
Raffael: Sixtinische Madonna (um 1512/13)
Wer pädagogische Erfahrung mitbringt, wird nicht selten die Erfahrung machen können, wie schwer es Kindern und Jugendlichen mitunter fällt, zu warten. Schnelle Befriedigung bringt vielleicht kurzfristig Gewinn, führt aber nicht unbedingt langfristig zum Ziel. Leistung, Erfolg und Können fallen nicht vom Himmel. Hierfür braucht es die Kraft zum Verzicht, beharrliches Üben, Anstrenung und Durchhaltevermögen sowie Zeit zum Reifen. Umso mehr kann der Einzelne am Ende auf das stolz sein, was er erreicht hat.
Dies alles gilt auch für unseren Glauben. Glaube ist etwas anderes als die schnelle Befriedigung spiritueller Bedürfnisse, damit das Ich sich wohlfühlen kann. Glaube ist nicht die schnelle Antwort auf alle Fragen. Der Glaube ist nichts Fertiges, er fällt nicht vom Himmel. Auch der Glaube bedarf der Einübung, der Reifung, der Vertiefung. Wie leicht passiert es, dass der Glaube aus Kindertagen einfach abgelegt wird – weil er mit zunehmendem Alter nicht mehr trägt.
Im Evangelium am Neujahrstag, dem Hochfest der Gottesmutter Maria, begegnen uns an der Krippe Menschen, die uns zeigen können, was Glauben ausmacht. Es sind Menschen, die sich vom Weihnachtsgeschehen haben treffen lassen, die im wahrsten Sinne des Wortes betroffen sind.
Da sind zum einen die Hirten, die – wie Lukas schreibt – zur Krippe eilen, nachdem ihnen Großes angekündigt worden war. Was treibt sie an? Menschliche Neugier, beschwingte Freude oder eine erwartungsvolle Spannung? Entscheidend für den Evangelisten ist, dass sie sich von Gott in Eile versetzen lassen – so wie schon Maria ein Kapitel zuvor zu ihrer Verwandten Elisabet geeilt ist. Es sind nicht ihre eigenen Bedürfnisse, die sie antreiben, sondern die größere Sehnsucht auf das Große, das ihnen von Gott her verheißen worden ist.
Dabei ist das „Zeichen“, auf das sie achten sollen, durchaus unscheinbar. Versprochen ist ihnen nicht ein machtvolles Zeichen, das Gottes Herrlichkeit mit Macht und Größe sichtbar werden lässt. Es geht eher um ein Erkennungszeichen: ein kleines, in Windeln gewickeltes Kind. Nichts Spektakuläres also, kein Zeichen, das einzigartig wäre oder das menschliche Sensationsbedürfnis stillen könnte. Doch die Hirten lassen sich darauf ein. Sie trauen dem, was sie gesehen haben – und zwar von innen her gesehen haben. Sie spüren die tiefere innere Freude, die von dem ausgeht, was sie gesehen haben. In dieser Freude kehren sie zurück und teilen anderen davon mit.
Da ist zum anderen Maria, die uns am ersten Tag des neuen Jahres in besonderer Weise als Glaubensvorbild vor Augen gestellt wird. Maria weiß, dass hier Geschehnisse Gottes am Werk sind. Diese sind nicht einmal fassbar. Sie rufen – wie Lukas auch bei der vorangegangenen Geburt Johannes des Täufers berichtet – zunächst einmal Entsetzen, Betroffenheit und Nachdenklichkeit hervor. Auch Maria vermag nicht im ersten Moment alles zu begreifen.
Lukas zeigt, wie auch Maria Zeit braucht, den Weg ihres Sohnes zu verstehen. Sie hört die Worte der Hirten und sinnt darüber nach. Glaube heißt nicht, sich vom Gefühl des Augenblicks, von einem unmittelbaren Bedürfnis emotional überwältigen zu lassen. Glaube ist Feststehen in dem, wovon wir zutiefst überzeugt sind – mit Herz und Verstand. Nur so kann sich ein vertieftes Verständnis des Glaubens entwickeln, das sich dann auch im Tun verwirklicht. Lukas macht im weiteren Verlauf seines Evangeliums deutlich, dass dieser Weg die wahre Zugehörigkeit zur Familie Jesu eröffnet: auf sein Wort zu hören, darüber nachzudenken und daraus zu handeln. Maria geht diesen Weg. Gerade deshalb ist sie uns ein Vorbild des Glaubens. Schließlich wird sie nach Ostern zu einer der zentralen Gestalten der jungen christlichen Gemeinde.
Glaube bedarf der Übung, er muss reifen – im beständigen Nachsinnen über Gottes Geschehnisse. Nur so können wir das Wesentliche des Glaubens aus unserem Inneren heraus immer tiefer erfassen. Das können wir von Maria lernen. Nutzen wir das neue Jahr, das uns geschenkt ist, als eine Zeit, in der unser Glaube weiter wachsen und reifen kann – am Beispiel der Gottesmutter.
Liebe Leserinnen und Leser,
ich danke Ihnen für allen bildungsethischen Austausch im Jahr, das nun zu Ende geht. Mit den vorstehenden Gedanken wünsche ich Ihnen allen Zuversicht, Schaffenskraft und Gottes Segen für das neue Jahr. Ich freue mich auch weiterhin auf Ihre Verbundenheit und Ihr Interesse an bildungsethischen Fragen.
Mit herzlichen Neujahrsgrüßen, Ihr Axel Bernd Kunze