Zwischenruf: Ein guter Anfang …

„Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Das erste Buch der Bibel spricht in seinem ersten Kapitel von einem Anfang. Nicht von irgendeinem Anfang, sondern von dem Anfang, vom Beginn der Schöpfung: Gott erschafft Licht und Finsternis, Himmel und Erde, Land und Meer, Pflanzen und Bäume, Sonne und Mond, Vögel und Fische und alle Tiere auf dem Land. Gleich, wie wir uns die Entwicklung des Lebens, der Welt und von allem, was auf ihr lebt, vorzustellen und wissenschaftlich zu erklären versuchen. Den letzten Ursprung allen Lebens vermag der Mensch nicht aus sich selbst zu erklären. Einen solchen Anfang kann allein Gott setzen. Er ist es, der seine Schöpfung ins Leben ruft, mit Leben erfüllt und im Dasein erhält.

Dabei macht uns die Bibel zu Beginn deutlich, dass Gott einen guten Anfang gelegt hat: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“

Auch wir, der Mensch selbst, verdanken uns diesem guten Anfang Gottes. Gott erschafft den Menschen, als Mann und Frau, und segnet ihn. Und er gibt ihm einen Auftrag: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ Gott übergibt dem Menschen seine Schöpfung – nicht damit er diese ausbeute oder vernichte. Die Schöpfung soll dem Menschen dienen. Zugleich soll dieser verantwortlich mit Gottes Schöpfung umgehen, damit Gottes guter Anfang weitergehen kann, damit Leben möglich ist und die Erde ein lebenswerter Ort bleibt.

Der Mensch bekommt an dieser Stelle eine ungeheure Würde und Verantwortung zugesprochen: Er soll Gottes Ebenbild sein. Er ist als Gottes Ebenbild in diese Schöpfung hineingestellt. Vielleicht hilft folgendes Bild, uns ein wenig vorzustellen, was damit gemeint ist: Wenn wir uns an einen Menschen erinnern wollen, stellen wir ein Denkmal von ihm auf oder hängen ein Bild von ihm auf. Vielleicht haben Sie auch bei sich zu Hause, in Ihrem Zimmer, auf Ihrem Schreibtisch ein Bild aufgehängt oder aufgestellt, das Sie an einen Menschen erinnern soll, der Ihnen wichtig ist. Dabei geht es um mehr als ein Bild: Das, was dieser Mensch für Sie bedeutet und was er verkörpert, wird dadurch lebendig. Sie denken an ihn und so begleitet der andere das, was sie tun – ihre Gedanken, ihre Gefühle, ihr Handeln.

Gewiss, jeder Vergleich ist unvollkommen, das ist auch hier der Fall. Doch wenn die Bibel vom Menschen als Ebenbild Gottes spricht, geht es um etwas Ähnliches: Der Mensch ist in Gottes Schöpfung gestellt und soll Gott selbst sichtbar machen. Er wird zum Beauftragten Gottes, zu jemandem, der Verantwortung für Gottes gute Schöpfung übernimmt: Vor allen anderen Geschöpfen ist der Mensch dazu bestimmt, in Gemeinschaft mit seinem Schöpfer zu leben und diese Welt in Freiheit zu gestalten, in Verantwortung vor Gott und den Mitmenschen.

Dies alles ist kein Verdienst des Menschen, sondern Geschenk Gottes. Der Mensch darf mit Gott Erfahrungen machen. Die Schöpfung bleibt das Anfangsgeschenk Gottes an den Menschen – aber der Mensch muss sich zugleich entscheiden, ob er Gottes Geschenk annehmen will oder nicht. Er ist von Anfang an in eine ursprüngliche – die Bibel sagt zu Beginn: „paradiesische“ – Entscheidungssituation gestellt. Wir wissen, dass der Mensch mit seiner Freiheit, die ihm Gott geschenkt hat, nicht immer verantwortlich umgegangen ist. Der Mensch ist zum Guten, aber auch zum Bösen fähig – und er kann selbst dem eigenen Bruder zum Feind werden. Schon Kinder erfahren dies, mehr oder weniger heftig.

Gott aber hat den Menschen nicht verstoßen. Er hat den guten Anfang, den er gesetzt hat, nicht widerrufen. Vielmehr hat er sein Ja zu seiner Schöpfung, zu dieser Welt und zum Menschen wiederholt: In Jesus Christus ist Gott selbst Mensch geworden. An Jesus Christus können wir sehen, was es heißt, als voller Mensch zu leben – so, wie Gott den Menschen gewollt und geschaffen hat. Wir gehen nicht dem Tod entgegen, sondern dem Leben. Uns ist ein Leben in Fülle verheißen, das am Schöpfungsmorgen seinen Anfang nahm und das am Ende der Schöpfung vollendet werden wird. Die Bibel verwendet dafür ein herrliches Bild: Gott wird uns zu einem himmlischen Mahl einladen, er wird mit uns essen und trinken – dann werden wir die Früchte seiner guten, vollendeten Schöpfung in Fülle genießen.

In diesen Wochen fängt wieder etwas Neues an: ein neues Schulhalbjahr – mit vielen neuen Aufgaben, „Baustellen“, Veränderungen, Herausforderungen und Prüfungen, für Schüler wie Lehrer. Vor dem großen Anfang der Schöpfung, von dem wir gehört haben, mag sich dieser Anfang, an dem wir heute stehen, ganz klein ausnehmen. Dieser Anfang wird sicher in manchem schnell zur Routine und zum Alltag werden; der schulische Alltag mag mitunter mühsam und nicht frei von Konflikten sein, vielleicht auch mal langweilig oder quälend.

Und doch: Jeder von uns kann ein wenig dazu beitragen, diese Welt verantwortlich zu gestalten: im gemeinsamen Durchdenken bedeutsamer Fragen, im Umgang miteinander, in der Gestaltung des Unterrichts, in der Mitwirkung in der Schulgemeinde, im Umgang mit den Mitschülern, im Umgang zwischen Schülern und Lehrern, im kollegialen Miteinander im Kollegium. Was wir aus diesem Schulhalbjahr machen oder auch nicht, liegt an uns. Es ist in unsere Verantwortung, in unsere Freiheit gelegt.

Wer sich für einen pädagogischen Beruf entschieden hat, ist in dieser Aufgabe in besonderer Weise ein Vorbild für die Kinder und Jugendlichen, die ihm anvertraut sind. Er oder sie soll ihnen helfen, verantwortlich mit dem umzugehen, was Gott uns an Freiheit und Möglichkeiten, an Fähigkeiten und Erfahrungen geschenkt hat. Pädagogen, Lehrkräfte und Erzieherinnen sollen den Kindern helfen, die Entscheidungssituationen, die auf sie zukommen werden, zu bestehen.

Und sie sollen den Heranwachsenden helfen, dass sie Gottes guten Anfang spüren, dass sie ermutigt werden und dass Gottes Zusage in ihrem eigenen Leben spürbar wird. Gerade dies aber können wir nicht allein; wir würden uns moralisch unter Druck setzen und überfordern, wenn wir meinten, dies allein aus eigener Kraft vollbringen zu können. Wir können es nur im Vertrauen auf Gottes Zusage. Gerade deshalb ist es gut und wichtig, wenn Schulen neue Schuljahr mit einem Gottesdienst zu beginnen.

Ich wünsche uns, dass wir den Anfang dieses Halbjahres gut nutzen können – mit Gottes Hilfe, der uns durch seinen guten Anfang eine Fülle an Möglichkeiten eröffnet. Anfang und Ende dieses Schuljahres, Ausgang und Ende unseres pädagogischen Tuns legen wir in Gottes Hände, damit er es segne und zum Guten führe.

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