesellschaftlichen Bedeutung interreligiöser Bildung

Schon gestern Abend ist deutlich geworden: Wer angesichts der vorhandenen Vielfalt an Lebenskonzepten, Wertorientierungen und Sinnangeboten nicht gelernt hat, sich zu entscheiden, über den wird sehr leicht entschieden – aber eben von anderen. Zugleich bedarf unser Zusammenleben sinnstiftender Lebensdeutungen, der Verpflichtung auf bestimmte verfahrensrechtliche Tugenden und eines Mindestkonsenses an substantiellen Einstellungen in Form einer Konzeption formaler Sittlichkeit. Bürgersinn oder zivilgesellschaftliches Bewusstsein stehen nicht einfach als Ressource zur Verfügung. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft können nicht darüber hinwegsehen, dass ihre jeweiligen Sachbereiche auch unter der Bedingung des Pluralismus weiterhin religiös beeinflusst werden. Von umfassender Persönlichkeitsbildung wird nur dann gesprochen werden können, wenn der Einzelne in der Lage ist, sich selbst und die Welt um sich mit Bezug auf religiöse Sprachformen wahrzunehmen und zu werten.

Die Freiheit in religiösen Dingen, auch die selbstbestimmte Entscheidung zu einer religionsabstinenten Lebensführung, wird der Einzelne nur dann realisieren können, wenn religiöse Fragestellungen im Bildungsprozess nicht durch politische Funktionalisierung neutralisiert oder bis zur Unkenntlichkeit domestiziert werden: „Ohne kognitiv-intellektuelle Wahrnehmung der Glaubensgrundlagen in den Religionen, ohne ihre authentische Explikation, ohne argumentative Auseinandersetzung bleibt interreligiöses Lernen vordergründig.“ [12]

Gelingende religiöse Bildungsprozesse bleiben auf zwei Voraussetzungen angewiesen – gleich ob konfessionell gebunden oder weltanschaulich neutral: Zum einen wird sich ein Verständnis für religiöse Phänomene und ein mündiges, gereiftes Urteil im Hinblick auf religiöse Fragestellungen nur dann entwickeln, wenn der Bildungsgehalt von Religion nicht allein auf deren kulturell-politische Funktionen reduziert wird. Kategoriale Einsichten in religiöse Fragestellungen werden nur dann erreicht werden können, wenn zumindest ansatzweise auch ein Kontakt mit gelebter Religion, mit religiösen Überzeugungen und Gewissheiten möglich ist. Die moralische Qualität interreligiöser Bildungsprozesse wird gerade dort verfehlt, wo der religiöse Bildungsprozess moralerzieherisch oder sogar sozialtechnologisch funktionalisiert wird. Auch ethisch wird dies auf Dauer nicht folgenlos bleiben: Denn eine Ethosbildung, die bewusst von allen Formen gelebter Religion und Sittlichkeit abstrahieren wollte, würde auf Dauer an motivationsbildender Kraft verlieren.

Zum anderen wird sich ein Verständnis für das Fremde nur vom Standpunkt des Eigenen her entwickeln können, in der wechselseitigen Verschränkung von Selbst- und Fremdverstehen. Dietrich Benner [13] zieht hier eine bildungstheoretisch begründete Parallele zum Sprachenerwerb. So wie Kinder erst im Ausgang von einer Muttersprache andere Fremdsprachen erlernen können, werden fremde Religionen erst verständlich, wenn der Einzelne sich einen relativen eigenen Standpunkt erarbeitet hat. Dieser muss nicht in jedem Fall die eigene Religion sein, zumal ein bestimmtes konfessionelles Bekenntnis pädagogisch gar nicht allgemein vorausgesetzt werden kann, doch wird die Auseinandersetzung mit religiösen Fragen notwendigerweise einen Schwerpunkt setzen müssen, in der Regel bei jener Religion, die in der kulturellen Lebenswelt der Lernenden am stärksten verankert ist (und so verwenden wir bei aller Offenheit gegenüber anderen Überzeugungen weiterhin Koppelungen wie „christlich-abendländische Werte­gemeinschaft“ oder bei den Burschenschaften „christlich-deutsche Gesinnung“).

2. Statt eines Schlussworts: Ein postsäkulares Bildungsprogramm

Teilhabe statt Herrschaft, Richtung statt Sinnleere, Verbindlichkeit statt Beliebigkeit – machen die – im weitesten Sinne – religiöse Grundstruktur pädagogischen Handelns aus, wie der Stuttgarter Erziehungswissenschaftler Thomas Mikhail [14] in seiner Dissertation „Bilden und Binden“ gezeigt hat. Beide, Religion und Bildung, setzen Freiheit voraus und sind nur als zweckfreie Prozesse denkbar. Beide bedürfen im ursprünglichen Sinne von „religio“ der Rückbindung.

Dies gilt auch für die Bildungs- und Erziehungsgemeinschaft einer katholischen Studentenverbindung. Wer erzieht, soll gerecht handeln, nicht aus Gerechtigkeit, also um einer bestimmten Idee willen. Denn pädagogische Führung ist kein Herrschaftsverhältnis, sondern die freiwillige Bindung an den anderen um dessen Freiheit willen. Die pädagogische Beziehung ist ein Vertrauensverhältnis, durch das der Einzelne lernt, sich selbst zu vertrauen.

Und wer erzieht, muss Zutrauen in die Werturteilsfähigkeit des anderen mitbringen. Politisch folgenlos bleibt ein solches pädagogisches Verständnis jedoch nicht: Denn Gerechtigkeit als argumentative Forderung für das Zusammenleben ist keinesfalls voraussetzungslos, sondern bedarf einer Movitation, also der Liebe zur Gerechtigkeit. Ohne Charakterbildung, die mehr ist als Wissen, wird diese Liebe nicht geweckt werden können. Ich weiß noch, wie sehr Benedikit XVI. für seine Sozialenzyklika „Caritas in veritate“ von sozialethischen Kollegen dafür kritisiert wurde, Gerechtigkeitsansprüche vermeintlich in unverbindliche Liebesforderungen aufzulösen. Es bleibt aber gerade sein dauernder Verdienst, den Zusammenhang von Liebe und Gerechtigkeit in die katholische Sozialethik hineingeholt zu haben. Übersteigerte Gerechtigkeit, die gegenüber dem Einzelnen blind wird, erreicht das Gegenteil eines guten Lebens. Wir müssen immer wieder neu darum ringen, wie Gerechtigkeit bestmöglich und angemessen verwirklicht werden kann, etwa im akademischen Beruf oder in der Mitgestaltung von Staat, Kirche und Gesellschaft. Die Bereitschaft hierzu muss pädagogisch geweckt werden. Hierfür bedarf es einer Motivation und geistigen Orientierung, die nicht einfach staatlich gesteuert werden können.

Wo dies nicht mehr gesehen und das Subjekt politisch, gesellschaftlich oder ökonomisch verzweckt wird, wäre es eine prophetische Aufgabe von Religion und Bildung gleichermaßen, dagegen die Stimme zu erheben. Ein Staat, der das Denken und Wollen seiner Bürger steuern wollte, wäre gerade nicht neutral und würde fatalerweise genau das Gegenteil des Gewünschten erreichen: Am Ende stünden nicht „Demokraten“, die „richtig“ denken, sondern solche, die es verlernt haben, selbst zu denken. Die Zustimmung, das Werturteil oder die eigene sittliche Entscheidung werden erschlichen, nicht pädagogisch geweckt und in Freiheit selbst vollzogen. Das Individuum geht verloren: Denn „[n]ichts fürchtet die Regierung einer modernen Massendemokratie nämlich mehr als einen selbständig denkenden Menschen.“ [15] – so der für seine pointierten Urteile bekannte Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz.

Akademische Bildungs- und Erziehungsgemeinschaften sollen vielmehr den Einzelnen dazu befähigen, seine Freiheit im Denken und Handeln zunehmend selbständiger wahrzunehmen. Dahinter steht ein durchaus postsäkulares Programm, wie Bolz betont – ein Schlussgedanke, der im Raum einer katholischen Verbindung auf den Dreiklang von Virtus, Scientia und Amicitia näherhin auszulegen wäre:

Denn – so Bolz – „der freie Geist verletzt nicht nur das Tabu der Exzellenz, sondern auch das Tabu der Transzendenz. Sein Mut zur Wahrheit sprengt den Funktionalismus, die ausweglose Immanenz der sozialen Systeme. Und wenn man sieht, wie die ‚Weltgesellschaft‘ jedes Wort des Widerstands, jede Geste des Protests mühelos ins eigene Funktionieren einbaut, muss man zu dem Schluss kommen: Transzendenz ist heute der einzige subversive Begriff. Die konkrete Utopie jedes Außenseiters ist der systematische Paradigmenwechsel. Der freie Geist jedoch zielt auf die Metanoia des Einzelnen. Kehre um, du musst dein Leben ändern – oder doch wenigstens: dein Denken.“ [16]

Gehalten als Festvortrag anlässlich des Vereinsfestes zu Ehren des hl. Bonifatius e. s. v. Unitas Palatia Darmstadt am 18. Juni 2023

[1] Vgl. Ludger Honnefelder: Personalität – Freiheit – Menschenwürde, in: Handbuch Erziehungswissenschaft, Bd. 1, Paderborn, S. 627 – 638, hier: 632 – 635.

[2] Fichte: Grundlage des Naturrechts, Erstes Hauptstück, Paragraph 3, 1).

[3] Christoph Hübenthal: Grundlagen der christlichen Sozialethik. Versuch eines freiheitsanalytisch-handlungsreflexiven Ansatzes, Münster 2006, S. 204.

[4] Päpstliche Bibelkommission: Bibel und Moral. Biblische Wurzeln des christlichen Handelns, o. O. (Bonn) 2009, Abs. 158.

[5] Vgl. zum Folgenden Hübenthal (2006), S. 203 – 209.

[6] Beide Zitate: Thomas Pröpper: Autonomie und Solidarität. Begründungsprobleme sozialethischer Verpflichtung, in: Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften (1995), S. 11 – 26, hier: 18.

[7] Volker Ladenthin: Über das Verhältnis von Religion und Politik, in: Winfried Böhm, Karl Hillenbrand (Hgg.): Engagiert aus dem Glauben. Beiträge zu Theologie, Pädagogik und Politik, Würzburg 2007, S. 214 – 224, hier: 217 [Hervorhebung im Original].

[8] Vgl. Pröpper (1995), S. 15.

[9] Dieter Witschen: Nicht Nachahmung, sondern Nachfolge. Kants Reflexionen zum ethischen Exempel, in: Zeitschrift für Katholische Theologie (2008), S. 323 – 333, hier: 327.

[10] Vgl. Witschen (2008), S. 327 – 329.

[11] Roland Mugerauer: Gerechtigkeit und Bildung. Warum die Systematische Pädagogik philosophisch-skeptischer und historischer Züge bedarf – exemplarisch, in: Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik (2007), S. 196 – 228, hier: 211 f. [Hervorhebung im Original].

[12] Johannes Lähnemann: Lernergebnisse: Kompetenzen und Standards interreligiösen Lernens, in: Handbuch Interreligiöses Lernen, Gütersloh 2005, S. 409 – 421, hier: 410.

[13] Vgl. Dietrich Benner: Bildung und Religioni. Überlegungen zu einem problematischen Verhältnis und zu den Aufgaben eines öffentlichen Religionsunterrichts heute, in: Religionspaedagogisk Forum (2007), H. 1, S. 1 – 26, hier: 18 f.

[14] Thomas Mikhail: Bilden und Binden. Zur religiösen Grundstruktur pädagogischen Handelns, Frankfurt a. M. 2009.

[15] Norbert Bolz: Freimut. In: Ders. (Hrsg.), Wer hat Angst vor der Philosophie ? Eine Einführung in Philosophie. München 2012, S. 9 – 24, hier: 19.

[16] Bolz (2012), S. 9.

Festrede: Braucht das öffentliche Leben noch Religion?

„Die Jugend ist in Ehrfurcht vor Gott … zu erziehen.“

Oder: Braucht das öffentliche Leben noch Religion?

„Die Jugend ist in Ehrfurcht vor Gott, im Geiste der christlichen Nächstenliebe, zur Brüderlichkeit aller Menschen und zur Friedensliebe, in der Liebe zu Volk und Heimat, zu sittlicher und politischer Verantwortlichkeit, zu beruflicher und sozialer Bewährung und zu freiheitlicher demokratischer Gesinnung zu erziehen.“ –

So heißt es in Artikel 12 der baden-württembergischen Verfassung. Ähnliche Beispiele lassen sich in anderen Landesverfassungen finden. Die hessische Verfassung formuliert zurückhaltender, weshalb es mir gestattet sei, auch in Darmstadt württembergisch zu beginnen. Derartige Formulierungen lösen in Lehrveranstaltungen immer wieder Verwunderung oder auch vehementen Widerspruch aus. Darf der Staat ein Bekenntnis zu Gott vorschreiben? Soll der Staat nicht vielmehr weltanschaulich neutral sein? Passt ein solcher Anspruch noch zu einer pluralen und offenen Gesellschaft? Und tatsächlich erhitzen sich gerade am Gottesbezug der Verfassung immer wieder die Gemüter. So war es bei der EU-Verfassung gewesen, so war es vor acht Jahren einmal mehr in Schleswig-Holstein zu beobachten.

1. Warum bleibt ein Letztbezug für den Staat wichtig?

Es geht – wie  auch bei der religiösen Eidesformel – nicht um ein persönliches Credo oder ein bestimmtes konfessionelles Gottesbild, sondern um eine kulturethische Aussage. Mit dieser trifft der Verfassungsgesetzgeber eine gewichtige Wertvorentscheidung: „Es geht um die Anerkennung einer Verantwortung über die bloße Mehrheitsmeinung oder Opportunität hinaus.“ – so der Kulturpolitiker Thomas Sternberg einmal in der Zeitschrift „engagement“. Es geht um die Gründung der sittlichen Person, die noch einer anderen Instanz, ihrem Gewissen, gegenüber verpflichtet ist. Und es geht um die Rückversicherung gegenüber totalitären Tendenzen – wider eine Selbstüberschätzung des Menschen, wider einen Staat, der sich absolut setzt, wider jede Form des Materialismus, der den Menschen in letzter Konsequenz nur mehr als Funktionär der sozialen Verhältnisse betrachtet, ihm aber letztlich keine höheren geistigen Antriebe, Interessen oder Ziele zuzugestehen vermag. Der Gottesbezug hält jene Leerstelle offen, ohne die letztlich auch die Freiheit des Menschen auf der Strecke bliebe. Wir Deutschen haben dies in zwei Diktaturen schmerzlich erfahren.

Die Ideologie der Freiheit darf niemals mächtiger werden als die konkrete Freiheit des Einzelnen. Denn der Mensch muss selbst bestimmen können, wer er sein will und wie er leben will. Dies verleiht ihm eine besondere, nur ihm eigene Würde. Der Mensch hat aber nicht allein die Fähigkeit, sondern auch die Verpflichtung, sich zu entscheiden. Als akademische Bildungs- und Erziehungsgemeinschaft können wir einander dabei unterstützen. Die Aufgabe, Ich zu sagen, die Anstrengung echter Charakterbildung können wir aber nicht an andere delegieren.

Dabei ist eine „Erziehung zur Ehrfurcht“ vor Gott – oder wie anders wir davon sprechen wollen –, zur Freiheit im Denken und Handeln sowie zur sittlichen Verantwortung genauso wenig wie Liebe, Freundschaft oder Vertrauen operationalisierbar. Daran ist besonders zu erinnern in Zeiten, in denen Bildung oftmals so etwas wie das neue Heilsversprechen der säkularisierten „Wissensgesellschaft“ geworden ist. Ein solcher Letztbezug schützt davor, den Anspruch auf Bildung quasireligiös zu überhöhen, in Gestalt einer pädagogischen Kontrollgesellschaft, einer Erziehungsdiktatur oder durch manipulative Pädagogisierung aller Lebensbereiche. Die aktuellen Debatten um Identitätspolitik, Gendererziehung oder Diversitypädagogik zur „Akzeptanz von Vielfalt“ zeigen, welches Konfliktpotential hier schlummert.

Ohne Letztbezug im weitesten Sinne, so die Überzeugung der Verfassungsväter, wäre eine Bildung der sittlichen Person gar nicht denkbar. Bildung kann zwar den Raum eröffnen, die Sinnfrage zu stellen, einen letzten Lebenssinn findet der Einzelne in ihr jedoch nicht. Bildung verweist den Einzelnen auf sich selbst, seinen Lebenssinn zu suchen und jene Wahrheit zu erkennen, die ihn frei macht – frei jenseits aller menschengemachten Bildungsanstrengungen.

2. Warum sollte sich der Staat zu seinen religiösen Wurzeln bekennen?

Auch wenn die Gottesformel nichtkonfessionell gemeint ist und für unterschiedliche individuelle Bekenntnisse offen bleibt, ist sie keineswegs wertneutral. Dies zeigt schon die Formulierung selber. Es fällt zunächst auf, dass von Gott im Singular die Rede ist. Und scheint nicht auch dahingehend eine Festlegung vorzuliegen, indem an einen Gott gedacht wird, der das Leben und die Würde des Menschen bejaht oder sogar begründet?

Der neuzeitliche Staat ist nicht mehr etwas Selbstzweckhaftes; er bedarf vielmehr selbst der Legitimation. Der Verfassungsgesetzgeber versichert sich mit dem Bezug auf Gott einer Legitimationsgrundlage des staatlichen Handelns, die ohne Religion oder zumindest religionsoffene Philosophie nicht auskommt. Die Gottesformel markiert als „Leerstelle“ jenes geistige Fundament, auf dem unser Gemeinwesen aufruht und das der moderne Staat nicht selbst garantieren kann. Wir finden den Bezug auf Gott in dieser kulturethischen Bedeutung zur Zeit der Befreiungskriege beispielsweise in studentischen Stammbüchern, bei Theodor Körner oder im „Ermunterungslied“ von Ernst Moritz Arndt aus dem „Katechismus für teutsche Soldaten“.

Der Nationalstaat hat nicht ohne das Ringen mit der Kirche das Licht der Welt erblickt, der Kulturkampf in Deutschland hat bis heute Spuren hinterlassen. Die Hochzeiten nationaler Lutherdeutung und die für Deutschland prägenden „Los-von-Rom-Mythen“ waren alles andere als frei von antikirchlichen und antiklerikalen Affekten. Doch auch der säkularisierte Nationalstaat kann nicht gänzlich auf ein geistiges Fundament verzichten.

Ein sprechendes Bild wird gern verwendet, wenn verdeutlicht werden soll, was die Idee des christlichen Abendlands ausmacht: Europa – mit seinen geschichtlichen Höhen wie Tiefen – gründe auf drei Hügeln: Golgatha, Areopag und Kapitol. Die drei genannten Berge stehen für jene drei Traditionen, die alle zusammengenommen das Spezifikum abendländischer Geistesgeschichte und der damit verbundenen Leistungen ausmacht: die Idee christlicher Barmherzigkeit und Solidarität, die Vorstellung von Demokratie, Individualität und autonomer Wissenschaft sowie den Anspruch auf Herrschaft des Rechts und Naturrecht. Die Verbindung von christlicher Erlösungsvorstellung, griechischer Philosophie und römischem Rechtsdenken zeigt sich auch noch in ihren säkularisierten Fassungen – z. B. „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Der Historiker Heinrich August Winkler hat aufgezeigt, wie sich diese Verbindung zu Beginn der Moderne in Aufklärung und Französischer Revolution äußert, bis heute Gestalt und Bewusstsein Europas prägt und diesen Kontinent zusammenhält.

Wir haben uns daran gewöhnt, in einem stabilen, demokratischen Rechts-, Sozial- und Kulturstaat zu leben. Doch selbstverständlich ist das keineswegs. Und so täten wir alle gut daran, mit den kulturellen Grundlagen unseres Staatswesens nicht allzu sorglos umzugehen. So wie wir es erst aktuell wieder bei der Debatte über die Bibelinschrift auf der Kuppel des Berliner Stadtschlosses erleben. Umstritten ist auch das Kreuz im öffentlichen Raum.

Das Kreuz – etwa im Gerichtsgebäude – erinnert auch im säkularen Staat daran, dass irdische Gerechtigkeit immer fehlbar bleibt und wir noch einer anderen Instanz, nennen wir sie Gott oder Gewissen, verantwortlich bleiben. Ankläger und Zeugen werden daran erinnert, nicht leichtfertig oder gar falsch Zeugnis gegen andere abzulegen, Richter daran, das Recht nicht zu beugen oder leichtfertig Urteile zu sprechen.

Jeder Einzelne besitzt eine unveräußerliche Würde. Im sozialen Rechtsstaat wird diese in der Anerkennung vorstaatlicher Menschenrechte konkret. Allerdings kann der Wille zum Recht rechtsimmanent allein nicht gesichert werden. Ein formaler Verfassungspatriotismus genügt als Ethos nicht, um die Menschenrechte dauerhaft zu sichern. Hierfür braucht es eine tiefergehende religiöse oder ethisch-humanistische Motivation.

Der Mensch ist mehr als ein Funktionär der sozialen Verhältnisse. Lebendig, geistig vital und schöpferisch bleibt ein Gemeinwesen nur dann, wenn seine Bevölkerung nicht allein funktional qualifiziert ist, sondern umfassend gebildet. Hierzu gehört ein Wissen um die eigene kulturelle Herkunft und Identität. Diese sind nicht beliebig austauschbar. Ein Staat, der sein kulturelles Gedächtnis verliert und in dem es keine verlässlichen Gemeinsamkeiten mehr gibt, muss den Verlust an Integrationskraft durch Kontrolle und Steuerung ersetzen.

Die Identität unseres Gemeinwesens ist weder vom Himmel gefallen noch in einem weltanschaulichen Vakuum entstanden. Sie ist historisch-konkret gewachsen, und zwar in einem Prozess, in dem religiöse, kulturelle und politische Werte nicht zu trennen sind. Wer dies nicht sehen will, sollte die Kultur unseres Zusammenlebens einmal mit der konkreten Praxis in anderen Regionen, etwa islamischen Ländern, vergleichen. Er wird Unterschiede feststellen. Das Kreuz steht nicht allein für Heimat, Geborgenheit oder regionale Brauchtumspflege – das wäre zu wenig.

Das Kreuz steht für die kulturellen Wurzeln, aus denen unser demokratischer Rechts-, Sozial- und Kulturstaat lebt. Dieser darf Flagge – so wie heute am 17. Juni – und Kreuz gleichermaßen zeigen. Es ist kein Missbrauch des Kreuzes oder die Enteignung einer Religion, wenn sich unser Staat auf seine Wurzeln besinnt und diese im öffentlichen Raum präsent hält. Er wird dadurch auch nicht übergriffig, sofern er nicht den Einzelnen zu religiösen Bekenntnisakten zwingt. Intoleranz gegenüber Religion entsteht im Gegenteil leichter dort, wo diese als etwas Bedrohliches erscheint und öffentlich nicht mehr verstanden wird.

Der Staat verletzt auch nicht die notwendige Pluralität unserer Gesellschaft oder das Toleranzgebot, wenn seine Akteure darauf hinweisen, dass die kulturellen Grundlagen des Gemeinwesens und die Identität des Staatsvolkes nicht beliebig austauschbar sind. Wollten wir uns auf andere Erzählungen festlegen, aus denen sich das historisch-geistige Erbe unseres Zusammenlebens speist, würde sich das gesellschaftliche Ethos unweigerlich ändern. Ja, selbst der Streit über das Kreuz als religiöses und kulturelles Symbol setzt die besondere abendländische Prägung unserer Rechts- und Verfassungsordnung voraus, die sich unter anderem in der Trennung von religiöser und politischer Sphäre bei gleichzeitiger Kooperation beider Gewalten äußert.

Differenzierter als Reinhard Kardinal Marx hatte sich im Streit um den bayerischen Kreuzerlass vor fünf Jahren sein evangelischer Amtsbruder Heinrich Bedford-Strohm in der Frankfurter Allgemeinen zu Wort gemeldet. Schon Paulus habe gewusst, wie sehr das Kreuz polarisiert: Den Griechen bleibt es eine Torheit, den Juden ein Ärgernis. Zu Recht wies der seinerzeitige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland darauf hin, dass sich das Kreuz nicht vorschnell vereinnahmen lasse: Es zwinge staatliches Handeln zur Demut und bewahre vor der Versuchung des Totalitarismus. Die rechtmäßige, in biblischer und sozialethischer Tradition gut begründete Gewalt des Staates bedürfe normativer Grundlagen, wenn sie nicht zum Unrecht einer Räuberbande mutieren solle. Das Kreuz bleibe aber auch eine Anfrage an die Kirche, die sich vor allzu vorschnellen politischen Heilsgewissheiten in vorletzten Fragen hüten sollte.

Das Kreuz ist öffentlich, weil auch der Tod Jesu ein öffentliches Ereignis war. Das Kreuz ist politisch relevant, weil es aus christlicher Sicht eine Wahrheit über Gott und den Menschen ausdrückt. Es ist aber nicht parteipolitisch, so als könnten aus ihm eins zu eins Forderungen für die Tagespolitik abgeleitet werden. Das Kreuz in öffentlichen Gebäuden kann das harte Ringen um eine an Recht und Gerechtigkeit orientierte Politik in Verantwortung vor Gott und den Menschen nicht ersetzen. Vor dieser Aufgabe stehen Christen wie Nichtchristen gleichermaßen.

3. Welche Herausforderungen stellen sich in der pluralen Gesellschaft?

Heute stellt sich die Frage, wie das christliche Erbe in einer zunehmend pluraler gewordenen Gesellschaft verstanden und bewahrt werden kann. Erst in diesem Schuljahr hat Michael Rux, Ehrenmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, für Baden-Württemberg gefordert, den Religionsunterricht zugunsten eines für alle verbindlichen Faches Ethik/Religionskunde abzuschafffen. Er beruft sich dabei auf eine neue Studie von Hartmut Kreß, emeritierter evangelischer Sozialethiker in Bonn, in der es heißt: „In den Schulen des weltanschaulich neutralen Staates ist der derzeitige Religionsunterricht zum Fremdkörper, zur konfessionellen Exklave geworden.“ Religionskunde statt Religionsunterricht – für Rux wie Kreß ein Schritt religionspolitischer „Normalisierung“.

Doch geht es, wie der Bezug auf die abendländische Idee gezeigt hat, beim Verhältnis des Staates zur Religion um mehr als ein konfessionelles Bekenntnis. Die christliche Identität besitzt für unser Gemeinwesen eine weitergehende kulturethische Bedeutung: für Politik und Kultur, für Bildung und Wissenschaft, für unser Zusammenleben in Staat und Gesellschaft. Nicht zuletzt die Trennung von religiöser und politischer Sphäre – nach der unnachahmlichen Formel „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ –  bei gleichzeitiger Kooperation beider Gewalten wäre bedroht – und damit ein wichtiges Moment, das sich in der abendländischen Geistes- und Kulturgeschichte äußerst produktiv ausgewirkt und gewaltige Leistungen freigesetzt hat. Ob wir diese Tradition angesichts der demographischen Entwicklung, säkularer Tendenzen auf der einen und vermehrter Einwanderung auf der anderen Seite bewahren können, ist auf längere Sicht keineswegs ausgemacht.

Wir werden den christlichen Referenzrahmen nicht  schadlos durch andere Traditionen ersetzen können. Würden wir uns auf andere Traditionen festlegen, würden sich auf Dauer unser Gemeinwesen und dessen Moral erheblich verändern. Es steht mehr auf dem Spiel als liebgewordene „Folklore“, wenn wir St. Martin durch ein „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ ersetzen, an Weihnachten nur noch unspezifische „season’s greetings“ versenden oder Ostern zum „Hasenfest“ herabstufen. Wer weiß, wie lange unsere Feiertagskultur in dieser Form noch erhalten bleibt. Das Tanzverbot am Karfreitag wird kaum noch verstanden, verkaufsoffene Sonntage durchlöchern den verfassungsrechtlich geschützten Sonntag und einzelne Parteien oder Politiker fordern immer mal wieder, einen Teil der christlichen Feiertage durch nichtchristliche oder auch bewusst religionsfreie Feiertage zu ersetzen.

Die evangelische Theologin Christiane Thiele etwa hat 2020 im Deutschlandfunk vorgeschlagen, den Pfingstmontag zu strei­chen, zugunsten des Versöhnungstages Jom Kippur. Aufmerksamkeit an Pfingsten war ihr gewiss, auch wenn die Idee keineswegs neu ist. Was an Thieles Vorschlag auffiel, war die Begründung. Bei Lichte besehen, ging es der umtriebigen Theologin gar nicht um das Judentum. Ein allgemeines Versöhnungsfest soll es werden. Denn Versöhnung sei für alle Menschen wichtig. Die christliche Feiertagskultur – oder was von ihr überhaupt noch übrig ist – taugt am Ende nur noch als Verschiebemasse. Religiöse Inhalte werden aufgelöst in einen allgemeinen, schwammigen Huma­nismus, der irgendwie für alle zustimmungsfähig sein soll.

Drei Aspekte möchte ich abschließend benennen, warum die Frage nach Religion für einen stabilen, vitalen Kulturstaat unverzichtbar bleibt – jeweils mit einem Seitenblick auf uns als Studentenverbindungen.

3.1 Befähigung zum Reden über Religion

Wo Lebensverhältnisse krisenhaft und kontingent werden, stellen sich religiöse Fragen neu. Wer angesichts der vorhandenen Vielfalt an Lebenskonzepten, Wertorientierungen und Sinnangeboten nicht gelernt hat, sich zu entscheiden, über den wird sehr leicht entschieden aber eben von anderen. Diese Entscheidungsfähigkeit zu vermitteln, bleibt eine wichtige Aufgabe akademischer Bildungs- und Erziehungsgemeinschaften.

Zugleich bedarf unser gemeinsames Zusammenleben sinnstiftender Lebensdeutungen, der Verpflichtung auf verfahrensrechtliche Tugenden, und es braucht einen substantiellen Mindestkonsens an formaler Sittlichkeit. Bürgersinn oder zivilgesellschaftliches Bewusstsein stehen nicht einfach als Ressource zur Verfügung. Diese Ressource muss gepflegt werden. Dabei können Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nicht darüber hinwegsehen, dass ihre jeweiligen Sachbereiche auch unter der Bedingung des Pluralismus weiterhin religiös bestimmt werden.

Die Ausbildung einer kulturellen oder religiösen Identität sowie die Entwicklung sozialer Integrationsfähigkeit werden nur als ein subjektiv bestimmter, aktiv zu gestaltender Prozess gelingen. Religiöse Bildung ist nicht von den Anforderungen einer wie auch immer gedachten staatsbürgerlichen Religion her zu denken, sondern vom sich bildenden Subjekt.

Die für die Moderne geltende Autonomie der Bildung setzt eine eigene religiöse Praxis nicht zwingend voraus. Gleichwohl wird aber von umfassender Persönlichkeitsbildung nur dann gesprochen werden können, wenn der Einzelne in der Lage ist, sich selbst und die Welt um sich mit Bezug auf religiöse Sprachformen wahrzunehmen und zu werten. Religiöse Lernprozesse bleiben unverzichtbarer Bestandteil des allgemeinen Bildungsauftrags – nicht im Sinne religiöser Rede, sondern im Blick auf die Befähigung zum Reden über Religion. Wo Religion nicht mehr verstanden wird, erscheint sie schnell als etwas Bedrohliches, das es zu verbannen, zu domestizieren oder zu bekämpfen gilt. Wo über Religion nicht mehr geredet werden kann, werden wir vieles nicht mehr verstehen und einordnen können: weder Lessings Nathan den Weisen noch die religiöse Ursache weltpolitischer Konflikte, weder entscheidende Wegmarken abendländischer Geschichte noch die Sprache der Kunst oder Musik.

An dieser Stelle haben christliche Studentenverbindungen einen entscheidenden Bildungsauftrag gegenüber ihren Mitgliedern. Wissenschaftliche Abende ad Christianum sollten im Semesterprogramm eine Selbstverständlichkeit sein. Dabei wird religiöse Urteilsfähigkeit nur dann gefördert werden können, wenn religiöse Fragestellungen nicht durch politische Funktionalisierung neutralisiert oder bis zur Unkenntlichkeit  verzerrt werden.

3.2 Pflege der eigenen Identität

Ein Verständnis für das Fremde wird sich nur vom Standpunkt des Eigenen her entwickeln können, in wechselseitiger Verschränkung von Selbst- und Fremdverstehen. Gelingender interkultureller und interreligiöser Austausch setzt voraus, dass alle Beteiligten auch etwas haben, das sie einbringen können – andernfalls kommt der Austausch letztlich zum Erliegen. Die Andersartigkeit des anderen zeichnet sich erst vor dem Hintergrund des Eigenen ab – und erst dann kann der Einzelne auch ein begründetes Urteil fällen. Wo alles gleich ausfällt, kann nicht mehr argumentativ gestritten werden. Eine zwar religionsfreundliche, aber letztlich plural-indifferente (Lern-)Umwelt wird religiöse Identitätsbildung eher erschweren als erleichtern. Dies hat nicht allein individuelle Folgen, sondern auch gesellschaftliche. Gelingende Integration setzt das Vorhandensein einer Kultur voraus, in die hinein Integration überhaupt möglich ist.

Erfahrungen von Fremdheit und Irritation sind dabei nicht ausgeschlossen. Sie können niemals vollständig überwunden, sondern nur reflexiv bearbeitet werden. Toleranz ist nicht pädagogisch-intentional zu erzeugen, sie wird aber dort leichter fallen, wo religiöse Fragestellungen pädagogisch, akademisch, kulturell oder politisch nicht als Störfaktor ausgeklammert werden, sondern als Anlass zur geistigen Auseinandersetzung begriffen werden.

Die Gemeinschaft im akademischen Lebensbund unterstützt die freie geistige Auseinandersetzung des Einzelnen, im Ringen um die höchsten Ziele und Inhalte des Lebens. Wer Religion verstehen will, muss auch Kontakt zu praktizierter Religiosität besitzen.

3.3. Toleranz meint nicht Neutralität

Heute geht es weniger darum, freiheitsbedrohende Übergriffe der Kirche abzuwehren, als vielmehr darum, Freiheitseinschränkungen durch einen übergriffig werdenden Säkularismus zu verhindern, häufig im Namen fehlverstandener Toleranz.

Die Wirksamkeit des modernen Staates in religiösen Dingen bleibt um der personalen Freiheit des Einzelnen willen begrenzt – und zwar sowohl im Blick auf die Förderung bestimmter konfessioneller Bekenntnisse als auch umgekehrt im Blick auf einen forcierten Prozess vermeintlich neutraler „Demokratisierung“ aller Lebensbereiche, der Religion weitgehend aus dem öffentlichen Leben ausklammert und gerade durch die Verleugnung weltanschaulicher Horizonte selbst zur Weltanschauung wird. Beide Grenzen werden gegenwärtig prekär: Ob einerseits der Staat im Zuge des neueingeführten, stark integrationspolitisch motivierten Islamunterrichts die Grenzen seiner eigenen Wirksamkeit in religiösen Dingen tatsächlich einhält, wird sich auf Dauer erst noch erweisen müssen. Ich habe hier meine Zweifel.

Andererseits erweckt die Ausdehnung menschenrechtlicher Forderungen nach Ende der Blockkonfrontation und die Berufung auf eine fast schon quasireligiös überhöhte Kultur der Menschenrechte und Vieflalt in jüngerer Zeit den Eindruck, hier könnte eine neue Zivilreligion entstehen, die letztlich den Rückgriff auf religiös-weltanschauliche Horizonte gänzlich überflüssig machen soll und jegliche konfessionelle Identitätsbildung fast schon als Sakrileg betrachtet. (Am Rande gesagt: Die Kirchen wiederum erwecken mitunter den Verdacht, der Rekurs auf die Menschenrechte könne eigene theologische Anstrengung ersetzen; so entsteht der Eindruck, die menschenrechtliche Forderung selbst sei schon die eigentliche „Botschaft“ der Kirche.) Welche Vereinigung könnte es sich dann noch erlauben, bestimmte konfessionelle Merkmale zur Voraussetzung einer Mitgliedschaft zu machen, ohne in den Ruf zu gelangen, vermeintlich „undemokratisch“ und ausgrenzend zu sein!? Korporationen merken schon länger, dass das gesellschaftliche Klima für sie rauer wird.

Wo weltanschauliche Bindungen abgelöst werden sollen und der öffentliche Streit um das bessere Argument ersetzt wird durch das Tabu – in Gestalt eines vermeintlich neutral gedachten „demokratischen Habitus“ –, besteht leicht die Gefahr, den Einzelnen – mit welchen Mitteln auch immer – im Sinne gesellschaftspolitisch erwünschter Meinungen zu überwältigen. „Demokratisierung“ wird dabei missverstanden als Gleichschaltung des öffentlichen Raumes.

Keine Werterziehung wird ohne Rückgriff auf letzte Grundüberzeugungen die verwirrende Vielzahl an Werten in eine stimmige Ordnung bringen können. Die staatliche Neutralität in religiösen Dingen meint die Diskriminierungsfreiheit religiös-weltanschaulicher Überzeugungen, nicht deren Neutralisierung oder Nivellierung zu einer staatlich betriebenen, einheitlichen Zivilreligion. Rolf Schieder hat dies im „Handbuch Interreligiöses Lernen“ pointiert auf den Punkt gebracht: „Eigentlich will man eine staatseigene Zivilreligion, wagt aber nicht die offene Konkurrenz mit den Kirchen und Religionsgemeinschaften, sondern erklärt sich selbst für ‚neutral‘, womit die Religionsgemeinschaften eo ipso parteiisch sind. Das Motto lautet: Die anderen sind religiös, wir sind normal.“

Wie weit religiöse Bezüge im öffentlichen Leben zulässig sein sollen, wird nicht allein von der Exekutive oder den Gerichten zu entscheiden sein; eine legitimatorische Selbstbedienungsmentalität des Staates in Wertfragen könnte leicht die Folge sein. Diese Frage muss im gesellschaftlichen Diskurs verhandelt werden, Entscheidungen bedürfen der parlamentarischen Legitimation. Auch auf europäischer Ebene müssen diese Fragen ernsthaft verhandelt werden, wenn es nicht durch judikative oder exekutive Alleingänge zu Verwerfungen innerhalb der nationalen Gesellschafts- und Rechtstraditionen kommen soll. Diese reichen innerhalb der EU von staatskirchenähnlichen bis zu laizistischen Modellen. Eine europäische Harmonisierung ohne Konflikte scheint kaum vorstellbar, sollte eine solche überhaupt wünschenswert sein.

Jede Gesellschaft, die handlungsfähig bleiben will, braucht „eine symbolische Vorstellung von sich selbst“. Bei tragischen Ereignissen wird mehr als deutlich, dass der Staat auf Religion nicht verzichten kann und will. Aus historischen Gründen sind wir in Deutschland sehr zurückhaltend mit der Pflege einer eigenen Zivilreligion und haben deren Aufgaben vielfach an die großen Kirchen delegiert. Der religiöse Pluralismus bringt es zwangsläufig mit sich, den Kreis derjenigen Akteure zu öffnen, die am zivilreligiösen Konsens mitarbeiten. Der liberale Rechts- und Verfassungsstaat kann die gesellschaftlichen Teilsysteme nicht an eine gemeinsame, für alle verbindliche Weltanschauung binden. Umgekehrt bleibt das politische System aber grundsätzlich darauf angewiesen, dass die verschiedenen Bekenntnisse dieses auch aus religiösen Gründen anerkennen. Nicht umsonst gründet das kooperative Staat-Kirche-Verhältnis darin, dass Bischöfe nach ihrer Ernennung den Eid auf die Verfassung ablegen müssen.

Im Falle der großen Kirchen hat sich diese wechselseitige Anerkennung in langer Übung und nicht ohne leidvolle Erfahrungen ausbalanciert. Treten neue Akteure in den Diskurs um die zivilreligiöse Frage ein, muss dies keinesfalls konfliktfrei vonstattengehen. Es bleibt abzuwarten, ob sich auch im Fall des Islams eine solche Balance einstellen wird, wenn dieser eine zunehmend gewichtiger werdende gesellschaftliche Rolle spielen sollte. Die Rede von einem „europäischen Islam“ suggeriert dies. Doch scheint das zivilreligiöse Konfliktpotential, das hier schlummert, gegenwärtig durchaus unterschätzt zu werden, genauso wie die emotionalen Verwerfungen, die drohen, wenn eine erstarkende Religion offensiv Felder besetzt, auf denen das Christentum an Terrain verliert.

4. Ausblick

Religion und Politik brauchen einander, soll sich nicht jeweils eine Seite absolut setzen – was in der Geschichte noch nie gut ausgegangen ist. In der zivilreligiösen Fragestellung zeigt sich, wie religiöse und politische Fragen miteinander verwoben sind. Denn die politisch denkenden Bürger sind zugleich Träger religiöser Haltungen im weitesten Sinne – und umgekehrt. Daher wird es keine Zivilreligion ohne Bezug zur verfassten Religion geben können, wie umgekehrt die verfasste Religion stets auf politische Rahmenbedingungen trifft. Bildung und Wissenschaft sind Orte, dieses Ineinander religiöser und politischer Fragestellungen reflexiv zu bearbeiten. Unser Wissenschaftsprinzip sollte uns verpflichten, uns aktiv an dieser Debatte zu beteiligen – aus einer doppelten Verantwortung heraus.

Zum einen: Bildung und Religion besitzen auch unter den Bedingungen gesellschaftlicher Plu­ralität unverzichtbare Bedeutung für einen freiheitlichen, vitalen und tragfähigen Kultur­staat. Wo die Sorge um seine geistigen Grundlagen erlahmt, werden über kurz oder lang kulturelle und soziale Verteilungskämpfe ein­setzen.

Zum anderen: Wir tragen auch eine soziale Verantwortung für Werte und Normen, Ethos und Tradition, Sprache und Wissenschaft, Kunst und Kultur oder Religion, die weit über unsere eigene Gegenwart hinausreicht. Die Pflege christlich-abendländischer Tradition in unseren Bünden lebt mehr oder weniger bewusst aus dem Wissen um diese Verantwortung. Denn wie künftige Generationen leben, denken und handeln werden, wird wiederum davon beeinflusst werden, wie wir heute leben, denken und handeln.

Welchen Beitrag können christliche Studentenverbindungen in den zivilreligiösen Diskurs einspeisen? Welchen Beitrag können sie zur kulturethischen Pflege christlicher Traditionen in einer pluralen Gesellschaft beitragen? Wie können sie ihr spezifisches Profil bewahren, wenn selbst im eigenen Nachwuchs mit einer schwächer werdenden religiösen Sozialisation zu rechnen ist?  Wir werden diese Debatten führen müssen. Und das ist auch gut so.

Viel war von der kulturethischen Bedeutung des Christentums die Rede gewesen. Diese wird auf Dauer aber nur tragen, wenn auch ein praktiziertes christliches Bekenntnis in unserem Land lebendig bleibt. Es liegt an uns, die „Leerstelle“ der Verfassung durch eine konkrete christliche Praxis zu füllen.

Gehalten als Festrede auf dem Festkommers e. s. v. Unitas Palatia Darmstadt am 17. Juni 2023.

Neuerscheinung: Fachlichkeit als Anspruch

… so der Titel des neuen Themenheftes der Zeitschrift PädagogikUNTERRICHT. Das Heft beschäftigt sich mit dem „Pädagogischen“, das die pädagogische Fachdidaktik und das Fach Pädagogik auszeichnet sowie mit dem Verhältnis des Pädagogikunterrichts zu seinen Nachbarfächern, insbesondere dem Psychologieunterricht. Ferner berichtet das Heft über den Abschied Elmar Wortmanns aus dem Vorstand des Verbands der Pädagogiklehrer und Pädagogiklehrerinnen. Schließlich wird auch das neue Sonderheft 2023 der Zeitschrift „Unterrichten an Fachschulen und Fachakademien für Sozialpädagogik“ (Redaktion: Carsten Püttmann, Axel Bernd Kunze) vorgestellt.

Fachlichkeit als Anspruch: Pädagogikunterricht. Die Fachzeitschrift für die pädaogische Fächergruppe, 43. Jg., Heft 2/3 vom Juli 2023.

https://www.vdp.org/materialien/zeitschrift-pu

Neuerscheinung: Bildungsethische Gedanken zu einer pädagogischen Ethik des Digitalen

„Bildungsethisch soll am Ende die Hoffnung stehen, dass die vorstehenden Elemente einer erneuerten Kultur in digitalen Zeiten politisch keineswegs folgenlos bleiben werden. Eine erneuerte Ethik, die sich an einem substantiellen Bildungsbegriff orientiert und auf die Selbstbestimmung des Einzelnen setzt, wird auch eine erneuerte Kultur politischer Auseinandersetzung fördern, eine Kultur der verbindlichen, präsenten, vertieften, am Subjekt orientierten Kultur des öffentlichen Diskurses – auch und gerade in digitalen Zeiten. Beginnen wir das Gespräch darüber.“

Auszug aus:

Axel Bernd Kunze: Die Tugend der Mäßigung – bildungsethische Gedanken zu einer pädagogischen Ethik des Digitalen, in: Glaube + Erziehung 75 (2023), H. 3, S. 6 f.

Buchtipp: „Schwierige“ Schüler von Michael Felten

Druckfrisch erschienen – ein neuer Titel von Michael Felten:

Der bekannte, praxisnahe Autor schreibt über seinen neuen Band:

„Eigentlich ist der Berufs des Lehrers faszinierend – aber ’schwierige‘ Schüler machen das Unterrichten oft erschöpfend … denn Lehrkräfte werden dafür nur sehr unzureichend ausgebildet.

Ich habe zahlreiche Beispiele versammelt, die Möglichkeiten aufzeigen, wie man Sorgenkindern (und sich selbst) besser gerecht werden kann – von früher und heute, von mir und anderen.“

https://eltern-lehrer-fragen.de/

Neuerscheinung: Eine bildungsethische Spurensuche in flüchtigen Zeiten

Der Bonner Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin ist zu seinem siebzigsten Geburtstag mit einer weiteren – der dritten – Festschrift geehrt worden:

Harald W. Kuypers (Hg.): Pädagogisch Handeln. Festschrift für Prof. Dr. Volker Ladenthin (Pädagogik in Europa in Geschichte und Zukunft; 22), Bonn 2023, 289 Seiten.

Ad multos annos!

… mit dem folgenden bildungsethischen Beitrag:

Axel Bernd Kunze: Gestörte Kommunikation. Eine bildungsethische Spurensuche in flüchtigen Zeiten, in: ebd., S. 119 – 129.

Zuvor erschienen die folgenden Festschriften (mit den genannten bildungsethischen Beiträgen) …

… anlässlich der Emeritierung:

Axel Bernd Kunze: Sind Tageseinrichtungen für Kinder Institutionen der Sozialpädagogik oder der Elementarbildung? Überlegungen zum bildungsbezogenen Sprachgebrauch um frühkindliche Bildung, Erziehung und Betreuung, in: Rainer Kaenders, Anke Redeker, Stephan Stomporowski (Hgg.): Bildung – noch immer ein wertvoller Begriff?!. Festschrift für Prof. Dr. Volker Ladenthin (Bonn University Press – Wissenschaft und Lehrerbildung; 3), Göttingen 2019, S. 199 – 217.

… anlässlich des sechzigsten Geburstages:

Axel Bernd Kunze: Welche demokratiepädagogische Verantwortung trägt der Hochschullehrer?, in: Hildegard Krämer, Harald Kuypers, Axel Bernd Kunze (Hgg.): Beruf: Hochschullehrer. Ansprüche, Erfahrungen, Perspektiven, Festschrift für Volker Ladenthin zum sechzigsten Geburtstag, Paderborn u. a. 2013, S. 123 – 151.