
Raffael: Der Erzengel Michael (1518, Louvre, Paris)
O unüberwindlicher Held, St. Michael,
Komm uns zu Hilfe, zieh mit ins Feld,
Hilf uns hier kämpfen, die Feinde dämpfen, Sankt Michael.
(Friedrich Spee von Langenfeld, 1621)

(Rabbula-Evangeliar, 586)
Liebe Leserinnen und Leser,
von Herzen wünsche ich Ihnen gesegnete und geistvolle Pfingsttage. Vielleicht können die nachfolgenden Gedanken ein paar Akzente für das kommende Fest setzen. Ich würde mich freuen.
Herzlichen Dank für Ihr Interesse an bildungsethischen Fragen und Ihre Verbundenheit.
Mit herzlichen Grüßen, Axel Bernd Kunze
Ut omnes unum sint. – Unter diesem Wahlspruch wurde die Johannes-Gutenberg-Universität Mainz nach dem Zweiten Weltkrieg wiederbegründet. Alle sollen eins sein.
Alle sollen eins sein. – Karl Holzamer, Philosophieprofessor in Mainz und erster Intendant des ZDF, hat sich in seinen Lebenserinnerungen zu diesem Wahlspruch seiner Universität geäußert. Das Einssein, um das es hier gehe, so Holzamer, meine keine Gleichschaltung des Einzelnen und keine Uniformierung des Denkens – diese waren aus dem bei Gründung der Universität gerade zu Ende gegangenen Nationalsozialismus hinlänglich bekannt. Nein, es gehe um ein Einssein, das individuelle Haltungen weckt und stärkt. Holzamer wörtlich: „Mit dem Wunsch, dass alle ‚eins‘ sein sollten, […] sollten auch die geistigen Abwehrkräfte mobilisiert werden.“
Wenn sich die Universität seinerzeit einen Vers aus dem Johannesevangelium zum Wahlspruch nahm, wollte sie sich damit ganz bewusst zu den Orientierungswerten des Abendlandes und zum christlichen Menschenbild bekennen.
Und richtig – der Wahlspruch führt uns direkt hinein in die Sendung Jesu und das Lebensprinzip derer, die ihm folgen.
Alle sollen eins sein. – Die Einheit, von der hier die Rede ist, gründet nicht in einer abstrakten Ideologie oder einer bestimmten Weltanschauung. Sie gründet in einer lebendigen Beziehung zu einer Person, zu Jesus Christus. Ermöglicht wird diese Einheit durch die besondere Gottesbeziehung Jesu, durch sein Einssein mit dem Vater. Wenn wir Jesus folgen, werden wir in diese Gottesbeziehung Jesu hineingenommen: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein. Die Heilsbedeutung von Jesu Sterben und Auferstehen erweist sich in der Sammlung der zerstreuten Kinder Gottes.
Wer an Jesus glaubt, dem wird nicht ein Programm übergestülpt, sondern der wird in eine lebendige Beziehung hineingenommen. Wenn eine Beziehung glücken soll, gelingt dies nur, wenn wir uns mit unserer ganzen Persönlichkeit darauf einlassen und wenn wir als Persönlichkeit wahrgenommen und erkannt werden.
Alle sollen eins sein. – Wir wissen aber auch: Das Einssein unter uns Menschen ist nie selbstverständlich und einfach. Auch unter besten Freunden oder Menschen, die sich lieben, kann es Krisen und Unverständnis, Streit und Konflikt geben. Die Kraft zum Einssein, die Jesus für die Gemeinschaft der Glaubenden erbittet, wurzelt dann auch nicht in menschlicher Anstrengung. Noch das größte Bemühen des Menschen bleibt fragil und zerbrechlich.
Kraft zum Einssein finden die Glaubenden nur, wenn sie sich am lebendigen Vorbild Jesu orientieren. Sein Einssein mit dem Vater wird zum Modell für das Einssein der Kirche.
Dabei besitzt die Lebenspraxis der Jünger und Jüngerinnen Jesu, die sich am neuen Gebot der Liebe orientiert, missionarische Wirkung. Die Welt soll glauben, dass Jesus vom Vater gesandt ist. Zeugen hierfür sind alle, die Jesus nachfolgen. Durch unser christliches Zeugnis, durch unser Christsein, das aus der Beziehung zu Jesus lebt, soll die Welt erkennen, dass der Sohn vom Vater gesandt ist.
Alle sollen eins sein in dir. – Das Einssein der Kirche ist noch nicht vollendet, bleibt ein Ziel. Der heutige Evangelienabschnitt schlägt eine Brücke zum Beginn des Johannesevangeliums: Dort wird Jesus als ewiges Wort des Vaters besungen, das in die Welt gekommen ist, damit wir seine Herrlichkeit schauen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater. Die Glaubenden sollen in die Beziehung Jesu zum Vater hineingenommen werden, damit sie seine Herrlichkeit in Fülle sehen – eine Herrlichkeit, die darin gründet, dass Jesus vom Urbeginn an von Gott geliebt ist.
Jesu Sendung besteht darin, Kunde gebracht zu haben vom Innersten Gottes – hierfür steht in biblischer Tradition der Name Gottes. Weil Jesus ganz eins ist mit dem Vater, zeigt sich an ihm, was noch niemand jemals gesehen hat.
Wer ist Gott für uns? Jesus hat uns diese Frage ins Herz gelegt. Und wir werden immer stärker Zugang zu Jesus, zu seiner Person und seinem Wirken finden, je mehr diese Frage ins uns brennt. Bis wir einmal die volle Herrlichkeit Gottes schauen dürfen.
Axel Bernd Kunze
(aus: WortGottesFeiern an allen Sonn- und Feiertagen, H. 3/2025, S. 469 ff.)

Noli me tangere.
Fra Angelico, San Marco (Florenz), um 1440
Liebe Leserinnen und Leser!
Das ist der Tag, den der Herr gemacht, wir wollen jubeln und uns über ihn freuen. – Der Vers ist dem Psalm 118 entnommen. Der Beter des Psalms hat viel Gutes erfahren, von Gott. Nun soll gesungen werden. Nun soll ein Dankfest gefeiert werden. Dieser Psalmvers ist in der christlichen Liturgie zum österlichen Freudenruf geworden. Zu Recht: Denn Gott hat uns Gutes erfahren lassen. Mehr als wir Menschen uns ausdenken können. Durch die Auferstehung seines Sohnes hat er uns Hoffnung auf neues Leben geschenkt, das allen Tod überwindet.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen gesegnete Kar- und Ostertage, ein frohes Osterfest sowie erholsame Ferientage. Ihr Axel Bernd Kunze
Heiliger Absalon, seit der Taufe trage ich deinen Namen. Bitte für mich bei Gott um die Kraft deines Glaubens, die Größe deiner Hoffnung, die Fülle deiner Liebe. Steh mir bei, dass ich wie du den guten Kampf kämpfe und einst die Krone des Lebens empfange.
(Gotteslob 34, 2)

Absalon von Roskilde bei der Schlacht von Grathe Hede
Vierzig Tage nach der Geburt eines Knaben musste nach dem Gesetz des Mose für die Mutter ein Reinigungsopfer dargebracht werden; ferner war der erstgeborene Sohn auszulösen. Beide Riten erwähnt die lukanische Kindheitsgeschichte, an der sich das heutige Fest orientiert, gefeiert vierzig Tage nach Weihnachten. Früher Mariä Reinigung genannt, ist es seit der Liturgiereform ein Herrenfest, gleichsam ein Nachklang der Weihnachtszeit. Mit dem Fest sind die Segnung von Kerzen und eine Lichterprozession verbunden, daher auch Mariä Lichtmess genannt. Das Fest besaß früher große Bedeutung als Beginn des „Bauernjahres“, woran noch örtliches Brauchtum erinnert. Mancherorts bleiben die Krippen bis heute stehen. Die Ostkirche feiert den Tag als „Fest der Begegnung“ und betont damit die Begegnung des Neugeborenen mit Simeon und Hanna, deren Warten auf den Messias sich erfüllt. Seit 1997 ist der 2. Februar zugleich päpstlicher Welttag des geweihten Lebens, an dem die verschiedenen Ordensberufungen im Mittelpunkt stehen.

(Meister der Pollinger Tafeln, 1444)
Simeon und Hanna, die uns im heutigen Evangelium begegnen, haben ein Leben der Erwartung geführt. Sie haben der Zusage Gottes vertraut, den Gesalbten des Herrn zu sehen. Und Gott hält Wort. Vom Geist in den Tempel geführt, dürfen sie heute Jesus begegnen. Im kleinen Kind, gerade vierzig Tage alt, erkennen sie den Erlöser der Welt. Auch wir dürfen Jesus begegnen, wenn wir jetzt zusammenkommen. Er ist die Botschaft des Heiles, Gottes lebendiges Wort, das zu unserem Heil Mensch wurde.
Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich einen gesegneten Lichtmessonntag.
Ein frohes und herzliches Glück auf zum neuen Jahr!
Von Herzen alles Gute, Zuversicht und Gottes Segen für das neue Jahr. Wir werden Weisheit und Klugheit, Mut und Verantwortung, Freiheitsbewusstsein und Nüchternheit brauchen, die Herausforderungen dieses neuen Jahres zu bestehen. Vielleicht ist Selberdenken in Zeiten wie den unsrigen das probate Mittel, das wir uns wünschen sollten – und so mag Odo Marquard möglicherweise einen Akzent am Beginn dieses Jahres setzen:
„Denn zu nichts braucht man heute mehr Mut als zur Wahrnehmung des Positiven. Und damit erweist sich der Bürger auch als der letzte Träger der Aufklärung, der das ‚sapere aude‘ in eine Lebenspraxis der Freiheit umsetzt. Kants Mut zum Selberdenken konkretisiert sich heute als Mut zur Bürgerlichkeit. So hat Odo Marquard den Begriff Zivilcourage übersetzt. Es gibt noch Ritterlichkeit, auch wenn es keine Ritter mehr gibt. Und es gibt noch Bürgerlichkeit, auch wenn es keine bürgerliche Gesellschaft mehr geben sollte.“ [Norbert EBolz: Die ungeliebte Freiheit. Ein Lagebericht, München 2010, S. 136.]