Axel Bernd Kunze:
Kein Kompass. Die Deutsche Bischofskonferenz und die EKD haben ein gemeinsames Papier zu ethischen Fragen der Migration vorgelegt. Eine kritische Analyse,
in: Die Tagespost 74 (2021), Nr. 44 v. 4. November 2021, S. 5.
Axel Bernd Kunze:
Kein Kompass. Die Deutsche Bischofskonferenz und die EKD haben ein gemeinsames Papier zu ethischen Fragen der Migration vorgelegt. Eine kritische Analyse,
in: Die Tagespost 74 (2021), Nr. 44 v. 4. November 2021, S. 5.
Unser Land geht schweren Zeiten entgegen – so ein Kommentar im „Christlichen Forum“:
CHRISTLICHES FORUM übernimmt aus BILDUNGSETHIK Kommentar zum Personalwechsel an der Spitze der für sozialethische Fragen zuständigen Kommission VI der Deutschen Bischofskonferenz:
Das Internetportal kathnews. Rom und die Welt übernimmt Betrachtung zu Allerheiligen:
Ja, es gibt noch versprengte Geister in unserem Land, die sich ein freiheitliches Denken bewahrt haben. Einer davon ist Kollege Peter J. Brenner. Daher möchte ich an diesem Monatsersten auf eine Glosse von ihm hinweisen. Seine Texte, immer pünkltlich zum Monatsanfang, sind stets ein freiheitllicher Lesegenuss und ein sprachliches Vergnügen. Treffend zeigt er dieses Mal die Folgen des Bildungsverfalls für das politische Klima im Land auf:
Bleiben wir kritisch gegenüber einer Politik, die von Freiheit spricht, aber den gefügigen Untertan meint. Bleiben wir kritisch gegenüber einem allgegenwärtigen Bildungsgedröhne, das sich vom freien Subjekt schon längst verabschiedet hat. Bleiben wir kritisch gegenüber vermeintlicher Sprachgerechtigkeit, die Sprache allein als Herrschaftsinstrument einsetzt.
Wir feiern heute ein Hoffnungsfest mitten in herbstlicher Kühle, in dieser Zeit nicht nur jahreszeitlich-meterologisch gemeint. Allerheiligen zeigt uns, wozu der Mensch berufen ist. In diesem Sinne: Einen hoffnungsvollen, stärkenden, gesegneten Allerheiligentag!
Viele in unserem Land sehnen sich in diesen Tagen eine Normalität herbei, die es nicht geben kann. Unser Land ist gespalten und wird immer weiter gespalten von einer politischen Elite, die – wie es in einem aktuellen Kommentar einer Wochenzeitung heißt – „Maß und Mitte“ vollends verloren hat. Immer schwerer ist vorstellbar, wie diese Verwerfungen nach Ende der Krise wieder geheilt werden können. Die überkommenen Parteien und die politischen Akteure der sog. „Mitte“, die längst keine mehr ist, verspielen auf lange Sicht Ansehen und Vertrauen bei jenen, die sich ein freiheitliches Bewusstsein weiterhin bewahrt haben. Unser Land geht schweren Zeiten entgegen.
Es herrscht ein ekliges Klima im Land, das politisch immer weiter verstärkt wird. Der alte klebrige, denunziatorische Untertanengeist ist zurück. Das vergiftete gesellschaftliche Klima macht auch ohne irgendwelche G-Regeln immer weniger Lust, sozialen Umgang zu pflegen. Unser Land hat Würde und Anstand in dieser Krise verloren. Wem die Zukunft unseres Gemeinwesens nicht gleichgültig ist, kann hiervon nicht unberührt bleiben.
Vielleicht werden wir später einmal die Frage stellen, wie es so weit kommen konnte. Ein Gesprächspartner äußerte vor kurzem den Verdacht, dass die Absage an das Leistungsprinzip einen guten Teil dazu beigetragen habe. Mittlerweile kann man mit einem aberkannten Doktortitel selbst ohne Schamfrist gleich wieder Regierende Bürgermeisterin in Berlin werden. Bildung und Leistung werden politisch und gesellschaftlich schon seit langem denunziert. Wo das Leistungsprinzip verkommt, regieren am Ende Dummheit und Rohheit. Nur ein Beispiel: Ich habe nach diesem Sommer mein Abonnement der F.A.Z. gekündigt, weil ich den hetzerischen Stil und die einseitige, bornierte, moralisierende Haltung des Blattes nicht mehr ertragen konnte – wer sehen will, wie sich Bürgerlichkeit auflöst und was an die Stelle des Citoyen tritt, findet im Niedergang einer einstmals großen und wichtigen Zeitung des Landes bestes Anschauungsmaterial.
Und wo der Bildungsgedanke schwindet, geht am Ende die Achtung vor dem freien Subjekt vor die Hunde. Und noch ein Drittes: Wo in postmodernen Zeiten Geltungsansprüche nicht mehr zugelassen werden, tritt Gewalt an die Stelle der Bildung. Die rationale Abwägung wird durch Aktivismus ersetzt. Unsere Politik erweckt immer mehr diesen Eindruck – mit fatalen Folgen für das Zusammenleben im Land. Wahrlich keine guten Aussichten.
Auf ihrer Herbstvollversammlung haben die deutschen Bischöfe zahlreiche Posten neu vergeben. Neuer Vorsitzender der für gesellschaftliche und soziale Fragen zuständigen Kommisson VI ist der Hildesheimer Bischof, Dr. Heiner Wilmer. Er zählt zur jüngeren Garde innerhalb der Bischofskonferenz. Seine Amtszeit im norddeutschen Diasporabistum begann er seinerzeit mit einer Wallfahrt mit Jugendlichen und der Aktion „Schreib dem Bischof“. Mittlerweile ist der Zauber des Anfangs verflogen. Kritiker der bischöflichen Linie werden mit nichtssagenden Phrasen aus dem Kommunikationsbaukasten der kirchlichen Verwaltung abgefertigt. Ein prominentes Beispiel ist Walter Krämer, Präsident des Vereins Deutsche Sprache, der in diesem Jahr deutliche Kritik an einer neuen Handreichung des Bistums zu vermeintlich „geschlechtergerechter“ Sprache übte und seinen Kirchenaustritt androhte.
In öffentlichen Äußerungen hängt Bischof Wilmer die Latte hingegen hoch. So erklärte er bei Eröffnung der Weltsynode in seinem Bistum, die Kirche brauche keine „Reförmchen“, sondern eine Umkehr von „kirchlichen Selbstverständlichkeiten“. Es gehe um alles, um nichts weniger als eine andere Kirche, ohne das Gefüge von Oben und Unten, Macht und Ohnmacht, Haupt- und Ehrenamt. Kleiner geht es für den Bischof offenbar nicht. Und die Predigt endet mit dem Appell an die Gemeinden seines Bistums, sich auf einen „radikalen Weg der Begegnung, des Zuhörens und des Unterscheidens“ einzulassen. Offen bleibt, zwischen was die Gemeinden unterscheiden sollen.
Doch um markige Worte ist der Bischof nicht verlegen, in der Tat. Was lassen sie erwarten, wenn Bischof Wilmer demnächst das sozialethische Profil der Deutschen Bischofskonferenz prägen wird? Wie die schon erwähnte Handreichung zum sprachlichen Gendern zeigt, wohl weniger eine Kirche, die zu unterscheiden weiß, als vielmehr eine, die sich als anpassungsfähig an gesellschaftliche Trends erweist. Bereits mit Beginn seiner Bischofsweihe wirkte Bischof Wilmer bei öffentlich-medialen Auftritten stets sehr bemüht, so wie ein großer Junge, der keine Fehler machen will, der geliebt werden will. In Dienstzeugnissen heißt „bemüht“ letztlich durchgefallen. Mittlerweile zeichnet sich ab, dass die Hildesheimer Ortskirche auf links getrimmt werden soll. Gendersprache, mehr Ämter für Frauen, gesellschaftliche Vielfalt, Klimabewegung, Willkommenskultur – Bischof Heiner geht voran, wenn es darum geht, mit Verve offene Türen einzurennen.
Bei strittigen Themen hält sich der innerkirchliche Revolutionär, der sich von der Weltsynode eine „spirituelle Revolution“ erträumt, hingegen merklich zurück. Hatte der Bischof im ersten Coronastillstand in einem verunglückten Deutschlandfunkinterview die Eucharistie mehr oder weniger für entbehrlich erklärt, hört man zu den gegenwärtigen Wertekonflikten einer Coronapolitik, die Maß und Mitte, Anstand und Würde verloren hat, nichts. Es gebe sozialethisch an dieser Stelle viel zu sagen, stattdessen herrscht aber ein dröhnendes Schweigen der Kirche, auch aus dem Hildesheimer Bischofshaus. Man will es sich mit den politischen Eliten nicht verscherzen. Auch in Sicherheitsfragen bleibt Wilmer, der bei pax christi engagiert ist, in der Komfortzone, wo er sich der allgemeinen Zustimmung eines linksliberalen Milieus sicher sein kann. Beim problematischen Experiment einer katholisch-muslimischen Kindertageseinrichtung in Gifhorn kooperiert die Kirche reichlich blauäugig mit dem umstrittenen Verband DITIB. Bei kritischen Nachfragen verweist der Bischof schmallippig auf die guten Erfahrungen vor Ort.
Wer Umkehr und Abkehr von Selbstverständlichkeiten predigt, sollte sozialetisch nicht einfach nur das kopieren, was gesellschaftlich en vogue ist. Ist die Freude und Hoffnung der Menschen auch unsere Freude und Hoffnung, fragt Bischof Heiner in der schon genannten Predigt in Richtung der Kirche. Die Beispiele, die er in seiner Antwort aufzählt, bleiben erwartbar und emotionslos. Einmal mehr werden Flüchtlinge erwähnt. Originell und streitbar wäre es gewesen, wenn der Bischof nach den Gefühlen derjenigen gefragt hätte, die durch sachlich nicht gedeckte 2G-Regeln gegenwärtig in ihren sozialen Teilhaberechten beschnitten werden. Oder nach den Gefühlen derjenigen, die sich durch sprachpolitische Übergriffe im freien Gebrauch ihrer Muttersprache verletzt und durch gendersprachliche Vorgaben moralisch unter Druck gesetzt sehen. Aber nein, das wäre dann doch zu viel erwartet – an Kritik gegenüber üblichen Selbstverständlichkeiten. Eine Kirche, die hier Gegenposition beziehen und kritische Fragen stellen wollte, bräuchte Standfestigkeit und Mut, gesellschaftlichen Gegenwind zu ertragen.
Amtsinhaber können mit ihrer Aufgabe wachsen. Dies soll auch dem neuen Sozialethikbischof zugestanden werden, auch wenn es bislang nicht so aussieht. Denn Umkehr bräuchte es in der Sozialethik allenthalben, etwa eine Abkehr von gesellschaftsreformerischem „Großsprech“ und eine Rückbesinnung auf die Tradition katholischen Staatsdenkens, eine Abkehr vom allzu verschwenderischen Umgang mit staatlichen Ressourcen und eine Rückbesinnung auf jenes Ordodenken, das die Katholische Soziallehre einmal auszeichnete, eine Abkehr von gesinnungsethischen Appellen und eine Rückbesinnung auf verantwortungsethische Abwägungsprozesse bei komplexen Wertkonflikten, eine Abkehr von einer schwammigen Verklärung gesellschaflicher Vielfalt und eine Rückbesinnung darauf, dass ein Staat mitunter robuste, schmerzhafte Entscheidungen treffen muss, eine Abkehr von sozialstaatlichen Beglückungsphantasien und eine Rückbesinnung auf freiheitliche Werte … Die Liste ließe sich fortsetzen.
Bischof Wilmer könnte den Beweis antreten, dass es ihm ernst ist mit einer Kirche, die sozialethisch Verantwortung übernimmt und nicht in Selbstverständlchkeiten oder Konventionalitäten aufgeht – wenn er wollte. Er könnte der Kirche in unserem Land wieder ein sozialethisches Profil zurückgeben, indem er nicht einfach gesellsdchaftliche Trends nur innerkirchlich verdoppelt. Er könnte, doch die bisherigen Erfahrungen stimmen skeptisch. Dennoch: Sehr geehrter Bischof Wilmer, alles Gute, das notwendige Unterscheidungsvermögen, Standfestigkeit und Gottes Segen für Ihre neue Aufgabe.