Rezension: Weimar – mehr als ein Erinnerungsort. Ein Kraft- und Ideenort bis heute

Helge Hesse: Ein deutsches Versprechen. Weimar 1756 – 1933, Ditzingen: Philipp Reclam jun. 2023, 283 Seiten.

Marita Lanfer: Säen bei Nacht. Der Deutsche Widerstand als Auftrag zur Erziehung, Bad Schussenried: Gerhard Hess 2021, 467 Seiten.

Wenn eine Stadt zu Recht den Titel „Kulturstadt“ trägt, dann wird man dies sicher über Weimar sagen dürfen. Die Residenzstadt des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach hat wie keine andere deutsche Stadt die Kulturgeschichte in einer Dichte geprägt, die nahezu einmalig und im Stadtbild noch heute sichtbar ist. Von den Hauptvertretern der Weimarer Klassik – Goethe, Schiller und Herder – bis zum Bauhaus. Man darf mit Fug und Recht auch noch Eisenach dazu nehmen, das 1741 dem Herzogtum Sachsen-Weimar vertragsgemäß zufiel und mit der historisierend wiederaufgebauten Wartburg, den Bach- und Lutherstätten, seinen ausgedehnten Gründerzeitvierteln und dem Burschenschaftsdenkmal gleichfalls auf bis heute sichtbare Weise die deutsche Nationalkultur repräsentiert – und mit dem Mahnmal für das protestantische Entjudungsinstitut wie Weimar ebenfalls den Kulturbruch von 1933 mitträgt.

Der Philosoph und Wirtschaftswissenschaftler Helge Hesse nimmt seine Leser auf eine faszinierende Reise durch die Kultur-, Ideen- und Geistesgeschichte Weimars mit – bis zum Zivilisations- und Kulturbruch von 1933, der sich im Konzentrationslager Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar manifestierte. Damit endet der historische Durchgang – eine Entscheidung des Autors, die plausibel ist. Dennoch wäre möglicherweise ein Schlusskapitel zum Fortwirken des „deutschen Versprechens“ von Weimar und dem Umgang damit in der DDR wie in der Bundesrepublik wünschenswert gewesen. Noch heute ist das DDR-Erbe in Gestalt seiner Architektur unmittelbar neben dem Deutschen Nationaltheater, dem Gründungsort der Weimarer Republik, deutlich im Stadtbild sichtbar.

Das Buch ist jedem zu empfehlen, der sich auf einen Besuch Weimars vorbereiten will. Aber es geht um mehr als einen Reiseführer für Kulturbürger. Der geistes- und ideengeschichtliche Durchgang durch die Jahre von 1756 bis 1933 zeigt, wie wichtig die Pflege der kulturell-moralischen Grundlagen für die geistige Vitalität, intellektuelle Tiefe und prägende Ausstrahlungskraft eines Gemeinwesens ist. Hesse beginnt seinen historischen Durchgang mit Anna Amalia aus dem Hause Braunschweig-Wolfenbüttel und der Zeit des jungen Herzogs Carl August. Es folgen Kapitel zu Goethe, Schiller sowie Maria Pawlona und Schopenhauer und dann Liszt. Mit Graf Kessler und van de Velde tritt Weimar in die Moderne ein, das Schlusskapitel widmet sich der Epoche des Bauhauses. Ein Personenregister zum schnelleren Auffinden einzelner Episoden fehlt leider.

Historische Fehler trüben den Lesefluss nur geringfügig. So ereignete sich die Heidelberger Spargelaffäre, die den Nationalsozialisten als äußerer Anlass für das Verbot der studentischen Korporationen diente im Kreis des Corps Saxo-Borussia, auch wenn Hesse diesem Ereignis einen burschenschaftlichen Hintergrund gibt. Hesse erwähnt das Wartbugfest, geht aber auf studentengeschichtliche Bezüge in seinem Band nicht weiter ein. Dabei lohnte es sich durchaus, zu fragen, inwiefern das liberale Klima in den thüringischen Fürstentümern auch die Entwicklung der spezifischen Form des deutschen Couleurstudentums begünstigt hat; immerhin liegen die Wurzeln nicht weniger Korpoationsverbände, wie Orte wie Eisenach, Sondershausen, Schwarzburg oder Jena bezeugen, gerade hier in Mitteldeutschland.

Auch gelingt es Hesse nicht, die nationalsozialistische Vergangenheit Weimars in ideengeschichtliche Zusammenhänge einzuordnen. Als Beispiel sei Johannes Itten genannt, den Hesse als Esoteriker kennzeichnet. Wer das Bauhausmuseum in Weimar besucht, erfährt zumindest am Rande, dass sich schon der am Bauhaus lehrende Meister – ein Anhänger der Mazdaznanlehre, eines reformierten Zarathustrismus – mit der damals noch jungen Rassetheorie beschäftigte. Diese war keine „Erfindung“ der Nationalsozialisten, und Itten keineswegs der Einzige seiner Zeit, der sich für deren  vermeintlich „wissenschaftliche“ Thesen interessierte – Hesse erwähnt dieses Interesse des Kunsttheoretikers Itten nicht (nur am Rande sei erwähnt, dass gegenwärtig erneut über rassetheoretische Bezüge im Denken des jungen Joseph Beuys diskutiert wird). Solche Bezüge auszuleuchten, hätte es etwas mehr Tiefenschärfe gebraucht; die Kulturgeschichte der Moderne lässt sich nicht allein im Gegensatz zur nationalsozialistischen Diktatur erzählen, was die brutale Bilderstürmerei der nationalsozialistischen Kulturpolitik in Thüringen gegen das Bauhaus keineswegs rechtfertigt.

Zustimmen mag man dem Autor, wenn er in einem knapp gehaltenen Ausblick schreibt: Weimar habe vor allem dann Ausstrahlungskraft besessen, wenn es mit der eigenen Identität nicht haderte und gerade deshalb auch offen sein konnte für die Begegnung mit anderen Identitäten und Anregungen von außen (Weimar zog Persönlichkeiten wie Franz Liszt, Henry van de Velde oder Wassily Kandinski an). Dies wäre jeder Kulturpolitik zu wünschen, und zwar jenseits üblicher Sonntagsreden. Daher bleibt zu hoffen, dass das humanistische Versprechen der kleinen thüringischen Residenzstadt auch heute und künftig ausstrahlt und Weimar weiterhin ein „bedeutender Kraft- und Ideenort“ (Hesse, S. 276) – so Hesse – bleibt.

Ein Land braucht solche Kraft- und Ideenorte, gerade in seinen dunklen Stunden. Und an dieser Stelle lohnt sich ein Blick auf  Marita Lanfers Band „Säen bei Nacht“, in Anlehnung an eine Formulierung des Jesuitenpaters Alfred Delp, der dem Kreisauer Kreis angehörte. Die Lehrerin fragt nach jenen ideellen Kraftorten, aus denen Mut zum Widerstand erwachsen kann: „Es war auch diese tiefe Verwurzelung in Familie, Heimat und Volk, aus der den Widerstandskämpfern die sittliche Verpflichtung erwuchs, sich bis zur Hingabe ihres Lebens für die Heimat einzusetzen, die sie die ihre nennen konnten“ (Laufer, S. 436). Hier ist sie wieder zu spüren: die eigene Identität, die nicht mit sich selbst hadert. Dabei geht es um eine Verwurzelung, die sich nicht von aktueller politischer Rhetorik täuschen lässt: „Der Nationalsozialismus schien ursprünglich zwar gerade die Ideale von Volk und Heimat hochzuhalten und neu ins Recht zu setzen. Doch das sie jetzt rassisch vergötzt und in ihrem Namen die Achtung anderer Völker und ihrer Heimat mit Füßen getreten wurde, war Verrat von dem, was Verwurzelung ausmachte, und stellte sie infrage“ (ebd.).

Dieser Wurzelgrund muss gepflegt werden, braucht einen Nährboden. Für Lanfer heißt dies: die Bereitschaft der älteren Generation, den Auftrag zur Erziehung anzunehmen; die Bereitschaft, als lebendiges Vorbild zu wirken; die Kraft positiver Leitbilder nicht zu leugnen und den Mut, einen autoritativen Erziehungsstil zu pflegen und Leistungsbereitschaft zu fördern – und, davon ist Lanfer überzeugt, die Weitergabe des Glaubens als Grund jeder Resistenz. Keinem der Widerstandskämpfer, so Lanfer, waren der Mut zur Verantwortung und zum Einstehen für ihre Überzeugungen in die Wiege gelegt, sondern mussten reifen – durch Erziehung und Selbsterziehung: „Zur Selbsterziehung den Grund gelegt zu haben, ist vielleicht die schönste Frucht erzieherischer Arbeit“ (Lanfer, S. 460). Erziehung beinhaltet ebenfalls ein humanes Versprechen, und zwar das Versprechen, dem anderen etwas zuzutrauen

Dass es dabei nicht um Rückwärtsgewandtheit geht, sondern um einen Konservatismus im besten Sinne der Bewahrung tragender Orientierungswerte, der gleichzeitig für Neues offen ist, macht Lanfer am Beispiel des Widerstandskämpfers und Reformpädagogen Adolf Reichwein deutlich. Der junge Akademieprofessor und Sozialdemokrat wurde 1933 zwangsenthoben und entwickelte in der brandenburgischen Provinz von Tiefensee eine eigene Reformschule, die verschiedene Stränge der Reformpädagogik miteinander verband. Im Kreisauer Kreis galt Reichwein, der 1944 – verraten durch einen Spitzel – im Zuge der Schauprozesse nach dem gescheiterten Hitlerattentat hingerichtet wurde, als Kultusministerkandidat in einer Regierung nach Hitler. Sein pädagogisches wie politisches Denken war stark durch die Ideale der Jugendbewegung geprägt: „Bei der Herausbildung der Jugend, die Reichwein zur Berufung wurde, ging es ihm nicht nur um Wissensvermittlung und Verstandesschulung, sondern um die Erziehung des ganzen Menschen, um Wertevermittlung und Charakterbildung. Hier zeigt sich Reichweins Beeinflussung durch die Jugendbewegung ebenso wie in seiner Bereitschaft, Andersdenkende zu akzeptieren und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Mit dieser Einstellung konnte er einen wichtigen Beitrag innerhalb des Kreisauer Kreises leisten, der sich vor der Aufgabe sah, die teils stark divergierenden Auffassungen und Visionen seiner Mitglieder einander anzunähern“ (Lanfer, S. 200).

Axel Bernd Kunze (Rez.)

Rezension: Kinderrechte im Kontext Schule

Adolf Bartz, Katharina Gerarts, Lothar Krappmann, Claudia Lohrenscheit (Hgg.): Praxis der Kinderrechte an deutschen Schulen. Eine Zwischenbilanz (Kinderrechte und Bildung; debus Pädagogik), Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag Dr. Kurt Debus 2023, 380 Seiten.

Manfred L. Pirner, Michaela Gläser-Zikuda, Michael Krennerich (Hgg.): Menschenrechte von Kindern und Jugendlichen im Kontext Schule (Wochenschau Wissenschaft), Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag Dr. Kurt Debus 2022, 327 Seiten.

Wie steht es um die Kinder- und Menschenrechte in der Schule? Zwei Bände aus dem Frankfurter Wochenschau-Verlag versuchen eine Bilanz.

Der Band aus der Reihe „Kinderrechte und Bildung“ stellt vor allem die Beteiligungsrechte von Schülern und Schülerinnen in den Mittelpunkt. Die Zusammenstellung bietet eine anschauliche Sammlung von Praxisbeispielen, einschließlich eines Materialanhangs für die konkrete Umsetzung der Kinderrechte im Kontext Schule. Hier schreiben Lehrkräfte, Studienleiter, Schulleiter … Und das ist wichtig: Denn wie eine beteiligungsorientierte Praxis in der Schule umgesetzt werden kann, ist nicht aus der Menschenrechtstheorie abzuleiten. Deren Erkenntnisse müssen vielmehr pädagogisch rekontextualisiert werden. Und hierfür ist der Blick der Schulpädagogik und Didaktik wichtig, aber entscheidend auch die Stimme der pädagogischen Praxis.

Der Band von Manfred Pirner, Michaela Gläser-Zikuda und Michael Krennerich weitet den Blick, indem er – in jeweils getrennten Teilen des Bandes – die Schutz-, Förder- und Partizipationsrechte von Kindern und Jugendlichen gleichermaßen thematisiert und fragt, was daraus für eine kinderrechtsgemäße Schul- und Unterrichtskultur folgt. Der Band dokumentiert eine Tagung des Center for Human Rights (CHREN) und des Kompetenzzentrums für Schulentwicklung und Evaluation (KSE) der Universität Erlangen-Nürnberg, des Regionalbüros Nürnberg des Deutschen Schulpreises und der Deutschen Schulakademie sowie der Wissenschaftlichen Arbeitsstelle Evangelische Schulen (WAES) in Hannover und des Menschenrechtsbüros der Stadt Nürnberg. Wichtig für die Umsetzung der Kinderrechte im schulischen Kontext ist – wie das Fazit am Ende des Bandes andeutet –, dass deutlich unterschieden ist, wer in diesem Rahmen jeweils welche Aufgaben hat. Dies wird nur im gemeinsamen Miteinander von Schulpraxis, Politik und Wissenschaft gelingen.

Rezension: KI und Transhumanismus – Zentralthemen des neuen Pontifikats?

„Vatikanastrologen“ erwarten für den ersten Herbst des neuen Pontifikats zahlreiche Entscheidungen und Weichenstellungen. Eine Frage, die medial diskutiert wird, lautet: Wird Papst Leo XIV. die Themen KI und Transhumanismus zu einem Schwerpunkt seiner Amtszeit machen? Und wenn ja: Wie wird er – in der Tradition seines Vorgängers Leo XIII. – diese Themen als neue Herausforderungen der Sozialen Frage heute deuten? Und wie wird er darauf reagieren?

Wer nach einer dezidiert christlichen Antwort auf den Transhumanismus sucht, wird bei Susanne Hartfiel fündig. Die Autorin ist Sozialwissenschaftlerin und Sozialpädagogin, sie studierte in Bremen, Siegen und an der Syracuse University in den USA. Ausdrücklich spricht sie von der Entscheidung zwischen einer Gott- versus Menschenzentrierung, welcher wir gegenwärtig gegenüberstehen. Und die Verlorenheit vieler Zeitgenossen angesichts dieser Entscheidungssituation äußert sich für Hartfiel in einer Identitätslosigkeit: „Viele Menschen wissen nicht mehr, wer sie sind, warum sie leben und was das Ziel ihres Lebens ist. Alles scheint irgendwie im Fluss zu sein“ (S. 9).

An dieser Stelle soll nur eine politische Folge dieser Orientierungslosigkeit und Entscheidungsunfähigkeit herausgestellt werden. Hartfiel spricht von einer „Rechteinflation“ (S. 174). Alles wird zum Recht, zum eigenen Anspruch umgedeutet: zum Recht auf Abtreibung (die aktuelle Kontroverse um die gescheiterte Bundesverfassungsrichterwahl vom Juli 2025 hat dieses Thema medial wieder auf die Vorderbühne gespielt), Recht auf ein eigenes Kind, Recht auf Sex … Übersehen wird dabei etwas ganz Entscheidendes: Es kann nicht etwas zum Recht, schon gar zum Grund- oder Menschenrecht, werden, wenn dadurch ein anderer Mensch mit gleichen Rechten und gleicher Würde als Mittel zum Zweck gemacht wird. Die Autorin zählt am Ende fünfzehn Punkte auf, welche transhumanistisches Denken charakterisiere (wobei es nicht einfach „den“ Transhumanismus gibt, wie Hartfiel zu Recht betonnt) – einer davon: die Aufhebung des Instrumentalisierungsverbotes des Menschen.

Die Folgen sollten klar vor Augen stehen. Und doch: Das transhumanistische Menschenbild fasziniert. Denn es verspricht die Überwindung von Leid und Krankheit, ja, selbst des Todes Auf einmal erscheint alles für den Menschen machbar. Am Ende bleibt für Hartfiel die persönliche Entscheidung – und zwar die Entscheidung, sich auf die Suche nach der wahren Natur des Menschen zu machen oder – in Anlehnung an die Rede Benedikts XIV. vor dem Deutschen Bundestag – nach einer ganzheitlichen, dem Menschen gerecht werdenden, humanen Ökologie.

Der Band bietet eine gut lesbare Einführung in die Debatte um den Transhumanismus – aus einer klaren christlichen Grundhaltung heraus. Damit kann er wichtige Impulse liefern für alle, die sich aus christlicher Perspektive an den kommenden, möglichen Debatten dieses Pontifikats beteiligen wollen. Denn eines ist klar: Die Kirche wird diesen Debatten nicht ausweichen können, wenn sie ihrer Verkündigungsauftrag treu bleiben will.

Susanne Hartfiel: Die Neuerfindung des Menschen, 2., ergänzte Auflage, Augsburg: Dominus 2023, 279 Seiten.

Rezension: Kirchliche Zeitgeschichte, Aufarbeitung und theologische Reflexion – zum innerkirchlichen Umgang mit dem früheren Par. 175 StGB

Gregor Schorberger: Liebende diskriminiert und verurteilt. Römisch-katholische „175er“ und ihre Kirche, Stuttgart: W. Kohlhammer 2024, 258 Seiten.

1994 fiel im wiedervereinigten Deutschland der Paragraph 175 Strafgesetzbuch, der homosexuelle Handlungen unter Männern unter Strafe stellte; eingeführt wurde dieser im Deutschen Kaiserreich im Zuge der Rechtsangleichung von 1871. 2017 wurden Verurteilungen im Zuge dieses Paragraphen aufgehoben und die Betroffenen rehabilitiert.

In den Fünfzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts erwies sich die katholische Kirche als starke Verteidigerin des genannten Paragraphen, eine eher unrühmliche Rolle spielte dabei nicht zuletzt der Sittlichkeitsverein „Volkswartbund“, der sich später allerdings von der katholischen Kirche löste. Bis heute dauert die innerkirchliche Diskussion über den Umgang mit Homosexualität an. Doch hat sich die Wahrnehmung deutlich verändert.

In Frankfurt am Main, Stuttgart oder Münster gibt es schwul-lesbische Gottesdienstprojekte; beim silbernen Jubiläum der Münsteraner Queergemeinde – zwischenzeitlich einmal mit einem Eucharistieverbot belegt – stand ein Weihbischof dem Festgottesdienst vor, die Jubiläumsfeier konnte im diözesanen Theologenkonvikt gefeiert werden. 2022 gründete sich die Initiative „#OutinChurch – Für eine Kirche ohne Angst.“  Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in gleichgeschlechtlichen Lebensformen  darf nach dem kirchlichen Arbeitsrecht nicht mehr ohne Weiteres gekündigt werden, wie die Generalvikare aus neunzehn Bistümern Anfang 2022 nach einer Fernsehdokumentation bestätigten. Mitarbeitern Und unter dem Motto „Wir lieben uns – welch ein Segen!“ hat das Bistum Rottenburg-Stuttgart im Juli 2025 eine Materialsammlung für Partnerschaftssegnungen jeder Art, darunter auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften, vorgelegt. Das Bistum beruft sich dabei auf das Schreiben „Fiducia supplicans“ aus der Amtszeit von Papst Franziskus.

Aber es bleibt eine Menge aufzuarbeiten, wie Gregor Schorberger anhand der Lebensbilder von sieben Zeitzeugen – geboren zwischen 1929 und 1951 – in seinem Band „Liebende diskriminiert und verurteilt“ aufzeigt, teilweise in anonymisierter Form. Um der Betroffenen willen und um der historischen Aufrichtigkeit willen. Weihbischof Ludger Schepers und die Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Birgit Mock, schreiben in ihrem Vorwort zu Schorbergers Studie: „Die in dem Buch beschriebenen Leben der sieben Zeitzeugen zeigt auf, dass eine neue Betrachtung auf Homosexualität in der katholischen Kirche möglich ist“ (S. 7). Und der Verfasser unterstreicht in seiner Einleitung mit einem Zitat des ehemaligen Kirchentagspräsidenten Andreas Barner: „Was nicht aufgearbeitet ist, wirkt weiter“ (S. 21).

Es geht um den innerkirchlichen Umgang miteinander, um einen theologisch reflektierten Umgang mit sexueller Vielfalt und um ein verantwortliches Handeln der Kirchen nach innen und außen – und dies, wie Schorberger einleitend schreibt, gerade auch angesichts der aktuell wieder zunehmenden gesellschaftlichen Gewalt gegenüber Homosexuellen. Wichtig wäre allerdings, dass die Kirche die Kraft zu einem verantwortlichen Umgang mit Homosexualität aus eigener theologischer Tiefe findet – und nicht allein aus der affirmativen Übernahme aktueller kultur- und sozialwissenschaftlicher Theorien. Dann könnte die Kirche vielleicht auch im Sinne gesellschaftlich-kultureller Diakonie dazu beitragen, Polarisierung im öffentlichen Diskurs nicht zu replizieren oder sogar zu verstärken, sondern auflösen zu helfen.

Schorbergers Studie kann hierzu beitragen. Denn der erste Schritt theologischer Reflexion ist und bleibt das Hinhören auf die Erfahrungen Betroffener.

Wer sind die sieben Zeitzeugen, die im Band zu Wort kommen? Karl Greth trat nach nicht ganz fünfzig Jahren wieder in die katholische Kirche ein – durch Kontakt mit dem Frankfurter Projekt schwul + katholisch, über das Schorberger promoviert hat (veröffentlicht 2013 unter dem Titel „schwul + katholische. Eine christliche Gottesdienstgemeinschaft“). Siegfried Schneider (anonymisiert) engagierte sich seit Kriegsende in der Frankfurter Schwulenbewegung und trat 1970 aus der Kirche aus. Bundesanwalt Manfred Bruns, bekannt durch seinen politischen Einsatz im Lesben- und Schwulenverband wie in der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche, machte die Erfahrung, dass ihm das Erzbistum Freiburg die Exkommunikation androhte. 1985 trat er dann – wie er selber es verstand – aus der Körperschaft des öffentlichen Rechts, nicht aber aus der katholischen Kirche als solcher aus. Hans-Joachim Hassemer tat dies 1983, entschloss sich aber 2015 zum Wiedereintritt und nimmt heute mit seinem Partei offen am Pfarreileben seines neuen Wohnortes teil. Peter H. (anonymisiert) erlitt durch einen nächtlichen Überfalle in lebenslanges Trauma. Er war Mitorganisator der ersten bundesweiten Homosexuellendemonstration 1972 auf dem Münsteraner Domplatz und ist heute Mitglied der dortigen Queergemeinde. Thomas Wagner, 2014 wieder in die Kirche eingetreten, hat sich publizistisch immer wieder mit dem Verhältnis der Kirche zu Homosexuellen beschäftigt, politisch u. a. engagiert in der Arbeitsgruppe „Verfolgung von Homosexuellen von 1933 – 1993 im Saarland“. Und schließlich: Alois Kannenmacher (anonymisiert), Diakon und Bistumsarchivar, der über berufliche Diskriminierung durch seinen kirchlichen Dienstgeber berichtet – und dennoch seinen eigenen Glaubensweg geht, den Schorberger so skizziert „Im Bewusstsein, von Gott geliebt zu sein und der daraus resultierenden Selbstannahme ist sein seelsorglicher Wille, auch andere Menschen die Liebe Gottes im Namen Jesu spüren zu lassen und sie zur Selbstannahme und Freiheit zu ermuntern, seine Hauptantriebsfeder“ (S. 195).

Schorberger gibt den Portraits sprechende Namen: Der Zeuge, Der Couragierte, Der Menschenanwalt, Der Liebende, Der Suchende, Der Prophet, Der Diakon. Ein umfangreicher Anhang dokumentiert zeithistorische Quellen und Briefe zur innerkirchlichen Auseinandersetzung über den Umgang mit Homosexualität. Auch wenn Schorberger dabei selber Akteur ist, lässt er die notwendige Distanz zur zeitgeschichtlichen Forschung nicht vermissen.

Die vorliegende Studie liegt quer zu den theologischen Disziplinen. Sie kann sowohl der kirchlichen Zeitgeschichte und Pastoraltheologie als auch der Moraltheologie und Aszetik wichtige Impulse liefern.

Axel Bernd Kunze (Rez.)

Rezension: Wie können Kinder aktiv in das Beschwerdemanagement in der Kindertagesbetreuung eingebunden werden?

Sabine Fischer: Beschwerden von Kindern in der Kindertagesbetreuung (Kinderrechte und Bildung; debus Pädagogik), Frankfurt am Main: Wochenschau Dr. Kurt Debus 2024, 88 Seiten.

Anna Maria Riedl kritisiert in ihrer Dissertation „Ethik an den Grenzen der Souveränität. Christliche Sozialethik im Dialog mit Judith Butler unter Berücksichtigung des Kindeswohlbegriffs“ (Leiden 2017) aus sozialethischer Perspektive, dass der Rekurs auf das Kindeswohl durch „die zentrale Permanenz der Asymmetrie und die damit einhergehenden Gefahren der Verabsolutierung oder Negation von Macht“ (Riedl, S. 38) grundsätzlich unter einem Beteiligungsdefizit leide. Sie fordert daher einen subjekt- und beteiligungsorientierten Kindeswohlbegriff, „der Kinder als Subjekte anerkennt und sie von Anfang gleichzeitig als zu Schützende und Beteiligte, als zu Erziehende und Selbstbestimmte, als noch Werdende und bereits Seiende, als sich von Erwachsenen Unterscheidende und dennoch mit gleicher Würde Ausgestattete sieht“ (ebd.). Nicht allein Nichtbeteiligung, sondern auch eine „graduelle Weniger-Beteiligung“ von Kindern bleibt für Riedl begründungspflichtig, wobei sie den bloßen Verweis auf entwicklungspsychologische Voraussetzungen nicht gelten lässt.

Mit der Betonung eigenständiger Bildungsansprüche der Kinder sollen diese stärker als bisher als selbständige Subjekte anerkannt und deren rechtlich begründete Beteiligungsansprüche ausgeweitet werden. Im jüngeren Bildungs- und Menschenrechtsdiskurs geschieht dies nicht selten zulasten des Elternrechts. Ein sensibler Punkt bleibt weiterhin die polare Spannung zwischen Schutz- und Beteiligungsansprüchen.

Dieser Schnittstelle widmet sich Sabine Fischer ihrer komprimierten und gut lesbaren empirischen Studie zum Beschwerdemanagement in Kindertageseinrichtungen. Und dies auf überzeugende Weise. Nach Kapiteln zum theoretischen Rahmen, Forschungsstand, zu den Zielen und der Methode ihrer Studie präsentiert die Autorin, die als Professorin für Pädagogik an der Evangelischen Hochschule Darmstadt – künftig ein Teil der neuen Evangelischen Hochschule Hessen – lehrt, in fünf Punkten: Was verstehen Kinder unter einer Beschwerde? Warum sollte es Beschwerdemöglichkeiten für Kinder geben? Wie können Kinder ihre Beschwerden äußern? An wen wenden sich Kinder mit ihren Beschwerden? Wie reagieren und interagieren Kinder in Beschwerdesituationen? Ihr Fazit: „Kinder wünschen sich eine Resonanz auf ihre Beschwerden und möchten mit diesen nicht allein gelassen werden. Sie wünschen sich Erwachsene, die sie bei der Situationseinschätzung und -klärung unterstützen und den Prozess der Klärung moderieren. Dies erfordert pädagogische Fachkräfte, die den Kindern in Beschwerdekontexten aktiv zuhören, den Dialog der Kinder untereinander anregen“ (Fischer, S. 59).

Es geht also um ein pädagogisch zu gestaltendes Beziehungsgeschehen. Die Autorin macht deutlich, warum es wichtig ist, nicht über, sondern mit Kindern zu sprechen: Nur dann könne es den pädagogischen Fachkräften gelingen, auch den kindlichen Eigensinn zu verstehen und nicht gleich eigene – professionelle – Deutungen über die Situation zu legen. Denn das Verhalten eines Kindes, so Fischer, könne immer unterschiedliche Ursachen haben. Allerdings, auch das macht die Darmstädter Pädagogin deutlich, müsse die Beteiligung von Kindern am Beschwerdemanagement in Kindertageseinrichtungen auch strukturell verankert werden. Die Kinder könnten dabei als Unterstützer oder Streitschlichter aktiv eingebunden werden – was zugleich, ohne dass Fischer dies explizit ausführt, auch eine Form früher politischer Bildung in der Kindertagesbetreuung sein kann.

Voraussetzung, damit ein solches Beschwerdemanagement gelingt, ist es, dass Trägerverantwortliche und Fachkräfte selber sich mit partizipationsfördernden Verhaltensweisen auseinandersetzten und diese für sich entwickelten. Gerade an diesem Punkt sieht Fischer weiteren Forschungsbedarf, wie sie zum Abschluss ihrer Studie formuliert.

Der aus einer pädagogischen Perspektive formulierte Band liefert wichtige Erkenntnisse für alle, die mit der Entwicklung, Implementierung oder Sicherung von Gewaltschutzkonzepten in Kindertageseinrichtungen oder auch Grundschulbetreuung beschäftigt sind.

Axel Bernd Kunze (Rez.)

Der Rezensent ist Privatdozent für Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn und beruflich als Schulleiter einer Fachschule für Sozialpädagogik tätig.

Grußwort: Eine „sozialintegrative Unterrichtsform“

I. In den vergangenen Tagen wurde gewerkelt und gesprayt, gemalt und kreativ geschafft – ganz nach dem Motto: „Kreativ die Welt entdecken“. Das Schuljahr neigt sich dem Ende entgegen, die Noten sind gemacht, die Ferien zum Greifen nahe. Und damit stehen wieder Projekttage bei uns ins Haus. Dabei geht es aber nicht darum, einfach die Zeit bis zum letzten Schultag zu überbrücken. Es geht um mehr!

Projekte sind eine komplexe „sozialintegrative Unterrichtsform“, bei der die Inhalte, Ziele, Methoden und Begründungsfragen miteinander ausgehandelt und gemeinsam verantwortet werden – so haben es kluge Pädagogen ausgedrückt. Oder anders gesagt: Bei Projekten bestimmen nicht die Lehrkräfte. Es geht vielmehr um die gemeinsame Abstimmung der Interessen und Handlungsschritte innerhalb der gesamten Lehr- und Lerngemeinschaft, von Lernenden und Lehrenden gleichermaßen.

Doch genug der hohen Theorie: Heute darf gefeiert werden – ein wichtiger Schritt, der jedes Projekt abschließen sollte. Und sie dürfen heute erleben und entdecken, was in den vergangenen Tagen alles entstanden ist – an kreativen Ideen und Projektergebnissen. Es geht um Graffiti und Street Art, Mode und Naturmaterialien, Bewegungspädagogik – und vieles mehr. Nicht alles, was wir heute zu sehen bekommen werden, ist im Voraus schon bekannt. Wir dürfen gespannt sein. Gehen Sie auf Entdeckungsreise, lassen Sie sich in der Kreativwerkstatt inspirieren oder stärken Sie sich am Fingerfood-Buffet, das ebenfalls eine Projektgruppe vorbereitet hat.

II. Die Projektwoche wurde gemeinsam von der SMV, den einzelnen Projektgruppen und Lehrkräften geplant, vorbereitet und gestaltet – und dies teilweise schon weit im Vorfeld. Denn für Projekttage gibt es keinen Stundenplan oder festen Fahrplan – da sind viel Spontaneität wie Organisationsfähigkeit gleichermaßen, Improvisationstalent und auch eine gute Portion Gelassenheit notwendig. Herzlichen Dank für alles!

 III. „Kreativ die Welt entdecken“ – das bedeutet auch: Wir möchten Ihnen heute zeigen, wie kreativ und vielfältig Schule sein kann und wie vielgestaltig und abwechslungsreich eine Ausbildung zur Pädagogischen Fachkraft.

Unsere Fachschule bildet staatlich anerkannte sozialpädagogische Assistentinnen und Assistenten sowie staatlich anerkannte Erzieherinnen und Erzieher aus. Letztere erhalten am Ende der Ausbildung auch den Titel eines „Bachelor Professional in Sozialwesen“. Ferner bieten wir in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg ein Integriertes Studienmodell an, das neben dem Erzieherabschluss in verkürzter Zeit auch zu einem Bachelorabschluss in Bildung und Erziehung der Kindheit führt.

Der Einstieg ist mit ganz unterschiedlichen Zugangsvoraussetzungen möglich: mit dem Hauptschulabschluss in der Berufsfachschule für sozialpädagogische Assistenz, mit dem Realschulabschluss im einjährigen Berufskolleg für Sozialpädagogik oder mit einem höheren Schulabschluss unmittelbar in der Fachschule für Sozialpädagogik. Wir bieten Ausbildungsgänge in vollzeitschulischer, praxisintegrierter oder in Teilzeitform an.

Und Sie haben die Möglichkeit, im Rahmen der Ausbildung Ihren Schulabschluss aufzuwerten und einen gleichwertigen mittleren Bildungsabschluss oder die allgemeine Fachhochschulreife zu erwerben.

Alle sozialpädagogischen Ausbildungsgänge bieten vielfältige Berufs- oder Anschlussmöglichkeiten. Sie können bei uns mit einem Hauptschulabschluss beginnen und sich bis zum Bachelorabschluss weiterqualifizieren. Mit der staatlichen Anerkennung als Erzieher oder Erzieherin ist in Baden-Württemberg auch ein Studium ohne Hochschulzugangsberechtigung möglich.

Ein Abschluss bei uns qualifiziert zum Arbeiten mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen – von 0 bis 27. Und das in vielfältigen Arbeitsfeldern: Krippe oder Kindergarten, Grundschulbetreuung oder Hort, Jugendzentrum, Jugendfarm oder Aktivspielplatz, Kinder- und Jugendarbeit oder Hilfen zur Erziehung, Wohngruppen oder stationäre Jugendhilfe.

Das alles kann sehr verwirrend sein, wenn man sich noch nicht näher mit diesem Berufsfeld beschäftigt hat. Was es für eine sozialpädagogische Ausbildung braucht und welche Chancen damit verbunden sind, lässt sich am besten im persönlichen Gespräch erklären.

Und nun genug der Vorreden: Das Schulfest ist eröffnet. Ich wünsche Ihnen allen einen kreativen, interessanten, frohen Nachmittag. Die einzelnen Angebote und Stände der Projekte sind bis 18.30 Uhr geöffnet.

Herzlichen Dank für Ihr Kommen, viel Spaß und viel Kreativität!

(aus einem Grußwort der Schulleitung zur Eröffnung des Schulfestes und Tages der offenen Tür am Ende der Projekttage)

Rezension: Bildung und Religion

Johannes Gutbrod in einer Rezension für die Pädagogische Rundschau (77. Jg., 2023, S. 391 – 394):

„Wer sich an Kunze und seinen Argumenten reiben möchte, kann dies tun. Der Autor schreckt nicht vor schwierigen Themen und besichtigen Aussagen zurück – dabei gilt es als Leser immer, die Argumente genau zu prüfen. Sie sind wohl überlegt und scharfsinnig formuliert und erweitern den Horizont, auch oder gerade dann, wenn man mit pädagogischer Literatur im christlichen Gewand bisher wenig oder keine Berührungspunkte hatte. Genau deshalb ist Kunzes Werk lesenswert. Es bietet durch die Stringenz des Textes und durch die Abgeschlossenheit der einzelnen Kapitel auch die Möglichkeit, es in Absätzen zu studieren, da jeder Aufsatz in sich geschlossen ist.“

Rede: Ein Bildungsberuf

Aus einem Schulleitungsgrußwort zur Abschlussfeier mit feierlicher Zeugnisübergabe:

Der Bereich frühkindlicher Erziehung, Bildung und Betreuung wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten – im Anschluss an die ersten PISA-Studien – stark ausgebaut. Die Gründe sind vielfältig. Vom Umbau der Krippen- und Kindergartenlandschaft zum Elementarbildungsbereich versprach man sich, so eine der Erwartungen, ein Mehr an Bildungsgerechtigkeit. Die Fachschulen für Sozialpädagogik konnten im Rahmen dieser Entwicklung politisch durchsetzen, dass die staatliche Anerkennung von Erziehern und Erzieherinnen im Deutschen Qualifikationsrahmen, der 2013 in Kraft trat, im Kompetenzniveau einem akademischen Bachelorabschluss gleichgestellt wurde.

Ferner haben die Bundesländer eigene Bildungspläne für den Elementarbereich erlassen. In Baden-Württemberg wurde erst am Montag vor einer Woche der neue, gänzlich überarbeitete Orientierungsplan für Bildung und Erziehung in Kindertagesbetreuung und Kindertagespflege öffentlich vorgestellt. Sie werden sich im Rahmen Ihrer Berufseinstiegsphase sicher noch intensiv mit diesem auseinandersetzen müssen.

Der Gemeinsame Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen, auf dem die Orientierungs-, Rahmen- oder Bildungspläne für den Elementarbereich in den einzelnen Ländern aufbauen, verzichtet bewusst auf eine Abgrenzung zwischen Bildung und Erziehung. Dort heißt es: „Der Bildungsprozess des Kindes umfasst alle Aspekte seiner Persönlichkeit. Bildung und Erziehung werden als ein einheitliches, zeitlich sich erstreckendes Geschehen im sozialen Kontext betrachtet.“ Zwischen den Zeilen ist die Warnung vor einer „Verschulung“ des Kindergartens herauszulesen. Vermieden werden soll ein Bildungsverständnis, wie es schulischer Didaktik zugrunde liegt, bei der die Auseinandersetzung zwischen Lernenden und Lehrenden immer primär über einen methodisch strukturierten Bildungsinhalt verläuft – Zitat: „Eine Fächerorientierung oder Orientierung an Wissenschaftsdisziplinen ist dem Elementarbereich fremd. Eine Beschreibung von Themenfeldern, in denen sich kindliche Neugier artikuliert, aber ist sinnvoll, weil sie die Angebote der Kindertageseinrichtung konkretisiert.“ In der Elementardidaktik soll sich der „Prozess der Weltaneignung“ vorrangig aus sozialen Situationen ergeben, also alltagsbasiert erfolgen. Bildung geschieht über die lern- und entwicklungspsychologisch angemessene Gestaltung von Beziehungen, Situationen, Zeiten und Räumen.

Doch dieser Bildungsanspruch von Kindertageseinrichtungen ist im Zuge des Fachkräftemangels unter Druck geraten: „Der Erziehungs- und Bildungsauftrag tritt in den Hintergrund, der Betreuungsauftrag in den Mittelpunkt“, formuliert der Bundesverband evangelischer Ausbildungsstätten für Sozialpädagogik (BeA), dem auch unsere Fachschule angehört, in einem aktuellen Positionspapier mit dem sprechenden Titel: „Betreuung statt Bildung? – Ohne uns!“ Weiter heißt es: „Indem wir dafür einstehen, dass Bildung und Erziehung genuine Aufgaben von Kindertagesstätten bleiben, engagieren wir uns für zentrale Zukunftsaufgaben, die gesellschaftliche Entwicklung sowie ein humanes, friedvolles und gemeinwohlorientiertes Zusammenleben sichern.“

Im März dieses Jahres wurden die Forderungen der bundesweit mehr als fünfundfünfzig evangelischen Fachschulen, die sich im BeA zusammengeschlossen haben, im Rahmen einer Strategie 2030 und einer Ausbildungsoffensive Sozialpädagogik konkretisiert.

Wichtig ist uns dabei:

  • Sie haben sich mit Ihrer Ausbildung, die Sie heute erfolgreich beenden, für einen anspruchsvollen Bildungsberuf entschieden. Das Berufsethos Pädagogischer Fachkräfte basiert darauf, dass Sie die Selbstbestimmungsfähigkeit und Mündigkeit der Ihnen anvertrauten Kinder fördern wollen.
  • Diese Arbeit ist äußerst anspruchsvoll und verlangt nach einer hohen Fachlichkeit. Und sie ist eine wichtige gesellschaftliche Zukunftsaufgabe, die öffentliche Anerkennung verdient. Und diese Arbeit wird angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen nicht an Bedeutung abnehmen, sondern gewinnen.
  • Die hohe Bildungs- und Erziehungskompetenz Pädagogischer Fachkräfte sichert die hohe Professionalität der Berufsgruppe, die Attraktivität Ihres Berufsbildes und das gesellschaftliche Ansehen.
  • Das evangelische Bildungsprofil stärkt diese Anliegen. Religiöse Bildung ist ein wichtiger Teil der Persönlichkeitsentwicklung und fördert darüber hinaus interkulturelle und interreligiöse Kompetenzen.

Dies alles dürfen auch Sie sich auf die Fahne schreiben, wenn Sie heute Ihr Abschlusszeugnis, Ihre staatliche Anerkennung und darüber hinaus auch den Titel eines „Bachelor Professional in Sozialwesen“ in Empfang nehmen. Bildung sichert Zukunft. Oder anders gesagt: Sie sichern Zukunft. Sie tragen entscheidend dazu bei, den Kindern ihr Recht auf Bildung und Erziehung zu sichern.

Dies gilt für Ihre konkrete berufliche Tätigkeit in Krippe oder Kindertagesstätte, Grundschulbetreuung oder Hort, Jugendarbeit oder Hilfen zur Erziehung. Dies gilt aber auch gesellschaftlich: Sie sind wichtige Botschafterinnen und Botschafter für den Bildungsauftrag Pädagogischer Fachkräfte – dort, wo Sie stehen:  im Rahmen der Erziehungspartnerschaft mit den Eltern; in der Praxisanleitung, wenn Sie in zwei Jahren vielleicht selbst als Mentor oder Mentorin aktiv sein werden; im Rahmen Ihres Trägers, in der Kommunalpolitik, in Berufs- und Fachverbänden oder überhaupt in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit.

Wiederabdruck: Kontroverses Lernen statt Konformitätsdruck

Die „Schwarzburg“ weist in ihrer Ausgbe 1/2025 auf den Beitrag „Kontroverses Lernen statt Konformitätsdruck“ hin, der Anfang des Jahres ursprünglich im Magazin „Wissenschaftskommunikation“ erschienen ist Es geht um bildungsethische Vorschläge, wie ein faire Diskussionskultur neu eingeübt werden kann:

https://www.wissenschaftsmanagement.de/news/kontroverses-lernen-statt-konformitaetsdruck