Rezensionskritik: Die gespaltene Gesellschaft

„Die gespaltene Gesellschaft“ (hg. v. Severin Lederhilger, Bd. 9 der Schriften der Katholischen Privat-Universität Linz, Regensburg: Friedrich Pustet 2020, 178 Seiten) dokumentiert die 21. Ökumenische Sommerakademie in Kremsmünster von 2019, reflektiert also noch nicht die Coronakrise und ihre Folgen. Seit Corona hat die Spaltung der Gesellschaft neue Dimensionen angenommen. Eine Politik der Impfnötigung, der Diffamierung politischer Kritiker der Coronapolitik und der Ausgrenzung Ungeimpfter haben die Gesellschaften in Deutschland und Österreich polarisiert. Umso spannender, sollte man meinen, müsste sich eine Rezension des Bandes jetzt lesen. Eine solche findet sich aktuell in der Zeitschrift AMOSinternational (16. Jg., H. 2/2022, S. 49 f.), verfasst von dem Mainzer Sozialethiker Gerhard Kruip.

Doch weit gefehlt. Enttäuschend bereits der Auftakt, bei dem der Rezensent äußerst grob sein Holz schnitzt: Indikatoren für gesellschaftliche Spaltungstendenzen „sind die Konflikte um die Zuwanderung von geflüchteten Menschen aus dem arabischen und afrikanischen Raum, die Auseinandersetzungen um die notwendigen Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels, die erstaunlich irrationalen Widerstände gegen Corona-Maßnahmen und eine Impfung gegen das Corona-Virus sowie nicht zuletzt die Beobachtung, dass viele Menschen offenbar rational nicht nachvollziehbaren Verschwörungstheorien anhängen und deren krude Thesen in sozialen Medien und bei Demonstrationen vehement vertreten“ (S. 49). Der Rezensent spaltet selber: Wer anders denkt wird etikettiert und ausgegrenzt. Für Kruip gibt es nur Schwarz und Weiß, gut und böse, rational und irrational. Der Rezensent verschwendet keinen Gedanken darauf, dass Impfungen vor Corona als Eingriff in die körperliche Unversehrtheit, immerhin ein zentrales Menschen- und Grundrecht, angesehen wurden und deshalb nur freiwillig erfolgen sollten. Im Gegenteil: Wer gegen eine Politik der Impfnötigung und sozialen Ausgrenzung auf die Straße geht, kann doch wohl nur krude denken – auch hier kein Gedanke daran, dass die Demonstrationsfreiheit ebenfalls Grundrechtsrang genießt.

Wer nach diesem tendenziösen Auftakt der Rezension dennoch weiterliest, wird sich in der Mitte der Besprechung verwundert die Augen reiben. Dort äußert Kruip Kritik an sogenannter „neurechter politischer Theologie“, ohne diese genau zu definieren – und mit welchem Argument? Sie kritisiere die Menschenrechte. Lassen wir dahingestellt, ob dies so überhaupt stimmt. Der Rezensent merkt gar nicht, dass er zu Beginn seiner Rezension selbst zentrale Menschenrechte kleingeredet hat bzw. solche verächtlich gemacht hat, die sie in Anspruch nehmen.

Mit dem Fazit am Ende der Rezension kann der Herausgeber zufrieden sein: „Insgesamt hat die Katholische Privatuniversität Linz mit diesem Band einen wichtigen und lesenswerten Beitrag zur Debatte über gesellschaftliche Spaltungstendenzen und die Aufgaben der Kirchen zu ihrer Überwindung geleistet“ (S. 50). Eine Sozialethik, die derart holzschnittartig und voreingenommen argumentiert, wie Kruip es in der Rezension vorführt, wird die Kirchen bei dieser Aufgabe nicht unterstützen.

PS: Eine weitere Rezension zu dem Sammelband findet sich in der „Neuen Ordnung“ 2/2021 – übrigens: Die dort veröffentliche Rezension war der Redaktion von AMOSinternational zu kritisch und wurde daher abgelehnt. Nachdem der Rezensent substantielle Änderungen ablehnte und seine Rezension zurückzog, wurde die Besprechung neu vergeben. Der Leser vergleiche selbst.

Netzwerk Wissenschaftsfreiheit äußert sich besorgt über Lage an den Berliner Hochschulen

Eine Universitätsleitung sagt den wissenschaftlichen Vortrag einer jungen Wissenschaftlerin ab, weil deren Thesen angeblich dem Leitbild der Hochschule widersprechen. Im Hintergrund steht ein Offener Brief von Wissenschaftlern, welche die Berichterstattung der öffentlich-rechtilchen Medien zu Transgenderthemen kritisieren und der im Juni schon für reichlich Wirbel gesorgt hat. Der geschilderte Fall ist nicht der einzige, bei dem eine Berliner Hochschulleitung gegen Unterzeichner vorgeht. Das Pikante an der Absage des Vortrags geht allerdings über den konkreten Anlass hinaus: Die Universitätsleitung schützt Sicherheitsbedenken vor, man wolle die „Lange Nacht der Wissenschaft nicht gefährden“, und wirft der Wissenschaftlerin vor, gegen das Leitbild der Universität zu verstoßen – mit anderen Worten: Kollektive Beschlüsse werden über das individuelle Grundrecht auf Wissenschaftsfreiheit gestellt. Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit hat mit einer Pressemitteilung vom 3. Juli 2022 zu den Berliner Vorgängen Stellung genommen:

Netzwerk Wissenschaftsfreiheit zur Lage an den Berliner Hochschulen

Pressemitteilung, 3. Juli 2022

Mit großer Besorgnis müssen wir feststellen, dass die Wissenschaftsfreiheit an den Berliner Hochschulen und Universitäten immer häufiger missachtet wird. So werden Vorträge wie der von Marie-Luise Vollbrecht wegen angeblicher Transfeindlichkeit abgesagt, wobei der Vorwurf durch nichts gerechtfertigt ist; dies unter dem Vorwand von Sicherheitsbedenken, wodurch man Grundrechte in das Belieben von Gewalttätern stellt. Professoren werden durch Universitätsleitungen angegriffen, indem man versucht, ihnen Erklärungen unter ihrer Affiliation, welche allgemein üblich sind, zu verbieten. Gremien wie die Asten versuchen offen, Wissenschaftler aufgrund ihrer Auffassungen zu vertreiben und ihre Karriere zu beenden. Andere Wissenschaftler werden regelmäßig bedroht und beleidigt. Zahlreiche Fälle dieser Art sind in unserer Dokumentation aufgeführt und belegt. Diese Tendenzen stellen die Wissenschaftsfreiheit an Berliner Hochschulen und Universitäten nicht nur im Einzelfall, sondern grundsätzlich in Frage. Wir fordern die Senatsverwaltung auf, ihrer grundrechtlichen Schutzpflicht zugunsten der Wissenschaftsfreiheit nachzukommen und derartige Vorfälle künftig zu unterbinden.

Quelle: www.netzwerk-wissenschaftsfreiheit.de