„Wissenschaft trifft Praxis“

„Wissenschaft trifft Praxis“ – unter diesem Motto fand am 21. November 2015 im Stuttgarter Rathaus der zweite Forschungstag des Hochschulnetzwerkes „Bildung und Erziehung in der Kindheit Baden-Württemberg“ statt. Professor Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff vom Zentrum für Kinder- und Jugendforschung der Evangelischen Hochschule Freiburg, zeigte in seinem Vortrag auf, wie dynamisch sich die kindheitspädagogische Forschung in den vergangenen zehn Jahren entwickelt habe. Engagiert diskutierte das Publikum, wie die Fachschulen neuere empirische Befunde in die Ausbildung angehender Erzieher und Erzieherinnen einbinden könnten. Vielversprechend – so der Freiburger Forscher – seien Forschungsprojekte mit der Praxis. Als Beispiel nannte er das Projekt „Herausforderndes Verhalten von Kindern in Kindertageseinrichtungen“ innerhalb des Transferverbundes Kindheitspädagogik. Das Projekt soll klären, wie das Thema curricular und didaktisch in der Erzieherausbildung verankert werden kann. Andreas Hirsch, Abteilungsleiter Kindertagesstätten bei der Stadt Pforzheim, wies in einem Korreferat darauf hin, dass die Fachschulen vor allem grundlegende Kompetenzen wie systemisches Denken oder Reflexionsfähigkeit vermitteln sollten. Diese seien eine unverzichtbare Grundlage für die notwendige Spezialisierung im Berufsleben und alle spätere Weiterbildung, für welche die Träger verantwortlich seien. Auf dem „Marktplatz“ vor dem Vortragssaal präsentierten sich die einzelnen Hochschulen mit ihren kindheitspädagogischen Bachelor-, Master- oder Weiterbildungsstudiengängen.

„Ebbes Bäck, ebbes Doktor“

„Gleichaltrige können am besten davon berichten, was eine Ausbildung bietet und wie interessant es ist, im Rahmen einer Berufsausbildung bereits von Anfang ganz praktisch Verantwortung zu übernehmen.“ – Mit diesen Worten unterstrich Dr. Peter Kulitz, Präsident des baden-württembergischen Industrie- und Handelskammertages, wie wichtig das „Projekt Ausbildungsbotschafter“ in Baden-Württemberg sei. Die „Ausbildungsbotschafter“ gehen in Schulen der Region und berichten dort über ihre Ausbildungserfahrungen.
Kulitz äußerte sich im Rahmen der Veranstaltung „Ebbes Bäck, ebbes Doktor“, die am 18. November 2015 im Stuttgarter Haus der Abgeordneten stattfand. Der Titel stammt aus dem Mund des ehemaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss, der mit dem Zitat darauf aufmerksam machen wollte, wie wichtig ein gutes Verhältnis von beruflicher Ausbildung und akademischem Studium für die Gesellschaft ist.

Der Abend im Haus der Abgeordneten stand unter der Frage: „Wie bieten wir jungen Menschen die besten Berufschancen?“ Deutlich wurde, wie sehr sich Ausbildungs- und Studiengänge in den vergangenen Jahren verändert haben. Dies bietet neue Möglichkeiten. Herbert Huber, Vorsitzender des Berufsschullehrerverbandes Baden-Württemberg, und Professor Dr. Bastian Kaiser, Vorsitzender der Rektorenkonferenz der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, warben dafür, Ausbildung und Studium stärker miteinander zu verzahnen. Kompetenzen, die im Rahmen einer Ausbildung erworben werden, sollten auf ein späteres Studium angerechnet werden können.
Ausdrücklich wurde in der Diskussion auf das Beispiel der Erzieherausbildung verwiesen: Wer die schulische Ausbildung im Rahmen der Fachschule für Sozialpädagogik erfolgreich abgeschlossen hat, kann ein anschließendes Studium der Kindheitspädagogik in der Regel um zwei Semestern verkürzen.

Schuljubiläum in Stuttgart

„Vertrauen – Staunen – Danken“ – unter diesem Motto eröffnete die Freie Evangelische Schule Stuttgart (FES) am 22. Januar 2016 mit einem Festakt das Jubilämumsjahr anlässlich ihres fünfundzwanzigjährigen Bestehens. Der Schulverbund besteht aus Grund-, Werkreal-, Realschule und beruflichem Gymnasium. Herr PD Dr. Kunze, stellvertretender Schulleiter an der Evangelischen Fachschule für Sozialpädagogik Weinstadt, überbrachte anlässlich der Feier einen Gruß seiner Schule. Schülerinnen und Schüler der FES, die im Stuttgarter Stadtteil Möhringen liegt, hospitieren regelmäßig im Unterricht der Weinstädter Fachschule und informieren sich über die Anforderungen der Erzieherausbildung; im vergangenen November war die Fachschule mit einem Stand auf der Ausbildungsmesse der FES vertreten.
Der Festredner, Professor Dr. Thomas Schirrmacher, hob während des Festaktes hervor, dass christliche Schulen sichtbarer Ausdruck der in einer demokratischen Gesellschaft herrschenden Religionsfreiheit seien. Gleichzeitig profitiere die Gesellschaft vom pädagogischen Engagement christlicher Schulen, die den jungen Menschen Wertorientierung, Verantwortung und Zukunftshoffnung vermittelten. Eine christliche Schule, so Schirrmacher, habe eine andere, aber nicht minder wichtige Aufgabe als eine christliche Gemeinde.
Weitere Glückwünsche kamen vom Trägerverein der Schule, vom baden-württembergischen Kultusministerium, von der Landeshauptstadt Stuttgart, vom Evangelischen Schulwerk Baden und Württemberg sowie vom Verband evangelischer Bekenntnisschulen aus. Umrahmt wurden die Grußworte durch Theaterstücke und musikalische Einlagen aus der Schüler- und Lehrerschaft. Besonders begeistert zeigte sich das Publikum über Ausschnitte aus dem Theaterstück „Der Barmherzige Vater. Ein Grußwortredner bemerkte anschließend: Die Aufführung der Grundschüler zu dem bekannten biblischen Gleichnis zeige, dass es auch schon damals „Pubertät“ gegeben habe und diese Lebensphase keine „Erfindung“ unserer Zeit sei.

Umstrittenes G 8

Viele Bundesländer haben die Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre verkürzt. Das bildungspolitische Vorhaben ist umstritten – bis heute. Die nicht abebbende öffentliche Diskussion um diese nicht vorrangig pädagogisch, sondern ökonomisch begründete Schulzeitverkürzung zeigt, dass die Bildungspolitik das Problem nicht weiterhin ignorieren kann. Bildung ist nicht beliebig verkürzbar oder stauchbar, ohne sich auch qualitativ zu verändern. Schüler (und ihre Eltern) haben ein Recht auf möglichst tiefe und breite Bildung. Und nur eine solche Bildung wird sich auch gesellschaftlich wie volkswirtschaftlich als nachhaltig erweisen.

Ein Band aus der Reihe „Pädagogik in Europa in Geschichte und Zukunft“ führt erstmals die wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Argumente und Positionen zur Problematik des G 8 zusammen. Die Diskussion erhält so wissenschaftliche Tragfähigkeit und demokratische Kontur. Die Beiträge von beiden Seiten plädieren dafür, das Problem endlich im Sinne einer fundierten Bildung unserer Schüler zu lösen:

Volker Ladenthin, Anja Nostadt, Jochen Krautz (Hgg.): weniger ist weniger. G8 und die Kollateralschäden. Analysen und Materialien, Bonn: Verlag für Kultur und Wissenschaft Dr. Thomas Schirrmacher 2016, 234 Seiten.

  1. Keine Zeit für -Bildung und Wissen. Die Gymnasien werden zu G8-Reparaturwerkstätten umfunktioniert (Hans Peter Klein)
  2. Hat das Gymnasium in der bildungsethischen Debatte noch eine Zukunft? (Axel Bernd Kunze)
  3. G8 als Baustein eines Reformputsches gegen die humanistische Bildungskultur (Matthias Burchardt)
  4. Ein Jahr Schule macht ein Jahr mehr Qualität. G8-Bildungspolitik: mit Widersprüchen ins argumentative Abseits (Rainer Dollase)
  5. G9: Mit Druck in dei Zukunft! Anmerkungen aus universitärer Sicht (Christian Baldus)
  6. Kompetenz statt Bildung? Kompetenzorientierung ist keine Lösung, sondern das Problem (Jochen Krautz)
  7. Beobachtungen an studienspezifischen Leistungen jüngerer Studierender (Volker Ladenthin)
  8. Verstehendes Lernen braucht Zeit (Volker Ladenthin, Hans Peter Klein)
  9. Breite Mehrheit der Bevölkerung wünscht g9 an den Gymnasien – Ein politisches Lehrstück zur direkten Demokratie (Anja Nostadt)
  10. Anhang mit Material und Analysen

 

Sozialethische Kolumne: Neue Kultur des Maßes

Regelmäßig kommentieren Sozialethiker in der katholischen Zeitschrift „Die Tagespost“ aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen oder ethische Problemstellungen. Die aktuelle sozialethische Kolumne in der Ausgabe vom 24. Dezember 2015 trägt den Titel: Neue Kultur des Maßes.

Den Beitrag finden Sie auch online auf den Seiten der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle:

http://www.ksz.de/aktuelle_nachrichten.html?&tx_ttnews[tt_news]=370&cHash=08ed059bdfc3606cc1b56d60ce4e3e5e

„Die Kolumne vom 24. Dezember 2015 fasst ihr Anliegen bereits in dem Titel „Neue Kultur des Maßes“ zusammen. Ihr Verfasser, Dr. Axel Bernd Kunze, Sozialethiker, habilitierter Pädagoge und stellvertretender Schulleiter, wendet sich gegen eine Gesinnungsethik, die gerade auch in der Flüchtlingsdebatte einem moralischen Rigorismus gleicht, und fordert, stets auch gesellschaftliche Realitäten im Blick zu behalten.“ (Wolfgang Kurek)

Von Herzen wünsche ich allen Lesern einen guten Jahreswechsel sowie ein gutes, gesegnetes neues Jahr. Ich danke Ihnen für alle Verbundenheit in diesem Jahr und freue mich, wenn Sie meine Arbeit und mein Weblog zur Bildungsgerechtigkeit auch im neuen Jahr interessiert verfolgen.

Ihr Axel Bernd Kunze

Vorankündigung zur Bildungs- und Studentengeschichte

Wussten Sie es? Bedeutende Sozialdemokraten und Verdenker der sozialen Demokratie waren Mitglieder studentischer Korporationen. Zu ihnen gehörten neben Ferdinand Lassalle, dem Gründer der deutschen Sozialdemokratie, z. B. Wilhelm Liebknecht, Eduard David, Karl Barth, Paul Tillich, Fritz Bauer, Ludwig Bergsträsser, Detlef Carsten Rohwedder. Eine bildungs- und studentenhistorische Neuerscheinung dokumentiert anhand von 20 Biographien das couleurstudentische Engagement bekannter Sozialdemokraten von den Anfängen bis zur Gegenwart. Der Band wird abgerundet mit einem Aufsatz des Politikwissenschaftlers Peter Brandt, Sohn des früheren Bundeskanzlers und Friedensnobelpreisträgers, zum Erbe der Urburschenschaft sowie Berichten und Essays zeitgenössischer Sozialdemokraten:

Manfred Blänkner, Axel Bernd Kunze (Hgg.):
Rote Fahne, bunte Bänder. Korporierte Sozialdemokraten von Lassalle bis heute,

Bonn: Verlag J. H. W. Dietz Nachf., ca. 220 Seiten, Broschur, ca. 19,90 Euro.

Mit einem Vorwort von Erhard Eppler.

Der Band wird voraussichtlich im Juni 2016 erscheinen.

Manfred Blänkner, M. A., Studium der Politikwissenschaft, Rechtsgeschichte und Kirchengeschichte, war in verschiedenen Funktionen im Bibliothekswesen tätig.

Axel Bernd Kunze, Dr. theol., Dipl.-Päd., Privatdozent für Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn, tätig als stv. Schulleiter.

Plädoyer für die Freiheit

Zum Ende des burschenschaftlichen Jubiläumsjahres 2015, in dem an die Gründung der Urburschenschaft vor zweihundert Jahren erinnert wurde, ist ein Beitrag von Dr. Michael Hinz (Burschenschaft Arminia Marburg) erschienen, der sich mit dem Spannungsverhältnis von Gleichheit und Freiheit im Bildungsbereich beschäftigt. Der ehemalige Kanzler der Universität Erfurt hat sich auf dem Festsymposium der Neuen Deutschen Burschenschaft am 3. Oktober 2015 in Jena zur aktuellen Situation unseres Bildungssystems geäußert; seine bildungsethische Rede ist im aktuellen Academicus dokumentiert:

GLEICHHEIT? FREIHEIT! Annäherung an einen burschenschaftlichen Begriff der Bildungschancengerechtigkeit,
in: Academicus 18 (2015), H. 2, S. 27 – 32.

Der Beitrag – ein starkes Plädoyer für die Freiheit im Bildungssystem – ist auch online abrufbar: http://www.neuedb.de/index.php?id=4545

Der Academicus 2/2015 dokumentiert auch die weiteren Reden und Beiträge der Festtage „200 Jahre Burschenschaften – 25 Jahre deutsche Einheit“ der Neuen Deutschen Burschenschaft, die Anfang Oktober in Jena, dem Gründungsort der Urburschenschaft, stattfanden.

Wann ist Bildung gerecht?

Das Problem der Gerechtigkeit wird nicht einfach auf die äußere soziale Seite der Bildung reduziert werden dürfen. Denn die für Bildung bestimmende Idee der Selbstbestimmung ist nicht etwas, das erst am Ende des pädagogischen Weges, beispielsweise mit einem bestimmten Abschluss, erreicht wird. Die Freiheit und Selbstbestimmungsfähigkeit des sich bildenden Subjekts muss auf dem gesamten pädagogischen Weg mitgedacht werden. Dieser Anspruch auf Selbstbestimmung ist grundsätzlich nicht abstufbar, auch wenn die Konkretisierung dessen, was dem Menschen als Selbstbestimmung hier und jetzt möglich ist, von Fall zu Fall im Verstehen der jeweiligen Individuallage zu entscheiden bleibt.
Jeder Einzelne hat grundsätzlich dasselbe Recht, sich zu bilden und seine Fähigkeiten zu entfalten. Die Chance zu der ihm möglichen Bildung darf niemandem abgesprochen werden. Frei und gerecht wäre weder ein Bildungssystem, das Schwächere gezielt bevorzugen und talentiertere Schüler gezielt benachteiligen wollte, noch eines, das umgekehrt verfahren wollte. Die Einsicht, dass alle einen gleichwertigen Anspruch haben, sich zu bilden und bestmöglich gefördert zu werden, entspricht der klassischen Forderung nach arithmetischer Gerechtigkeit: „Allen das Gleiche!“ Dieses Prinzip verlangt nach Diskriminierungsfreiheit und gleicher Qualität für alle Bereich des Bildungswesens.
Pädagogisches Handeln muss immer mit faktischer Ungleichheit umgehen. Eine optimale individuelle Förderung für alle wird angesichts der unterschiedlichen Voraussetzungen, Interessen und Bedürfnisse, welche die Einzelnen mitbringen, nicht dadurch zu erreichen sein, dass jedem dasselbe pädagogische Angebot gemacht wird. Das Prinzip egalisierender Gerechtigkeit vermag nicht, alle sozialen Beziehungen im Raum der Schule zu regulieren; es bedarf der Ergänzung um das Prinzip unterscheidender oder proportionaler Gerechtigkeit: „Jedem das Seine!“. Der Lernende muss sich in einer verfassten Gruppe bewähren. „Jedem das Seine!“ meint, jedes Kind nach seinen Leistungen und Bedürfnissen zu behandeln, zu fördern, aber auch zu fordern. Wenn Heranwachsenden die Forderung und Herausforderung, sich anzustrengen, verweigert wird, fehlt ihnen eine wesentliche Bedingung dafür, zu entdecken, was in ihnen steckt und ihre Persönlichkeit zunehmend eigenständiger in der Bewältigung der Herausforderung zu entwickeln.
Allerdings geht es hier um soziale Bedürfnisse, die dem Kind – beispielsweise vom Lehrer – zugeschrieben werden. Die Gerechtigkeit findet an der individuellen Einzigartigkeit des Schülers ihre Grenze. Individuelle Bedürfnisse sind stets einzigartig, damit aber auch nicht durch Normen, Regeln oder Strukturen fassbar. Gleichwohl wird pädagogisches Handeln auf die individuellen Bedürfnisse zu achten haben: Diese sind in moralischer Hinsicht allerdings keine Frage der Gerechtigkeit, sondern der pädagogischen Billigkeit. Diese ist ein berichtigendes, den Einzelfall berücksichtigendes Prinzip der Gerechtigkeit, das aber die geltenden Maßstäbe selbst nicht in Frage stellt. Denn eine übersteigerte Gerechtigkeit, die dem Einzelnen lieblos gegenüber stünde, würde auf Dauer ihr eigenes Fundament untergraben: Der Wille zur Gerechtigkeit erlahmt, wo die Anerkennung individueller Freiheit und Einmaligkeit schwindet.
Beide Prinzipien der Gerechtigkeit – „Allen das Gleiche“ sowie „Jedem das Seine“ – müssen miteinander verbunden werden: in der pädagogischen Praxis wie bei der Gestaltung der strukturellen Rahmenbedingungen von Schule. Entscheidend hierbei ist das komplementäre Zusammenspiel von Freiheit und Gleichheit. Insofern das Bildungssystem gleiche Chancen zur Bildung garantieren soll, darf es doch nicht ausschließen, dass die Individuen diese unterschiedlich nutzen. Die Einzelnen sollen in der Schule nicht „gleich gemacht“ werden. Alle sollen aber gleichermaßen in der Lage sein, sich jene Fähigkeiten anzueignen, die für eine selbstbestimmte Lebensführung notwendig sind – und sie sollen die Möglichkeit haben, über den eigenen Lebensweg selbst zu bestimmen, soweit sie andere nicht darin hindern, dies gleichfalls zu tun.

Gegenwärtig ist ein Anwachsen öffentlicher Verantwortung für die Wahrnehmung von Bildung und Erziehung zu beobachten. So wird unter dem Eindruck gesellschaftlicher Veränderungen die Grenze zwischen privaten und öffentlichen Erziehungsleistungen aufgeweicht. Die Schule wird stärker zum „Freizeitort“, übernimmt Funktionen der „Gleichaltrigengesellschaft“ und gewinnt für die Heranwachsenden eine stärkere Bedeutung als öffentlicher, elternferner Ort der Sozialisation und Identitätsbildung. Für die künftige Entwicklung von Schule wird zu fragen sein, wie die Schule angesichts dieses sozialen Wandels ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag weiterhin gerecht werden kann.
Die gerechte oder ungerechte Verteilung an Bildungschancen kann nicht abstrakt, sondern nur im Blick auf spezifische Lebensweisen bestimmt werden. Pädagogische Unterstützung ist keine Dienstleistung, die immer denselben Effekt zeitigt; vielmehr braucht der eine mehr, der andere weniger Unterstützung, um ein bestimmtes Bildungsbedürfnis zu befriedigen – je nach Ausgangslage und Persönlichkeitsmerkmalen. Eine zentrale bildungsethische Frage ist, wie die individuellen Chancen zur Bildung verteilt sind. Und diese werden auch die Lebenschancen des Einzelnen beeinflussen. Zu Recht hat sich in den vergangen zehn Jahren ein eigenständiger Bildungsdiskurs innerhalb der Christlichen Sozialethik entwickelt.
Doch wird kein Bildungssystem jemals gleiche Lebenschancen durch Bildung realisieren können, wenn die Freiheit des Einzelnen, einen bestimmten Lebensentwurf zu wählen, nicht aufgehoben werden soll. Andernfalls wäre der Einzelne nur mehr ein Funktionär der bestehenden Verhältnisse oder der Interessen der Gemeinschaft. Verloren ginge aber das Bewusstsein, dass es im menschlichen Leben etwas geben sollte, das über die Mittel der bloßen Daseinserhaltung hinausgeht. Am Ende würde sonst gerade das verfehlt, was erstrebt wird: jene Freiheit im Denken und Handeln, die ohne Bildung nicht erreicht werden kann und ohne die weder ein gemeinwohlförderliches Zusammenleben noch gesellschaftliche Weiterentwicklung auf Dauer denkbar sind.

(Axel Bernd Kunze)

Neues Weblog zur Inklusionsdebatte

Ein neues Weblog www.inklusion-als-problem.de will die Inklusionsdebatte kritisch begleiten. Inititator ist der bekannte Buchautor und Pädagoge Michael Felten.

In einer Presseinformation erläutert Felten sein neues publizistisches Angebot und sein Anliegen, das er damit verfolgt, folgendermaßen:

Seit Jahren gibt es gute Erfahrungen mit integrativem Unterricht (einzelne Schüler mit besonderen Beeinträchtigungen besuchen Regelklassen) – wenn auch nicht bedingungslos (je nach Förderbedarf), und keineswegs zum Nulltarif (nur bei Doppelbesetzung).
Angestoßen durch die UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) werden nun zunehmend Inklusionschulen etabliert: Das gemeinsame Lernen aller Schüler, ob geistig behindert oder hochbegabt, soll zum flächendeckenden Normalfall werden.

Schon jetzt zeigen sich dabei enorme praktische wie prinzipielle Probleme:
▪ vermehrte Flüchtigkeit des fachlichen Lernens durch das nun riesige Leistungsspektrum
▪ Vernachlässigung der besonders beeinträchtigten wie auch leistungsstarken Schüler
▪ Grenzen individueller Förderung, Konfusion bei zieldifferentem Unterricht in Großklassen
▪ Inkompetenz und Überlastung von nur flüchtig „inklusionsgeschulten“ Regelschullehrern
▪ Stagnation der (etwa in NRW) dringend nötigen Qualitätssteigerung des Unterrichts

Es ist zu befürchten, dass der Trend zur Inklusionsschule die Leistungs- und Sozialentwicklung vieler Kinder gefährdet, dass es weithin zu wohlwollende Vernachlässigung kommt. Das wäre nicht zuletzt auch gesamtgesellschaftlich inakzeptabel. Dabei erfüllt Deutschland die
BRK bereits: Unsere Förderschulen gelten laut Konvention gerade nicht als Diskriminierung. Stärkere Integration oder radikale Inklusion – diese Frage braucht mehr öffentliche Debatte, ohne Blockade durch Maulkörbe oder Denktabus. Die Bildungsschancen unserer Kinder und
Jugendlichen dürfen sich nicht verschlechtern – nur weil Finanzminister die Förderschulen einsparen wollen, oder weil Schulideologen noch immer von der Einheitsschule träumen.

Deshalb bietet eine neue Website ab sofort* Forschungsbefunden und Praxiserfahrungen
ein Forum, die in der Inklusionsdebatte bislang unterrepräsentiert sind.

(Michael Felten)

Folgende Beiträge eröffen das neue Weblog:

Prof. Bernd Ahrbeck: Inklusion darf zu keiner Paradiesmetapher werden

Prof. em. Rainer Dollase: Soziale Ablehnung statt institutioneller Separierung?

Prof. em. Hermann Giesecke: Inklusion als politisch-weltanschauliche Bewegung

Prof. Konrad Paul Liessmann: Die inklusive Gesellschaft

Rezensionen zum Recht auf Bildung und zum Recht auf Arbeit

Im Rezensionsportal Socialnet. Das Netz für die Sozialwirtschaft sind zwei neue Besprechungen zu den Sozialrechten erschienen

Zum Recht auf Arbeit:

Axel Bernd Kunze (Rez.): Minou Banafsche, Hans-Wolfgang Platzer (Hrsg.): Soziale Menschenrechte und Arbeit. Multidisziplinäre Perspektiven. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 205 Seiten. ISBN 978-3-8487-2279-2. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR, CH: 55,90 sFr. Schriften zur europäischen Arbeits- und Sozialpolitik, Bd. 15. Die Besprechung ist unter folgender URL bei den socialnet Rezensionen veröffentlicht worden:

www.socialnet.de/rezensionen/19021.php

Zum Recht auf Bildung:

Axel Bernd Kunze (Rez.): Miao-ling Lin Hasenkamp, Malte Brosig (Hrsg.): Menschenrechte, Bildung und Entwicklung – Bestandsaufnahme ihrer Zusammenhänge. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2015. 250 Seiten. ISBN 978-3-86388-090-3. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,00 sFr. Die Besprechung ist unter folgender URL bei den socialnet Rezensionen veröffentlicht worden:

www.socialnet.de/rezensionen/18686.php