Nachfolge ist mehr als Nachahmung
Bildung, verstanden als Befähigung zur Selbstbestimmung, gehört zu den fundamentalen Dimensionen des Menschseins, ohne welche das in der Menschenwürde sich ausdrückende Vermögen zum Vernunft-, Freiheits- und Sprachgebrauch nicht zur Entfaltung gelangen könnte, und ist daher als eigenständiges Menschenrecht geschützt.
Vorbilder oder Modelle spielen für Lern- und Erziehungsprozesse eine wichtige Rolle, wie die Pädagogische Psychologie bestätigt hat. Für verantwortliches Handeln reicht es aber nicht aus, Vorbilder allein nachzuahmen. Dem Anspruch auf Moralität wird nur eine Ethik gerecht, welche die Differenz zwischen Nachahmung und Nachfolge offenhält. Wer nachahmt, orientiert sich nicht an eigenen sittlichen Einsichten, sondern an einer von anderen gesetzten Norm. Auf diese Weise ist heteronomes Verhalten, aber noch kein moralisches Handeln im strengen Sinne erreicht. Nachfolge hingegen setzt auf ein vergleichendes Handeln, das auf eigene Einsicht nicht verzichtet, sondern diese gerade voraussetzt.
Der Wert von Vorbildern
Ein illustrierendes Beispiel dient allein dazu, eine bestimmte Erkenntnis anschaulicher auszugestalten. Solche Beispiele besitzen moraldidaktisch ihren Wert, wenn es darum geht, die sittliche Urteilskraft zu schärfen. Ein Vorbild geht weiter, indem es Maßstäbe für moralisches Handeln vermittelt. Wollte sich das sittlich handelnde Subjekt nur an dem ausrichten, was von einem anderen beispielhaft als Norm vorgestellt wurde, bliebe es bei bloßer Nachahmung. Sittliche Autonomie hingegen verlangt eine kriteriologische Einsicht, deren Ursprung in der Vernunft des Subjekts liegt. Vorbilder, die diesem Anspruch gerecht werden, ersetzen nicht die sittliche Erkenntnis qua Vernunft, sondern regen dazu an, sich der eigenen Sittlichkeit bewusst zu werden und nach Maßstäben für das eigene Handeln zu fragen. Wer Vorbild so versteht, ist niemals eine bloße „Kopie“, sondern bleibt stets ein „Original“.
Ein Vorbild motiviert zum sittlichen Handeln. Soll die Rationalität normativer Urteile nicht ausgehebelt werden, können aus ihm aber keine ursprünglichen kognitiven Erkenntnisse abgeleitet werden. Der motivationale Wert eines Vorbilds liegt auf einer anderen Ebene – und zwar der Praktikabilität: Ein Vorbild vermag die Realisierbarkeit des moralisch Geforderten und als sittlich gut Erkannten vor Augen zu stellen. Moralpädagogisch wirkt es als Medizin gegen Schwärmertum und Gefühlsduselei. Einer Moralität, die in erster Linie auf flüchtige Gefühle setzt, wird es an Konstanz und Ernsthaftigkeit fehlen. Nachfolge, die mehr ist als Nachahmung, wird vorsichtig sein, aus dem Urbild vorschnell einzelne sittliche Forderungen abzuleiten, die entweder sittlich-vernünftig nicht mehr nachvollzogen werden oder ahistorisch das situative Moment jeder moralischen Entscheidung ausblenden. Dies eröffnet einen Freiraum, mit der Fragmentarität, Kontingenz und Pluralität ganz unterschiedlicher Lebensentwürfe ethisch angemessen umgehen zu können.
Nachfolge Jesu
Die Kirche gibt in Wort und Tat, in Liturgie und Diakonie lebendiges Zeugnis von Jesu Leben, Sterben und Auferstehen. Kern der christlichen Glaubensgemeinschaft ist die Bezeugung von Jesu Selbsthingabe an den Willen des Vaters. Dabei kommt der Bibellektüre entscheidende Bedeutung zu, sie ist Vollzug gelebter Nachfolge in einer lebendigen Beziehung zu Jesus Christus: nicht als bloßer Nachvollzug einer vielleicht bedeutungsvollen Erzählung über Wort und Werk Jesu, sondern als lebendige Bezeugung dessen, was sein Leben hinterlassen und ausgelöst hat – und bis heute auslöst. Eine christliche Nachfolgeethik, die sich vom Maßstab Jesu herausfordern lässt, wird auf diese Bezeugung nicht verzichten können: Sie ist der entscheidende Zugang zum Vorbild Jesu, durch dessen Person Christen sich existentiell gefordert sehen und an dessen Ruf sie nicht achtlos vorübergehen können, wenn sie ihre christliche Identität nicht verlieren wollen.
Christliche Ethik ist Antwort auf das Angebot von Gottes unbedingter, stets zuvorkommender und für den Menschen entschiedener Liebe. Liebe kann genauso wenig erzwungen werden, wie jemand sich Liebe verdienen kann, sie ist und bleibt stets Geschenk. Nur Liebe vermag, sich an den anderen zu binden und dabei doch frei zu bleiben. Nicht zuletzt die Bibel zeigt uns in vielfältiger Form und mit einem für Christen maßgeblichen Anspruch, wie Glaubende vor uns Gottes Anruf aufgegriffen haben und wie sie diesen Weg der Liebe glaubwürdig sowie verbindlich gegangen sind. Christliche Ethik als ein Weg der Freiheit und Liebe wird aber stets vielfältig, immer wieder von neuem kreativ und schöpferisch sein. Christliche Nachfolge hat viele Gesichter. Denn wer könnte von sich behaupten, in der Liebe immer schon alles getan und ausgeschöpft zu haben!?
Dies mindert aber nicht den ethischen Anspruch, sondern vertieft ihn. Liebe ist nicht mit halbem Herzen möglich. Sich auf einen anderen Menschen einzulassen und ihm voll und ganz zu vertrauen, verlangt die ganze Persönlichkeit. Dies gilt auch für den Ruf in die Nachfolge Jesu. Nachfolge ist mehr als ein bloßes Fasziniertsein. Christliche Nachfolge gründet in einer persönlichen und bewussten Entscheidung, nicht allein in einem spirituellen Gefühl oder in sentimentaler Schwärmerei. Sie verlangt nach großer Ernsthaftigkeit und gelingt nur, wenn wir in Liebe über uns selbst hinausgehen auf den anderen zu.
Liebe und Gerechtigkeit
Mit Liebe ist keine triebhafte, gedankenlose oder widervernünftige Neigung gemeint, sondern ein beziehungstiftendes Moment, ohne das keine soziale Gemeinschaft entsteht. Liebe verneint dabei nicht den moralisch-politischen Anspruch auf Gerechtigkeit, sondern liegt diesem voraus. Denn Gerechtigkeit als argumentative Forderung ist keinesfalls voraussetzungslos, sondern bedarf der Liebe zur Gerechtigkeit, ohne dass diese aber selbst schon gerecht wäre. Sie ist dann auch ein bleibendes Korrektiv: Denn selbst eine parteiische, ungerechte Liebe trennt die Menschen weniger voneinander als eine lieblose, übersteigerte Gerechtigkeit. Das Prinzip der Liebe verbürgt die freiwillige Bindung an den anderen um dessen Selbstbestimmung willen.