Mit dem morgigen Fest Darstellung des Herrn – oder auch: Mariä Lichtmess – endet die Weihnachtszeit. Der Tag erinnert daran, wie Jesus vierzig Tage nach seiner Geburt in den Tempel gebracht wird, dem jüdischen Gesetz folgend. Dabei kommt es zur Begegnung mit Simeon und Hanna. Simeon wird über das Kind sagen: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie Du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.“ Die Kirche betet diese Worte Abend für Abend im Nachtgebet. In Erinnerung an diese Worte werden am 2. Februar Kerzen gesegnet. Sie erinnern an Jesus, das Licht der Welt.
Allen Lesern und Leserinnen einen gesegneten Lichtmesstag!

(Hans Memling: Darstellung Christi im Tempel, um 1463)
„Simeon und Hanna stehen für die Gerechten im Volk Gottes, die an die alten Verheißungen Israels geglaubt und auf das Kommen des Messias gewartet haben. Ein Gerechter ist im Alten Testament, wer aus einer lebendigen Beziehung zum Wort Gottes lebt, der „Freude hat an der Weisung des Herrn“, wie es im Psalm 1 heißt. Wer als Gerechter lebt, verlässt sich auf Gottes Verheißungen und richtet sein Leben an der Schrift aus. Er setzt seine Hoffnung voll und ganz auf Gott und vertraut sich seiner Treue an.
An Simeon und Hanna können wir ablesen, was dies bedeutet: Beide sind gerecht und fromm – sie leben aus dem Wort Gottes. Dies meint nicht, die Schrift als ein Regelwerk zu nehmen, an das man sich kleinlich und zwanghaft zu halten habe. Es meint, die Schrift aus einer persönlichen, liebenden Hinwendung zu Gott her zu lesen und zu verstehen.
Und aus dieser Haltung heraus, erkennt Simeon eine Verheißung, die Gott für die Zukunft noch Größeres zutraut, als seine Treue bereits getan hat. Simeon wartete auf die Rettung Israels, heißt es im heutigen Evangelium.
Es ist derselbe Geist Gottes, der Simeon zur prophetischen Lektüre der Schrift ermutigt und der ihn nun, da sich die Zeit erfüllen soll, in den Tempel führt. Und er erkennt: In diesem Kind erfüllt sich die Schrift. Gottes Verheißungen erweisen sich als gültig.
Simeon, der Gerechte, ist ein prophetischer, wir können auch sagen: ein geistlicher Mensch. Als ein Hoffender ist er offen geblieben für Gottes Anruf. Er rechnet mit dem Heilshandeln Gottes in der Gegenwart. Dies drückt sich in seinem Lobpreis aus, den uns Lukas überliefert.
Der Lobgesang Simeons verwendet Worte des Propheten Jesaja. Diese machen zwei Dinge über dieses Kind deutlich: Zum einen wird Jesus in die Verheißungen seines Volkes gestellt, indem er mit dem Gottesknecht im Buch Jesaja identifiziert wird. Dessen Sendung hat etwas Universales; sie geht, wie Jesaja deutlich macht, über Israel hinaus und beinhaltet eine Heilszusage an alle Völker. Zum anderen geht es um ein Trostwort an Israel: Die Herrlichkeit Gottes kündigt dem verängstigten Volk sein rettendes Eingreifen an.
Dies bestätigt sich noch einmal in Hannas prophetischer Verkündigung.
Was Simeon und Hanna geglaubt haben, erfüllt sich in diesem Kind. Jesus lebt nicht allein aus dem Wort der Schrift, er ist das lebendige Wort Gottes selbst. Und dieses Wort fordert zur Entscheidung heraus. Und diese Entscheidung kann schmerzlich sein. Die Befreiung, die dieses Kind bringt, ‚kostet den Schmerz des Kreuzes‘, schreibt Benedikt XVI. in seiner Jesustrilogie über die Vorhersage Simeons.
Der Glaube an dieses Kind ist keine Ideologie. Denn Glaube ist kein nacktes Gerüst aus Glaubenssätzen und Theorien. Es geht um eine lebendige Beziehung. Und eine solche Beziehung verlangt den Einsatz der ganzen Person. Der Christ muss sein Leben und seine Taten aus der lebendigen Beziehung zu Gott und seinem menschgewordenen Wort bedenken und reflektieren – so wie Simeon und Hanna es getan haben, als Gerechte, die an Gottes Verheißungen festgehalten haben.“
(aus: Axel Bernd Kunze, in: WortGottesFeiern an allen Sonn- und Feiertagen, 1/2020)