Rezension: Wie können Kinder aktiv in das Beschwerdemanagement in der Kindertagesbetreuung eingebunden werden?

Sabine Fischer: Beschwerden von Kindern in der Kindertagesbetreuung (Kinderrechte und Bildung; debus Pädagogik), Frankfurt am Main: Wochenschau Dr. Kurt Debus 2024, 88 Seiten.

Anna Maria Riedl kritisiert in ihrer Dissertation „Ethik an den Grenzen der Souveränität. Christliche Sozialethik im Dialog mit Judith Butler unter Berücksichtigung des Kindeswohlbegriffs“ (Leiden 2017) aus sozialethischer Perspektive, dass der Rekurs auf das Kindeswohl durch „die zentrale Permanenz der Asymmetrie und die damit einhergehenden Gefahren der Verabsolutierung oder Negation von Macht“ (Riedl, S. 38) grundsätzlich unter einem Beteiligungsdefizit leide. Sie fordert daher einen subjekt- und beteiligungsorientierten Kindeswohlbegriff, „der Kinder als Subjekte anerkennt und sie von Anfang gleichzeitig als zu Schützende und Beteiligte, als zu Erziehende und Selbstbestimmte, als noch Werdende und bereits Seiende, als sich von Erwachsenen Unterscheidende und dennoch mit gleicher Würde Ausgestattete sieht“ (ebd.). Nicht allein Nichtbeteiligung, sondern auch eine „graduelle Weniger-Beteiligung“ von Kindern bleibt für Riedl begründungspflichtig, wobei sie den bloßen Verweis auf entwicklungspsychologische Voraussetzungen nicht gelten lässt.

Mit der Betonung eigenständiger Bildungsansprüche der Kinder sollen diese stärker als bisher als selbständige Subjekte anerkannt und deren rechtlich begründete Beteiligungsansprüche ausgeweitet werden. Im jüngeren Bildungs- und Menschenrechtsdiskurs geschieht dies nicht selten zulasten des Elternrechts. Ein sensibler Punkt bleibt weiterhin die polare Spannung zwischen Schutz- und Beteiligungsansprüchen.

Dieser Schnittstelle widmet sich Sabine Fischer ihrer komprimierten und gut lesbaren empirischen Studie zum Beschwerdemanagement in Kindertageseinrichtungen. Und dies auf überzeugende Weise. Nach Kapiteln zum theoretischen Rahmen, Forschungsstand, zu den Zielen und der Methode ihrer Studie präsentiert die Autorin, die als Professorin für Pädagogik an der Evangelischen Hochschule Darmstadt – künftig ein Teil der neuen Evangelischen Hochschule Hessen – lehrt, in fünf Punkten: Was verstehen Kinder unter einer Beschwerde? Warum sollte es Beschwerdemöglichkeiten für Kinder geben? Wie können Kinder ihre Beschwerden äußern? An wen wenden sich Kinder mit ihren Beschwerden? Wie reagieren und interagieren Kinder in Beschwerdesituationen? Ihr Fazit: „Kinder wünschen sich eine Resonanz auf ihre Beschwerden und möchten mit diesen nicht allein gelassen werden. Sie wünschen sich Erwachsene, die sie bei der Situationseinschätzung und -klärung unterstützen und den Prozess der Klärung moderieren. Dies erfordert pädagogische Fachkräfte, die den Kindern in Beschwerdekontexten aktiv zuhören, den Dialog der Kinder untereinander anregen“ (Fischer, S. 59).

Es geht also um ein pädagogisch zu gestaltendes Beziehungsgeschehen. Die Autorin macht deutlich, warum es wichtig ist, nicht über, sondern mit Kindern zu sprechen: Nur dann könne es den pädagogischen Fachkräften gelingen, auch den kindlichen Eigensinn zu verstehen und nicht gleich eigene – professionelle – Deutungen über die Situation zu legen. Denn das Verhalten eines Kindes, so Fischer, könne immer unterschiedliche Ursachen haben. Allerdings, auch das macht die Darmstädter Pädagogin deutlich, müsse die Beteiligung von Kindern am Beschwerdemanagement in Kindertageseinrichtungen auch strukturell verankert werden. Die Kinder könnten dabei als Unterstützer oder Streitschlichter aktiv eingebunden werden – was zugleich, ohne dass Fischer dies explizit ausführt, auch eine Form früher politischer Bildung in der Kindertagesbetreuung sein kann.

Voraussetzung, damit ein solches Beschwerdemanagement gelingt, ist es, dass Trägerverantwortliche und Fachkräfte selber sich mit partizipationsfördernden Verhaltensweisen auseinandersetzten und diese für sich entwickelten. Gerade an diesem Punkt sieht Fischer weiteren Forschungsbedarf, wie sie zum Abschluss ihrer Studie formuliert.

Der aus einer pädagogischen Perspektive formulierte Band liefert wichtige Erkenntnisse für alle, die mit der Entwicklung, Implementierung oder Sicherung von Gewaltschutzkonzepten in Kindertageseinrichtungen oder auch Grundschulbetreuung beschäftigt sind.

Axel Bernd Kunze (Rez.)

Der Rezensent ist Privatdozent für Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn und beruflich als Schulleiter einer Fachschule für Sozialpädagogik tätig.

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